Sonntag, 6. Dezember 2015

Freiheit ist im Reflektieren.


André Kertész, Treppen von Monmartre

Auf die Anschauung Y soll ich reflektieren in X; soll diese Anschauung Y meine sein, so muss ich darauf re-flektieren in Z, auf diese in einer Anschauung V. Dies ist nun wichtig, so gewiss eine freie Anschauung ist, so gewiss ist Anschauung des Ich mit verknüpft. 

Ich schaue mich an als anschauend; dadurch werde ich mir selbst ich [sic]; dies kann nun nicht sein, ohne dass ich mich auch setze als gebunden, denn dadurch erhalte ich erst Haltbarkeit für mich; und so sieht man die Notwendigkeit ein, mit der Anschauung X die Anschauung Y zu verbinden. 

So erhält alles bisher Gesagte erst durch die Freiheit Verständlichkeit und Haltbarkeit: an die Freiheit nur lässt sich etwas anknüpfen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S.  99


Nota. 'Erst durch die Freiheit': Frei ist immer das Reflektieren. Das, worauf reflektiert wird, ist gegeben, ist das, was an (der Tätigkeit des) Ich das Begrenzte und Gebundene ist; und dies auf jeder Stufe der Reflexion neu. Freiheit ist kein Zustand, sondern der Modus des Tätigseins – welcher immer wieder unterbrochen, welches immer wieder aufgehalten wird durch die immer wieder neuen Widerstände von Seiendem.
JE

Samstag, 5. Dezember 2015

Ein Begriff von der Anschauung.


Eine ideale Tätigkeit, die dem Ich zugeschrieben wird, die mit dem Bewusstsein der Freiheit gesetzt wird, ist ein Begriff, sonach ist das, was wir bisher bloß als Anschauung charakterisiert haben, ein Begriff, die Anschauung. 

Der Charakter des Begriffs von der Anschauung wäre der: dass in der Anschauung das Ich gesetzt werde als gebunden, im Begriff aber als frei. Daher die Anschauung an sich nichts oder, wie Kant sagt, / blind ist, der Begriff aber leer an sich, wenn sich das Ich nicht beschränkt findet in der Anschauung.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S.  99f.


Nota. - Was in realer Tätigkeit Gefühl ist, wird in der idealen Tätigkeit – Reflexion erster Stufe – Anschauung; in der erst 'erscheint' sich das Ich, und zwar als begrenzt oder 'gebunden'. Die ideale Tätigkeit ist ungebunden und fährt fort: Reflexion zweiter Stufe. So wird die Anschauung Begriff und das Ich erscheint ungebunden. 
(Ergibt das einen Sinn?) JE





Freitag, 4. Dezember 2015

Ein dynamischer Umzug.

Dosso Dossi, Il trionfo di Bacco

Jene Tätigkeit der Reflexion als solche, durch welche die Intelligenz sich selbst setzt, wird, wenn sie angeschaut wird, angeschaut als eine sich bestimmende Agilität, und diese wird angeschaut als ein Übergehen aus dem Zu-stande der Ruhe und Unbestimmtheit, die jedoch bestimmbar ist, zu dem der Bestimmtheit. 

Diese Bestimmbarkeit erscheint hier als das Vermögen, Ich oder NichIch zu denken, und es werden sonach in dem Begriffe der erstern die beiden letztern Begriffe notwendig mitgedacht und einander gegenüber gesetzt. Beide Begriffe erscheinen sonach bei Erregung der selbsttätigen Reflexion als etwas unabhängig von derselben Vorhandenes, und der Charakter des NichtIch ist das Sein, eine Negation.

[Dieser Abschnitt trägt in der Nachschrift Krauses den Vermerk: Diktiert 1798]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 43


Nota. – 'Der erstere': die Bestimmbarkeit; 'die beiden letzteren': Ich und NichtIch. – Ruhe, Bestimmbarkeit, Agilität, Intelligenz, Erregung, Übergehen: Es sind, was Fichte im Vortrag als Begriffe verwendet, im Denken der Vortragenden doch Anschauungen; nicht feste Größen, sondern dynamische Bilder, die selber stets 'im Übergang' vorgestellt werden und die Spuren ihres vorigen Zustandes noch ebenso mit sich führen wie schon die Vorschau auf den nächsten. "Nur aus dem Zusammenhang" könne man seine Sätze verstehen, sagt Fichte immer und immer wieder. Als Begriffssystem lässt sich die Wissenschaftslehre schlechterdings nicht rekonstru-ieren, sie ist ja selber ein ständiges Übergehen, und mein Versuch einer Darstellung durch kommentierte 'Stel-len' ist sachlich nur ein kleines bisschen besser – aber immerhin didaktischer (zu allererst für mich selbst). Ich überlege jedoch, ob ich nicht mehr daraus machen kann.
JE



Donnerstag, 3. Dezember 2015

Die praktische Tätigkeit des Subjekts ist objektiv.




Dies ist nun, worin alles Bewusstsein enthalten ist und woraus es deduziert wir, ist aufgezeigt [sic]: das Subjek-tive, das sich selbst Setzende, und das Objektive, die praktische Tätigkeit, und das eigentlich Objektive, das NichtIch.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 63


Nota. - Dass das 'eigentlich Objektive' das NichtIch sei, versteht sich; dass aber auch die praktische Tätigkeit, nämlich keine andere als die des Ich, nicht zum Reich des Subjektiven, sondern, weil sie ja doch immer auf ein Nichtich geht, dem Reich des Objektiven zugerechnet wird, ist bemerkenswert genug, um hier hervorgehoben zu werden.

Es ist in der Wissenschaftslehre ja nicht die Rede von der Wirklichkeit selbst, sondern davon, wie sie im Be-wusstsein vorkommt. Denn dass realiter die Tätigkeit und nicht das 'Sein', schon gar nicht das Sein eines 'Ichs', das einzig Objektive ist – versteht sich wiederum von selbst.
JE


Mittwoch, 2. Dezember 2015

Dadurch, dass Tätigkeit in Ruhe angeschaut wird, wird sie zum Begriff.


ostsee

Im vorigen § wurde bemerkt, dass man Tätigkeit nicht setzen kann, ohne ihr Ruhe entgegenzusetzen; hier, dass man keine bestimmte Tätigkeit setzen könne, ohne ihr eine bestimmbare entgegenzusetzen. Also das Verfahren in beiden, worauf es ankommt, um vom einen zum andren überzugehen, war in beiden Untersuchungen das-selbe. 

Die gegenwärtig deduzierte Handlung ist mit der vorigen dieselbe, wir lernen / sie nur besser kennen; ist sie dieselbe, so muss auch das, worauf übergegangen wird, dasselbe sein, also Ruhe und Bestimmbarkeit muss dasselbe sein, sie muss in ihr enthalten sein, denn eben wenn eine Tätigkeit als solche noch bloß bestimmbar ist, hat sie den Charakter der Ruhe und ist keine Tätigkeit. Man könnte diese Ruhe oder diese Bestimmbarkeit Vermögen nennen. 

Vermögen ist nicht selber das, was Vermögen hat, die Substanz; ich sage: die Substanz hat Vermögen; auch Ak-zidens ists nicht, Vermögen ist nicht Handlung, sondern das, wodurch Handlung erst möglich wird. Dadurch, dass Tätigkeit begriffen wird, wird sie Ruhe. Vermögen, Ruhe, Bestimmbarkeit sind eins. Also beides Setzen im ersten Akt und im zweiten ist eins und dasselbe. Dadurch, dass Tätigkeit in Ruhe angeschaut wird, wird sie zum Begriff.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 38f.


Nota. – 'Dass man Tätigkeit nicht setzen kann, ohne ihr Ruhe entgegenzusetzen...': Da steht nicht, dass man nur 'tun' kann, indem man 'Ruhe dagegensetzt'; was würde das auch heißen können? Sondern dass wir in unserer Vorstellung Tätigkeit nicht als solche setzen können, ohne ihr in der Vorstellung Ruhe entgegenzusetzen. Es geht in der Wissenschaftslehre nicht darum, in Tätigkeit zu kommen; das ist nicht nötig, wir sind allenthalben in Tätigkeit; sondern darum, unser Tätigwerden zu verstehen. Die Wissenschaftslehre ist Reflexionsphilosophie.
JE


Dienstag, 1. Dezember 2015

...was man für ein Mensch ist.


Apoll und Marsyas

Wir alle gehen von der Erfahrung aus, werden aber in uns zurückgetrieben und finden unsre Freiheit; es kommt darauf an, welches Gefühl bei dem Menschen das hervorstechende ist, das lässt er sich nicht nehmen. –

Der Streit des Dogmatismus und Idealismus ist eigentlich kein philosophischer, denn beide Systeme kommen nie auf einem Feld zusammen, denn jedes, wenn es konsequent ist, leugnet die Prinzipien des andern. Ein philosophischer Streit kann nur dann entstehen, wenn beide Seiten über die Prinzipien einig, aber bloß über die Folgen uneinig sind. Er ist ein Widerstreit der Denkart, der konsequente Dogmatiker ist sein eigenes Gegenmittel, er kann diese Denkart in die Länge nicht ertragen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, Zweite Einleitung,  S. 16







Montag, 30. November 2015

Das NichtIch ist nur eine andere Ansicht des Ich.




Das NichtIch ist also nichts anderes, als bloß eine andere Ansicht des Ich. Das Ich als Tätigkeit betrachtet gibt das Ich, das Ich als Ruhe betrachtet das NichIch. Die Ansicht des Ich / als Tätiges kann nicht stattfinden ohne die Ansicht des Ich als [eines] Ruhenden, d. h. NichtIch. Daher kommts, dass der Dogmatismus, der das Ich nicht in Tätigkeit denkt, gar kein Ich hat. Sein Ich ist Akzidens des NichtIch. Der Idealismus hat kein NichtIch, das NichtIch ist ihm nur eine andere Ansicht des Ich. Im Dogmatismus ist das Ich eine besondere Art vom Dinge, im Idealismus das Nichtich eine besondre Weise – das Ich anzuschauen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 42f.