Samstag, 7. Dezember 2013

Thetisch, antithetisch, synthetisch.


 

Die jetzt aufgezeigte Handlung* ist thetisch, antithetisch und synthetisch zugleich. Thetisch, inwiefern sie eine - schlechterdings nicht wahrzunehmende - entgegengesetzte Thätigkeit ausser dem Ich setzt. ... Antithetisch, inwiefern sie durch Setzen oder Nicht-Setzen der Bedingung eine und ebendieselbe Thätigkeit des Ich ihr selbst entgegensetzt. Synthetisch, inwiefern sie durch das Setzen der entgegengesetzten Thätigkeit, als einer zufälligen Bedingung, jene Thätigkeit als eine und ebendieselbe setzt.
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Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen. SW Bd. 1, S. 337-338

*) ['Tathandlung']

Freitag, 6. Dezember 2013

Die Kunst macht den transzendentalen Gesichtspunkt zu dem gemeinen.



Joshua Reynolds, Selbstbildnis

Die schöne Kunst bildet nicht, wie der Gelehrte, nur den Verstand, oder wie der moralische Volkslehrer, nur das Herz; sondern sie bildet den ganzen vereinigten Menschen. Das, woran sie sich wendet, ist nicht der Verstand, noch ist es das Herz, sondern es ist das ganze Gemüt in Vereinigung seiner Vermögen; es ist ein drittes, aus beiden zusammengesetztes. Man kann das, was sie tut, vielleicht nicht besser ausdrücken, als wenn man sagt: sie macht den transzendentalen Gesichtspunkt zu dem gemeinen. - 

Der Philosoph erhebt sich und andere auf diesen Gesichtspunkt mit Arbeit, und nach einer Regel. Der schöne Geist steht darauf, ohne es bestimmt zu denken; er kennt keinen anderen, und er erhebt diejenigen, die sich seinem Einfluß überlassen, ebenso unvermerkt zu ihm, daß sie des Übergangs nicht bewußt werden. 

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System der Sittenlehre [1798] SW IV, S. 353

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Nur der Sinn für das Ästhetische ist es...

Jan Vermeer, Lautenspielerin am Fenster

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung, die nicht mehr auf die Erkenntnis dessen, was längst erkannt ist, absieht, sondern die gleichsam nochmal zum Überflusse an den Gegenstand geht, - entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des befriedigten Erkenntnistriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der ästhetische Sinn. ...

Nur der Sinn für das Ästhetische ist es, der in unserem Innern uns den ersten festen Standpunkt gibt; das Genie kehrt darin ein, und deckt durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die verborgenen Tiefen desselben auf.

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 290, 291


Mittwoch, 4. Dezember 2013

Aus dem Überfluss.

Petra Dirscherl, pixelio.de
Aber gerade der Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser Leben anfangen müssen, eröffnet uns, wie oben gesagt worden ist, den einzig möglichen Übergang zum geistigen Leben. Sowie jene dringende Not gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb gierig zusammenzuraffen, um ihn gleich wieder für den notwendigen Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntnis um der Erkenntnis willen. 

Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm, dabei zu verweilen; wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. Es bemächtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschätze zu sammeln, bloß um sie zu haben, und uns an ihrem Anblick zu ergötzen, gesetzt auch, wir bedürften ihrer nicht zum Leben, oder sie wären nicht mit dem Stempel ausgeprägt, der allein Kurs hat; wir wagen es, bei unserem Reichtume gleichgültiger gegen den möglichen Verlust, etwas anzulegen an Versuche, die uns misslingen können. Wir haben den ersten Schritt getan, uns von der Tierheit in uns zu trennen. Es entsteht Liberalität der Gesinnungen, - die erste Stufe der Humanität.

Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände, indes unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich ohne alles unser Zutun unser ästhetischer Sinn an dem Leitfaden der Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere los, und geht seinen Gang unabhängig und ungeleitet von der Wirklichkeit.

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 288f.
 

Dienstag, 3. Dezember 2013

Trieb.

Rainer Sturm, pixelio.de
Dieser Trieb äußert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von dieser schließen wir auf die Ursache im selbtsttätigen Subjekt zurück, und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Dasein jenes Triebes, als zur Erkenntnis seiner Gesetze.

Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf bloße Erkenntnis des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung und Ausbildung desselben, wie es sein sollte, ausgeht, und praktisch heißt; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller Trieb praktisch, da er zur Selbsttätigkeit treibt, und in diesem Sinne gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in ihm ist, außer durch Selbsttätigkeit: - oder, inwiefern er ausgeht auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloß um der Vorstellung willen, keineswegs aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch nur um der Erkenntnis dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat, und ihn den ästhetischen Trieb nennen. 

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 279
 

Montag, 2. Dezember 2013

Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen Wohlstand gekommen sein...

Clara Peeters, Still Life with Cheeses, Artichoke, and Cherries, c.1625

Selbst die Erkenntnis wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck außer ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl, als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner niederen, auf die Erhaltung und das äußere Wohlsein des animalischen Lebens gehenden Äußerung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch der Erkenntnistrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienst sich zu einer selbständigen Subsistenz auszubilden. 

Mit der Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechts gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter unaufhörlicher Besorgnis der Nachteile in der Ausübung, die uns die unrichtige Ansicht derselben zuziehen möchte; mit Hastigkeit eilen wir fort von dieser erstürmten Erkenntnis zur Bearbeitung der Dinge, und hüten uns sehr, einen Augen-blick bei de Erwerbung des Mittels zu verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zwecks anwenden könnten. 

Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äußeren Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen, und er Krieg von außen muss erst beschwichtigt und beigelegt sein, ehe dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfnis und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser mäßigen und liberalen Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. 

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 285




Sonntag, 1. Dezember 2013

Die einzige Grundkraft.


Urs Flükiger, pixelio.de 

Lediglich durch den Trieb ist der Mensch ein vorstellendes Wesen. Könnten wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner Vorstellungen durch die Objekte geben, die Bilder durch die Dinge von allen Seiten her auf ihn zuströmen lassen, so bedürfte es doch immer der Selbsttätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer Vorstellung. ... Es bedarf dieser Selbsttätigkeit, um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichtspunkten zu ordnen: ... um sie wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden.... Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntnis ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der Kürze willen den Erkenntnistrieb nennen können, gleichsam, als ob er ein besonderer Grundtrieb wäre - welches er doch nicht ist; sondern er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen dürfen, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen unteilbaren Grundkraft im Menschen... 

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 278