Donnerstag, 18. Oktober 2018

Die reale Tätigkeit des Ich gibt es nur als ideale; und umgekehrt.

Vertigo

4) Die ideale und reale Tätigkeit sollen hier gegeneinander noch schärfer bestimmt werden.

A) Keine reale Tätigkeit des Ich ohne ideale. Denn das Wesen des Ich besteht in dem sich selbst Setzen; soll die Tätigkeit des Ich real sein, so muss sie durch das Ich sein; das aber, wodurch sie gesetzt wird, ist die ideale.

Dem Naturobjekte schreiben wir Kraft zu, aber nicht Kraft für sich, weil es kein Bewusstsein hat. Nur das Ich hat Kraft für sich. 

B) Umgekehrt keine ideale Tätigkeit des Ich ohne reale. Eine ideale Tätigkeit ist eine durch das Ich gesetzte, die wieder Objekt der Reflexion geworden ist und wieder durch ideale Tätigkeit vorgestellt wird. Sonst wäre das Ich wie ein Spiegel, der wohl vorstellt, aber sich selbst nicht wieder vorstellt. – 

Dies wieder-Objekt-Sein der idealen Tätigkeit ist mit dem Ich postuliert. Aber dies Objektmachen geschieht durch reale Tätigkeit. Ist letztere nicht, so ist kein Selbstanschauen der idealen Tätigkeit möglich. Die ideale Tätigkeit hätte nichts ohne die reale, und sie wäre nichts, wenn ihr nicht durch reale [Tätigkeit] etwas hingestellt würde.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 48


 
Nota. - Wir sind hier noch beim sich-Setzen des Ich; von Nicht-Ich(en) war noch nicht die Rede. Die Unter- scheidung von realer und idealer Tätigkeit gehört darum zu den Grundlagen der Wissenschaftslehre, ohne die nichts verständlich wäre. 

Das Ich wird zunächst angenommen als eine an sich selbst unbestimmte prädikative Qualität; eine Qualität, deren einziges Quale dies ist, schlechterdings zu 'prädizieren'. Sie ist unbestimmt und also unendlich; sie ist an sich nicht geteilt und daher teilbar: Indem sie auf etwas trifft, wird sie gehemmt, beschränkt an dem Teil von ihr, der auf das Etwas traf, der bleibt sozusagen 'hängen'. Er wird zum realen Teil der Tätigkeit. Nicht so der über das Etwas überschießende Teil, der treibt weiter: die ideale Tätigkeit. Die ideale Tätigkeit bleibt an sich unendlich und unendlich teilbar

In der Wahl des Etwas, auf das sie stieß, war die Tätigkeit frei, denn sie war unbestimmt. Im Widerstand des Etwas erfährt sie - 'an sich' - eine Bestimmung. Soll aber ein Ich werden - und dass es werden soll, ist der Aus- gangspunkt der Wissenschaftslehre -, dann muss die Bestimmung für es werden; sie muss angeschaut werden von einem weiteren Teil. Dieser Teil der idealen Tätigkeit ist nicht frei, denn ihm ist sein Objekt vorgegeben, er kann nicht wählen. 

Summa: Die reale Tätigkeit gibt es - nämlich für ein Bewusstsein, außer dem gibt es gar nichts -  nur als ideale, doch die idele Tätigkeit gibt es - für dasselbe Bewsusstsein - nur als reale.

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So umständlich es scheint - das seien doch alles keine Begriffe, sondern nur Bilder? Genau. Bei den Begriffen sind wir noch gar nicht. Die sind erst das Rohprodukt der Reflexion, aber hier stehen wir noch an ihrem Anfang: Die Wissenschaftslehre konstruiert nicht - logisch - aus Begriffen, sondern entwickelt - genetisch - Vorstellungen aus Vorstellungen. Das darf sie: Denn die prädikative Qualität des vorausgesetzten Unbestimmten - auch produkti- ve Einbildungskraft genannt - ist nichts anderes als... Vorstellen.
JE

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