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Sonntag, 10. November 2013

Über den Witz.


Maria Reinfeld, pixelio.de
Witz ist eine sehr ernsthafte Sache.
Erste Wissenschaftslehre von 1804, Stuttgart 1969, S. 8 

Witz ist die Mittheilung der tiefen, d.h. der in der Region der Ideen liegenden Wahrheit, in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit. –  In ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, sage ich, und insofern ist der Witz der Mittheilung derselben Wahrheit in einer Kette des bündigen Räsonnements entgegengesetzt. 

Wenn z.B. der Philosoph eine Idee in allen ihren einzelnen Bestandtheilen Schritt vor Schritt zerlegt, jeden dieser Bestandtheile, einen nach dem andern, durch eines jeden eigenthümlichen Grenzbegriff bestimmt, und von ihm unterscheidet, so lange bis die ganze Idee erschöpft ist: so geht er den Weg der methodischen Mittheilung, und beweiset mittelbar die Wahrheit seiner Idee. 

Gelingt es ihm nun etwa noch zum Beschlusse das Ganze in seiner absoluten Einheit in einen einzigen Lichtstrahl zu fassen, der es wie ein Blitz durchleuchte und abgesondert hinstelle, und jeden verständigen Hörer oder Leser ergreife, dass er ausrufen müsse: ja wahrhaftig so ist es, jetzt sehe ich es mit einemmale ein; so ist dies die Darstellung der aufgegebenen Idee in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, oder die Darstellens derselben durch den Witz: und hier zwar durch den directen oder positiven Witz.
Grundzüge des gegenwärtigen. Zeitalters, SW VII, 5. Vorlesung, S. 75f.



Nota.

So geht es natürlich auch: Er gibt erst seinen Witz zum Besten und erklärt ihn danach; oder irgendein anderer, der ihn verstanden hat.

Didaktisch ist das sogar geschickter.
JE.

  

Sonntag, 10. August 2014

Witz ist eine ernste Sache.


Spitzweg, Aschermittwoch

Witz ist eine sehr ernsthafte Sache.
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Erste Wissenschaftslehre von 1804, Stuttgart 1969, S. 8
 



Witz ist die Mittheilung der tiefen, d.h. der in der Region der Ideen liegenden Wahrheit, in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit. – 

In ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, sage ich, und insofern ist der Witz der Mittheilung derselben Wahrheit in einer Kette des bündigen Räsonnements entgegengesetzt. Wenn z.B. der Philosoph eine Idee in allen ihren einzelnen Bestandtheilen Schritt vor Schritt zerlegt, jeden dieser Bestandtheile, einen nach dem andern, durch eines jeden eigenthümlichen Grenzbegriff bestimmt, und von ihm unterscheidet, so lange bis die ganze Idee erschöpft ist: so geht er den Weg der methodischen Mittheilung, und beweiset mittelbar die Wahrheit seiner Idee.

Gelingt es ihm nun etwa noch zum Beschlusse das Ganze in seiner absoluten Einheit in einen einzigen Lichtstrahl zu fassen, der es wie ein Blitz durchleuchte und abgesondert hinstelle, und jeden verständigen Hörer oder Leser ergreife, dass er ausrufen müsse: ja wahrhaftig so ist es, jetzt sehe ich es mit einemmale ein; so ist dies die Darstellung der aufgegebenen Idee in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, oder die Darstellens derselben durch den Witz: und hier zwar durch den directen oder positiven Witz. 
 

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Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, SW VII, 5. Vorlesung, S. 75f. 

 

Freitag, 26. Februar 2016

Witz ist eine ernste Sache.


  

Witz ist eine sehr ernsthafte Sache. 
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J. G. Fichte, Erste Wissenschaftslehre von 1804, Stuttgart 1969, S. 8 









Sonntag, 14. April 2019

Transzendentale Deduktion des Nervensystems.



Die Modifikation des Organs für die Einwirkung durch Freiheit soll auf das für die Einwirkung durch Zwang gar keinen Einfluss haben, soll dasselbe ganz und völlig frei lassen. Demnach muss die feinere Materie nur auf das erstere Organ, auf das letztere [aber] gar nicht einfließen, dasselbe nicht hemmen und binden können: Es muss daher sein eine solche Materie, deren Bestandteile gar keinen dem niederen , d. h. gezwungenen Sinne bemerkbaren Zusammenhang haben. 

Ich eigne in dem beschriebenem Zustande mir das Vermögen zu, auf diese subtilere Materie zurückzuwirken durch den bloßen Willen, vermittelst einer Affektien des höhere Organs durch das niedere; denn es ist aus- drücklich gesagt worden, dass ich eine solche Bewegung des niederen Organs zurückhalten müsse, um die im höheren hervorgebrachte Bestimmung nicht zu zerstören: mithin auch der unmittelbar damit in Verbindung sehenden subtileren Materie eine ander Bestimmung zu geben. Die subtilere Materie ist also für mich modifikabel durch den bloßen Willen.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 70
 



Nota. - Verwirrend bleibt, dass er das jeweilige - höhere und niedere - Organ nochmal unterscheidet von seiner je gröberen oder feineren Materie. Es ist die Unterscheidung zwischen der jeweiligen organischen Zusammen- setzung und der Funktion des Organs im Lebensprozess.

Ja, er hat die Existenz eines 'höheren' Nervensystems in einem 'niederen' fleischlichen Leib transzendental de- duziert. Da eine Funktion in der Erfahrung gegeben ist, darf auf die Gegebenheit eines dafür erforderlichen Organs rückgeschlossen werden. Und gibt es zwei Funktionen, dann gibt es zwei Organe.

Wie die Umsetzung geistiger Willensakte in muskuläre Bewegung im Einzelnen vor sich geht, ist nicht Thema der Philosophie, sondern der empirischen Forschung, und bildet die unüberwindliche Scheidelinie zwischen beiden. F. hatte sich an der Stelle - und würde sich noch heute - zurückhalten müssen, denn die Wissenschaft seiner Zeit war noch ganz in Spekulationen verstrickt, vorangetrieben und zugleich kompromittiert durch den "Geisterseher" Emanuel Swedenborg.

*

Auch ohne dies bleibt die Frage, welchem Erkenntniszweck diese Erörterungen dienen. Der Rechtsbegriff ist aufgestellt und seine Implikation im Begriff der Vernunft nachgewiesen. Seine ferneren Bestimmungen wären Sache der Politik, deren Begriff ihrerseits erst unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft umfassend bestimmt werden konnte. Von dieser Voraussetzung konnte F. aber nicht wohl ausgehen. Will er dem fakti- schen Mangel theoretisch abhelfen durch Strecken des philosophischen Radius?


Berichtigung

Ich hab ihn falsch verstanden. Ich war so früh von der Idee eingenommen, er wolle zu der zeitgenössichen Spekulation über tierischen Galvanismus beitragen - Johann Wilhelm Ritter war eben in Jena eingetroffen -, dass mich seine weiteren Ausführungen nicht wieder davon abbringen konnten. Ersteres ist allein mein Fehler, aber zu letzterem hat er sein' Teil beigetragen. Seine Rede ist so vertrackt und abstrakt, dass man wirklich nicht weiß, was man sich unter den verwendeten Begriffen vorstellen soll. Dass er mit der 'subtileren und feineren Ma- terie' nur das Nervesystem meinen konnte, schien mir so nahliegend, dass ich die Andeutungen auf "Luft und Licht" übersehen habe - in der Annahme, er räsonniere noch im Leib, statt zwischen zwei Leibern.

Dass er 'Luft und Licht apriori deduziert' hätte, hat damals manche Feder zum Kratzen gebracht; Luft und Licht lägen doch im Reich des Erfahrung und seien folglich aposteriori! (Selbst Kant hat auf den letzten Seiten des Opus postumum - kurz bevor er für ihn den Titel Philosophie als Wissenschaftslehre in einem vollständigen System auf- gestellt in Erwägung zog - sich über das Sujet den Kopf zerbrochen.) Fichte ist spottend darauf eingegangen* und fragt: Kann denn etwas apriori sein, ohne zuvor aposteriori gewesen zu sein? Im System der Wissenschafts- lehre natürlich nicht. Aber was dort spottend vorgetragen wurde, war hier im Naturrecht ganz bierernst gemeint; nicht als ein philosophischer Witz, wie er ja nach Fichtes Geschmack gewesen wäre. 

Ernst ist das wirklich, denn der Aufschrei der Kritiker war weniger falsch, als F. meinte. Zwar sind Apriori und Aposteriori nicht zwei verschiedene Weltgegenden und was in der einen läge, könnte nicht in der andern liegen. Aber Fichte befindet sich an dieser Stelle bereits in einem Bereich, wo Erfahrung möglich ist, zu transzendentalen Reflexionen ist gar kein Anlass. Warum also tut er so, als ob er selber 'Licht und Luft' - auf jeden Fall ein Medium  - ins Spiel bringen musste? Nicht die 'subtilere und feinere Materie' war da, bevor er sie als Licht und Luft iden- tifizieren konnte, sondern Licht und Luft waren da, bevor er daraus einen Begriff von subtilerer und feinerer Materie abstrahieren konnte; aber mitnichten musste. Wenn er nicht absichtlich die Grenze zwischen Transzen- dentalphilosophie und realer Wissenschaft verwischen wollte, so hat er sie zum Mindesten hier aus dem Auge verloren. 
 *) Annalen des philosophischen Tons, SW II, S. 472ff.) 
JE




Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Freitag, 13. Februar 2015

Je nachdem.



Dass die Welt ist, sei aus transzendentaler Sicht mein Werk; nicht aber, wie sie ist.

Der Witz ist, dass man es ebenso anders herum sehen kann. Der springende Punkt ist also schon die Unterscheidung selbst.



Ob ich tätig werden will oder nicht, liegt nicht in meiner Freiheit, ich bin es schlechthin, oder ich bin nicht; dann wäre ich freilich auch nicht wollend. Indem ich aber tätig bin, finde ich mich beschränkt durch den Gegenstand, und das habe ich nicht gemacht. 

Ich kann die Schranke aber endlos weiten, indem ich meine Tätigkeit dem Gegenstand anmesse: den Gegen- stand weiter bestimme, wie er ist; das liegt in meiner Freiheit. 

Doch die Beschränktheit selbst - die Gegenständlichkeit des Gegenstands - kann ich nicht aufheben; es sei denn im Verzehr.


*

Im als vollendet gedachten System der Vorstellung ist alles zugleich und auf einmal, es gibt kein Zuvor und kein Danach. Im wirklichen Vorstellen und zumal in seiner Darstellung muss ich einen Schritt nach dem andern gehen. Einen ersten Schritt kann ich nur tun, indem auf das Eine achte und von dem Andern absehe. So geschieht es, dass, je von wo aus ich darauf sehe, mal das eine richtig sein mag, und mal sein Gegenteil; wobei das eine womöglich nur in dieser Hinsicht des andern Gegenteil ist.



Dienstag, 14. August 2018

Beginnt die Wissenschaftslehre analytisch?

birgitH, pixelio.de

Ehe wir unseren Weg antreten, eine kurze Reflexion über denselben! – Wir haben nun drei logische Grundsätze; den der Identität, welcher alle übrigen begründet; und dann die beiden, welche sich selbst gegenseitig in jenem be- gründen, den des Gegensetzens, und den des Grundes aufgestellt. Die beiden letzteren machen das synthetische Ver- fahren überhaupt erst möglich; stellen auf und begründen die Form desselben. Wir bedürfen demnach, um der formalen Gültigkeit unseres Verfahrens in der Reflexion sicher zu seyn, nichts weiter. – Ebenso ist in der ersten synthetischen Handlung, der Grundsynthesis (der des Ich und Nicht-Ich), ein Gehalt für alle mögliche künftige Synthesen aufgestellt, und wir bedürfen auch von dieser Seite nichts weiter. Aus jener Grundsynthesis muss alles sich entwickeln lassen, was in das Gebiet der Wissenschaftslehre gehören soll.

Soll sich aber etwas aus ihr entwickeln lassen, so müssen in den durch sie vereinigten Begriffen noch andere ent-halten liegen, die bis jetzt nicht aufgestellt sind; und unsere Aufgabe ist die, sie zu finden. Dabei verfahrt [sic] man nun auf folgende Art. – Nach § 3. entstehen alle synthetische Begriffe durch Vereinigung entgegengesetzter. Man müsste demnach zuvörderst solche entgegengesetzte Merkmale der aufgestellten Begriffe (hier des Ich und des Nicht-Ich, insofern sie als sich gegenseitig bestimmend gesetzt sind) aufsuchen; und dies geschieht durch Refle- xion, die eine willkürliche Handlung unseres Geistes ist. –

Aufsuchen, sagte ich; es wird demnach vorausgesetzt, dass sie schon vorhanden sind, und nicht etwa  / durch un- sere Reflexion erst gemacht und erkünstelt werden (welches überhaupt die Reflexion gar nicht vermag), d.h. es wird eine ursprünglich nothwendige antithetische Handlung des Ich vorausgesetzt. 

Die Reflexion hat diese antithetische Handlung aufzustellen: und sie ist insofern zuvörderst analytisch. Nemlich entgegengesetzte Merkmale, die in einem bestimmten Begriffe = A enthalten sind, als entgegengesetzt durch Re- flexion zum deutlichen Bewusstseyn erheben, heisst: den Begriff A analysiren.
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Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 123f. 



Nota. - Hier in der Grundlage operiert Fichte noch unbefangen mit Begriffen. Dass er sie zuvor aus der tätigen Vor- stellung hätte herleiten müssen, ist ihm erst nachträglich klargeworden, und er hat sich an den Vortrag der Nova methodo gemacht. - Hier also geht er noch umgekehrt vor. Er beginnt bei Begriffen und zerlegt sie in ihre Bedin- gungen. Es ist das dialektische Verfahren a tergo. Es nimmt die Synthesis als gegeben und analysiert die Gegensät- ze, aus denen sie entstanden ist. Dass aber einer sie einander entgegen gesetzt haben muss, kommt so nur mühsam in den Blick. 

Der Grund ist der: Er trägt schon das System vor, von dem er sich ein vorläufiges Bild gemacht hat; nämlich als ein Gegebenes. In Nova methodo dagegen entwirft er dieses Bild Schritt für Schritt vor unseren Augen, und es wird deutlich, dass es nicht nur ein vorläufiges, vorschwebendes, sondern vor allen ein noch zu machendes ist. Er be- ginnt nicht bei Bestimmtem, sondern beginnt zu bestimmen. Das heißt, synthetisch.

Der dialektische Witz dabei ist, dass die Transzendentalphilosophie alias Vernunftkritik historisch ja wirklich beim gegebenen System der Begriffe begonnen hat und anderswo gar nicht beginnen konnte. Aber die analy- tische Reduktion des wirklichen Wissens auf seine erste, letzte Bedingung, von der allein nicht mehr abgesehen kann - das transzendentale Ich - ist nur eine plausible Hypothese. Die Probe auf Exempel wäre erst, wenn sich aus dieser einen, einzigen Bedingung das System unseres Wissens wirklich rekonstruieren lässt. Und das unter- nimmt Nova Methodo.
JE

 


 

Dienstag, 10. Juli 2018

Als ob.

fertigung

Die Wissenschaftslehre ist eine Metapher. 

28. 11. 15.


Das ist ein Witz, gewiss. Und ernst gemeint obendrein. Die Wisssenschaftslehre ist ein Modell, in dem darge- stellt wird, wie man sich vorstellen soll, wie und wodurch die Vernunft entstanden ist. Historisch ist es nicht so ge- wesen, es schwebte kein absolutes Wollen zwischen Himmel und Erde und hat sich eines Tages entschlossen, ein Stück von sich abzureißen und sich-selbst entgegen zu setzen. Aber man muss es sich denken, als ob.