Michael Rittmeier, pixelio.de
Es
wäre wohl möglich, dass Fichte Erfinder einer neuen Art zu denken wäre –
für die die Sprache noch keinen Namen hat. Der Erfinder ist vielleicht
nicht der fertigste und sinnreichste Künstler auf seinem Instrument – ob
ich gleich nicht sage, daß es so sei. - Es ist aber wahrscheinlich,
dass es Menschen gibt und geben wird, die weit besser Fichtisieren
werden, als Fichte. Es können wunderbare Kunstwerke hier entstehen – wenn man das Fichtisieren erst artistisch zu treiben beginnt.
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Novalis, Logologische Fragmente [a], N° 11
Nota. - Ich wäre vermessen, wollte ich vorgeben, das Fichtisieren artistisch zu treiben. Doch scholastisch und philologisch treibe ich es jedenfalls nicht. Und mein Fluchtpunkt ist ein unverhohlen ästhetischer.
Von "Artisten-Metaphysik" hat einer geredet wie von einer Zukunftsmusik. Die Wissenschaftslehre hat er nicht gekannt. Freilich lag sie auch erst noch unvollendet vor.
JE
So ist es, ich weiss es
unmittelbar. Aber ich habe mit der
Speculation mich einmal eingelassen; die Zweifel, welche sie in mir
erregt hat, werden insgeheim fortdauern, und mich beunruhigen. Nachdem
ich nun in diese Lage mich gesetzt habe, kann ich keine vollkommene
Befriedigung erhalten, ehe nicht alles, was ich annehme, selbst vor dem
Richterstuhle der Speculation
gerechtfertigt ist. Ich habe mich sonach zu fragen: wie wird es so?
Woher entsteht jene Stimme in meinem Innern, welche mich aus der
Vorstellung herausweist?
Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängiger
Selbstthätigkeit. Nichts ist mir unausstehlicher, als nur an einem
anderen, für ein anderes, und durch ein anderes zu seyn: ich will für
und durch mich selbst etwas seyn und werden. Diesen Trieb fühle ich,
sowie ich nur mich selbst wahrnehme; er ist unzertrennlich vereinigt mit
dem Bewusstseyn meiner selbst.
Ich mache mir das Gefühl desselben durch das
Denken deutlich, und setze gleichsam dem an sich blinden Triebe Augen
ein, durch den Begriff. Ich soll, zufolge dieses Triebes, / als ein schlechthin selbstständiges Wesen handeln; so fasse und übersetze ich jenen Trieb. Ich
soll selbstständig seyn. –
Wer bin Ich? Subject und Object in Einem,
das allgegenwärtig Bewusstseyende und Bewusste, Anschauende und
Angeschaute, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich durch
mich selbst seyn, was ich bin, schlechthin durch mich selbst
Begriffe entwerfen, schlechthin durch mich selbst einen ausser dem
Begriffe liegenden Zustand hervorbringen. Aber wie ist das letztere
möglich? Schlechthin an Nichts kann ich kein Seyn anknüpfen; aus Nichts
wird nimmer Etwas; mein objectives Denken ist nothwendig vermittelnd.
Ein Seyn aber, das an ein anderes Seyn angeknüpft wird, wird eben dadurch durch dieses andere Seyn begründet, und ist kein erstes ursprüngliches und die Reihe anhebendes, sondern ein abgeleitetes Seyn. Anknüpfen muss ich; an ein Seyn kann ich nicht anknüpfen.
Nun aber ist mein Denken und Entwerfen eines
Zweckbegriffes seiner Natur nach absolut frei – und etwas aus dem Nichts
hervorbringend. An ein solches Denken müsste ich mein Handeln
anknüpfen, wenn es als frei und als schlechthin aus mir selbst
hervorgehend soll betrachtet werden können.
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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 249f.
Nota.
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mare-me
Die Sprachzeichen nemlich sind durch die Hände der Gedankenlosigkeit
gegangen, und haben etwas von der Unbestimmtheit derselben angenommen;
man kann durch sie sich nicht sattsam verständigen.
Nur dadurch, dass
man den Act angiebt, durch welchen ein Begriff zu Stande kommt, wird
derselbe vollkommen bestimmt. Thue, was ich dir sage, so wirst du
denken, was ich denke. Diese Methode wird auch im Fortgange unserer
Untersuchung ohne Ausnahme beobachtet werden.
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Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, [1797] SW I, S. 523
Nota I. - Die Wissenschaftslehre ist nicht Konstruktion aus ruhenden Begriffen, sondern Anleitung zum tätigen Vorstellen.
Die Unangemessenheit der Begriffe kommt aber nicht erst aus ihren Verschleifungen im 'Sprachspiel'; sondern daher, dass ein System von Begriffen erst aus der transzendentalen Rekonstruktion der Vernunft als deren Ergebnis hervorgehen kann: Das Ganze bestimmt seine Teile, vor Vollendung des Ganzen sind die Teile nicht anders zu gebrauchen denn als Mittel der Kritik.
Das, was im Verlauf der Wisssenschaftslehre 'zustande kommt', sind Vorstellungen; aus denen werden neue Vor- stellungen entwickelt. Die dabei Schritt für Schritt entstehenden Begriffe werden 'für spätere Verwendung' abge- legt; unmittelbar dienen sie erst als Instrumente des (Fort-)Bestimmens der Vorstellungen.
Nota II. - Material ist Vernunft ein Bild der realen wie idealen Welt.
JE
Idrac, Merkur
Der
unmittelbare Gegenstand der Wissenschaftslehre ist das gemeine Bewusstsein. Sie
hat ihn nicht gewählt, er ist ihr als solcher gegeben.
Er ist gegeben
als ein System von Begriffen. Als ein
solches ist es Vernunft. Es ist eine Welt
von Vorstellungen, die durch ihre Fassung in Begriffe mitteilbar ist, und
allen Teilnehmern des Verunftverkehrs ist anzumuten, sie mit allen andern zu
teilen. Die Teilnahme am Vernunftverkehr macht die Vernünftigkeit der
Individuen aus; was anders als das Teilen von Vorstellungen könnte sinnvoller
Weise Vernunft genannt werden? Dass sie es können, wissen wir, weil sie es tun.
Das ist die
Gegebenheit.
Um zu
verstehen, was sie ist, muss verstanden werden, woher sie kam – wie sie sich
woraus entwickelt hat. Es gilt, die Entwicklung der Vorstellungen
nach-zu-vollziehen, die von der Gemeinschaft der vernünftigen Wesen zu einem
Begriffssystem gefasst wurden.
Nicht werden –
etwa durch eidetische Reduktion – am Grunde der Begriffe die 'Wesen' geschaut,
die in ihnen gefasst wurden. Vorstellungen sind nicht an-sich da. Sie können nur
das Produkt einer Tätigkeit sein – des Vorstellens: Einer stellt vor. Die
Rekonstruktion ist eine genetische Konstruktion von einem ersten Akt aus – dem ersten Vorstellen.
Ich stelle vor.
Darin ist ein Etwas enthalten, das vorgestellt wird,
und ein Jemand, der vorstellt. Woher
das Etwas, woher der Jemand? Sie können dem ersten Akt nicht vorausgesetzt
werden, denn dann wäre er kein erster
Akt. Etwas und Jemand müssen aus und in diesem Akt selbst entstehen.
'Das Ich setzt
sich, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt.'
Wo findet der
Akt statt?
Diesen Ort
wollen wir Einbildungskraft nennen; ein ursprünglich produktives Vermögen,
das angenommen werden muss, wenn
erklärt werden soll, was zu erklären
ist – das Bewusstsein.
Woher stammt
die?
Trieb.
Woher dieser?
Wollen.
Bis hierher
führt der analytische Vor-Gang der
Wissenschaftslehre. Weiter muss sie nicht führen. Es ist das wirkliche
Bewusstsein wirklicher Menschen, das erklärt werden soll. Wo das alles sich abspielt, gehört zu den Gegebenheiten. Es ist ein
animal. Wie aus den organischen
Trieben eines Angehörigen der Familie Homo ein freies Wollen werden konnte,
muss nicht mehr die Wissenschaftslehre erklären. Es wäre Sache der – so oder so
zu bestimmenden – Anthropologie. Der Wissenschaftslehre reicht es zu zeigen, dass es geschehen sein muss, und
wo.
An der Stelle
beginnt nun der synthetische Gang der
Wissenschaftslehre.
Wollen und
Vorstellen bilden eine Art Doppelhelix. Eins kann nicht ohne das andre. Der Kern der neueren Dialektik ist dies. Das Wollen ist in diesem Wechselspiel das gewissermaßen Reale, das Vorstellen ist sein ideales Gegenstück. Was das eine
wirklich tut, 'stellt' das andere 'sich vor': Schaut es an. Im Anschauen erblickt es nicht nur das Getane, Produkt, sondern im Anschauen
des Tuns erblickt es zugleich den Tuenden,
Tätigen; "Ich".
*
Diese beiden Gänge reproduziert die Wissenschaftslehre auf Schritt und Tritt in ihrem reell-ideellen Fortgang: Das hat das Ich getan. - Was hat es getan, indem es...? - Das konnte es nur, wenn und sofern...
30. 5. 15
aus dem Internet
Der Idealismus erklärt [...] die Bestimmungen
des Bewusstseyns aus dem Handeln der Intelligenz. Diese ist ihm nur
thätig und absolut, nicht leidend; das letzte nicht, weil sie seinem
Postulate zufolge erstes und höchstes ist, dem nichts vorhergeht, aus
welchem ein Leiden desselben sich erklären liesse.
Es kommt aus dem
gleichen Grunde ihr auch kein eigentliches Seyn, kein Bestehen
zu, weil dies das Resultat einer Wechselwirkung ist, und nichts da ist,
noch angenommen wird, womit die Intelligenz in Wechselwirkung gesetzt
werden könnte. Die Intelligenz ist dem Idealismus ein Thun, und absolut nichts weiter; nicht einmal ein Thätiges soll man sie nennen, weil durch diesen Ausdruck auf etwas bestehendes gedeutet wird, welchem die Thätigkeit beiwohne.
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Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, S. 440
Nota. - Intelligenz ist Tätigkeit, Wollen, Trieb, Einbildungskraft, und teilt mit ihnen diese ihre einzige Bestimmt- heit: Sie 'ist' nur noumenal; man nimmt sie an, um das wirkliche Vorstellen erklären zu können. Sie ist der Sinn, den man vorne hineintut, um ihn hinten herauszufinden. Die Frage ist, ob er das aushält. Man muss es eben versuchen.
JE
Nota. Das
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Martina Taylor, pixelio.de...
Das Ich muss jenen Widerstreit entgegengesetzter Richtungen,
oder, welches hier das gleiche ist, entgegenge- setzter Kräfte setzen;
also weder die eine allein, noch die zweite allein, sondern beide; und
zwar beide im Wi- derstreite, in entgegengesetzter, aber völlig
sich das Gleichgewicht haltender Thätigkeit.
Entgegengesetzte Thätigkeit
aber, die sich das Gleichgewicht hält, vernichtet sich, und es bleibt
nichts. Doch soll etwas bleiben und gesetzt werden: es bleibt demnach
ein ruhender Stoff, etwas Krafthabendes, welches die- selbe wegen
des Widerstandes nicht in Thätigkeit äussern kann, ein Substrat der
Kraft, wie man sich jeden Augenblick durch ein mit sich selbst
angestelltes Experiment überzeugen kann. Und zwar, worauf es hier
eigentlich ankommt, bleibt dieses Substrat nicht als ein vorhergesetztes, sondern als blosses Product der Vereinigung entgegengesetzter Thätigkeiten. Dies ist der Grund alles Stoffs, und alles möglichen bleibenden Substrats im Ich (und ausser dem Ich ist nichts), wie sich immer deutlicher ergeben wird.
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Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen, SW I, S. 336.
Nota. - Hier wird er mysteriös. 'Es soll' etwas übrigbleiben, wohl wahr. Die Transzendentalphilosophie soll aber herausfinden, wie das möglich ist. Es reicht nicht, es bloß zu behaupten. Tätigkeit plus Antitätigkeit ergibt Untä- tigkeit = nichts, aber kein Schweben, das ein Spur hinterlassen könnte. Im besten Fall noch: zurück auf Anfang; nur, beim zweiten Versuch wäre das Ergebnis kein anderes. Wir kämen also nie vom Fleck.
Es handelt sich nicht um Physik. Es handelt sich um den Gang der Vorstellung. Im Vorstellenden muss eine Spur des Schwebens erhalten sein, die ihn zum Bestimmen herausfordert und ihm das unbestimmt Schwebende zu einem bestimmbaren Stoff werden lässt. - Wozu hat er denn im vorangegangenen Absatz der reinen Tätigkeit keine Anti tätigkeit, sondern eine unreine Tätigkeit entgegengesezt? Verunreinigt wurde die reine Tätigkeit vom Widerstand des Nichtich, auf den sie inzwischen gestoßen war. Der Zusammenstoß war das Schweben (die 'erste Synthesis'). Von ihm bleibt eine Spur = Bestimmbarkeit.
Er hat es sich einmal eingebrockt: Er will das Vorstellen selbst darstellen, das aber kann er immer nur auf diskursive Weise durch das Verknüpfen von Begriffen. Sicher ist das ein inadäquates Medium, aber wir haben sonst keins. Dass im Resultat gelegentlich auf lächerliche Weise Haare gespalten werden, muss man wohl oder übel in Kauf nehmen.
JE
M. Großmann / pixelio.de
Der in der Grundlage beschriebene Widerstreit entgegengesetzter
Richtungen der Thätigkeit des Ich ist etwas im Ich unterscheidbares. Er
soll, so gewiss er im Ich ist, durch das Ich im Ich gesetzt; er muss
demnach zuvörderst unterschieden werden. Das Ich setzt ihn, heisst
zuvörderst: es setzt denselben sich entgegen.
Es ist bis jetzt, d.h. auf diesem Puncte der
Reflexion, im Ich noch gar nichts gesetzt; es ist nichts in demselben,
als was ihm ursprünglich zukommt, reine Thätigkeit. Das Ich setzt
etwas sich entgegen, heisst also hier nichts weiter, und kann hier
nichts weiter heissen, als: es setzt etwas nicht als reine Thätigkeit.
So wurde demnach jener Zustand des Ich im Widerstreite gesetzt, als das
Gegentheil der reinen, als gemischte, sich selbst widerstreben- de und
sich selbst vernichtende Thätigkeit. – Die jetzt aufgezeigte Handlung
des Ich ist bloss antithetisch.
...
Aber
es wurde schon in der Grundlage erinnert, dass, wenn der Widerstreit je
im Ich gesetzt werden und aus demselbem etwas weiteres folgen solle,
durch das bloße Setzen der Widerstreit als solcher das Schweben der Einbildungskraft zwischen den Ent-/gegegengesetzten aufhören, dennoch aber die Spur desselben als ein Etwas, als ein möglicher Stoff übrigbleiben müsse.
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Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen, SW I, S. 335f.
Nota. - Das Ich ist im ersten Gang der Wissenschaftslehre zurückgeführt worden auf reine Tätigkeit. Sie wird ihrerseits zurückgeführt werden auf ein reines Wollen, doch das spielt hier schon keine Rolle mehr. Was immer das Ich also außer sich und gar sich entgegen setzen mag, kann in jedem Fall nur sein: keine reine Tätigkeit. Nicht-Tätigkeit wäre zu viel: Denn das wäre die Auslöschung des Ich, und es bliebe nichts. Es muss also die reine Tätig- keit sich in sich selbst unterscheiden. Es ergeben sich zwei Tätigkeiten, die einander aufwiegen - nicht nichts, sondern ein Schweben. Soll daraus etwas folgen - und das soll es, denn es soll ja die Wirklichkeit der Vernunft re-konstruiert werden -, muss als "Spur" ein unerledigter Rest bleiben.
Der Ausgangspunkt ist immer - nicht die Tabula rasa, nicht der Zustand vor der Schöpfung, in den die philoso- phische Spekulation ihre selbstgemachten Prämissen hineinpostuliert, sondern - das historische Faktum, dass Ver- nunft ist. Von dieser Tatsache aus wird zurückgegangen auf die Bedingungen, die gegeben sein mussten, damit sie werden konnte.
Das heißt Vernunftkritik. Kant hat sie begonnen, ist aber bei dem, was er das Apriori nennt, stehen geblieben. Fichte löst auch die Kategorien und Anschauungsformen in die reine Tätigkeit eines unvermeidlich anzuneh- menden Ich auf.
An obiger Stelle ist er schon wieder auf dem Rückweg: Aus den als notwendig aufgefundenen Bedingungen verfolgt er die Ausvildung der Vernunft zu ihrem heute gegebenen System.
JE