Dienstag, 7. Juni 2016

Das Schema der Wissenschaftslehre ist der Begriff der Vernunft.



So wie im Begriff die Tätigkeit als ruhend, als außerhalb der Zeit vorgestellt ist, so ist das fertige Schema, das die Wissenschaftslehre von der agilen, aktualen Vernünftigkeit entwirft, deren zum Stillstand gebrachter Begriff: Es ist stets schon alles auf einmal geschehen, und nur das rechtfertigt das ansonsten irreführende Wort Vernunft.






Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Montag, 6. Juni 2016

Materiale Logik.


Deutsche Fotothek 

Die klassische Logik - zu der, nach Kant, seit Aristoteles nichts Wesentliches hinzugefügt wurde - war nach- vollziehend; sie war ein Verfahren aus gesetzten Begriffen und aufgefundenen Schlussregeln. Die Transzendental- philosophie ist - unentschlossen bei Kant, radikalisiert in der Wissenschaftslehre - eine Logik des aktualen Vor- stellens. Sie folgt keinem Schema, sondern setzt eines.

Sie setzt es freilich erst, nachdem sie es vorgefunden und analytisch zergliedert hat; sie rekonstruiert.




Sonntag, 5. Juni 2016

Schema, Zeit, Deliberieren und genetische Darstellung.



Die WL schaut nicht dem Bewusstsein bei seiner Entstehung zu - das wäre Sache der empirischen Psychologie, wo es um das Bewusstsein der Individuen geht, und der historischen Anthropolgie, wo es um die Bewusstseinsverfassung der Gattung geht. Sondern sie stellt das historisch einmal entstandene vernünftige Bewusstsein so dar, als ob es mit jedem seiner Akte immer wieder von neuem entstehen müsste, und zwar stets auf einen Schlag. Sie ist das Schema der Vernünftigkeit selbst.

Die erste Weise der Darstellung wäre die historische, die zweite Darstellung nennt Fichte die genetische: Sie übergeht die Irrwege und Abwege, die das faktische Bewusstsein immer genommen hat und immer wieder nimmt, und stellt den von allen zufälligen Fehlern bereinigten Idealtyp dar. 

Sie ist aber auch nicht logisch. Die Logik hat es mit festgestellten, ruhenden Begriffen zu tun, und den zeitlosen Schlussregeln. Es geschieht in ihr nichts, geschweige denn, es handle einer; in ihr ist alles ohne Zeit.

Auch in der genetischen Darstellung entfällt die Zeit, die es nur in der historischen Wirklichkeit gibt - nämlich soweit ich sie als Verlauf und Dauer auffasse, denn die entstehen erst durch das 'Schweben' im Denken der wirklich deliberierenden Subjekte. Nicht aber, soweit sie eine Richtung, ein Progress ist: Da folgt eines auf das andere und das andere aus dem einen. Umkehren lässt sich das immer nur in der Reflexion, die von der Tätigkeit abstrahiert und überall nur fertige Begriffe findet.


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Samstag, 4. Juni 2016

Schluss der Ersten Einleitung in die WL nova methodo.



ad III. 1.) Die Untersuchungen der Wissenschaftslehre sollen auf Neue angestellt werden, als wenn sie noch nie aufgestellt wären. Die Bearbeitung wird dadurch gewinnen, denn seit der ersten Bearbeitung sind die Prinzipien weiter fortgeführt worden, und dies gibt eine klarere Einsicht derselben. Auch fand Dozent dadurch, dass er mit den verschiedenartigsten Köpfen darüber sprach, woran es bei manchem lag, dass die Sätze noch nicht einleuchteten. Doch wird auch auf die erste Darstellung Rücksicht genommen werden.

2) Die erste Darstellung ist dadurch etwas beschwerlich worden, weil die Bedingung der Möglichkeit der Sätze nicht in der natürlichen Ordnung, sondern in einem theoretischen und praktischen Teil abgehandelt wurden; dadurch sind nun Dinge, die unmittelbar in einander eingreifen, zu weit von einander gerissen, welches nun nicht mehr geschehen soll.

Dann sollen noch ausdrücklich und gründlich abgehandelt werden die Reflexionsgesetze in Vereinigung und Verbindung mit dem, was daraus eintsteht. (Dieses Versprechen konnte wegen Mangel an Zeit nicht erfüllt werden.) Reflektieren heißt seine ideale Tätigkeit auf etwas richten; dies geschieht nur //11// nach gewissen Gesetzen, und dadurch wird das Objekt der Reflexion so und nicht anders.

Dozent leitet in seinen Vorlesungen ein bestimmtes Denken, und wer nicht mitdenkt, der erhält nichts; nur der, der mitdenkt, kann Nutzen haben. Für die, die nicht selbst mitdenken, möchte er seinen Vortrag in Arabisch machen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 10f. 



Nota. - Die Grundlage der gesamtem Wissenschaftslehre war entstanden als Begleittext zu Fichtes erstem Vortrag der WL in Jena 1793-94, der bogenweise nach und nach an die Hörer ausgegeben wurde. Das merkt man ihr immer noch an, dass sie noch im Verlauf der Vorlesungen ausgearbeitet wurde. Namentlich die konventionelle Unterteilung in erstens einen theoretischen und zweitens einen praktischen Teil ist verwirrend. Den theoretischen Teil vielmehr aus dem Praktischen hervorgehen zu lassen, war die Hauptaufgabe der WL nova methodo. 

Die obige Bemerkung " Dieses Versprechen konnte wegen Mangel an Zeit..." verweist darauf, dass Krauses Reinschrift erst nach dem Abschluss der Vorlesungen im März 1799 zu Papier gebracht wurde. Wegen des Atheismusstreits stand F. am Ende des Vortrags unter Zeitdruck. JE

 


 

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Freitag, 3. Juni 2016

Zwei Haupthandlungen des Ich: der Ursprung der Dialektik.



Kant hat die Frage: Wie kommen wir dazu, gewissen Vorstellungen objektive Gültigkeit beizumessen, nicht be- antwortet. Die Wissenschaftslehre leistet dies. Wir schreiben einer Vorstellung objektive Gültigkeit zu, wenn wir behaupten, dass unabhängig von der Vorstellung noch ein Ding da sei, das der Vorstellung entspreche. Beide sind so verschieden: Die Vorstellung habe ich hervorgebracht, das Ding aber nicht. Nun behauptet die Wissenschaftslehre: Mit Vorstellungen, welche notwendig in uns sein sollen, verhält es sich so, dass wir anneh- men müssen, dass ihnen etwas Äußeres entspreche; und dies zeigt sie genetisch. 
 
Es gibt zwei Haupthandlungen des Ich; die eine, wodurch es sich selbst setzt und alles, was dazu erforderlich ist, also die ganze Welt. Die zweite ist ein abermaliges Setzen desjenigen, was durch jene erste Handlung schon gesetzt ist. Es gibt also ein //10// ursprüngliches Setzen des Ich und der Welt und ein Setzen des schon Gesetzten, das erste macht das Bewusstsein erst möglich und kann daher darin nicht vorkommen; das zweite aber ist das Bewusstsein selbst. Das zweite setzt sonach das erste voraus. Im zweiten wird sonach etwas gefunden, das ohne das Ich vorhanden, worauf das Ich reflektiert. Das erste, dessen Resultat das Ding ist; dadurch zeigt sich, was eigentlich Produkt des Ich ist. 

Es wäre sonach zu unterscheiden eine ursprüngliche Thesis oder, da in ihr ein Mannigfaltiges gesetzt wird, eine ursprüngliche Synthesis, von der Analysis, wenn nämlich wieder auf das reflektiert wird, was in der ursprünglichen Synthesis liegt. Die gesamte Erfahrung ist nun bloße Analysis dieser ursprünglichen Synthesis. Das ursprüng- liche Setzen kann nicht im wirklichen Bewusstsein vorkommen, weil es erst die Bedingung der Möglichkeit alles Bewusstseins ist.

Dies ist der kurze Inbegriff, das Wesen und der Charakter der Wissenschaftslehre.

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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 9f.  



Nota. - Später wurde die Dialektik zu einem mystischen Ding, einem Arkanum, in dem sich alles unterbringen ließ, was man nicht erklären konnte oder wohlweislich nicht erklären wollte. In ihrem Ursprung bei Fichte ist sie eine völlig rationelle Sache: Wo immer das Denken reflektiert - und das tut es immer, wenn es nach Gründen fragt -, beschäftigt es sich letzten Endes mit sich selbst; und kommt daher zweimal vor: Einmal als reale, das andre Mal als ideale Tätigkeit. Und jeder Fortschritt im Denken reproduziert diese Verdoppelung immer neu.
JE



 


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Donnerstag, 2. Juni 2016

Systematische Erkenntnis, in der sich alles von einem Punkte ableiten lässt und mit diesem zusammenhängt.


Anna Semling, pixelio.de

Dadurch nun wird das Bedürfnis nach Wissenschaft befriedigt; wir haben nicht bloß eine diskursive, aus der Erfahrung aufgeraffte, sondern eine systematische Erkenntnis, in der sich alles von einem Punkte ableiten lässt und mit diesem zusammenhängt. Der menschliche Geist strebt nach Erkenntnis, und darum soll er diesem Streben nachfolgen: Wer sagt, dass die Erlangung derselben unmöglich sei, sagt bloß, dass sie ihm eben unmöglich sei. - Diese Methode hat nun Vorzüge in Absicht der Deutlichkeit; denn das ist allemal deutlicher, was in sich zusammenhängt, wo man aus einem alles leicht übersehen kann, als wenn man mehreres zerstreut auffassen muss.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 9


 
Nota. - Das ist nicht gerade zwingend. Dass 'es' ein Bedürfnis 'gibt', ist einstweilen nur eine Behauptung und würde, wenn sie zuträfe, nur ein Faktum bezeichnen; 'dass man ihm folgen soll' ist damit keinewegs 'bewiesen'. Und dass die Methode den Vorzug der Deutlichkeit hat, beweist nicht selbst, dass sie notwendig oder richtig ist. Würde es die Sache erforderlich machen, müsste man sich zu einer undeutlichen Darstellung bescheiden. - Es ist aber erst eine Einleitung, und zwar die erste, noch redet er über die WL. Sie selbst sollte strenger verfahren.

Nota II. - F. gebraucht den Ausdruck 'diskursiv' im Sinne einer Erfahrungswissenschaft, die Einzelerkenntnisse lediglich aneinander reiht. Heute verstehen wir darunter in Gegenteil ein Verfahren, das Eines auf zwingende Weise aus dem Vorangegangenen herleitet.
JE 




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Mittwoch, 1. Juni 2016

Ursprüngliche Handelsweisen des menschlichen Geistes - deduziert.



Nun stellt die WissenschaftsLehre die Bedingungen auf, unter welchen das Ich sich selbst setzt und sich ein NichtIch entgegensetzt, und darin liegt der Beweis ihrer Richtigkeit. Diese Bedingungen sind ursprüngliche Handelsweisen des menschlichen Geistes. Was dazu gehört, dass das Ich sich selbst setzen und sich ein NichtIch entgegensetzen könne, ist notwendig. Diese Bedingungen beweist die WisenschaftsLehre durch Deduktion.

Der Beweis durch Deduktion geht so: Wir können es als Wesen des menschlichen Geistes annehmen, dass das Ich sich setze und sich ein NichtIch entgegensetze; nehmen wir aber dies an, so müssen wir noch manches andere annehmen. Dies heißt deduzieren, von etwas anderm ableiten. Kant sagt: Ich verfahret nur immer nach den Kategorien; die Wissenschaftslehre aber sagt: So gewiss ihr euch als Ich setzt, müsst ihr so verfahren. In den Resultaten sind beide einig, nur knüpft die WissenschaftsLehre noch an etwas Höheres an.

1) Die WissenschaftsLehre sucht sonach den Grund von allem Denken, das für uns da ist, in dem inneren Verfahren des endlichen Vernunftwesens überhaupt. Sie wird sich kurz so ausdrücken: Das Wesen der Vernunft besteht darin, dass ich mich selbst setze, aber das kann ich nicht, ohne mir eine //9// Welt, und zwar eine bestimmte Welt entgegenzusetzen, die im Raume ist und deren Erscheinungen in der Zeit aufeinander folgen. Dies alles geschieht in einem ungeteilten Moment; da Eins geschieht, geschieht zugleich alles Übrige. 

Aber die Philosophie und besonders die Wissenschaftslehre will diesen Einen Akt genau kennen lernen. Nun aber lernt man nichts genau kennen, wenn man es nicht zerlegt und zergliedert. So macht es also auch die Wissenschaftslehre mit dieser Einen Handlung des Ich, und wir bekommen eine Reihe miteinander verbundener Handlungen des Ich - darum, weil wir die Eine Handlung nicht auf einmal fassen können; weil der Philosoph ein Wesen ist, das in der Zeit denken muss.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S.8f.




Nota. - Die Deduktionen der Wissenschaftslehre sind eher Re duktionen: Es wird nicht aus Obersätzen abgeleitet, sondern es werden Bedingungen aufgesucht und freigelegt. Es sind faktische Implikationen: Indem ich Dieses tue, tue ich zugleich Jenes und Jenes; täte ich Jenes nicht, so auch nicht Dieses. 'Weil aber der Philosoph ein Wesen ist, das in der Zeit denken muss', stellt er sich diese Eine Handlung als ein Nacheinander von mehreren Handlungen vor. - Wenn dann später im transzendentalen Schema wie in einem Begriff die Zeit wieder ausgeschieden wird, wird lediglich der "ursprüngliche Zustand" wiederhergestellt.
JE







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