Donnerstag, 7. Januar 2016

Nicht einmal die Sinneseindrücke kommen von außen in uns.



Dadurch wird nun dem Dogmatismus aller Vorwand benommen. Selbst die Gefühle können nicht von außen in uns hereinkommen, sie wären nichts für uns, wenn sie nicht in uns wären. Soll es Gefühle für uns geben, so wird das System aller Gefühle a priori vorausgesetzt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 71





Mittwoch, 6. Januar 2016

System der Sinnlichkeit.



Es wird bei dieser Erklärung angenommen ein System der Sensibilität überhaupt, welches schlechthin vor aller Erfahrung da sein soll, welches System aber nicht als solches unmittelbar gefühlt wird, sondern vermittelst dessen und in Beziehung auf dasselbe alles Besondere gefühlt wird, was gefühlt werden mag. Das Besondere ist eine Veränderung des gleichmäßigen Zustands des ersten.

Dass dieses System der Sensibilität nicht gefühlt wird, kommt daher: Die Sensibilität ist nichts Bestimmtes, sondern ein Bestimmbares; würde sie also nicht verändert, so würde nicht gefühlt. Man denke sich das bloße Fühlen als ideale Tätigkeit, dann steht es unter dem Gesetze der idealen Tätigkeit, welche nur im Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten etwas sein könne. 

So ists hier: Das besondere Gefühl ist ein Bestimmtes, als solches kann es nur vorkommen, wenn es auf ein Bestimmbares bezogen wird, und dies ist das System der Sensibilität. Sonach geschieht die Vergleichung der Gefühle nur mittelbar, jedes bestimmte Gefühl wird an das ganze System gehalten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 70


Nota. - Gewiss liegt das System der Sinnlichkeit in Raum und Zeit. Doch soweit es eben System ist, kann auch hier von Ursachen und Wirkungen und also auch von zuerst und danach nicht die Rede sein. 

JE



Dienstag, 5. Januar 2016

Gefühle sind Qualia; wie kann man sie also vergleichen?


Kant beantwortet die Frage, wie das Mannigfaltige im Bewusstsein vereinigt werde, vortrefflich, aber nicht: wie das Mannigfaltige der Gefühle; da doch die Beantwortung des ersten auf die Beantwortung des letzen gründet. Er bezieht (vid. Kritik der Urteilskraft) alle Gefühle auf Lust und Unlust; nun aber muss es zwischen der Bezie-hung der Gefühle auf Lust und Unlust ein Mittleres geben, wo-/durch diese Beziehung erst möglich werde. Um zu empfinden, ob A oder B mehr Lust gewähre, muss ich sie erst beide zusammen haben, um sie zu ver-gleichen, wie bekomme ich nun beide zusammen?

Wenn man z. B. zwei Weine kostet, nicht um zu sehen, welcher von beiden besser schmeckt, sondern nur, um die Verschiedenheit des Gefühls zu wissen, so scheint eine solche Vergleichung unmöglich, denn wenn man den einen schmeckt, so schmeckt man den anderen nicht. Es ist immer nur ein Geschmack, und zum Verglei-chen gehört doch zweierlei? Und jedermann weiß doch, dass er diese Vergleichung anstellen kann.

Man muss hier auf das Verfahren merken. Denn bei dem Kosten ist Tätigkeit. Man fasst seinen ganzen Sinn auf den Gegenstand, den man kostet, zusammen und konzentriert ihn auf denselben. Man bezieht dieses be-sondre Gefühl auf die gesamte Sinnlichkeit; so wie dies beim Kosten des ersten geschieht, geschieht es auch beim zweiten, dadurch werden beide mit etwas Gemeinschaftlichem zusammengehalten, nämlich mit der ganzen Sensibilität, welche in beiden Momenten dieselbe ist.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 69f.



Montag, 4. Januar 2016

Das Positive ist Mannigfaltigkeit, das Gefühl ist Qualitas.


Die Darstellung des Gefühls in der Sinnenwelt ist das Fühlbare und wird gesetzt als Materie. Ich kann keine Materie hervorbringen oder vernichten, ich kann nicht machen, dass sie mich anders affiziere, als sie es ihrer Natur nach tut. Entfernen oder annähern kann ich sie wohl. Das Positive soll Mannigfaltigkeit sein, weil es Gegenstand der Wahl für die Freiheit sein soll. Es müsste also mannigfaltige Gefühle geben, oder der Trieb müsste auf mannigfaltige Art affizierbar sein; welches man auch so ausdrücken könnte: Es gibt mehrere Triebe im Ich.

Diese Mannigfaltigkeit der Gefühle ist nicht zu deduzieren oder aus einem Höheren abzuleiten, denn wir ste-hen hier an der Grenze. Dieses Mannigfaltige ist mit dem Postulate der Freiheit postuliert. Hinterher wohl wird dieses Mannigfaltige im Triebe sich zeigen als Naturtrieb und wird aus der Natur erklärt werden; aber die Natur wird selber erst zufolge des Gefühls gesetzt.

Diese mannigfaltigen Gefühle sind völlig entgegengesetzt und haben nichts miteinander gemein, es gibt keinen Übergang von einem zum andern. Jedes Gefühl ist ein bestimmter Zustand des Ich. Sonach wäre das Ich selber eine Mannigfaltiges; aber wo bliebe dann die Identität des Ich? Das Ich soll diese Mannigfaltigkeit auf sich be-ziehen, es soll es als sein Mannigfaltiges ansehen, wie ist dies möglich? 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 69


Nota. - Die Gefühle als unmittelbare Gegenstände der Anschauung ist qualitativ, sie haben nichts miteinander gemein und gehen nicht ineinander über. (Das ist auch neurophysiologsich so, zu jeder Sinneszelle gehört die entsprechende Nervenzelle.) Das Erlebnis, dass alle Gefühle meine sind, ist der Ursprung des empirischen Ich (welches es zu erklären gilt).
JE




Sonntag, 3. Januar 2016

Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche.


Rubens, Prometheus (Ausschn.) 1618

Wir haben nun ein unmittelbares Bewusstsein eines unmittelbaren Materialen, welches wir bedurften. Oben suchten wir das Formale, wir kamen auf ein Subjekt-Objekt, auf ein sich-selbst-Setzen. In diesem Gefühle, wie es sich weiter unten zeigen wird, kommen Ich und NichtIch zusammen vor, und zwar nicht lediglich zufolge einer Selbstbestimmung, sondern in einem Gefühle. 

Im Gefühle ist Tätigkeit und Leiden vereinigt; in wiefern das erste vorkommt, hat es Beziehung auf das Ich; in wiefern aber das zweite vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche. –

Man sieht hier schon, wie alles im Ich vorkommen kann, und dass man nicht aus dem Ich herauszugehen braucht. Man brauchte nur eine Mannigfaltigkeit von Gefühlen anzunehmen, und es würde sich leicht zeigen lassen, dass man die Vorstellungen von de Welt davon ableiten könnte.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 68 





Samstag, 2. Januar 2016

Ein Gefühl ist aber gar nicht, ohne dass es gefühlt wird.


Idrac, L'amour piqué par une guêpe

Was ist das nun für ein Bewusstsein, das mit dem Triebe ver-/knüpft werden soll? 

Mit dem Bewusstsein, das wir bis hieher kennen, mit der Anschauung, verhält es es sich so: Wir erblicken in ihr Reales und Ideales getrennt; das erstere hat sein vom Idealen unabhängiges Sein, das letzte sieht nur zu. Bei dem Bewusstsein, von dem wir hier reden, kann dies der Fall nicht sein, es gibt hier kein reales Sein, es wird nicht gehandelt, sonach müsste hier Ideales und Reales zusammenfallen. Das Ideale wäre hier sein eigner Ge-genstand, ein unmittelbares Bewusstsein, und dieses ist ein Gefühl.

Man fühlt kein Objekt. Das Objekt wird angeschaut. Jedes Objekt, sogar ein Handeln, soll etwas sein, ohne dass ich mir eben desselben bewusst würde. Der transzendentale Philosoph erinnert freilich, dass etwas ohne Bewusstsein nicht sein könne, aber der gemeine Menschenverstand sieht das nicht so an. Man unterscheidet Handeln und Bewusstsein. Ein Gefühl ist aber gar nicht, ohne dass es gefühlt wird, die Reflexion ist mit dem Gefühl notwendig verbunden. Das Gefühl ist ein bloßes Setzen der Bestimmtheit des Ich.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 67f.  


Nota. - Von einem gewissen Standpunkt aus sind Gefühl und Bewusstsein zweierlei, aber hier an dieser Stelle ist Gefühl noch das einzige bewusst-Sein, von dem die Rede sein kann. Die Begriffe bezeichnen bei Fichte eben nicht unveränderliche Wesenheiten, sondern sind stets Denkanweisungen im konkreten Kontext.
JE  




Freitag, 1. Januar 2016

Der Ursprung der idealen Tätigkeit und die Grenze des Bewusstseins.


W. Busch

Mit dem Setzen eines Triebes muss notwendig etwas die Tätigkeit Verhinderndes gesetzt werden. Denn im Triebe liegt die Notwendigkeit des Handelns; da er aber kein Handeln wird, sondern ein Trieb bleibt, so muss der Grund davon in einem andren liegen.

Man kann sagen, der Grund des Triebes liegt im Subjekte, in wiefern der Grund zu einer Tätigkeit im Subjekte liegt. Aber er liegt nicht drin, in sofern er nicht Tätigkeit, sondern Trieb ist, und dadurch, dass etwas Verhin-derndes da ist, wir eben die Tätigkeit aufgehoben. Wir können sonach aus diesem Wechselverhältnis nicht heraus.

Was nun wird aus diesem Triebe des Ich folgen? Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätigkeit fielen zusammen, so etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes. [...]

Von diesem Zustande wollen wir übergehen zur Beschränktheit, jetzt kann das Ich nicht handeln, seine prak-tische Tätigkeit ist angehalten. Nun ist der Charakter des Ich, dass es sich idealiter setze oder anschaue, dies ist erst jetzt möglich, denn es ist etwas Gehaltenes da. Es muss ein Bewusstsein des Triebes oder der Beschränkt-heit notwendig geben. Aus dem Triebe folgt Bewusstsein. Wenn das Ich lauter Tätigkeit wäre und keine Be-schränkung in ihm vorkäme, so könnte es sich nicht seiner Tätigkeit bewusst werden. Es kann im Ich nichts vorkommen ohne Bewusstsein, nun kommt hier der Trieb sein, folglich muss Bewusstsein desselben vorkom-men.

Anmerkung: A) Hier teilen sich ideale und reale Tätigkeit, und die oben beschriebene Entgegensetzung beider wird möglich. Wir stehen an der Grenze alles Bewusstseins, weil wir den Ursprung alles Bewusstsein sehen.

B) Ideale Tätigkeit ist nur eine gebundene; ihr unmittelbares Objekt ist die praktische, ihre Gebundenheit hängt von der praktischen ab, diese muss ursprünglich ein Streben sein, und dies ist der Ursprung des Bewusstseins.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 67