Montag, 29. Februar 2016
Das Vergangene bestimmt das Kommende.
Niemand wird sich des Sterbens noch des Geborenwerdens bewusst. Es gibt also keinen Moment des / An-fangens. Dieses synthetische Denken hat zwei Teile; welches ist nun das Verhältnis beider? Ersteres ist das Be-stimmte, letzteres das Bestimmende. Z. B. wie ist denn das Denken einer gegenwärtigen und einer abwesenden Sinnenvorstellung unterschieden, oder wie ist der gegenwärtige Moment von allen vorhergehenden verschie-den? Er ist bloß das Bestimmte, und der vergangene als bestimmend gedacht. Das Gegenwärtige wird bestim-mend werden, wenns einmal das Vergangene sein wird, aber von einer Zukunft weiß ich noch gar nichts, das Vorausgesetzte ist bestimmend und bestimmt.
So ist klar: Der Zweckbegriff soll sein ein Bestimmendes zum wirklichen Wollen, letzteres soll ein Bestimmtes sein, aber wohl kann es ein Bestimmendes werden, davon reden wir aber nicht. – Also der Zweckbegriff ist nichts Wirkliches, sondern bloß gesetzt, das Wollen zu erklären. Das Auswählen des Zweckbegriffs aus dem mannigfaltigen Möglichen wird als das Bestimmende gedacht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 189f.
Nota. – So wird es klarer. Der Zweckbegriff wird nicht wirklich entworfen – aus gegebenem Material konstruiert –, sondern es wird gehandelt, als ob aus einem unendlichen Angebot von möglichen Zwecken dieser eine und einzige ausgewählt würde. Den Zweckbegriff 'gibt es' gar nicht, er ist bloß Noumenon und wird gedacht als ob. Tatsächlich wird bloß gehandelt.
Das wirft im Übrigen ein Licht auf Fichtes schwindelerregende Konstruktion eines vernünftigen Endzustandes, in dem 'alle möglichen vernünftigen Zwecke erfüllt' sein würden und der uns zum Glauben an eine göttliche Weltregierung befugte. Erstens sind 'alle möglichen (vernünftigen oder unvernünftigen) Zwecke' lediglich Nou-mena; hier sollen sie aber als realisiert gedacht werden. Und zweitens kann der Endzustand nicht wissen, wel-chen 'als-ob'-gesetzten Zweck das handelnde Ich in jedem Moment seiner realen Tätigkeit frei auswählen würde und wird. Es sei denn, F. hätte eine zweckmäßig wollende übergreifende überirdische Intelligenz heimlich be-reits voraus- und hintangesetzt; und so wird es wohl sein.
JE
Sonntag, 28. Februar 2016
Im Handeln ist die freie Tätigkeit gebunden; doch nur zum Teil.
Arnold Böcklin, Die Klage des Schäfers 1866Welches ist nun der Charakter des Bestimmten als solches, wie ist von ihm das Bestimmbare unterschieden? Die reale Tätigkeit bestimmt sich zum Handeln, und diese [!] ist nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, nicht teilbar, sie ist absolut einfach. Das sonach, wozu sich das Ich durch Selbstaffektion bestimmt, müsste anschau-bar sein, das Handeln.
Dies aber ist nicht möglich, wenn im Handeln der praktischen Tätigkeit die Freiheit nicht gebunden ist. Aber aufgehoben darf sie nicht werden, Tätigkeit muss sie sein und bleiben, sie müsste gebunden und auch nicht gebunden sein, beides müsste stattfinden.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 58
Nota. - Zur Erinnerung: 'Tätigkeit überhaupt' ist lediglich ein Noumenon; real ist Handeln, denn real wird die Tätigkeit, insofern sie auf einen Widerstand trifft. Der schränkt sie ein, aber das geschieht aus Freiheit, und sie führt über ihn hinaus..
JE
Samstag, 27. Februar 2016
Ich werde zu einem vernünftigen Wesen erst gemacht.
Ich werde zu einem vernünftigen Wesen in der Wirklichkeit, nicht dem Vermögen nach, erst gemacht. Wäre jene Handlung nicht geschehen, so wäre ich nie wirklich vernünftig geworden. Meine Vernünftigkeit hängt also ab von der Willkür, dem guten Willen eines Anderen, von dem Zufalle, und alle Vernünftigkeit hängt ab von dem Zufalle.
So kann es nicht sein: denn dann bin ich als Person zuerst doch nicht selbstständig, sondern nur ein Akzidens eines Anderen, welcher wieder ist ein Akzidens eines dritten, und so ins Unendliche.
Dieser Widerspruch lässt sich nicht anders heben aus durch die Voraussetzung, dass der Andere schon in jener ursprünglichen Einwirkung genötiget, als vernünftiges Wesen schopn genötiget, d. i. durch Konsequent verbunden sei, mich als ein vernünftiges Wesen zu behandeln; und zwar, dass er durch mich dazu genötiget sei; dass demnach schon jeses ursprüngliche Verhältnis eine Wechselwirkung sei.
Aber vor jener Einwirkung bin ich gar nicht Ich. Ich habe mich nicht gesetzt, denn das Setzen meiner selbst ist ja durch diese Einwirkung bedingt, nur durch sie möglich. Doch soll ich wirken. Ich soll sonach wirken, ohne zu wirken; wirken ohne Tätigkeit.
Wir wollen sehen, wie sich dieses denken lasse.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 74
Freitag, 26. Februar 2016
Witz ist eine ernste Sache.
Witz ist eine sehr ernsthafte Sache.
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J. G. Fichte, Erste Wissenschaftslehre von 1804, Stuttgart 1969, S. 8
Donnerstag, 25. Februar 2016
Der Zweck wird nicht entworfen, sondern als entworfen vorausgesetzt.
Über die Reihe des idealen [Denkens]
Ich setze mich in jenem Denken des Synthetischen als entwerfend einen Zweckbegriff, dieses ist ein Denken, ich denke / mich also als denkend, wer denkt mich? Ich selbst im synthetischen Denken, dessen Gegenstand ein Wollen ist, wie verhält sich zu letztem das Denken eines Zweckbegriffs? Offenbar wie Bedingendes zu einem Bedingten, also es geht der Zeit nach vorher, das letztere steht zum ersten im Verhältnis der Dependenz. Ferner in diesem Entwerfen des Zweckbegriffs wird das Ich als denkend gedacht, was also dem Willen vorher-gehen soll, ist ein Denken, also das Denken meiner als wollend, und [um] es zu erklären, wird eine anderes Denken gesetzt, produziert. Es wird als Vorhergegangenes gedacht heißt: es wird nicht identisch mit ihm, son-dern abgesondert gedacht, als außer ihm liegend. – Weitere Erläuterung! Durch analytische Methode, indem wir auf das Denken als das Subjektive und dann auf das Denken als Objektives sehen.
Ad 1. Es ist ein synthetisches Denken, das sich selbst ein anderes entgegensetzt, wie das Denken des Zwecks allein (bei Kant gibt der Begriff die Synthesis, es sei, als wenn schon zwei zu Vereinigende da lägen; so hier nicht, sondern C ist, und in diesem C ist wieder A und B in der Vereinigung, welches wiederum erst durch Setzen des C entsteht, welches also offenbar Duplizität ist, teile eines ist, teils zweierlei ist.) Hier ist ein Be-wusstsein = C (das synthetische Denken [ist?] das Bestimmte in diesem Falle, das empirische Wollen), darin liegt das Entwerfen des Zweckbegriffs, es liegt darin ein Objekt, das durch meine Wollen bewerkstelligt werden soll, durch beider Vereinigung wird C ein Wollen, aber in der Vereinigung werden die wieder auch getrennt. Als A wird gesondert gesetzt, nun ist A ein Denken, ist dies vorhergegangen in irgendeinem Momente? Es wird also nur gesetzt als vorhergegangen, es ist bloße Produktion. –
Es gibt ein Denken, das nicht gedacht wird, sondern bloß gedacht wird, dass es gedacht wird, so hier: Der Zweck wird nicht entworfen, sondern gesetzt, dass er entworfen sei; also dieser erste Moment wird beim Knüpfen des Vernunftsystems vorausgesetzt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 188f.
Nota. – Bislang noch recht dunkel.
JE
Mittwoch, 24. Februar 2016
Im realen Bewusstsein sind Denken des Zwecks und Denken des Gegenstands dasselbe.
In der Aufforderung soll ich mich finden, so gewiss ich aufgefordert bin; aber unter welcher Gestalt finde ich mich?
In dem beschriebenen synthetischen Denken finde ich mich denkend einen Zweck, denkend einen durchs Denken desselben bewirktes Objekt, beides in demselben Momente, oder richtiger, in keinem Momente, außer aller Zeit. Wir haben also zwei äußere Glieder, in deren Mitte das synthetische Denken liegt und das Innere derselben ausmacht. Es wird sich finden, dass jedes von beiden wieder an ein Äußeres geknüpft wird und wir ein Fünffaches erhalten im Bewusstsein, also einen synthetischen Periodum, der immer fünffach ist. Wir haben hier den Vorteil von den Inneren heraus, nicht wie in der gedruckten Wissenschaftslehre von außen hinein [sic].
In dieser Synthesis liegt alles Denken darin, denn alles ist ein bestimmtes Selbstbewusstsein. Jedes synthetische Denken ist auch Analyse, wodurch es in die Zeit verstreut wird, und durch die Beziehung dieser Verhältnisse erhalte ich ein mannigfaltiges Denken, und nur dadurch auch ein Mannigfaltiges fürs Denken. Die gemeine Ansicht widerspricht zwar dieser Ansicht, weil man, um in der Zeit zu denken, schon in der Zeit sein müsse? Dies sagt aber ein Reflektierender; wenn er anders denken könnte, wären unsere Sätze unrichtig. Wir können doch aus der Form des Bewusstseins in der Erfahrung nicht herausgehen.
Wir erhalten sonach eigentlich zwei Reihen neben einander.
1) Reihe des idealen Denkens, ausgehen vom Denken eines Zwecks.
2) des realen [Denkens], ausgehend vom Denken des Objekts unseres Willens.
Eine [sic] nicht ohne die andere, eins nur durch das andre möglich; aber hier im Philosophieren müssen wir sie einzeln denken.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 188
Dienstag, 23. Februar 2016
Mein Leib ist die Realität meiner Vermögen.
Wirken ohne zu wirken bedeutet ein bloßes Vermögen. Dieses bloße Vermögen soll wirken. Aber ein Vermögen ist nichts als ein idealer Begriff: und es wäre ein leerer Gedanke, einem solchen das ausschließende Prädikat der Realität, die Wirksamkeit, zuzuschreiben, ohne anzunehmen, dass es reali-/siert sei. –
Nun ist das ganze Vermögen der Person in der Sinnenwelt allerdings realisiert in dem Begriff ihres Leibes, der da ist, so gewiss die Person ist, der da fortdauert, so gewiss sie fortdauert, der ein vollendetes Ganzes materiel-ler Teile ist und demnach eine bestimmte ursprüngliche Gestalt hat, nach dem obigen. Mein Leib müsste also wirken, tätig sein, ohne dass ich durch ihn wirke.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 74f.
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