Donnerstag, 14. Januar 2016
Es wird vorausgesetzt, dass man das Dasein der Dinge außer sich annehme.
Es wird vorausgesetzt, dass man das Dasein der Dinge außer sich annehme. Bei dieser Annahme beruft man sich auf einen inneren Zustand. Man geht bei dieser Überzeugung in sich zurück in das Innere, man ist sich bewusst eines Zustandes, aus welchem man auf das Dasein von Gegenständen außer sich schließt.
Nun ist man aber, inwiefern man sich bewusst ist, ein vorstellendes Wesen, man kann also nur sagen, man sei sich der Vorstellung von Dingen außer uns bewusst, und weiter wird eigentlich auch nichts behauptet, wenn man sagt, es gebe Gegenstände außer uns. Kein Mensch kann unmittelbar behaupten, dass er Sinne habe, son-dern nur, dass er notgedrungen sei, so etwas anzunehmen. Das Bewusstsein geht nur auf das, das in ihm vor-kommt, aber dies sind Vorstellungen. –
Damit begnügen wir uns aber nicht, sondern machen schnell einen Unterschied zwischen der Vorstellung und dem Objekt und sagen, außer der Vorstellung liege noch etwas Wirkliches. Sobald wir auf den Unterschied der Vorstellung und des Objekts aufmerksam werden, sagen wir, es sei beides da. Alle vernünftigen Menschen (selbst der Idealist und Egoist, wenn er nicht auf dem Katheder steht) behaupten immerfort, dass eine wirk-liche Welt da sei.
Wer sich zum Nach-/denken über diese Erscheinung in der menschlichen Seele erhoben hat, muss sich wun-dern, da hier eine scheinbare Inkonsequenz ist. Man werfe sich also die Frage auf: Wie kommen wir dazu, an-zunehmen, dass noch außer unsrer Vorstellung wirkliche Dinge da seien? Viele Menschen werfen sich diese Frage nicht auf, entweder, weil sie diesen Unterschied nicht bemerken, oder weil sie zu gedankenlos sind. Wer aber diese Frage aufwirft, erhebt sich zum Philosophieren, diese Frage zu beantworten ist der Zweck des Philo-sophierens, und die Wissenschaft, die sie beantwortet, ist die Philosophie.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 3f.
Nota. – Jeder vernünftige Mensch glaubt an die Wirklichkeit der Welt, auch Fichte, und vermutlich sogar, wenn er auf dem Katheder stand. (Allenfalls könnte er einwenden: Geglaubt habe er gar nichts mehr, sobald er auf sein Katheder stieg.)
JE
Mittwoch, 13. Januar 2016
Das gemeine Bewusstsein ist das des Handelns und der Erfahrung; die Spekulation abstrahiert davon.
Den Gesichtspunkt des Individuums kann man den gemeinen nennen, oder den der Erfahrung. Wird er gene-tisch angesehen a priori, wenn man auf ihn kommt, so findet sich, dass man durch das Handeln auf ihn kom-me, er heißt daher der praktische. Alle philosophische Spekulation ist nur möglich, in wie fern abstrahiert wird (im Handeln findet keine Abstraktion statt), und heißt darum der ideale Gesichtspunkt. Der praktische Ge-sichtspunkt steht unter dem idealen.
Wenn der Philosoph auf dem praktischen Gesichtspunkt steht, so handelt er wie jedes andere Vernunftwesen, und wird nicht durch Zweifel gestört, weil er weiß, wie er auf diesen Standpunkt kommt. Die Spekulation kann nur den stören, der erst angefangen hat zu spekulieren, aber noch nicht im Reinen ist; dem kritischen Philoso-phen kann so etwas nicht einfallen, weil die Resultate der Erfahrung und der Spekulation immer zusammentref-fen.
Es gehört aber Festigkeit dazu, sich von dem einen Gesichtspunkt auf den andern zu setzen; hierin fehlt oft der Anfänger, der durch realistische Zweifel in der Spekulation gestört wird, der wird auch im Handeln durch ideali-stische gestört.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 25
Nota. - Während des Handelns reflektieren: das kann sich nur leisten, wer den ständigen Perspektivwechsel gewöhnt ist; wer etwa das Denken berufsmäßig treibt. Alle andern sollten beherzigen: Alles zu seiner Zeit!
JE
[Ende der Zweiten Einleitung]
Dienstag, 12. Januar 2016
Das Verhältnis des Systems zur Erfahrung.
Verhältnis dieses Systems zur Erfahrung.
In der Erfahrung, welche durch dieses System deduziert werden soll, findet man die Objekte und ihre Beschaffenheiten; in dem System selbst die Handlungen des Vernunftwesens und die Weisen desselben, inwiefern Objekte durch sie hervorgebracht werden, denn der Idealismus zeigt, dass alle andre Art, zu den Objekten zu kommen, keinen Sinn habe.
Der Philosoph fragt, wie entstehen Vorstellungen von den Dingen, die außer uns sein sollen? Dann die Vorstellungen von Pflicht, Gott und Unsterblichkeit. Diese Frage heißt soviel: Wie kommen wir zu den Objekten, die diesen Vorstellungen entsprechen? Man könnte die notwendigen Vorstellungen objektive Vorstellungen nennen, weil sie auf ein Objekt bezogen werden. –
Dies gilt auch von den Vorstellungen der Pflicht, Gottheit und Unsterblichkeit. Man kann daher fragen: Woher das Objekt für uns? Die Philosophie enthielte sonach ein System solcher Handlungen, wodurch Objekte für uns zu Stande kommen. Aber gibt es denn nun wirklich solche Handlungen, wie im Idealismus vorgetragen werden? Hat das darin Vorgetragene Realität, oder ist es nur von der Philosophie erdichtet?
Zuvörderst, der Idealismus stellt auf eine Reihe von ursprünglichen Handlungen. Dass es eine Reihe gibt, wird nicht behauptet, dies wäre gegen das System, denn darin heißt es: Das Erste kann nicht sein ohne eine Zweites usw. Die Handlungen kommen also nicht einzeln vor, da ja die eine nicht ohne die andere sein soll.
Mit einem Schlage bin ich und / ist die Welt für mich. Aber im System müssen wir, was eigentlich nur eins ist, als eine Reihe von Handlungen betrachten, weil wir nur Teile, und zwar bestimmte, auffassen können. Wenn das Vernunftwesen nach gewissen Gesetzen in der Erfahrung verfährt und so verfahren muss, so muss es auch im Gebiete der Philosophie verfahren. Ein Gedanke muss an den andren angeknüpft werden.
Dann muss man den, der so fragt, bitten zu bedenken, was er denn eigentlich frage. Was heißt denn wirklich, was heißt Realität? Nach dem Idealismus: das, was notwendig im Bewusstsein vorkommt. Kommen denn diese Handlungen vor, wo und wie? Auf dem Gebiete der Erfahrung nicht, kämen sie da vor, so wären sie selbst Erfahrung und gehörten nicht in die Philosophie, welche den Grund der Erfahrung angeben soll. Also eine solche Wirklichkeit wie die der Erfahrung haben diese Handlungen nicht, auch kann man nicht sagen, diese Handlungen geschähen in der Zeit, weil die Erscheinungen nur [=nur die Erscheinungen] Realität in der Zeit haben.
Herr Prof. Beck, der die Kritik der reinen Vernunft gefasst [=richtig aufgefasst] hat, will nicht über die Erfahrung hinausgehen, Dadurch wird alle, auch seine, Philosophie abgeschnitten. Auch ist es nicht Kants Meinung, denn er fragt, wie ist Erfahrung möglich. Er erhebt sich also über sie.
Aber das, was nicht im Gebiete der Erfahrung liegt, hat keine Wirklichkeit im eigentlichen Sinn, es darf nicht in Raum und Zeit betrachtet werden, es muss betrachtet werden als etwas notwendig Denkbares, als etwas Idea-les. Z. B. das reine Ich ist in diesem Sinn nichts Wirkliches; das Ich, das in der Erfahrung vorkommt, ist die Person. Wenn jemand das reine Ich als philosophischen Begriff darum tadelt, weil es nicht in der Erfahrung vorkommt, so weiß er nicht, was er will.
Wer sich zur Philosophie erhebt, für den haben diese Handlungen Realität, nämlich die des notwendigen Den-kens, und für dieses ist Realität [sic]. Diese Realität hat auch die Erfahrung. So gewiss wir sind und leben, so gewiss muss die Erfahrung sein, und so gewiss wir philosophieren, so gewiss müssen wir / diese Handlungen denken. Im Bewusstsein des Philosophen kommt etwas vor, was im gemeinen Menschenverstand als solchen [sic] nicht vorkommt, das Bewusstsein des Philosophen erweitert sich, und dadurch wird es ein vollständiges, vollendetes. Sein Denken erstreckt sich so weit, wie es nur gehen kann.
Über die Erfahrung hinaus kann gefragt werden, und dies geschieht; aber über die Philosophie kann mit Ver-nunft nicht gefragt werden; z. B. was der Grund der Beschränktheit an sich sei, dies widerspricht sich selbst und wäre eine Absurdität. Es wäre eine Anwendung der Vernunft, die von aller Vernunft abstrahiert wäre.
Das Fortschreiten von Realität zu Realität, von einer Stufe des Bewusstseins zur anderen, ist der Gang des natürlichen Menschen, und wir können da drei Stufen annehmen:
1) Er verknüpft die Objekte der Erfahrung nach Gesetzen, aber ohne dessen sich bewusst zu sein. - Jedes Kind, jeder Wilde sucht zu dem Zufälligen einen Grund, urteilt also nach den Gesetzen der Kausalität, ist sich aber dessen nicht bewusst.
2) Der, der über sich reflektiert, bemerkt, dass er nach diesen Gesetzen verfährt; dem entsteht ein Bewusstsein dieser Begriffe. In dieser zweiten Region kann es wohl kommen, dass man die Resultate dieser Begriffe für Eigenschaften der Dinge hält; dass man sagt, die Dinge an sich sind in Raum und Zeit.
3) Der Idealist bemerkt, dass die ganze Erfahrung nichts sei als ein Handeln des Vernunftwesens.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 22ff.
Montag, 11. Januar 2016
Ein System als Anleitung zum Selberdenken.
I.+A. WalderDas System kann jeden nur auffordern, in sich selbst hineinzusehen, wie er es macht; nun aber behauptet es allgemeine Gültigkeit, dass jedes Vernunftwesen so verfahren müsse. Diese Forderung geschieht mit Recht, und vorausgesetzt, dass das Wesen der Vernunft in dem Sichselbstsetzen bestehe, so gehen ja alle als notwen- dig aufgestellten Handlungen aus demselben hervor: Sie gehen sonach aus dem Wesen der Vernunft hervor, und jedes Vernunftwesen muss daher die Richtigkeit des Systems anerkennen.
Ferner die Einsicht in dieses System gründet sich darauf, dass man alle Handlungen, die hier betrachtet werden, innerlich nachmacht. Denn es zählt nicht eine Reihe von Tatsachen auf, die nur so gegeben werden, sondern eine Reihe von Handlungen, in denen bemerkt wird, worauf es ankommt.
Der Philosoph ist nicht bloßer Betrachter, sondern er macht Experimente mit der Natur des Bewusstseins und lässt sich auf seine bestimmten Fragen antworten. Das System ist für Selberdenker, durch bloßes Lernen kann es nicht gefasst werden. Jeder muss es in sich selbst hervorbringen, besonders weil / keine feste Terminologie* angenommen wird; durch das Gegenteil macht Kant sich so viele Nachbeter.
Wer an dieses System geht, braucht eben noch keine Selberdenker zu sein, nur muss er die Liebe zum Selber-denken haben. Bai jungen Leuten ists nicht leicht der Fall, dass ihr Kopf schon in Falten eingezwängt sei und dass sie daher zum Selberdenken unfähig seien. Man kann zum Selberdenken anführen dadurch, dass man Stoff gibt, worüber nachgedacht werden soll, dass man vordenke unde dadurch zum Nachdenken erwecke.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 21f.
*) Nota. - Auf eine feste Terminonologie kann F. verzichten, weil die Wissenschaftslehre nicht von gegebenen Begriffen ausgeht, sondern angibt, wie welche Vorstellungen hervorzubringen seien; weshalb es bei der Inter-pretation der Texte so wenig hilft, 'Stellen' gegeneinander auszuspielen: Die Wörter bedeuten nicht überall das-selbe. Fichtes Terminologie ist beweglich, man kann Jedes nur aus seinem Zusammenhang verstehen.
JE
Sonntag, 10. Januar 2016
Wozu aber ein System? oder: Worauf es ankommt.
Die meisten Idealisten vor Kant sagten, die Vorstellungen sind in uns, weil wir sie in uns hervorbringen; sie verstanden es so: Wir können diese hervorbringen oder nicht. Dies ist ein grundloser Idealismus.
Es lassen sich zwei Wege denken, die das Räsonnement leiten, / entweder man geht aus von der uns bekannten Beschaffenheit der Welt oder den notwendigen Vorstellungen, die im Bewusstsein vorkommen: Dies ist ein bloßes Herumtappen und Probieren; man lässt sich immer das Resultat vor Augen schweben. Dies taugt nicht.
Oder man geht aus von der Handelsweise des vorstellenden Wesens und zeigt nun, wie nach diesen Gesetzen solche Vorstellungen zu Stande kommen, man hat da nur die Art vor Augen, wie etwas zu Stande kommen soll. Wenn man so zu Werke geht, so wird von allem Wirklichen abstrahiert. Wäre der Grundsatz richtig und würde richtig aus ihm gefolgert, so muss das Resultat mit der gemeinen Erfahrung übereinstimmen. Träfe etwa beides nicht zusammen, so würde nicht gerade die Unrichtigkeit des ganzen Unternehmens, sondern nur des Verfahrens durch einen Fehlschluss folgen; diesen müsste man aufsuchen. –
Es ist zu erweisen, dass das Ich sich nicht setzen könne, ohne noch manches andere zu setzen. Dies wäre lediglich in der Selbstanschauung nachzuweisen, so wie* das erste Gesetz, dass ich mich nur auf diese Weise setzen kann. Dies wäre der Gang des Systems. ...
Ferner die Einsicht in dieses System gründet sich darauf, dass man alle Handlungen, die hier betrachtet werden, innerlich nachmacht. Denn es zählt nicht eine Reihe von Tatsachen auf, die nur so gegeben werden, sondern eine Reihe von Handlungen, in denen bemerkt wird, worauf es ankommt.
*) [so wie = als]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 20f.
Nota. - Das System ist ein Modell. Aber das Modell kommt nicht zustande, indem man aus allen möglichen Varianten (in Wahrheit: der begrenzten Zahl derer, die einem einfallen) einen Durchschnitt ermittelt, sondern indem man ins Modell nur das aufnimmt, worauf es ankommt.
Was aber ist es, worauf es ankommt? Das kann man nicht heraus suchen, sondern muss es voraus setzen. Hat man das Richtige getroffen, "so muss das Resultat mit der gemeinen Erfahrung übereinstimmen". Das ist der Prüf-stein: Eine 'Reihe vernünftiger Wesen' ist das historisch Reale. Dies muss erklärt werden.
JE
Samstag, 9. Januar 2016
Die pragmatische Geschichte der Vernunft.

So gewinnt Fichtes Satz, die Wissenschaftslehre sei die pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes, einen fassbaren Sinn: Die Wissenschaftslehre beschreibt den Weg, den die Intelligenz nehmen musste, um zur Vernunft zu kommen.
Als 'pragmatisch' wurde bis ins neunzehnte Jahrhundert eine Geschichtsschreibung verstanden, die nicht ein-fach erzählen wollte, "wie es gewesen ist", mit all den Zufällen, Peripetien und anekdotischen Seitenwegen; sondern aus den dummen Fakten eine Entwicklung auf einen erwünschten Zweck hin destillieren will; in der Regel, um die Geschichte eines Volks, einer Nation, eines Staates als den unaufhaltsamen Aufstieg der gerade re-gierenden Dynastie darzustellen: nicht nur, dass es so war, sondern dass es so kommen musste, und dass es gut so war; Geschichtsschreibung als vulgäre Apologetik.
Diesen Spieß dreht Fichte um. Die Geschichte der Intelligenz ist keine Privatangelegenheit, sondern die Aus-bildung einer Reihe vernünftiger Wesen. Eine solche wird nun nicht postuliert, sondern als vorgefunden berichtet: Zu Fichtes Lebzeiten gibt es 'Vernunft'. Die rationalistischen Metaphysiken mit ihrer dogmatischen Fetischisierung der Begriffe war soeben von der Kant'schen Kritik überwunden worden. War das autonome Subjekt der Aufklärung erst noch Projekt gewesen, nimmt es mit der (französischen) Revolution und ihrem Widerhall, der (deutschen) Ro-mantik historische Gestalt an.
Die Wissenschaftslehre rekonstruiert das Schema, das die Intelligenz (die menschliche, von einer andern wissen wir nichts) historisch entwickelt hat und genetisch entwickeln musste, um vernünftig zu werden.
Freitag, 8. Januar 2016
Schema und Hermeneutik.
Kanon nach PolykletDie Wissenschaftslehre ist das Schema – modern: theoretische Modell – eines tatsächlichen Denkens, sofern es als vernünftig gelten soll. Aber das ist erst die halbe Miete; bleibt immer übrig das hermeneutische Problem, ein tat- sächliches Denken so zu deuten, dass es dem Modell entspricht; oder eben nicht.
Mit andern Worten, die Wissenschaftslehre ist nach ihrem Abschluss so kritisch wie an ihrem Anfang.
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