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Montag, 18. Juli 2016

Sein ist eine negative Größe.

Philipp Colla, El Capitán

Das Ich in C wurde gefunden als sich selbst setzend; wurde in C nicht in Tätigkeit, sondern in Ruhe gefunden, als ein sich selbst setzendes Gesetztes. Seine Tätigkeit als solche ist aufgehoben, sie ist eine ruhende Tätigkeit, die aber doch eine Anschauung ist und bleibt. Wie nun allenthalben die Anschauung einem Begriffe entgegen-steht und sie selbst nur durch diesen Begriff möglich ist, so ists auch hier. Dies [dem] C Entgegengesetzte ist nun das, was wir oben D nannten. Der Charakter des Begriffs überhaupt ist Ruhe, nun ist C als Anschauung betrachtet schon Ruhe, da nun D in Rücksicht auf C Ruhe ist, so ist es Ruhe der Ruhe; was ist nun D?

Indem C dem D entgegengesetzt wird, ist es allerdings Tätigkeit, die durch freie Selbstbestimmung zur wirk-lichen Tätigkeit hervorgerufen werden kann. Es ist Tätigkeit dem Wesen nach (C ist Tätigkeit des Ich als Sub-stanz betrachtet, wovon weiter unten, denn hier bleibt es bloße Redensart.) Das Gegenteil dieser Tätigkeit D wäre nun reelle Negation von Tätigkeit, nicht bloß Privation, die Tätigkeit Aufhebendes, Vernichtendes, nicht Zero, sondern negative Größe. Dies ist der wahre Charakter des eigentlichen Seins, dessen Begriff man mit Un-recht für einen ersten unmittelbaren gehalten hatte – denn der einzige unmittelbare Begriff ist der der Tätigkeit.


Sein negiert in Beziehung auf ein außer dem Sein gesetztes Tätiges; durch Sein wird Machen aufgehoben. Was ist, kann nicht gemacht werden. Sein negiert Zweck in Beziehung auf das Setzende; was ich bin, kann ich nicht werden.
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Wissenschaftslehre nova methodo, 
Hamburg 1982, S. 41



Nota. - Die Dialektik von A, B, C und D ist schwindelererregend. Ob das wirklich nötig war? Aber ich denke, er wollte nunmal auf seine Schlussfolgerung heraus: Der 'erste, unmittelbare' Begriff ist nicht Sein, sondern Tätig-keit. Sein ist nicht nur ein Mangel an Tätigkeit, sondern Anti-Tätigkeit, Wider(Gegen-)stand der Tätigkeit.

So entpuppt sich die radikale Transzendentalphilosophie, "echter durchgeführter Kritizismus", nicht bloß als eine implizite Anthropologie, sondern als eine Metaphysik sui generis, im allerstärksten Sinn: eine aktualistische Fundamentalontologie; als solche aber keine theoretische Voraussetzung, sondern praktisches Postulat
JE



Mittwoch, 19. Februar 2014

Die Wissenschaftslehre ist nur hintenrum eine Anthropologie.


althaus kommunaltechnik

Die Wissenschaftslehre ist, metaphilosophisch gesprochen, eine aktualistische Fundamentalontologie. Wo sie von Sein spricht, ist immer nur ein (unbedingtes) Gelten gemeint. Es gilt etwas nur in einem, durch einen und für einen Akt. Geltung ist das, was einen Akt a posteriori rechtfertigen oder a priori begründen kann. Mit andern Worten, in der Wissenschaftslehre ist überhaupt nur von tätigen Subjekten die Rede - sofern sie Sub- jekte, nämlich tätig sind. Die lediglich leidenden Objekte sind Gegenstand der empirischen ("historischen") Realwissenschaften.

In ihrer Durchführung ist die Wissenschaftslehre Kritik; Kritik der Vernunft überhaupt: die Rückführung aller Geltungen auf Setzungen. Die setzende Vernunft (nur eine solche 'gibt es') ist das einzige 'Vermögen' der Menschen als solcher, nämlich sofern sie Ich sagen können-wollen-dürfen. Es ist das, was ihnen als Menschen gemeinsam ist, und nicht das, was sie als lebende Personen voreinander auszeichnet. Letzteres ist all solches, worüber die Vernunft nicht zu verfügen hat. So alle ästhetischen Urteile.

Nach dieser Kritik sind alle als vorgegeben begegnende Geltungen in historische Setzungen aufgelöst und bleibt übrig das Subjekt nackt und bloß: Was immer als gültig überkommen war, ist nach dem Wie und Woher, ist nach den historischen Umständen seiner Setzung zu überprüfen und zu bejahen oder zu verwerfen. Da immer Neues hinzudrängt, ist es mit dem Überprüfen niemals getan, es hat zu geschehen "in Permanenz". (Doch Manches ist schon nur allzu bekannt.)

Und so herum wird die Wissenschaftslehre dann doch zu einer Anthropologie - und zu einem Hinweis für die rechte Lebensführung. Die aber bleibt ein ewig aktual zu lösendes Problem: die Vereinbarung von unserer mit meiner Welt.*


*) Ich kann mich inzwischen genauer ausdrücken: die ewig akutal zu lösende Frage, bis wohin Vernunft zu reichen hat und wo sie nicht mehr hingehört.
JE


Samstag, 22. September 2018

Eine aktualistische Fundamentalontologie.


Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu handeln bestimmt sind; die praktische Vernunft ist die Wurzel aller Vernunft. Die Handelsgesetze für vernünftige Wesen sind unmittelbar gewiss:* ihre Welt ist gewiss nur dadurch, dass jene gewiss sind

Wir können den ersteren nicht absagen, ohne dass uns die Welt, und mit ihr wir selbst in das absolute Nichts versinken; wir erheben uns aus diesem Nichts, und erhalten uns über diesem Nichts lediglich durch unsere Moralität.
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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 263

*) "Die Moral sagt schlechterdings nichts Bestimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Ge- setz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen." Novalis, Allge- meines Brouillon, N°670
 

Nota I.
- Ab hier wird die Wissenschaftslehre zu einer Fundamentalontologie. Sein ist Dasein und Dasein ist Handeln-müssen. Das ist keine Metaphysik, die aus Begriffen konstruiert. Es ist eine Existenzphilosophie, auf theortischen Erwägungen beruht sie nur ex negativo. Sie kann vielmehr als Metaphilosophie das theoretische Wissen ihrerseits begründen.


28. 4. 14 

Nota II. - "Ab hier wird...": Philosophisch ist das richtig, philologisch ist es falsch. In der Bestimmung des Menschen vollzieht Fichte vielmehr auf Jacobis Einrede hin seine dogmatische Abkehr von der Transzendentalphiloso- phie. Obiges Zitat stammt aus dem Zweiten Buch unterm Titel "Zweifel". Dort entwickelt er mit einiger Radi- kalität die nihilistischen Konsequenzen der Kritischen Philosophie. Im Dritten Buch, "Wissen", bekehrt er sich zu einer realistischen, neodogmatischen proiectio per hiatum irrationalem (die er aber zugleich Jacobi vorwirft).  

Jacobis Einwände waren ausdrücklich nicht philosophisch begründet. Er bestätigt Fichte im Gegenteil, die Wissenschaftslehre sei wirklich, wie jener behauptete, die regelrechte und konsequente Vollendung der Kant- schen Kritik. Sein Einwand ist weltanschaulisch und moralistisch motiviert: Wäre sie nur auf sich selbst gestellt, schwebte die Vernunft in der Luft und hätte nichts, woran sie sich halten kann. Ein sittliches Leben sei so nicht möglich. 


Das traf Fichte härter als der Vorwurf des Atheismus. Für ihn sollten Vernunft und Sittlichkeit einander ver- bürgen und momöglich 'letzten Endes dasselbe' sein, denn um die richtigen Zwecke geht es ja beiden. Das Problem ist dann aber die Richtigkeit der Zwecke. Der radikale Kritizist wird sagen: Die wird sich finden. Aber so radikal war Fichte doch nicht. Im tiefsten Herzen wollte er glauben: Sie wird sich wieder finden. 

Doch ohne Streit weder dieses noch jenes.
JE