Dienstag, 20. März 2018

Die Einbildungskraft schwebt.

Carl Spitzweg, Drachensteigen  

Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunkt; nur die Vernunft setzt etwas Festes, dadurch, daß sie erst selbst die Einbildungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt. ... Jenes Schweben eben bezeichnet die Einbildungskraft durch ihr Produkt: sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens, und durch dieses Schweben hervor. ... 

Im praktischen Felde geht die Einbildungskraft fort ins Unendliche, bis zu der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach der vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich ist. ... 

Ohne Unendlichkeit des Ich - ohne eine absolutes, in das Unbegrenzte und Unbegrenzbare hinausgehende Produktions-Vermögen desselben ist auch nicht einmal die Möglichkeit der Vorstellung zu erklären. Aus dem Postulate, daß eine Vorstellung sein solle, welches enthalten ist in dem Satze: das Ich setzt sich, als bestimmt durch das Nicht-Ich, ist nunmehr dieses absolute Produktionsvermögen synthetisch abgeleitet und erwiesen.

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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 217f.



Nota. - Würde die Einbildungskraft nicht schweben, müsste die Vernunft das in der Vorstellung Erscheinende nicht bestimmen.
JE
 

Sonntag, 18. März 2018

Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.


Jean Siméon Chardin, Der Junge mit dem Kreisel.

Jenes halbe, träumende und zerstreute Bewußtsein, jene Unaufmerksamkeit und Gedankenlosigkeit, die ein Grundzug unseres Zeitalters, und das kräftigeste Hindernis einer gründlichen Philosophie ist, ist / eben der Zustand, da man sich selbst nicht ganz in den Gegenstand hineinwirft, sich in ihm vergräbt und vergißt; sondern zwischen ihm und sich selbst herumschwankt und zittert.

...Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich begebende und deinen Lebensmoment füllende.
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Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] 
SW. Bd. II, S 337f.


Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang umkehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzen- dentalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poesie, und kann und will auf Wissenschaft- lichkeit keinen Anspruch erheben. 

Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche  Unternehmung.
JE

Samstag, 17. März 2018

Vom transzendentalen Standpunkt.

 André Kertész, 1929
 
Die soeben beschriebene... Philosophie steht auf dem transzendentalen Standpunkt und sieht von diesem auf den gemeinen Gesichtspunkt herab; das ist das Wesen der transzendentalen Philosophie, dass sie nicht will Denkart im Leben werden, sondern zusieht einem Ich, welches im Leben ein Denksystem zustandebringt, sie schafft selbst nichts. Dieses Ich steht auf dem gemeinen Standpunkt. ...

Der Mensch kann sich auf den transzendentalen Standpunkt erheben nicht als Mensch, sondern als spekulativer Wissenschaftler. Es entsteht für die Philosophie selbst ein Anstoß, in ihr ihre eigene Möglichkeit zu erklären. Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten; - Frage über die Möglichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetztes. Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unsern eignen Grundsätzen kein Mittel, zu ihm über/zugehen. Es ist faktisch bewiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und der gemeinen Ansicht: dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkt erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen [als] gemacht (alles in mir), auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst sie machen würden. [vide Sittenlehre, von den Pflichten des ästhetischen Künstlers]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 243f.


Freitag, 16. März 2018

Der Ausgangspunkt der Transzendentalphilosophie.


Der wahre Philosoph hat die Vernunft in ihrem ursprünglichen und notwendigen Verfahren, wodurch sein Ich und / alles, was für dasselbe ist, da ist, zu beobachten. Da er aber dieses ursprünglich handelnde Ich im empirischen Bewusstsein nicht mehr vorfindet, so stellt er es durch den einzigen Akt der Willkür, der ihm erlaubt ist (und welcher der freie Entschluss, philosophieren zu wollen, selbst ist), in seinen Anfangspunkt, und lässt es von demselben nach seinen eigenen, dem Philosophen wohlbekannten Gesetzen unter seinen Augen forthandeln. Das Objekt seiner Beobachtung ist sonach die nach ihren eigenen Gesetzen, ohne alles äußere Ziel, notwendig verfahrende Vernunft überhaupt.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
5f.





 

Mittwoch, 14. März 2018

Bewusst sein heißt nicht vereinigen, sondern spalten.



Die wichtige Einsicht, die wir dadurch erhalten, ist folgende. Wissen und Sein sind nicht etwa außerhalb des Bewusstseins und unabhängig von ihm getrennt, sondern nur im Bewusstsein werden sie getrennt, weil diese Trennung Bedingung der Möglichkeit alles Bewusstseins ist, und durch diese Trennung entstehen erst beide.

Es gibt kein Sein, außer vermittels des Bewusstsein, so wie es außer demselben auch kein Wissen als bloß Subjektives und auf sein Sein gehendes gibt. Um mir nur sagen zu können: Ich, bin ich genötigt zu trennen, aber auch nur dadurch, dass ich dies sage und indem ich es sage, geschieht die Trennung. Das Eine, welches getrennt wird, das sonach allem Bewusstsein zu Grunde liegt, und zufolge dessen das Subjektive und Objketive im Bewusstserin unmittelbar als Eins gesetzt wird, ist absolut = X; kann, als einfaches, auf keine Weise zum Bewusstsein kommen.
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Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 5








Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 12. März 2018

Einladung an die Leser.



Ich denke, dieses Blog hat einige Leser gefunden, die meine einfache Schreibweise schätzen, weil sie einen Zugang zu philosophischen Gedankengängen gibt, der sonst oft eher erschwert als erleichtert wird. Offenbar gibt es aber inzwischen auch einige regelmäßige Besucher, die auf didaktische Rücksichtnahme nicht angewie- sen sind.

Ich wähle die einfache Art der Darstellung nicht, weil sie einfacher zu verfassen wäre (ist sie nicht). Vielmehr: Ich bin kein Schulphilosoph, mich beschäftigt Philosophie nach ihrem "Weltbegriff". Für die schulmäßigen Mikrologismen fehlen mir die Geduld und das Talent. Zur Strafe gerate ich ab und zu auf Glatteis. Aber da kommen einem gelegentlich auch gute Einfälle.

Nur ob sie gut sind, kann man selber nicht immer einschätzen. 

Ich hoffe zwar stets, dass ich meinen Gewährsmann Fichte richtig verstehe. Doch im Zweifel ist mir an mei- ner eigenen Erkenntnis mehr gelegen als an philologischer Korrektheit. Ich muss nur Acht geben, dass ich mir nicht die Zügel schießen lasse, und da ist mir dann der wohlwollend kritische Blick des Sachkenners sehr will- kommen. Die Leser, die dies Blog regelmäßig verfolgen, wollen sich bitte nicht zurückhalten, wenn ihnen das eine oder andere des Kommentars bedürftig erscheint.

Ich verspreche Ihnen auch, keine frechen Antworten zu geben.

14. 11. 14 



Samstag, 10. März 2018

Leben oder philosophieren.

planet-schule
 
Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 118]


Nota. - Das sagt Ihnen kein anderer Philosoph: dass man als Philosoph nicht leben kann. Zum Philosophieren muss man vom wirklichen Leben abstrahieren. Fürs Leben ist die Philosophie gar nicht bestimmt. Sie öffnet den Blick auf das Leben. 

Doch wer 'von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hin- einversetzt', tut es nun mit klarem Blick: Er ist unter seinesgleichen Kritiker. Zum Predigen ist er nicht bestellt. Leider hat sich Fichte wenig später von dieser Einsicht durch Jacobi abbringen lassen.
JE