Mittwoch, 11. April 2018

Thetisch, antithetisch, synthetisch.

 

Die jetzt aufgezeigte Handlung ist thetisch, antithetisch und synthetisch zugleich. Thetisch, inwiefern sie eine - schlechterdings nicht wahrzunehmende - entgegengesetzte Thätigkeit ausser dem Ich setzt. ... Antithetisch, in- wiefern sie durch Setzen oder Nicht-Setzen der Bedingung eine und ebendieselbe Thätigkeit des Ich ihr selbst entgegensetzt. Synthetisch, inwiefern sie durch das Setzen der entgegengesetzten Thätigkeit, als einer zufälligen Bedingung, jene Thätigkeit als eine und ebendieselbe setzt. _____________________________________________________________________________________
Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen. SW Bd. 1, S. 337-338


Nota. - Mit andern Worten, sie ist der Ursprung von Allem - allem, was in der Vorstellung vorkommt, versteht sich; und kommt ebendarum selbst darin nicht vor.
JE


Dienstag, 10. April 2018

Die Welt ist Eine nur, weil das Ich Eins ist.


Wenn man die Verrichtungen des menschlichen Geistes systematisch in einem letzten Grunde vereinigen wolle, müsse man Dieses und Jenes als Handlungen desselben annehmen; jedes vernünftige Wesen, das es versuchen würde, werde in diese Notwendigkeit versetzt werden; dies und nichts weiter behauptet der Philosoph.

Jene ursprünglichen Tathandlungen haben dieselbe Realität, welche die Kausalität der Dinge in der Sinnenwelt aufeinander und ihre durchgängige Wechselwirkung hat.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 25
 

Nota. - Da mein Ich noch ohne alle Bestimmung ist - denn es ist ja selbst Grund aller Bestimmungen -, unter- scheidet es sich in Nichts vom Ich Dieses und Jenes. Insofern sind sie alle Eins. 

Der folgende Satz wäre missverständlich, würde man nicht zugleich seine Umkehrung mitdenken: Die Kausalität und die durchgängige Wechselwirkung der Dinge aufeinander haben dieselbe Realität wie die ursprünglichen Tat- handlungen; nämlich noumenal. 
JE

 







Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE    

Montag, 9. April 2018

Trieb ist schlechthin praktisch.

Rainer Sturm, pixelio.de
 
Dieser Trieb äußert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von dieser schließen wir auf die Ursache im selbtsttätigen Subjekt zurück, und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Dasein jenes Triebes, als zur Erkenntnis seiner Gesetze.

Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf bloße Erkenntnis des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung und Ausbildung desselben, wie es sein sollte, ausgeht, und praktisch heißt; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller Trieb praktisch, da er zur Selbsttätigkeit treibt, und in die- sem Sinne gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in ihm ist, außer durch Selbst- tätigkeit: - oder, inwiefern er ausgeht auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloß um der Vorstellung willen, keineswegs aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch nur um der Erkenntnis dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so bezeich- nen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat, und ihn den ästhetischen Trieb nennen.
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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 279


Nota. - Oder anders: Das praktische Vermögen der Menschen nennt er Trieb. Es ist der Trieb, das Unbestimmte bestimmen zu wollen. Er ist insofern der Grund von allen Bestimmungen, die im vernünftigen Bewusstsein vor- kommen können. - Den Trieb nun, der auf etwas außer ihm geht um des Etwas selber, nicht aber um des Men- schen willen - den nennt er ästhetisch. Man könnte meinen, er sei in einem reineren Sinne praktisch als der, der am Ende doch nur auf sein eignes Interesse zielt.
JE



 

Freitag, 6. April 2018

Das Ich setzt sich als sich selbst vorausgesetzt.

Magritte 1937

Das ich ist nicht Seele, die Substanz ist; jeder denkt sich bei dem Ich noch etwas im Hinterhalte. Man denkt, ehe ich so und so es machen kann, muss ich sein. Diese Vorstellung muss gehoben werden. Wer dies behaup-tet, behauptet, dass das Ich unabhängig von seiner Handlungen sei. Oder man sagt ferner: / Ehe ich handeln konnte, musste doch ein Objekt sein, auf das ich handelte. 

Aber was will denn dieser Einwurf sagen? Wer macht denn diesen Einwurf? Ich selbst. Ich setzte mich also vorher selbst, und der ganze Einwurf ließe sich auch so ausdrücken: Ich kann das Setzen des Ich nicht vorneh-men, ohne eine Gesetztheit des Ich durch sich selbst anzunehmen.

Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich auf mich zurückgehend handle.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 29f.








Donnerstag, 5. April 2018

Des Menschen Naturtrieb.

Jacob Jordaens, Der Bohnenkönig

Es findet sich in uns ein Trieb nach Naturdingen, um dieselben mit unserer Natur in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen; ein Trieb, der keinen Zweck außer sich selbst hat, und der darauf ausgeht, sich zu befriedigen, lediglich damit er befriedigt sei. Befriedigung um der Befriedigung willen nennt man bloßen Genuss.
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Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 128f.


Nota. - Das ist merkwürdig; nicht, dass er kein Darwinist ist und an einen Selbsterhaltungstrieb nicht denkt. Sondern dass er den 'Naturtrieb' des Menschen als 'Genuss' und ästhetisch auffasst. Als Schopenhauer bei ihm in der Vorlesung saß, mag ihn ebendies zu seinem heiligen Eifer gegen den "Willen" inspiriert haben, denn den Genuss hat er vor allen andern Dingen sexuell verstanden; so wie sein verspäteter Epigon Freud.

Leben ist Stoffwechsel und Fortpflanzung. Nicht: Erst war 'das Leben', dann hat ihm 'die Natur' Selbst- und Arterhaltung als Programm eingepflanzt. Sondern es entwickeln sich nur solche Lebensformen, die der Auslese gewachsen sind. Die Natur ist kein positives, sondern ein kritisches, ein Selektionsprinzip. Unter konstanten Bedingungen würde jede Lebensform bleiben, wie sie ist. Die Natur ist lediglich ein Ensemble von Bedingun- gen; Wasser, Licht und Kohlenstoff gehören dazu.

Wir sehen bei F. stattdessen das Bemühen, das Menschliche positiv und stetig aus 'der Natur' herauswachsen zu lassen, so als wolle auch er ihr keine "Sprünge" zumuten. Doch welchen gedanklichen Vorteil brächte das? Die Tathandlung, durch die ein  Ich sich als solches setzt (und das empirische Subjekt aus seinen Naturgrenzen heraustritt), wäre kein wirklicher Anfang mehr, kein spontaner Akt 'aus Freiheit', sondern wäre als 'Trieb' irgendwie in der Naturgeschichte des Menschen materiell vorbereitet und müsste eigentlich nur in seiner Richtung verändert werden. Als begönne im Menschen die unbewusste Vernunft der Natur, zu Bewusstsein zu kommen. 

Auch in seiner kritisch-transzendentalen Zeit hat Fichte einigen dogmatischen Bodensatz mit sich geschleppt...
JE, 28. 11. 14



 

Montag, 2. April 2018

System.


Begründet wird das Wissen durch die Selbstsetzung des Ich in der pp. Tathandlung – als ein Fakt. 
Rechtfertigen muss es sich vor der Idee des Wahren (Absoluten, Unbedingten, An-sich, Endzweck usw.)






 


Sonntag, 1. April 2018

Der Existenzialist unter den Romantikern.


 

Fichte hat in Jena mit Friedrich, August Wilhelm und Caroline Schlegel im selben Haus gewohnt, war auch beim legendären Romantikertreffen im September 1798 in Dresden dabei, und später in Berlin ließ er sich seine Post über die gemeinsame Adresse von Schlegel und Schleiermacher zustellen, um die Polizeispitzel irrezu- führen. Gehörte Fichte zum Romantikerkreis oder gehörte nicht der Romantikerkreis zu Fichte?

"Darum hat Fichte
gesagt: »Die Kunst macht den transzendentalen Gesichtspunkt zum gemeinen.« Seine Philosophie ist, wenn man sie recht versteht, eine radikale Künstlerphilosophie. Und die Romantiker verstan- den sie und machten Fichte zu ihrem Propheten," schrieb Egon Friedell,* und der war allerdings genial, doch in philosophischen Dingen ein Dilettant war er nicht, und promoviert hat er über Novalis als Philosoph.

Nicht nur die Schlegels waren an Fichte orientiert. Hölderlin gehörte in Jena zu seinen ersten, Brentano zu seinen letzten Hörern. Aber der Romantikerkreis ist im Jahr 1799 auseinandergebrochen, nein, auseinander- geflossen aus demselben Grund, aus dem Fichte Jena verlassen musste: Der Atheismusstreit hatte deutlich gemacht, dass nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland die Zeit des revolutionären Aufbruchs vorbei war. Bei diesen folgten frömmeld deutsche Innerlichkeit und Ergebung in biedermeierliche Restau- ration, bei jenem folgte... - 

Es war ein existenzialistischer Sprung über den Abgrund, wie soll man es anders nennen? "Aller Ernst und alles Interesse ist dann rein aus meinem Leben vertilgt, und dasselbe verwandelt sich, eben so wie mein Denken, in ein blosses Spiel, das von nichts ausgeht und auf nichts hinausläuft", hieß es als Quintessenz jenes Abschnitts in der Bestimmung des Menschen, der die Überschrift Wissen trägt. 


Die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts hat in Fichte unmöglich ihren Stifter erkennen können, weil er ihr in R. Kroners schiefen, aber landläufig gewordenen Perspektive Von Kant zu Hegel vielmehr als Begründer eines sogenannten Deutschen Idealismus erschien. Wilhelm Weischedel hat dagegen mit seiner existenzialis-tischen Deutung der Wissenschaftslehre als einer Ontologie des Lebens** leider nie durchdringen können.

Die Absurdität des Daseins annehmen und Ja sagen zu dem, was wirklich ist, um darin meine Freiheit zu be- haupten - wie soll man das anders nennen als existenzialistisch? Aber es liegt gar nichts an oder in diesem Wort. Ein anderes, ebenfalls treffendes wäre mir genauso recht; heroischer Nihilismus etwa.

Ob auch Artisten-Metaphysik, wie Friedell insinuiert, ist an dieser Stelle noch nicht zu entscheiden.


*) Kulturgeschichte der Neuzeit, III. Buch, 3. Kapitel 
**) W. Weischedel, Der frühe Fichte, Stuttgart-Bad Cannstadt, ²1973; die Erstausgabe war 1939 unter dem absichtlich zweideutigen Titel Der Aufbruch der Freiheit zur Gemeinschaft erschienen und ist so zwar der Zensur entgangen, aber der Aufmerksamkeit der einschlägig interessierten Leserschaft wohl leider auch. Im Jahr der Neuauflage war dann Fichte noch nicht wieder aktuell, aber der Existenzialismus schon wieder passé.


25. 4. 14