Dienstag, 11. November 2014

Das Sittengesetz als Vernunftzweck.



Von uns wird behauptet, dass die Vernunft schlechthin aus sich selbst und durch sich selbst einen Zweck aufstelle; und insofern ist sie schlechthin praktisch. Die praktische Dignität der Vernunft ist ihre Absolutheit selbst, / ihre Unbestimmbarkeit durch irgend etwas außer ihr und vollkommene Bestimmtheit durch sich selbst.

Wer diese Absolutheit nicht anerkennt - man kann sie nur in sich durch Anschauung finden -, sondern die Vernunft für ein bloßes Räsonnier-Vermögen hält, welchem erst Objekte von außen gegeben werden müssten, ehe es sich in Tätigkeit versetzen können, dem wird es immer unbegreiflich bleiben, wie sie schlechthin praktisch sein könne, und er wird nie ablassen zu glauben, dass die Bedingungen der Ausführbarlkeit des Gesetzes voher erkannt sein müssen, ehe das Gesetz angenommen werden könne. ... /

Das Prinzip der Sittlichkeit ist der notwendige Gedanke der Intellignez, dass sie ihre Freiheit nach dem Begriffe der Selbstständigkeit schlechthin ohne Ausnahme bestimmen solle.

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Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 57ff.


Nota. - Würde nicht eine Welt vorausgesetzt, die allenthalben die Selbstständigkeit der Vernünftigen einzuschränken droht, wäre das Sittengesetz und wäre der Vernunftzweck gegenstandslos.
JE



Montag, 10. November 2014

Ich weiß nicht, ohne Etwas zu wissen.



Ich weiß nicht, ohne etwas zu wissen. ... Ist ein Bewusstsein gesetzt, so ist diese Trennung gesetzt, und es ist ohne sie gar kein Bewusstsein möglich. Durch die Trennung ist aber unmittelbar zugleich das Verhältnis des Subjektiven und Objektiven zu einander gesetzt. Das letztere soll bestehen ohne ein Zutun des ersteren und unabhängig von ihm durch sich selbst; das erstere soll anhängig sein vom letzteren und eine materielle Bestimmuing nur daher erhalten.

Das Sein ist durch sich selbst, das Wissen aber hängt ab vom Sein; so muss uns beides erscheinen, so gewiss uns überhaupt etwas erscheint; so gewiss wir Bewusstsein haben.
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Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 5


Nota. -  Dem ist noch vieles hinzuzufügen, aber dieses bleibt: (Auch das) Wissen gibt es nicht an sich. Ich weiß nicht "überhaupt", sondern immer nur dieses oder jenes. Wenn es Wissen gibt, dann ist es ein Bestimmen als... Der Satz "Das Wahre ist immer konkret" gilt als die Prägung eines andern, aber der hat ihn wie so vieles bei Fichte geklaut.
JE





Sonntag, 9. November 2014

Bewusstsein ist trennen und vereinen.



Diese absolute Identität des Subjekts mit dem Objekt im Ich lässt sich nur [er]schließen, nicht etwa unmittelbar als Tatsache des wirkliche Bewusstseins nachweisen. [So]wie ein wirkliches Bewusstsein entsteht, sei es auch nur das Bewusstsein unserer selbst, erfolgt die Trennung.

Nur inwiefern ich mich, das Bewusstseiende, von mir, dem Gegenstande dieses Bewusstseins, unterscheide, bin ich meiner bewusst. Auf den mancherlei Ansichten dieser Trennung des Subjektiven und Objektiven und hinwiederum der Vereiniguung beider beruht der ganze Meschanismus des Bewusstseins.

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Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 1





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Samstag, 8. November 2014

Subjekt/Objekt.



Wie ein Objektives jemals zu einem Subjektiven, ein Sein für sich jemals zu einem Vorgestellten werden möge - dass ich an diesem bekannteren Ende die Aufgabe aller Philosophie fasse - wie es, sage ich, mit dieser sonderbaren Verwandlung zugehe, wird nie jemand erklären, welcher nicht einen Punkt findet, in welchem das Subjektive und das Objektive überhaupt nicht geschieden, sondern ganz Eins sind. Einen solchen Punkt nun stellt unser System auf und geht von demselben aus.

Die Ichheit, die Intelligenz, die Vernunft, - oder wie man es nennen wolle, ist dieser Punkt.
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Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 1





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Freitag, 7. November 2014

Der Begriff entsteht nicht natürlich, sondern durch Reflexion.



Man kann, wie gesagt, vor dem, was aus einem Handeln entsteht, das Handeln selbst und die bestimmte Handelsweise nicht wahrnehmen. Für einen gewöhnlichen Menschen und auf dem Gesichtspunkte des gemeinen Bewusstseins gibt es nur Objekte und keine Begriffe: der Begriff verschwindet im Objekte und fällt mit ihm zusammen.

Das philosophierende Genie, d. h. das Talent, in und während des Handelns selbst nicht nur das, was in ihm entsteht, sondern auch das Handeln als solches zu finden, diese ganz entgegengesetzten Richtungen in einer Auffassung zu vereinigen, entdeckte zuerst beim Objekte den Begriff, und der Umfang des Bewusstseins erhielt ein neues Gebiet.
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Grundlage der Naturrechts... Einleitung, SW III,
S. 5
 



Nota. - Die Rede ist von der Ausbildung des begrifflich-argumentierenden Denkens als Überwindung des mythologischen Zeitalters.
JE



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Donnerstag, 6. November 2014

Ex sponte sua.



Das vernünftige Wesen ist lediglich, inwiefern es sich als seiend setzt. ...

Das vernünftige Wesen setzt notwendig sich selbst; es tut sonach notwendig alles dasjenige, was zu seinem Setzen durch sich selbst gehört, und [das] in dem Umfange der durch dieses Setzen ausgedrückten Handlung liegt.

Indem das vernünftige Wesen handelt, wird es sich seines / Handelns nicht bewusst; denn es selbst ist ja sein Handeln und nichts anderes: Das aber, dessen es sich bewusst wird, soll außerhalb dessen liegen, das sich bewusst wird, also außerhalb des Handelns; es soll Objekt, d. h. Gegenstand des Handelns sein.

Das Ich wird nur desjenigen sich bewusst, was ihm in diesem Hnadeln und durch dieses Handeln  (bloß und lediglich dadurch) entseht; und dieses ist das Objekt des Bewusstseins. Ein anderes Ding gibt es für ein vernünftiges Wesen nicht.

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Grundlage der Naturrechts... Einleitung, SW III,
S. 2
f.

Nota. - Nicht: weil es vernünftig ist, muss es sich mit Notwendigkeit selbst setzen; sondern: um ein vernünftiges zu sein, muss sich ein Wesen notwendig (als solches) selbst setzen. Vorher ist es nicht vernünftig; und vorher "gab es" keine Vernunft: Die wird erst, indem ein Wesen 'sich selber setzt' (indem es sich nämlich einem Nichtich entgegensetzt...)
JE


Mittwoch, 5. November 2014

DAS ist Vernunft!



Der Charakter der Vernünftigkeit besteht darin, dass der Handelnde und das Behandelte Eins sei und ebendasselbe; und durch diese Beschreibung ist der Umkreis der Vernunft als solcher erschöpft. -

Der Sprachgebrauch hat diesen erhabenen Begriff für diejenigen, die desselben fähig sind, d. h. diejenigen, die der Abstraktion von ihrem eigenen Ich fähig sind, in dem Wort Ich niedergelegt; darum ist die Vernunft überhaupt durch die Ichheit chrakterisiert worden. Was für ein vernünftiges Wesen da ist, ist in ihm da; aber es ist nichts in ihm, außer infolge eines Handelns auf sich selbst: was es anschaut, schaut es in sich selbst an; aber es ist in ihm nichts anzuschauen, als sein Handeln: und das Ich ist nichts anderes, als sein Handeln auf sich selbst.*

*) Ich möchte nicht einmal sagen: ein Handelndes, um nicht die Vorstellung eines Substrats, in welchem die Kraft eingewickelt läge, zu veranlassen.- Man hat unter anderen [sic] gegen die Wissenschaftslehre so argumentiert, als ob sie ein Ich als ohne ein Zutun des Ich vorhandenes Substrat (ein Ding, als Ding an sich) der Philosophie zu Grunde legte. ... / Diese Leute können ohne Substrat einmal nichts anfangen, weil es ihnen unmöglich ist, sich von dem Gesichtspunkte der gemeinen Erfahrung auf den Gesichtspunkt der Philosophie zu erheben.

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Grundlage der Naturrechts... Einleitung, SW III,
S. 1
f.


Nota.

In den Einleitungen zum Naturrecht und zur Sittenlehre "nach Prinzipien der Wissenschaftslehre" gibt Fichte programmgemäß ein Darstellung... ebendieser Prinzipien der Wissenschaftslehre. Sie können und sollen natürlich auch nicht das Studium der Wissenschaftslehre ersetzen, denn was hier als Ergebnis der  Reflexion zusammengefasst ist, wird dort erst hervorgebracht. Wie gut oder schlecht diese Arbeit gelang, wird man beurteilen müssen, indem man sie selber mitvollzieht, und nicht danach, ob einem das Ergebnis zupass kommt oder nicht.

Ein Juwel sind diese Einleitung trotzdem, nämlich als Metatext: als Anleitung, wie es zu verstehen ist, wenn die Darstellung selbst im öffentlichen Urteil nicht so eindeutig erscheint, wie es dem Autor vorkam; und gelegentlich wird er verleitet, seinen Ausdruck zu größerer Klarheit zu verdeutlichen. Die Einleitungen mögen in der philosophische Debatte als Argument nicht gut taugen; aber als Interpretationsanleitung sind sie Gold wert.

Dies alles vorweg, um bloß zu sagen: Damit, dass der Handelnde und das Behandelte eins sind, ist der Umkreis der Vernunft erschöpft. Nicht ein bisschen, weitgehend, ziemlich, sondern - erschöpft. Indes ist zwar kein Träger oder Vehikel, aber doch immerhin eine "Kraft" mit vorausgesetzt. Aber die ist ohne alle Bestimmung, denn ihre Bestimmung wird es ja sein, sich selber zu bestimmen.

So hat er's gesagt und so hat er's geschrieben. Dass ihm dabei jederzeit noch diese oder jene Nebenvorstellung mit hineingespielt hat, mag ja sein; wäre aber eine Inkonsequenz, die er hätte ausräumen sollen. Stattdessen hat er darauf dann seine Rückwendung zum Dogmatismus gegründet.
JE