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Mittwoch, 11. Juni 2014

Echter durchgeführter Kritizismus.


Günter Havlena  / pixelio.de 

Was mein System eigentlich sey, und unter welche Klasse man es bringen könne, ob ächter durchgeführter Kriticismus, wie ich glaube, oder wie man es sonst nennen wolle...
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Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre,
SW Bd. I, S. 89


…das Prinzip der reflektierenden Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für uns möglich zu machen. ...

Nun aber wird durch dieses Prinzip der Urteilskraft ein solcher Verstand so wenig vorausgesetzt, dass es vielmehr vor’s erste sehr denkbar ist, ein solches Verhältnis unter den Mannigfaltigen der empirischen Wahrnehmung sei gar nicht anzutreffen, und dass wenn etwas dergleichen angetroffen wird, es uns sehr zufällig scheint: die Urteilskraft setzt dadurch gar nichts über ein Objekt außer sich fest, sondern sie gibt durch dieses Prinzip nur sich selbst ein subjektives Gesetz von hypothetischer Gültigkeit; wie sie verfahren müsse, wenn sie dieses Mannigfaltige in eine systematische Erfahrung ordnen wolle, und wie dieses Mannigfaltige sich müsse betrachten lassen, wenn uns eine Erkenntnis desselben möglich sein solle. Sie setzt also keinen Zweck der Natur voraus, sondern sie macht es sich nur zur Bedingung der Möglichkeit einer zu erwerbenden Erfahrung, dass die Objekte der in der Natur sich als übereinstimmend mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge müssen betrachten lassen, welche nur nach Zwecken möglich ist. 
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Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333; Rechtschreibung angepasst



Nota. - Das ist das ursprüngliche Programm der Wissenschaftslehre: echter durchgeführter Kritizismus, der auch das Allerheiligste nicht auslässt - die Vernunft und ihre Herkunft. Und es ist ihm vor’s erste sehr denkbar, dass sich da manches gar nicht 'antreffen' ließe, sondern nur gedacht werden müsse als ob.

- Ich höre schon den Einwand: In dem Erklärenden Auszug ist von der theoretischen Annahme eines Vernunft- zwecks der Natur die Rede, die allerdings nur fiktional und 'regulativ' sein kann; bei der von mir beanstandeten dogmatischen Wendung gehe es aber um den Zweck der Vernunft selbst, und der liege im praktischen Feld, aus dem er auch herkommt. Aber das ist Haarspalterei. Denn jedesmal geht es um die Fiktion von einer Prämisse, "die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe"...; und dieser andere Verstand wäre hier die Vernunft selbst als handelndes Subjekt, intellectus agens, das sein Urteil 'an sich' schon immer gefällt hat und dessen Spruch die endlich-Vernünftigen nur noch vernehmen können. - Wie sehr diese Auslegung in Fichtes 'gewendetem' Sinne ist, erhellt aus den höchst zweideutigen Ausführungen zur Freiheit des Willens in den ersten beiden Vorlesungen An die deutsche Nation.
JE


Samstag, 14. Februar 2015

Echter durchgeführter Kritizismus.

Günter Havlena  / pixelio.de  

Was mein System eigentlich sey, und unter welche Klasse man es bringen könne, ob ächter durchge- führter Kriticismus, wie ich glaube, oder wie man es sonst nennen wolle...
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Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre,
 SW Bd. I, S. 89


…das Prinzip der reflektierenden Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für unsmöglich zu machen. ...

Nun aber wird durch dieses Prinzip der Urteilskraft ein solcher Verstand so wenig vorausgesetzt, dass es vielmehr vor’s erste sehr denkbar ist, ein solches Verhältnis unter den Mannigfaltigen der empirischen Wahrnehmung sei gar nicht anzutreffen, und dass wenn etwas dergleichen angetroffen wird, es uns sehr zufällig scheint: die Urteilskraft setzt dadurch gar nichts über ein Objekt außer sich fest, sondern sie gibt durch dieses Prinzip nur sich selbst ein subjektives Gesetz von hypothetischer Gültigkeit; wie sie verfahren müsse, wenn sie dieses Mannigfaltige in eine systematische Erfahrung ordnen wolle, und wie dieses Mannigfaltige sich müsse betrachten lassen, wenn uns eine Erkenntnis desselben möglich sein solle. Sie setzt also keinen Zweck der Natur voraus, sondern sie macht es sich nur zur Bedingung der Möglichkeit einer zu erwerbenden Erfahrung, dass die Objekte der in der Natur sich als übereinstimmend mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge müssen betrachten lassen, welche nur nach Zwecken möglich ist. 
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Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333; Rechtschreibung angepasst


Nota.

Das ist das ursprüngliche Programm der Wissenschaftslehre: echter durchgeführter Kritizismus, der auch das Allerheiligste nicht auslässt - die Vernunft und ihre Herkunft. Und es ist ihm vor’s erste sehr denk- bar, dass sich da manches gar nicht 'antreffen' ließe, sondern nur gedacht werden müsse als ob.

- Ich höre schon den Einwand: In dem Erklärenden Auszug ist von der theoretischen Annahme eines Vernunftzwecks der Natur die Rede, die allerdings nur fiktional und 'regulativ' sein kann; bei der von mir beanstandeten dogmatischen Wendung gehe es aber um den Zweck der Vernunft selbst, und der liege im praktischen Feld, aus dem er auch herkommt. Aber das ist Haarspalterei. Denn jedesmal geht es um die Fiktion von einer Prämisse, "die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe"...; und dieser andere Verstand wäre hier die Vernunft selbst als handelndes Subjekt, intellectus agens, das sein Urteil 'an sich' schon immer gefällt hat und dessen Spruch die endlich-Vernünftigen nur noch verneh- men können. - Wie sehr diese Auslegung in Fichtes 'gewendetem' Sinne ist, erhellt aus den höchst zweideutigen Ausführungen zur Freiheit des Willens in den ersten beiden Vorlesungen An die deutsche Nation.
JE 

Sonntag, 18. März 2018

Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.


Jean Siméon Chardin, Der Junge mit dem Kreisel.

Jenes halbe, träumende und zerstreute Bewußtsein, jene Unaufmerksamkeit und Gedankenlosigkeit, die ein Grundzug unseres Zeitalters, und das kräftigeste Hindernis einer gründlichen Philosophie ist, ist / eben der Zustand, da man sich selbst nicht ganz in den Gegenstand hineinwirft, sich in ihm vergräbt und vergißt; sondern zwischen ihm und sich selbst herumschwankt und zittert.

...Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich begebende und deinen Lebensmoment füllende.
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Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] 
SW. Bd. II, S 337f.


Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang umkehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzen- dentalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poesie, und kann und will auf Wissenschaft- lichkeit keinen Anspruch erheben. 

Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche  Unternehmung.
JE

Montag, 18. Juli 2016

Sein ist eine negative Größe.

Philipp Colla, El Capitán

Das Ich in C wurde gefunden als sich selbst setzend; wurde in C nicht in Tätigkeit, sondern in Ruhe gefunden, als ein sich selbst setzendes Gesetztes. Seine Tätigkeit als solche ist aufgehoben, sie ist eine ruhende Tätigkeit, die aber doch eine Anschauung ist und bleibt. Wie nun allenthalben die Anschauung einem Begriffe entgegen-steht und sie selbst nur durch diesen Begriff möglich ist, so ists auch hier. Dies [dem] C Entgegengesetzte ist nun das, was wir oben D nannten. Der Charakter des Begriffs überhaupt ist Ruhe, nun ist C als Anschauung betrachtet schon Ruhe, da nun D in Rücksicht auf C Ruhe ist, so ist es Ruhe der Ruhe; was ist nun D?

Indem C dem D entgegengesetzt wird, ist es allerdings Tätigkeit, die durch freie Selbstbestimmung zur wirk-lichen Tätigkeit hervorgerufen werden kann. Es ist Tätigkeit dem Wesen nach (C ist Tätigkeit des Ich als Sub-stanz betrachtet, wovon weiter unten, denn hier bleibt es bloße Redensart.) Das Gegenteil dieser Tätigkeit D wäre nun reelle Negation von Tätigkeit, nicht bloß Privation, die Tätigkeit Aufhebendes, Vernichtendes, nicht Zero, sondern negative Größe. Dies ist der wahre Charakter des eigentlichen Seins, dessen Begriff man mit Un-recht für einen ersten unmittelbaren gehalten hatte – denn der einzige unmittelbare Begriff ist der der Tätigkeit.


Sein negiert in Beziehung auf ein außer dem Sein gesetztes Tätiges; durch Sein wird Machen aufgehoben. Was ist, kann nicht gemacht werden. Sein negiert Zweck in Beziehung auf das Setzende; was ich bin, kann ich nicht werden.
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Wissenschaftslehre nova methodo, 
Hamburg 1982, S. 41



Nota. - Die Dialektik von A, B, C und D ist schwindelererregend. Ob das wirklich nötig war? Aber ich denke, er wollte nunmal auf seine Schlussfolgerung heraus: Der 'erste, unmittelbare' Begriff ist nicht Sein, sondern Tätig-keit. Sein ist nicht nur ein Mangel an Tätigkeit, sondern Anti-Tätigkeit, Wider(Gegen-)stand der Tätigkeit.

So entpuppt sich die radikale Transzendentalphilosophie, "echter durchgeführter Kritizismus", nicht bloß als eine implizite Anthropologie, sondern als eine Metaphysik sui generis, im allerstärksten Sinn: eine aktualistische Fundamentalontologie; als solche aber keine theoretische Voraussetzung, sondern praktisches Postulat. 
JE



Dienstag, 17. Februar 2015

Fichtes zwiespältiges Verhältnis zur Vernunft.

Стариков

Fichtes philosophische Laufbahn zerfällt - das ist das treffende Wort - in die ursprüngliche Wissenschaftslehre, die als echter durchgeführter Kritizismus die Kant'sche Transzendentalphilosphie vollenden sollte, und eine transzendentaldogmatische Hybride, die er nach dem Atheismusstreit gelehrt hat. Das Kuriosum: Er hat bis ans Lebensende darauf bestanden, allezeit Dasselbe vertreten zu haben. Und tatsächlich findet man in seinem Werk keine Stelle, wo er an dem entscheidenden Punkt - dem realen Absoluten - einfach kehrtgemacht hätte. So dass zu vermuten ist, der Ansatz zur späteren dogmatischen Wende sei in der ursprünglichen, transzendentalen Wissenschaftslehre irgendwo bereits angelegt gewesen.

Dem Antiaufklärer und Glaubensphilosophen Friedrich Heinrich Jacobi kommt das Verdienst zu, den Finger haargenau auf den wunden Punkt gelegt zu haben: Es war seine Auffassung von der Vernunft, die Fichte gegen die Einrede des Dogmatikers wehrlos gemacht hat. Richtiger gesagt, es war der Mangel an einer Auffassung der Vernunft, denn er hatte deren zwei zur selben Zeit. Und da er es - unbegreiflicher Weise - nicht bemerkte, musste er sich nicht "aus Freiheit" zwischen ihnen entscheiden. So konnte ihm die Entscheidung von Jacobi... eingeredet werden. 

Auf dieser Seite finden sie Fichtes Schwanken durch eine Reihe von 'Stellen' dokumentiert. Es wird Ihnen auffallen, dass eine 'Stelle' des Inhalts: Was ist die Vernunft und wo kommt sie her? fehlt. So eine Stelle gibt es bei Fichte nicht. Die Vernunft ist der einzige thematisch und in systematischer Absicht gebrauchte Begriff, den Fichte nicht aus dem (dreifachen) Grundsatz der Wissenschaftslehre herleitet. Er macht zwar jede Menge Angaben über die Vernunft, aber sie selbst macht er nicht zum Gegenstand. Nun würde es schwerfallen, von der Vernunft zu reden, ohne sich ihrer bereits zu bedienen; aber was taugte die Transzendentalphilosophie, wenn sie damit nicht zurechtkäme?

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Mittwoch, 23. November 2016

Dieser Begriff vom Wollen ist es, worauf alles Geistige beruht.


 
Deliberieren und Wollen ist bloßes Denken, das erste ist problematisches, das zweite kategorisches. Aber alles im Ich, also auch das Wollen, muss durch dasselbe gesetzt sein. Das bestimmte Denken, das wir ein Wollen nennen, ist sonach ein unmittelbares Bewusstsein. Ich will, inwiefern ich mich als wollend denke, und ich denke mich als wollend, inwiefern ich will. Der Wille ist ein absolutes Erstes, seiner Form nach durch nichts Beding- tes. Es ist ebenso wie mit dem Gefühl, dem ebenfalls, weil es ein unmittelbares ist, nichts vorschwebt, was man wegdenken könnte.

Dieser unmittelbare Begriff vom Wollen ist die Grundlage des Systems der Begriffe, die Kant Noumene nennt und durch welche er ein System der intelligiblen Welt begründet. Sie haben zu vielen Missverständnissen Anlass gegeben und stehen im Kantschen System abgerissen und getrennt von dem Übrigen da.

Kant sagt zwar, dass man sie denken müsse, aber nicht wie und warum? Sie sind bei ihm Qualitates occultae, er behauptet: Es gibt keine Brücke von der sinnlichen zur übersinnlichen Welt. Dies kam daher, weil er in der Kritik der reinen Vernunft das Ich einseitig und nur das Mannigfaltige ordnend, nicht aber als produzierend dachte.

Die Wissenschaftslehre schlägt diese Brücke leicht. Nach ihr ist die intelligible Welt die Bedingung der Welt der Erscheinungen. Die letztere wird auf die erstere gebaut. Die erstere beruht auf ihrem eigentlichen Mittelpunkte, dem Ich, das nur / im Wollen ganz ist. Alle Vorstellungen gehen aus vom Denken des Wollens.

Dieser Begriff vom Wollen ist es, worauf alles Geistige (das im bloßen Denken bestehen soll) beruht, wodurch das Ich selbst geistig wird. Nach der vorigen Ansicht war das Ich körperlich, beide Ansichten müssen vereinigt werden. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 124f.

 
Nota. - Nirgends hat, soweit ich es übersehe, Fichte seine Kritik an Kant vollständiger ausgesprochen: Bei Kant ist das Ich, qua transzendentale Synthesis und alles Folgende, in der Erscheinung nur ordnend tätig. Er bleibt, muss man hinzufügen, ein halber Dogmatiker. Denn die Erscheinungen haben ihr Doppel in den dazugehö- rigen Noumena bzw. "an sich". Das sind Qualitates, die schlechterdings occultae bleiben und bleiben müssen. 

Die wirkliche Transzententalphilosophie - "echter durchgeführter Kritizismus" - setzt das Ich jedoch als produ- zierend voraus; die Vorstellungen produzierend, versteht sich, aber mit Anderem hatte es auch Kant nicht zu tun.
JE 



 

Montag, 9. Dezember 2013

Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.


Jean Siméon Chardin, Der Junge mit dem Kreisel.

Jenes halbe, träumende und zerstreute Bewußtsein, jene Unaufmerksamkeit und Gedankenlosigkeit, die ein Grundzug unseres Zeitalters, und das kräftigeste Hindernis einer gründlichen Philosophie ist, ist / eben der Zustand, da man sich selbst nicht ganz in den Gegenstand hineinwirft, sich in ihm vergräbt und vergißt; sondern zwischen ihm und sich selbst herumschwankt und zittert.

...Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich begebende und deinen Lebensmoment füllende.
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Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] 
SW. Bd. II, S 337f.


Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang umkehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzendendalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poesie, und kann und will auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch erheben. 

Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche Forschung.
JE

 

Montag, 14. Mai 2018

Vernunft ist nur möglich, weil meine Vernunft die Vernunft der Andern voraussetzt.

RainerSturm  / pixelio.de

§ 3. Zweiter Lehrsatz

Das endliche Vernunftwesen kann eine freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt sich nicht zuschreiben, ohne sie auch anderen zuzuschreiben, mithin auch andere endliche Vernunftwesen ausser sich anzunehmen. 


Beweis

I.                  

a. Das vernünftige Wesen kann, nach dem §1. geführten Beweise, kein Object setzen (wahrnehmen und begrei- fen), ohne zugleich, in derselben ungetheilten Synthesis, sich eine Wirksamkeit zuzuschreiben.

b. Aber es kann sich keine Wirksamkeit zuschreiben, ohne ein Object, auf welches diese Wirksamkeit gehen soll, gesetzt zu haben. Das Setzen dieses Objects, als eines durch sich selbst bestimmten, und insofern die freie Tätig- keit des vernünftigen Wesens hemmenden, muss in einem vorhergehenden Zeitpunct gesetzt werden, durch wel- chen allein derjenige Zeitpunct, in welchem der Begriff der Wirksamkeit gefasst wird, der gegenwärtige wird.

c. Alles Begreifen ist durch Setzen der Wirksamkeit des Vernunftwesens; und alle Wirksamkeit ist durch ein vor- hergegangenes Begreifen desselben gedingt. Also ist jeder mögliche Moment des Bewusstseyns, durch einen vor- hergehenden Moment desselben, bedingt, und das Bewusstseyn wird in der Erklärung der Möglichkeit schon als wirklich vorausgesetzt. Es lässt sich überhaupt nur durch einen Cirkel erklären; es lässt sich sonach überhaupt nicht erklären, und scheint unmöglich. ...
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 30


Nota. - Das Elementardatum der Wissenschaftslehre ist ein empirisch-historisches Faktum: Es gibt Vernunft. Ihr Zweck ist, die Frage zu klären: Woher und wozu? Das läuft auf die Klärung dessen heraus, was sie ist. Die Wis- senschaftslehre ist, wenn sie zu ihrem Schluss kommt, zu Ende geführte Vernunftkritik: "echter durchgeführter Kritizismus".

Es findet sich, dass die Vernunft, wo immer sie erscheint, sich selber schon voraussetzt. Vorstellbar - wenn auch nicht erklärbar! - wäre sie mithin nur als Urzeugung. Durch jedes Indivduum neu? Das liefe darauf hinaus, dass Vernunft nicht möglich ist; denn würde sich jedes Individuum eine eigne Vernunft erfinden, wäre das, was sie zur Vernunft erst macht; wäre Übereinstimmung nur zufällig, aber nicht notwendig möglich. Das Individuum muss also die Vernunft als Gegebenheit vorfinden. Das liegt empirisch auf der Hand: Es wird in eine Welt, in der Vernunft herrscht - herrschen soll -, ja schon  hineingeboren. Es ist eo ipso zur Vernunft aufgefordert.

Aber damit ist das Problem der Urzeugung von der Ebene der Individuen lediglich auf die Ebene der Gattung verschoben.

An dem Punkt soll Fichte (wortwörtlich) in die Irre gehen.

Es ist ja die Kernfrage der Anthropologie, und diese ist - Anfang und Ende allen Philosophierens. Die Gattungs- geschichte unserer Spezies muss sich so darstellen lassen, als ob sie die Bedingungen der Vernünftigkeit erst ge- setzt und dann erfüllt hat. Das ist eine Sache de Erfahrungswissenschaft. Die war zu Fichtes Tagen noch längst nicht so weit.
JE



 

Freitag, 13. Juli 2018

Die Wissenschaftslehre entsteht nicht notwendig, sondern aus Freiheit.



Das Object der Wissenschaftslehre ist nach allem das System des menschlichen Wissens. Dieses ist unabhängig von der Wissenschaft desselben vorhanden, wird aber durch sie in systematischer Form aufgestellt. Was ist nun diese neue Form; wie ist sie von der Form, die vor der Wissenschaft vorher vorhanden seyn muss, unterschie- den; und wie ist die Wissenschaft überhaupt von ihrem Objecte unterschieden?

Was unabhängig von der Wissenschaft im menschlichen Geiste da ist, können wir auch die Handlungen dessel- ben nennen. Diese sind das Was, das vorhanden ist; sie geschehen auf eine gewisse bestimmte Art; durch diese bestimmte / Art unterscheidet sich die eine von der anderen; und dieses ist das Wie. Im menschlichen Geiste ist also ursprünglich vor unserem Wissen vorher Gehalt und Form, und beide sind unzertrennlich verbunden; jede Handlung geschieht auf eine bestimmte Art nach einem Gesetze,* und dieses Gesetz bestimmt die Hand- lung. Es ist, wenn alle diese Handlungen unter sich zusammenhängen, und unter allgemeinen, besonderen und einzelnen Gesetzen stehen, für die etwanigen Beobachter auch ein System vorhanden.

Es ist aber gar nicht nothwendig, dass diese Handlungen wirklich der Zeitfolge nach in jener systematischen Form, in welcher sie als von einander dependirend werden abgeleitet werden, eine nach der anderen, in unse- rem Geiste vorkommen; dass etwa die, welche alle unter sich fasst, und das höchste, allgemeinste Gesetz giebt, zuerst, sodann die, welche weniger unter sich fasst u.s.f. vorkommen; ferner ist auch das gar nicht die Folge, dass sie alle rein und unvermischt vorkommen, so dass nicht mehrere, die durch einen etwanigen Beobachter gar wohl zu unterscheiden wären, als eine einzige erscheinen sollten. 

Z.B. die höchste Handlung der Intelligenz sey die, sich selbst zu setzen, so ist gar nicht nothwendig, dass diese Handlung der Zeit nach die erste sey, die zum deutlichen Bewusstseyn komme; und eben so wenig ist nothwen- dig, dass sie jemals rein zum Bewusstseyn komme, dass die Intelligenz je fähig sey, schlechthin zu denken: Ich bin, ohne zugleich etwas anderes zu denken, das nicht sie selbst sey. 

Hierin liegt nun der ganze Stoff einer möglichen Wissenschaftslehre, aber nicht diese Wissenschaft selbst. Um diese zu Stande zu bringen, dazu gehört noch eine, unter jenen Handlungen allen nicht enthaltene Handlung des menschlichen Geistes, nemlich die, seine Handlungsart überhaupt zum Bewusstseyn zu erheben. Da sie unter jenen Handlungen, welche alle nothwendig, und die nothwendigen alle sind, nicht enthalten seyn soll, so muss es eine Handlung der Freiheit seyn. – 

Die Wissenschaftslehre entsteht also, insofern sie eine systematische Wissenschaft seyn soll, gerade so, wie alle möglichen Wissenschaften, insofern sie systematisch seyn sollen, durch eine / Bestimmung der Freiheit; welche letztere hier insbesondere bestimmt ist, die Handlungsart der Intelligenz überhaupt zum Bewusstseyn zu erhe- ben; und die Wissenschaftslehre ist von anderen Wissenschaften nur dadurch unterschieden dass das Object der letzteren selbst eine freie Handlung, das Object der ersteren aber nothwendige Handlungen sind. 

Durch diese freie Handlung wird nun etwas, das schon an sich Form ist, die nothwendige Handlung der Intel- ligenz, als Gehalt in eine neue Form, die Form des Wissens, oder des Bewusstseyns aufgenommen, Und dem- nach ist jene Handlung eine Handlung der Reflexion. Jene nothwendigen Handlungen wer den aus der Reihe, 
in der sie etwa an sich vorkommen mögen, getrennt und von aller Vermischung rein aufgestellt; mithin ist jene Handlung auch eine Handlung der Abstraction. Es ist unmöglich zu reflectiren, ohne abstrahirt zu haben.


*) ['Gesetz' ist dasjenige, was die Handlung bestimmt; es wird sich finden, dass es sich um das Wollen und den Zweckbegriff handelt. JE]
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Über den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S. 70ff.



Nota. - Dass die wirklichen Wissenschaften, die wir kennen, aus einem Akt der Freiheit entstanden wären, ist mehr als diskutabel. Medizin und Astronomie sind aporetisch, durch Ansammeln empirischer Beobachtungen anhand gegebener praktischer Probleme entstanden; Mechanik und Ballistik nicht minder. Arithmetik und Geo- metrie dürften von Beginn einen spekulativen Anteil gehabt haben. Zu sagen, Wissenschaft im eigentlichen Sinn wurden sie erst, als die disparaten Einzelbefunde unter einem Grund-Begriff in ein System gefasst wurden, wäre richtig; wäre aber Wortspielerei. Wahr ist aber zum Beispiel, dass die Chemie erst im letzten Drittel des 19. Jahr- hunderts zur Wissenschaft wurde, als ihr die Unterscheidung in organische und anorganische unterlegt wurde. 


*

Das ist aber nicht, worauf es ankommt. Der entscheidende Gedanke ist, dass das tatsächliche menschliche Wissen ein System ist. Nicht so, dass das Wissens eines jeden Menschen ein System wäre oder er es sich als ein solches auch nur vorstellte. Dass es ein System ist, erweist sich daran, dass es von den Wissenschaftlern als ein solches darstellbar ist. Das bedeutet nicht, dass es keine Lücken hätte oder ohne Widersprüche sei. Die Wider- sprüche besagen nur, dass zwischen zwei einander widersprechenden Forschungsergebnissen das vermittelnde Glied noch nicht gefunden ist. Dass es einmal gefunden werden kann, ist jedoch die Prämisse der Wissenschaft - nämlich die, dass Vernunft herrschen kann, weil sie herrschen soll. Denn wenn nicht, gäbe es kein Wissen noch Wissenschaft.
'Dem diskursiven Denken liegt als Prämisse die ungeahnte Fiktion zugrunde, der logische Raum – Ein und Al- les – sei eine geschlossene Sphäre, deren Umfang lückenlos von Begriffen angefüllt ist, die einander wechselsei- tig bestimmen. 

In unserer wirklichen Vorstellung ist die Welt hingegen ein – 'zwar endlicher, aber unbegrenzter' – Raum, in dem Bedeutungen teils so nah bei einander liegen, dass sie einander berühren, ineinander verfließen und bei genauem Hinschauen gar nicht recht zu unterscheiden sind; und teils ganz beziehungslos neben einander liegen ohne ein Drittes, an dem sie wenigstens zu vergleichen wären.

Das logische Ein und Alles verhält sich zum wirklichen Vorstellen etwa so, wie die Welt des naturwissenschaft- lichen Labors zu den Dingen unseres Mesokosmos.'


*

Und wenn auch keiner mehr das Wort Vernunft in den Mund nehmen mag - dass sie sich der diskursiven Me- thode befleißigen, nehmen alle in Anspruch. Die Wissenschaftslehre als 'echter durchgeführter Kritizismus' macht sich zur Aufgabe, die Pämisse auf ihre Berechtigung zu prüfen. Das tut sie aus Freiheit und ohne Not- wendigkeit.
JE






Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog.  
JE