Samstag, 6. Mai 2017

Aufforderung, einen begonnenen Weg zu vollenden.



Bemerkung: Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen wird, verhält sich wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mir gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist; eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft gefasst werden - wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an eine gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen. Er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da an soll ich anfangen. 

Nun liegt hier ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungkraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunftwesen ist eine einzige durch Freiheit bestimm- te Kette. Die ganze Vernunft ist nur ein einziges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der gnze Vernunftzweck durch unendlich viele bearbeitet und ist das Resultat von der Ein- wirkung aller. 

Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher-//233//gehende bedingt; aber dadurch nicht bestimmt und wirklich gemacht (vide Sittenlehre). Die Freiheit besteht darin, dass aus allen Möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232f.
 

Nota. - Die Wissenschaftslehre erzählt nicht nach, 'wie es wirklich ist', sondern stellt dar, was in der Vorstellung wirklich vorkommt und weshalb das notwendig ist. Hier steht also sinngemäß: Alles Reden von Vernunft hat einen intelligiblen Sinn nur, wenn man sie so auffasst. Wird der Weg fortgegangen, so wird es eine Kette sein. Aber sie wird aus Freiheit fortgewirkt. Wenn wir uns also (in der Abstraktion) denken, dass sie einmal an ein Ende käme, so wäre es nicht durch physische Notwendigkeit als Folge seiner Ursache, sondern durch Freiheit als Zweck gesetzt: 'bedingt, aber nicht bestimmt'. Die Freiheit hätte an jedem Punkt auch andere Möglichkei- ten wählen und andere Teile anfügen können. Der 'Endzweck' wäre ein anderer geworden.

Wenn Hans Vaihinger die Wissenschaftslehre nova methodo gekannt hätte, wären ihm die Augen übergegangen und er hätte auf seine dickleibige Philosophie des Als Ob achselzuckend verzichtet. Und wenn Fichte seinen Weg nova methodo 'zuende gegangen' wäre, hätte er sich nie auf die dogmatische Auffassung eines Realabsoluten und eines gegebenen Endzwecks der Vernunft einlassen können.

12. 10. 17

Nota II. - Ließe sich daraus folgern, dass alles, was auch immer in unserer Geschichte vorkam, zu seiner Zeit vernünftig, nämlich ein notwendiges Glied des problematisch projizierten Vernunftszwecks gewesen ist? Ver- nünftig ist das Handeln nach selbstgesetzten Zwecken: aus Freiheit. Freiheit bedeutet nicht, dass kein Irrtum möglich ist; wie auch das? Wenn das Handeln die Zwecke, die gesetzt waren, nicht realisiert, sondern Folgen zeitigt, die nicht als Zwecke gesetzt waren und aus Freiheit nicht wählbar wären, so wird die Vernunft neu und anders wählen.
 
Es heißt hier nicht, wie bei Hegel, das Wahre sei das Wirkliche. Der Weg der Vernunft in der Geschichte ist keine aufsteigende Linie, wie könnte er? Das Kriterium ist noch nicht, dass die Zwecke aus Freiheit gesetzt waren; das ist erst die notwendige Bedingung. Sondern, ob sie durch vernünftiges Handeln in der sinnlichen Welt realisiert wer- den. Da geht es um praktisches Bestimmen. Das mag immer scheitern, sei's am Widerstand der sinnlichen Welt, sei es an falschen Begriffen. Ob oder ob nicht ist keine Sache theoretischer Vorhersehung, sondern des wirklichen Versuchs.

Es geht zuerst einmal um die Bedingung: aus Freiheit. Doch was aus der Freiheit gemacht wird, ist, worauf es am Ende ankommt. Und die Frage ist immer konkret.
JE, 11. 4. 2019





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Freitag, 5. Mai 2017

Die Vernunft der anderen empfinde ich nicht; ich kann darauf nur schließen.



Die freie Intelligenz außer mir ist ganz bestimmt das Gegenstück zu mir selbst nur durch eine ganz andre Art des Aufsteigens. Bei mir gehe ich von dem Begriffe der Freiheit aus und gehe auf die einzelne freie Handlung über. Hier aber bei dem Wesen außer mir steige ich von der erschienenen Handlung auf zu der Ursache der- selben, auf die ich bloß schließe, die ich nicht empfinden kann. 

Ich bin derjenige, der seinem Zweckentwerfen unmittelbar beiwohnt, der sich selber Noumen ist, und dann erst auf die sinnliche Erscheinung fortgeht. Du bist [der], der mit nicht als Noumen, sondern als Erscheinung vor- kommt. Meiner Vernunft bin ich mir unmittelbar bewusst und schließe nicht bloß auf sie; aber [auf] Vernunft außer mir schließe ich nur. Diese Notwendigkeit liegt in dem Übergehen von dem Bestimmten zum Bestimm- baren.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232 





 




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Donnerstag, 4. Mai 2017

Aus der Aufforderung in mir muss ich auf freie Wesen außer mir schließen.



3) Diese Aufforderung, die ganz beschrieben ist, muss, versteht sich, im wirklichen Bewusstsein erklärt werden. Sie lässt sich nur erklären durch ein freies Handeln außer mir. (Ich knüpfe an das Bestimmte ein Bestimmbares und Bestimmendes an. Dies ist nach Denkgesetzen nur ein Phänomen, so hier: An diese Aufforderung knüpfe ich etwas an, das heißt erklären.) Der Beweis beider Behauptungen hängt zusammen. Die Aufforderung ist, für sich betrachtet, ein Bestimmtes, obwohl das mir Gegebene zu meinem Handeln sich verhält wie ein Bestimm- bares; z. B. bei der Frage ist die Frage in Beziehung auf meine Antwort ein Bestimmbares, aber ist doch an sich auch etwas Bestimmtes, indem er dies und nichts anderes fragt. -

Die Aufforderung liegt demnach in der Mitte und kann als bestimmt und bestimmbar gefasst werden, sie ist relativ. Sehen wir sie als Bestimmte an. so muss ein Bestimmbares hinzugesetzt werden. Was ist nun das Be- stimmbare dazu und das Bestimmende? Nichts als ein Handeln ist das Bestimmende, da in diesem Zustand nur ein Handeln gedacht wird. Es wird sonach ein wirkliches freies Handeln außer mir gedacht als der Grund von der in mir vorkommenden Aufforderung. Dieses wirlich Bestimmende und Bestimmbare ist ein wirkliches frei- es Wesen außer mir, da das Gefundene ein Handeln sein soll, welches lediglich aus einer freien Intelligenz er- klärt werden kann.

Der gemeine Menschenverstand schließt auf der Stelle so, und hier hat er das volle Recht, so zu sagen, da er im Gebiete der Erscheinung steht, denn die Aufforderung ist ein Phänomen. Scholastisch ausgedrückt ist hier ein Übergehen von dem Bestimmten zu dem Bestimmbaren, und in die Mitte würde das Bestimmende gesetzt, welches den Übergang vom Bestimmbaren zum Bestimmten macht. Also von dieser Aufforderung wird not- wendig geschlossen auf eine Intelligenz außer mir. Das Handeln derselben erscheint in mir, sie selbst aber nicht, sie ist also ein //231// bloßes Noumen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 231f.


Nota. - In der Deduktion wurde aus dem 'Herausgreifen der Individualität' auf die 'Absolutheit des Vernunft- reichs' geschlossen in Gestalt einer 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir'. Aus der Reihe vernünftiger Wesen wird erklärt die 'Aufforderung zu freier Tätigkeit'. Bis dahin war es spekulative Konstruktion. Sie muss sich darin bewähren, dass sich die 'Aufforderung' im wirklchen Bewusstsein als Wahrnehmung auffinden lässt. - Dies sei hier geschehen.

Nota II. - Gemeiner Menschenverstand ist die Vernunft, wo immer sie sich mit Phänomenen beschäftigt - ob in der theoretischen Physik oder beim Kaffeekochen. Philosophie ist sie, sobald sie kritisch wird - zwischen Phä- nomenen und Noumenen unterscheidet - und den transzendentalen Standpunkt einnimmt.
JE







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Mittwoch, 3. Mai 2017

Meine Individualität ist bestimmte Bestimmbarkeit meiner selbst.



Was schaue ich denn nun an? Etwas durch die Einbildungskraft Versinnlichtes. Im Handeln ist nicht bleibende Gestalt, weder des Subjekts noch Objekts. Das Denken des Handelns ist ganz sinnlich, und eine solche Ansicht ist von der Synthesis, durch die das Bewusstsein zustande kommt, unzertrennlich. 

Nun muss ich zu dem bestimmten Handeln ein Bestimmbares setzen. Da das Bestimmte sinnlich ist, muss das Bestimmbare auch sinnlich sein. Das Bestimmbare war nach dem Obigen meine Individualität, meine sinnliche Kraft, daher muss dieses auch als ein Sinnliches erscheinen.

Was ist nun meine Indivdualität? Mein versinnlichtes Sollen. Eine Aufforderung zur freien Tätigkeit als Faktum in der Sinnenwelt. Es ist die Beschränktheit meiner Freiheit in einer besonderen Sphäre, oder bestimmte Be- stimmbarkeit meiner selbst. 

Die Aufforderung eines Sollens muss also erscheinen als Wahrnrhmung, welche eine ganz eigne Idee dieses Systems* ist, eine ganz eigne Erklärungsweise, die Wirksamkeit in der Sinnenwelt zu erklären. Sie ist nichts als objektive, versinnlichte Wahnehmung meiner Bestimmung, auf andere und mit anderen Vernunftwesen  in Wechselwirkung zu treten.

Ich finde mich in mir selbst aufgefordert, frei zu handeln in einer bestimmten Sphäre. Das passendste Beispiel davon ist das einer Frage. In //231// ihr ist Bestimmtheit und Bestimmbarkeit, hier ist bestimmte Bestimmbarkeit: leiden und affiziert werden und Freiheit.
 
*) [der WL]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 230f.




 

Dienstag, 2. Mai 2017

Handeln ist ein Begriff a priori.



B. Nun kann sich ein Ich doch nur als Ich mit dem Charakter des Ich, der nur Freiheit ist, nur als handeln sol- lend und könnend finden. Man wende obigen Unterschied hier an. Ich bin beschränkt heißt nicht: Ich bin so breit und lang, nein, es heißt: Mein handeln Können und Sollen ist bechränkt.

So viel Merkmale hier dem Charakter des Ich beigefügt werden, müssen erörtert werden [sic].

Ich finde mich zuvörderst als handeln könnend, rein als Handelndes bin ich gemacht durch mich, durch den Willen, nicht aber mir selbst gegeben. Als handeln Sollendes kann ich mich finden. Was ist denn nun das Den- ken des Handelns seinem Charakter nach für ein Denken? Das Handeln ist ein Fortfließen, es ist also ein ver- sinnlichtes Denken. Nur erscheint mir das bloße Entwerfen des Zweckbegriffs nicht als Handeln, sondern als bloßes Denken, als etwas //230// außer mir, als ein Ding. Wie ist beides verbunden?

Durch die Anschauung meines Handelns, die insbesondere auch drum nach dem Obigen stattfinden muss, weil bloß durch sie eine Zweckerfüllung entsteht. Ich finde mein Handeln also als etwas Gegebenes, als ein Mögli- ches.

Gesetzt, ein Mensch hätte noch nichts getan (welches absurd ist und nur auf einen Augenblick gesetzt worden). Dennoch soll er etwas tun, es wird also postuliert, dass er schon einen Begriff vom Handeln habe. Dieser Be- griff, der bei ihm nicht aus der Erfahrung kommen kann, müsste beim ihm ein Begriff a priori sein. So hier. Ich finde mich als ein Handelnsollendes, da liegt das Handeln schon drinnen. Das ist ganz klar eine Versinnlichung, die zusammengesetzt ist aus dem Zweckbegriff, der kein Handeln ist, und dem Realisieren, das nicht gefunden wird; also gleichsam in der Mitte schwebend.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 229f.



Nota. - Die Wissenschaftslehre begründet nicht nur eine Anthropologie, was sie rechtfertigt, sondern sie beruht auch auf ihr, was sie motiviert. "Handeln ist ein Begriff a priori" - für das Idividuum so, wie der Philosoph das Wollen dem Ich zu Grunde legt.
JE










Montag, 1. Mai 2017

Wie aus der intelligiblen Welt eine sinnliche entstehen kann.


 
Nachtrag.
Folgenden Abschnitt hatte ich an der richtigen Stelle einzufügen versäumt;
dies ist die passende Stelle, es nachzutagen:


Man sieht hier, wie aus der intelligiblen Welt eine sinnliche entstehen kann dadurch:

1. Wir müssen diskursiv denken.
2. Wir müssen allem Bestimmen ein Bestimmbares voraussetzen.
3. Das vorauszusetzende Bestimmbare bekommt den Charakter der Objektivität. (Es erscheint als ein Gefundenes, Gegebenes, ohne unser Zutun Vorhandenes.)

Des Übergehens, es mag nun sein ein Übergehen des Denkens oder Wollens, werde ich mir bewusst als meines eignen Wirkens; es setzt aber allemal ein Bestimmbares voraus, von dem übergegangen wird, und in sofern ist das Bestimmbare gegeben. Es kommt nicht vor außer in wiefern ich es denke, aber wenn ich denke und will, so kommt es vor als mein Denken und Wollen bedingend als ein Gefundenes.

Durch diese Bemerkung wird unser Idealismus vernunftmäßig und erklärt das Bewusstsein. Der transzendente Idealismus behauptet, das Dasein der Dinge sei nur Einbildung. (Schon die Kantsche Philosophie sagt: Die Er- fahrung ist Erscheinung, aber nicht Schein.)
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 147



Nota. - Nicht zu vergessen: Die intelligble Welt entstand ihrerseits aus dem Gefühl, das der Widerstand hervor- rief, auf den meine ursprüngliche reale Tätigkeit stieß. Aus ihr wird eine sinnliche Welt, indem der Widerstand bestimmt, nämlich begriffen wird. Das Ideale ist ein Medium. In Wahrheit wird nicht demonstriert, wie aus einer intelligiblen Welt ein sinnliche wird, sondern umgekehrt: wie in die sinnliche Welt Intelligenz hineinkam.
JE


 









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[Physische und moralische Beschränktheit.]



Anmerkung: Ich bin in diesem Denken meiner-selbst selbst beschränkt und gebunden wie bei allem reellen Denken, aber nur, in wiefern ich mir selber und meiner eignen Natur überlassen bleibe; unter dieser Bedingung gehe ich nicht über jene Grenze hinaus. Da es aber Beschränktheit der Freiheit ist, so kann ich durch den Ge- brauch der Freiheit, der hier Missbrauch ist, über diese Grenze hinausgehen.

Man weiß, dass es zweierlei Beschränktheit gibt; z. B. wenn man mir meine Hände und Füße fesselt oder wenn mich jemand anredet. Beschränktheit des physischen und moralischen Vermögens. - Es ist inhuman, dem, mit dem man reden will, in die Rede zu fallen, aber nicht physisch unmöglich. Dies letztere ist die Beschränktheit, von der Fichte hier redet, eine moralische Beschränktheit.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 229





 



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