Über Erziehung.


Fliegen wollen und der leichte Sinn unserer Kinder.


Johann Gottlieb Fichte ist der berühmteste Unbekannte der Geistesgeschichte. Am ehesten kennt man noch seine Reden an die deutsche Nation - in der Annahme, es handle sich um den Aufruf zur Erhebung gegen die napoleonische Besetzung, und mithin um ein Gründungsdoku- ment des deutschen Nationalbewusstseins. Tatsächlich ist der Ausgangspunkt der Reden, dass die Deutschen eine Nation noch gar nicht wären und sich im Moment ihrer tiefsten Erniedrigung daranmachen müssten, eine zu werden.

Und zwar durch Bildung; zu einer Nation müssten die Deutschen sich erst bilden. In diesen Reden entwirft Fichte das Programm einer 'nationalen deutschen Bildungsa- nstalt'. Es ist das Programm, das hundert Jahre später in den Landerziehungsheimen praktisch in Angriff genommen wurde; mit dem Unterschied freilich, dass Fichte nicht an Privatschulen für die Kinder begüterter Eltern gedacht hatte, sondern an eine öffentliche Einrichtung für die ganze heranwachsende Nation.

Das ist ein gesellschaftspolitisches Programm und keine erziehungswissenschaftliche Abhand- lung. Aber es beruht unmittelbar auf Fichtes Philosophie, der Wissenschafts- lehre - die, wie der Gebildete immerehin noch weiß, davon handelt, wie 'das Subjekt sich selbst setzt'. Hinzugefügt sei: Wie in Fichtes ganzem System, so ist auch hier das Prakti- sche der Urheber des Theoretischen.


...da doch jedem, der nur eine Sylbe 
von mir gelesen, bekannt seyn muss, dass 
auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken aufgebaut ist.
Fichte, Friedrich Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen SW VIII, S. 70

Die Erziehung muß sich bescheiden, mehr negativ zu sein als positiv.
 
Wenn es in der Erziehung von der zartesten Jugend an der Hauptzweck und das bedachte Ziel sein wird, die innere Kraft des Zöglings nur zu entwickeln, nicht aber ihr die Richtung zu geben; wenn man anfangen wird, den Menschen für seinen eigenen Gebrauch, und als Instrument für seinen eigenen Willen, nicht aber als seelenloses Instrument für andere zu bilden, dann wird die Wissenschaftslehre allgemein verständlich und leicht verständlich sein. Bildung des ganzen Menschen von seiner frühesten Jugend an; dies ist der einzige Weg der Verbreitung der Philosophie. Die Erziehung muß sich erst bescheiden, mehr negativ zu sein als positiv; nur Wechselwirkung mit dem Zögling, nicht Einwirkung auf ihn. 
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Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW. Bd. I, S. 507




Fliegen wollen.

Dadurch eben hat die bisherige Zeit gezeigt, dass sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen: dass sie durch ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte, und verdrüsslich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts fruchteten. Wie konnten sie doch fruch- ten? Der Wille des Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhängig von ihr, seine feste Rich- tung; stimmt diese zusammen mit deiner Ermahnung, so kommt die Ermahnung zu spät, und der Mensch hätte auch ohne dieselbe gethan, wozu du ihn ermahnest; steht sie mit derselben im Widerspruche, so magst du ihn höchstens einige Augenblicke betäuben; wie die Gelegenheit kommt, vergisst er sich selbst und deine Ermah- nung, und folgt seinem natürlichen Hange. 

Willst du etwas über ihn vermögen, so musst du mehr thun, als ihn bloss anreden, du musst ihn machen, ihn also machen, dass er gar nicht anders wollen könne, als du willst, dass er wolle. Es ist vergebens zu sagen: fliege, dem der keine Flügel hat, und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über den Boden emporkom- men; aber entwickele, wenn du kannst, seine geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben üben und kräftig machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr wollen oder können, denn fliegen.
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 282


Jenes Vermögen, Bilder, die keinesweges blosse Nachbilder / der Wirklichkeit seyen, sondern die da fähig sind, Vorbilder derselben zu werden, selbstthätig zu entwerfen, wäre das erste, wovon die Bildung des Geschlechtes durch die neue Erziehung ausgehen müsste. Selbstthätig zu entwerfen, habe ich gesagt, und also, dass der Zög- ling durch eigene Kraft sie sich erzeuge, keinesweges etwa, dass er nur fähig werde, das durch die Erziehung ihm hingegebene Bild leidend aufzufassen, es hinlänglich zu verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen, als ob es nur um das Vorhandenseyn eines solchen Bildes zu thun wäre. Der Grund dieser Forde- rung der eignen Selbstthätigkeit in diesem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das entworfe- ne Bild das thätige Wohlgefallen des Zöglings an sich ziehen.

Es ist nemlich ganz etwas anderes, sich etwas nur gefallen zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes Gefallenlassen allein höchstens aus einem leidenden Hingeben entstehen kann; wiederum aber etwas anderes, von dem Wohlgefallen an etwas also ergriffen werden, dass dasselbe schöpferisch werde, und alle unsere Kraft zum Bilden anrege.
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 284f.







Nur erst die eigene Tätigkeit anregen.

Diese eigene Thätigkeit des Zöglings in irgend einem uns bekannten Puncte nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstück der Kunst. Ist dieses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die angeregte von diesem Puncte aus immer im frischen Leben zu erhalten, welches allein durch regelmässiges Fortschreiten möglich ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch Mislingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich angeknüpft wird an die angegebene Wirkungs- weise, das ewige und ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der geistigen Natur des Menschen, dass er geistige Thätigkeit unmittelbar anstrebe.
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 286







Der leichte Sinn unserer Kinder.

...so merken wir für einen solchen zum Ueberflusse an, dass der Mensch von Natur allerdings bloss / sinnlich und selbstsüchtig ist, so lange die unmittelbare Noth und das gegenwärtige sinnliche Bedürfniss ihn treibt, und dass er durch kein geistiges Bedürfniss oder irgend eine schonende Rücksicht sich abhalten lässt, dieses zu befriedigen; dass er aber, nachdem nur diesem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten und es sich gegenwärtig zu erhalten, sondern dass er es weit mehr liebt, den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen, was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja dass er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht verschmäht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt für das Zeitliche, damit sein Sinn für das Ewige einigen Spielraum zur Entwickelung erhalte. 

Das letzte wird bewiesen durch die Geschichte aller alten Völker und die mancherlei Beobachtungen und Ent- deckungen, die von ihnen auf uns gekommen sind; es wird bewiesen bis auf unsere Tage durch die Beobachtung der noch übrigen wilden Völker, falls nemlich sie von ihrem Klima nur nicht gar zu stiefmütterlich behandelt werden, und durch die unserer eigenen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimüthige Geständniss unserer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, dass es ein weit verdrüsslicheres Geschäft sey, Namen und Jahreszahlen zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber das zweite thäten, wenn sie sichs erlauben dürften, denn das erste. 

Dass an die Stelle dieses naturgemässen Leichtsinns der schwere Sinn trete, wo auch dem Gesättigten der künftige Hunger, und die ganzen langen Reihen alles möglichen künftigen Hungers, als das einzige seine Seele füllende, vorschweben, und ihn immerfort stacheln und treiben, wird in unserem Zeitalter durch Kunst bewirkt, beim Knaben durch Züchtigung seines natürlichen Leichtsinnes, beim Manne durch das Bestreben für einen klugen Mann zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zu Theil wird, der jenen Gesichtspunct keinen Augen- blick aus den Augen lässt; es ist daher dies keinesweges Natur, auf die wir zu rechnen hätten, sondern ein der widerstrebenden Natur mit Mühe aufgedrungenes Verderben, das da wegfällt, sowie nur jene Mühe nicht mehr angewendet wird.
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 286f. 






Dem Wollen den Vortritt.

Durch die neue Erziehung soll umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werde, damit, wenn späterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen oder von außen angeregt werden sollte, diese zu spät komme und in dem schon von etwas anderem eingenommenen Gemüthe keinen Platz mehr finde.
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 291 





Erkenntnis ergibt sich nebenher.

Diese unmittelbar die geistige Selbstthätigkeit des Zöglings anregende Erziehung erzeugt Erkenntniss, sagten wir oben; und dies giebt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Gegensatze mit der bisherigen noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nemlich und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung regelmässig fortschreitender Geistesthätigkeit. Die Erkenntniss ergiebt sich, wie wir oben gesehen haben, nur nebenbei und als nicht aussenbleibende Folge. Ob es daher nun zwar wohl diese Erkenntniss ist, in welcher allein das Bild für das wirkliche Leben, das die künftige ernstliche Thätigkeit unseres zum Manne gewordenen Zöglings anregen soll, erfasst werden kann; die Erkenntniss daher allerdings ein wesentlicher Bestandtheil der zu erlangenden Bildung ist: so kann man dennoch nicht sagen, dass die neue Erziehung diese Erkenntniss unmittelbar beabsichtige, sondern die Erkenntniss fällt derselben nur zu. 

Im Gegentheile beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntniss und ein gewisses Maass eines Erkenntnissstoffes. Ferner ist ein grosser Unterschied zwischen der Art der Erkenntniss, welche der neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntniss der die Möglichkeit aller geistigen Thätigkeit bedingenden Gesetze dieser Thätigkeit. Z. B. wenn der Zögling in freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Thätigkeit desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, dass er mit weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen könne, so ist dieses letztere die nebenbei entstehende Erkenntniss einer zweiten ganz anderen Thätigkeit des das zuerst angeregte freie Vermögen beschränkenden Erkenntnissvermö- gens. Dieser Erziehung entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft über alle Erfahrung erhabene, übersinnliche, streng nothwendige und allgemeine Erkenntniss, die alle nachher mögliche Erfahrung schon im voraus unter sich befasst. 

Dagegen ging der bisherige Unterricht in der Regel nur auf die stehenden Beschaffenheiten / der Dinge, wie sie eben, ohne dass man dafür einen Grund angeben könne, seyen, und geglaubt und gemerkt werden müssten; also auf ein bloss leidendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der Dinge stehende Vermögen des Gedächtnisses, wodurch es überhaupt gar nicht zur Ahnung des Geistes, als eines selbstständigen und uranfänglichen Principes der Dinge selber, kommen konnte.
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 188f. 
 







Das Leiden am Unterricht.

Das Gedächtniss, wenn es allein, und ohne irgend einem anderen geistigen Zwecke dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein Leiden des Gemüths, als eine Thätigkeit desselben, und es lässt sich einsehen, dass der Zögling dieses Leiden höchst ungern übernehmen werde. Auch ist die Bekanntschaft mit ganz fremden und nicht das mindeste Interesse für ihn habenden Dingen und mit ihren Eigenschaften ein schlechter Ersatz für jenes ihm zugefügte Leiden; deswegen musste seine Abneigung durch die Vertröstung auf die künftige Nützlich- keit dieser Erkenntnisse, und dass man nur vermittelst ihrer Brot und Ehre finden könne, und sogar durch unmit- telbar gegenwärtige Strafe und Belohnung überwunden werden; – dass somit die Erkenntniss gleich von vorn- herein als Dienerin des sinnlichen Wohlseyns aufgestellt wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben als bloss unkräftig für Entwicklung einer sittlichen Denkart aufgestellt wurde, um nur an den Zög- ling zu gelangen, das moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln, und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknüpfen musste. 
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Reden an die deutsche Nation, 2. Rede, SW VII, S. 189
 






Grenzen des Erziehers. 

Er darf kein vernünftiges Wesen wider seinen Willen tugendhaft oder weise oder glücklich machen. Abgerechnet, dass diese Bemühung vergeblich seyn würde, und dass keiner tugendhaft oder weise oder glücklich werden kann, ausser durch seine eigene Arbeit und Mühe – abgerechnet also, dass das der Mensch nicht kann, soll er – wenn er es auch könnte oder zu können glaubte – es nicht einmal wollen; denn es ist unrecht, und er versetzt sich dadurch in Widerspruch mit sich selbst.
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Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, SW VI, S. 309 





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