Mittwoch, 11. Februar 2015

Das Losreißen ist nicht möglich ohne etwas, wovon gerissen wird.



Das Ich soll gesetzt sein als das Anschauende, aber das Ich ist nur das Tätige und nichts anderes; sonach muss die Anschauung als Produkt der freien Tätigkeit gesetzt werden, und nur dadurch wird sie es. 

Aber Tätigkeit lässt sich nach den allgemeinen Gesetzen der Anschauung nur Setzen als ein Übergehen von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Ich soll mich tätig setzen heißt, ich soll meiner Tätigkeit zusehen; dies ist aber ein Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmten. Soll die Anschauung daher als frei gedacht werden, so muss sie auch in demselben Moment als gebunden gesetzt werden, et vice versa. 

Das Losreißen ist nicht möglich ohne etwas, wovon gerissen wird. Nur durch Gegensatz entsteht Bestimmtheit des Gesetzten.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 98








Dienstag, 10. Februar 2015

Realität ist das unmittelbar Bestimmte, wovon sich weiter kein Grund angeben lässt.



Aber bin ich gezwungen, die Dinge so zu denken?

Ich kann von ihnen abstrahieren oder ich kann sie auch anders denken, also findet kein Denkzwang statt. Aber dann stelle ich das Ding nicht der Wahrheit gemäß dar, aber soll meine Vorstellung dem Dinge gemäß sein, so findet Denkzwang statt. 

Aber was ist das für eine Wahrheit, an die meine Vorstellung gehalten werden soll? Es ist die Frage der Realität, die wir der Vorstellung zu Grunde legen; unser eigenes Sein in praktischer Hinsicht ist diese Wahrheit, es ist das unmittelbar Bestimmte, wovon sich weiter kein Grund angeben lässt. Dieses unser eigenes Sin deuten wir durch ein Ding außer uns; dieses Ding außer uns ist seiner Wahrheit gemäß dargestellt, wenn es auf ein inneres Sein deutet. Aus einem Quantum Beschränktheit in mir folgt dieses oder jenes Quantum Beschränktheit außer mir.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 97






Montag, 9. Februar 2015

Die Wahrheit des Sensualismus.



Über die Veränderung im Gefühle. Die erste Beschränkung A ... ist eine ursprüngliche Beschränkung meiner Natur. Aus ihr allein folgt gar nichts, denn es folgt nicht einmal eine Anschauung des Ich. Ich kann aber meine Natur durch freies Handeln ausdehnen, und dann möchte etwas folgen. 

Aber ich kann nicht frei handeln, ehe ich für mich Ich bin, wenigstens die Möglichkeit da ist, Ich sein zu können. Zu dieser Möglichkeit gehört, dass in meiner Natur eine Veränderung vorgehe, dass auf mich gewirkt, dass meine Natur affiziert werde; die Anlage kann im Ich liegen, man braucht nicht aus ihm herauszugehen. Im gemeinen Bewusstsein muss sichs erklären durch das Vorhandensein von etwas außer mir.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 96


Nota. - Die Bildung des Selbstbewusstseins als Bedingung allen Bewusstseins beginnt reell damit, dass ich von etwas außer mir affiziert werde. Das kann allerdings nur geschehen, weil ich schlechterdings tätig bin: Das ist die Bedingung der Möglichkeit, und unter dieser Voraussetzung hat der Sensualismus Recht.
JE



Sonntag, 8. Februar 2015

Wechsel des Gefühls ist die Bedingung des Selbstbewusstseins.


Frère, L'Amour piqué par une abeille

Zuförderst ist nur von der Beschränkung des praktischen Vermögens als Grund der Beschränkung gesprochen, denn es scheint sonderbar, dass die als unbeschränkt aufgestellte [ideale] Tätigkeitbeschränkt werde und aus ihr ein Gefühl entstehen sollte. 

Auf die Erfahrung kann man sich nicht berufen. In der Erfahrung findet Denkzwang statt, die Objekte so aufzufassen. Es müsste etwa so sein, dass die ideale Tätigkeit praktisch würde und mit Freiheit hervorbrächte und insofern beschränkt würde - dies wird sich weiter unten zeigen, sonst fiele alles System zusammen. Aus der Beschränktheit der idealen Tätigkeit wird entstehen ein neues Gefühl, aber aus dem Gefühl entsteht notwendig eine Anschauung.

Zuförderst als ein Objekt der Anschauung hat das Ich ein Sein, es ist etwas. Die Begrenztheit des Ich ist im Zustande A. Das Ich ist in ihr sich selbst gegeben, es wird gefunden als Objekt. Das Anschauende in X ist die ideale Tätigkeit, welche auf dieses Sein geht. ... Zufolge des bestimmten Gefüls entsteht eine bestimmte Anschauung, und mit der Anschauung entsteht das Objekt derselben und ist nicht mehr von ihm zu trennen, dies ist das Band.

Ich fühle und schaue an. Ich bin in beidem dasselbe Ich; aber was ich anschaue, soll ich auch sein. Mit dieser bestimmten Anschauung X ist die Objekt Ich verbunden, ich fühle mich beschränkt durch mein eigenes Sein. Nun das Y Anschauende allerdings nicht Objekt der Anschauung X, sondern das Sein des Ich ist Objekt dieser Anschauung. Aber das An-/schauen ist damit notwendig und unzertrennlich verknüpft, und dies ist das Band, woran das Ich notwendig weiter fortgeleitet wird.

Da das angeschaute Objekt Ich sein soll, so folgt daraus, dass sein Sein notwendig bestimmt ist im Setzen, durch ideale Tätigkeit eines Dinges Y, nur unter dieser Bedingung wird es angeschaut.

Das Resultat wäre dies: Aus der Veränderung erfolgt ein Gefühl derselben als eine Beschränkung der idealen Tätigkeit des Ich, aus diesem Gefühle erfolgt eine Anschauung des beschränkten Ich als eines solchen, in welcher das Ich als Objekt überhaupt, und die Anschauung Y als ein notwendiges Akzidens des Ich vorkommt.

Ist kein Ich für das Ich, so ist kein NichtIch und kein Bewusstsein. Aber die Anschauung und der Begriff des Ich sind nicht möglich ohne Veränderung eines Gefühls: Wechsel des Gefühls ist sonach die Bedingung des Selbstbewusstseins und talis qualis schlechthin zu postulieren. Ein solcher Wechsel des Gefühls , den wir oben problematisch annahmen, muss also als notwendig angenommen werden.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 95f.




Samstag, 7. Februar 2015

Ein allgemeines Ich, ein allgemeines Nichtich?



Wie die Welt zum allgemeinen Nichtich wird, wird die Reihe vernünftiger Wesen zum allgemeinen Ich. Allerdings nur ideal. Wie die wirklichen vernünftigen Wesen 'die ganze Welt' nicht zum allgemeinen Gegenstand ihrer rea- len Tätigkeiten machen können, so auch nicht reell zum Gegenstand ihrer idealen. Nur ideal in der Spekulation der Philosophen.*

Im reellen Vorstellen wird die Welt nur summativ, nur kollektiv zu einem Etwas: Alles, was die Leute sich tat- sächlich darunter immer vorstellen; und was nicht, das nicht. In der Spekulation ist die Welt abstraktiv der In- begriff von allem, was begründet vorstellbar wäre. Dazwischen mögen Welten liegen. - Und so ist auch das all- gemeine Ich nie real, sondern immer nur problematisch: Es ist auf dem Wege, sich herzustellen - oder auch nicht.

*) Und darum kann 'die Philosophie' zur Kosmologie gar nichts beitragen; und vice versa.







Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Freitag, 6. Februar 2015

So und nicht anders.



Ein bestimmtes Quantum jener Beschränktheit gibt ein bestimmtes Quantum Anschauung. Wird der Grund be-/schränkt, so wird es auch das Begründete. (Ich bin in der Anschauung beschränkt heißt: Ich bin in der Vor- stellung Y gebunden, das Mannigfaltige darin so zu ordnen und nicht anders; jede Beschränktheit erregt ein Gefühl, sonach auch die Beschränktheit der idealen Tätigkeit in Y).
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 94f.


Nota. - An diesem Punkt wird die sinnliche, gegenständliche, "reale" Welt objektiv, und nur weil sie es ist, näm- lich ideal, kann sie zu einem gemeinsamen Gegenstand für mich und die 'vernünftigen Wesen außer mir' wer- den. Es ist die materielle Welt, die die ideelle Mitteilung über sie möglich macht, nicht umgekehrt. Das ist der Standpunkt des transzendentalen Idealismus.
JE



Donnerstag, 5. Februar 2015

Ich und Nichtich sind vereint im Selbstgefühl.




Die oben geschilderte Anschauung Y ist hier das Begrenzende selbst, es ist eine Handlung des Ich, die An- schauung des Dinges. Aus dieser Begrenzung, bezogen auf das wirkliche Ich, entsteht ein Gefühl, da aber kein Gefühl ohne Anschauung ist, so entsteht sogleich die Anschauung dieser begrenzten Anschauung. Die erste Anschauung ist die des Ich, die letztere die des NichtIch. 

Hieraus entstehen folgende synthetische Sätze: Keine Anschauung des NichtIch (äußere) ohne Anschauung des Ich (innere) und vice versa. Keines aber von beiden ist möglich ohne das Selbstgefühl, in welchem beide vereinigt sind und in welchem sich der notwendige Zusammenhang von beiden zeigt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 93


Nachtrag. - Dieser Absatz steht im Text vor dem gestrigen Eintrag zum fortwährenden Denkzwang, der seinerseits erst verständlich macht, wie die unentwegte Wechselbestimmung nicht nur dieses Ich und dieses Nichtich immer enger aneinander führt; sondern auch: weshalb sich zwei Iche an demselben Nichtich ganz nahe kommen. Beide führen ihr Wollen immer bestimmter auf den Gegenstand zu, der Widerstand, die "Begrenzung", die er ihnen entgegensetzt, wird immer spezifischer. 'Identisch' muss da gar nichts werden, an Begriffen ist nichts gelegen, die Wissenschaftslehre ist empirisch, pragmatisch, sinnlich und was immer man will. Dass zwei Iche bei der Bestimmung dieses einen Nichtichs einander ganz nahe kommen, reicht in der Wirklichkeit völlig aus, damit sie einander als Glieder in einer 'Reihe vernünftiger Wesen' vorkommen. (Und schon gar, wenn dies, wie in  der bürgerlichen Gesellschaft, zur alltäglichen Norm wird.)

Im 'Naturrecht' hat F. die 'Reihe vernünftiger Wesen' postuliert, um die Vernünftigkeit selber möglich zu machen. Wie aber die Reihe vernünftiger Wesen selber möglich ist, zeigt dieser Abschnitt: Stein des Anstoßes ist die Wirklichkeit.
JE







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