Sonntag, 14. Juni 2015

Das Ich "konstituiert" sich nicht.

lichtkunst.73, pixelio.de 

Anlässlich des zweihundertsten Todestages von Fichte wurde an der Berliner Humboldt-Universität von einer "Aktualität der Wissenschaftslehre" geredet. In den Eingangsbeiträgen ging es darum, wie weit sich gegen- wärtige Diskussionen zwischen amerikanischen 'Analytikern' und 'Pragmatisten' der Fichte'schen Lehre von der Konstituierung des Ich annäherten. Ganz einig waren sich die beiden Referenten nicht, aber es wurde auch nicht recht klar, wo genau die verbleibenden Differenzen zu Fichte liegen.

Auf dem Weg, den sie eingeschlagen hatten, konnten sie sich freilich weder einigen noch Klarheit schaffen. Denn in der Wissenschaftslehre "konstituiert" sich das Ich überhaupt nicht. Nämlich nicht so, dass es nach dem Konstitutionsakt "ist" und bleibt (dann würde es Substanz). Das transzendentale Ich ist nicht, sondern wird lediglich gedacht als Subjekt-Objekt der grundlegenden 'Tathandlung'. Real ist allein die Tätigkeit, nur sie gibt Anschaung und Empfindung, ein Ich wird nicht sichtbar noch fühlbar, es wird nicht erfahren, sondern "erscheint" lediglich der von Fichte so genannten 'intellektuellen Anschuung' im Vollzug der Handlung selbst - und dies nicht 'von allein', sondern als Akt freier Willkür - und wird ausdrücklich nur "dem Philosophen" zugemutet.* Das transzendentale Ich ist kein Realgrund, sondern lediglich Erklärungsgrund für ein tatsäch- liches Handeln.

Doch auch "als Idee" wird sich das Ich nie und nimmer konstituieren. Denn als Idee ist es lediglich das Vernunftwesen, das nie etwas anderes ist als vernünftig, und insofern ein Ideal, das nie erreicht werden wird und an das man sich lediglich "unendlich" annähern kann (ob oder inwiefern man das aber soll, ist wiederum ein Problem).

Und ob sich die Formulierung, wonach ein Ich sich "konstituiert", für die Beschreibung der empirischen, historischen Person eignet, hätten Psychologen und Neurowissenschaftler ohne Beteiligung der Philsophie unter sich auszumachen.

*) Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, 5. Abschnitt, S. 463 



Nota. - Das Ich ist ein Noumenon und kann sich schlechterdings nicht konstituieren. Was allenfalls 'konstituiert', nämlich konstruiert werden könnte, ist das gesamtes System der Wissenschaftslehre - aber nicht 'durch sich selbst', sondern durch den Philosophen, der ein allgemeines Modell dessen entwirft, was unter Vernunft versanden werden soll.

19. 2. 2017




Samstag, 13. Juni 2015

Sittlichkeit ist ohne Begriffe.


Franz Xaver Messerschmidt 

Er sagt: Ist das sittliche Gefühl von der Bildung der Vernunft nicht abhängig? /... Ich antworte ohne weiteres: So wie er die Begriffe nimmt, keineswegs. Die Vernunft, von der er hier redet, ist die theoretische, [die] des Erkenntnisvermögens. Dies sagt aus nur, daß und wie etwas sei: Von einem Handeln, einem Handelnsollen, einem Postulate liegt in ihr schlechterdings nichts, und ich möchte den Künstler sehen, der mir so etwas herausanalysierte, wenn er es nicht erst hineinlegt.
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 140]


Nota. - Das ist denkbar unmissverständlich. Es sei aber nicht verschwiegen, dass er sich eine Hintertür offenlässt: wenn man nämlich die Begriffe anders "nimmt". Würde man etwa den 'Endzweck der Vernunft' als den Oberbegriff nehmen, der allen anderen ihre Gültigkeit zuteilt, dann möchte es möglich sein, auch die Sittlichkeit der 'Vernunft' unterzuordnen - und sie in Begriffe zu fassen. In dem Maße, wie F. stets zwischen einer kritischen und einer dogmatischen Auffassung der Vernunft schwankt, ist er immer wieder mal versucht, die Sittlichkeit - das Rechttun hier und jetzt - der Vernunft einzuverleiben und zu unterwerfen. 
JE



Freitag, 12. Juni 2015

Begriff ist Tätigkeit - als Ruhe aufgefasst; II.



Man nennt die innere Thätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den Begriff. ...

Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst; und so verhält es sich auch mit dem Begriffe des Ich. Die in sich zurück- gehende Thätigkeit als feststehend und beharrlich aufgefasst, wodurch sonach beides, Ich, als Thätiges, und Ich, als Object meiner Thätigkeit, zusammenfallen, ist der Begriff des Ich. 


Im gemeinen Bewusstseyn kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser Bewusstseyn, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusst- seyn der Anschauung erhebt man sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und jede Anschauung mit Bewusstseyn bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit die Richtung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem besonderen Falle, das Object der Anschauung /vor der Anschau- ung vorher daseyn soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung sieht man, dass dieser nichts anderes sey, als die Anschauung selbst, nur nicht als solche, als Thätigkeit, sondern als Ruhe aufgefasst. 
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Versuch einere neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 533f. 



Nota. - Die Anschauung nicht als Tätigkeit, sondern 'in ihrer Ruhe aufgefasst', sollte man eher Vorstellung nennen; denn zum eigentlichen Begriff werden sie erst, wenn sie mit allen denkbaren anderen Vorstellungen in einen gemeinsamen Verweisungzusammenhang gefügt werden - was E. Cassirer ein Symbolnetz nennt.
JE, im März 2014 





Nota. - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Donnerstag, 11. Juni 2015

Tätigkeit, als Ruhe angeschaut, heißt Begriff.



Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, / in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes, es bleibt keine Tätigkeit mehr, sondern ein Produkt, aber nicht etwa ein anderes Produkt als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor dem Vorstellen des Ich vorherging; sondern bloß das Handeln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert; so etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32f. 


Nota: - 'Als ruhend' heißt: außerhalb des Zeitverlaufs; bloß im Raum heißt: als reine Form der Tätigkeit. - Es ist überhaupt nur dieses Vermögen, ein Tun 'als ruhend', als bloße Form aufzufassen und zum Begriff zu bilden, das die Vorstellung von einem An sich denkbar werden ließ.
JE




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Vorstellung kommt vor dem Begriff.


myheimat.de

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich in demselben Moment und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine Anschauung [rück]beziehen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 33
[Rechtschreibung angepasst]



Nota. - Die Wissenschaftslehre hat zum Gegenstand das uns heute gegebene System des Wissens. Dieses will sie verstehen: zurückführen auf seine immanenten Prämissen. Sie beschreibt nicht, wie dieses System in der historischen Wirklichkeit entstanden ist. Entstehen konnte es nur, indem aus den wirklich vorkommenden Vorstellungen progressiv alles für die Systembildung Unbrauchbare ausgeschieden wurde. Es ist Material einer historischen Darstellung. In einer Darstellung des fertigen Systems hat es nicht zu suchen.

Der gegenwärtige Teilhaber dieses Systems - einer 'Reihe vernünftiger Wesen' - kann nicht anders, als seine Vorstellungen mit dem ihm als Apriori gegebenen System ins Verhältnis zu setzen: Seine Vorstellungen drängen zum Begriff. Dass sie von ihm "unzertrennlich" wären, trifft aber nur in der einen Richtung zu: Die Begriffe sind von den in ihnen gefassten Vorstellungen unzertrennlich. Doch nicht gilt die Umkehrung. Nicht jede Vorstellung bedarf ihrer Bestimmung; sondern nur diejenige, die mit den Andern (='vernünftigen Wesen') geteilt werden soll. Was ich ganz für mich behalten darf, mag unbestimmt und begriffslos bleiben.

In einer historischen Darstellung müsste gezeigt werden, dass und wie die Vorstellungen zu Begriffen erst wurden - durch progressives Ausscheiden des Unbrauchbaren im Verkehr.
JE 


Dienstag, 9. Juni 2015

Noch einmal: logisch, historisch, genetisch.



Dem heute, in geschichtlicher Zeit Denkenden erscheint das Reich des Logischen als gegeben: vollständig und auf einmal. Was darin allenfalls als Zeit vorkommt, ist das, was er selber braucht, um alle die möglichen Schlüs- se 'nach-zu-vollziehen'; aber an sich waren sie vor ihm da, immer und ewig.

Tatsächlich ist es jedoch über die Jahrhunderttausende von vielen Generationen durch viele Versuche und Irr- tümer und durch Auslese des Tauglichsten zusammengetragen worden; und wird immer noch zusammenge- tragen. 

Angefangen haben sie mit animistischen Vorstellungen, nach denen sie alles, was ihnen begegnete, so auffass- ten, als wäre es irgendwie ihresgleichen. Der Mythos brachte Ordnung und Hierarchie in das Gewimmel; bis die Philosophen den Grundstein zur Wissenschaft legten. - Die Geschichte der Philosophie verhält sich dazu wie ein entferntes Wetterleuchten. 

Ganz etwas anderes ist es, heute dieses Reich von seinen ersten Anfängen neu errichten zu wollen. So, wie es bis heute geworden ist, hat es Animismus und Mythos nicht zu seinen Voraussetzungen, sondern deren Überreste sind Fremdkörper geworden, die es wo immer möglich auszuscheiden gilt. Die Sätze der Logik dagegen gelten alle zugleich und auf einmal. Man kann keinen auf dem anderen aufbauen. Sie gelten schlechterdings und erklä- ren gar nichts. 

Wer den Grund ihrer Geltung verstehen will, muss ihn nicht im System selber suchen, sondern bei dem, der es errichtet hat - und der Absicht, die er dabei im Sinn gehabt haben mag. Er muss nach einem absoluten Subjekt suchen, das außer sich selber Nichts zu seiner Voraussetzung hat. Namentlich keinen Begriff und keine Logik, die müsste es allererst aus sich hervorbringen. Was also müsste es tun, um zu Begriffen und den Regeln ihrer Ver- knüpfung zu gelangen? 

Dieses Verfahren ist nicht logisch und nicht historisch, sondern genetisch. In der historischen Realität war das absolute Subjekt ein Collectivum, und welche Voraussetzungen ihm alle vorgeschwebt haben mögen, können wir allenfalls ahnen. Davon müssen und dürfen wir aber abstrahieren.

Wozu man eine solche genetische Rekonstruktion des Systems unseres wirklichen Wissens brauchen kann, müsste man freilich klären, bevor man sich an die Arbeit macht. (Eigentlich ist es die Frage, wozu man über- haupt etwas wissen will.)







Montag, 8. Juni 2015

Ein intelligibles Gefühl.



Diese Vorstellung vom inneren Wirken kommt im Bewusst/sein vor als etwas zwischen Gefühl und Gedanken schwebendes, man könnte es nennen ein intelligibles Gefühl. 

Wenn die Einbildungskraft sich selbst überlassen bleibt, so schweift sie herum, und es kostet innere Anstrengung, sie zu binden. Dieses Aktes, des Bindens, werde ich mir unmittelbar bewusst, indem ich ihn vollziehe, und hierdurch lässt sich die intelligible Welt an die Welt der Erscheinungen anknüpfen; was in diesem Gefühle vorkommt, ist die erste innere Kraft, man könnte sie reine Kraft, Kraft auf sich selbst nennen; sie ist Wirkung des Vernunftwesens auf sich selbst.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 126f. 


Nota. - Ich kann meine Aufmerksamkeit richten - und das merke ich.
JE