Freitag, 20. Mai 2016

Die Vernunft ist dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen.

verkehren

Bemerkung: Beides, die theoretische und praktische Philosophie ist Wissenschaftslehre, beide liegen auf dem transzendentalen Gesichtspunkt; erstere, weil ja hier auf das Erkennen gerechnet wird, also auf etwas in uns, und nicht geredet wird von einem Sein; letztere, weil überhaupt gar nicht das Ich, das Individuum betrachtet wird, sondern die Vernunft überhaupt in ihrer Individualität. Die erstere Lehre ist konkret, die letzte ist die höchste Abstraktion: der des Sinnlichen zu dem reinen Begriffe als einem Motiv.

3) Es wird in der Ethik nicht das eine oder andere Individuum betrachtet, sondern die Vernunft überhaupt. Nun ist die Vernunft dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen. Soll der Zweck der Vernunft erreicht werden, so muss ihre [=deren] physische Kraft gebrochen und die Freiheit jedes eingeschränkt werden, damit nicht einer des andern Zwecke störe und hintertreibe.

Daraus entsteht die Rechtslehre oder Naturrecht. Die Natur dieser Wissenschaft ist sehr lange verkannt wor- den; sie hält die Mitte zwischen theoretischer und praktischer Philosophie, die ist theoretische und praktische Philosophie zugleich. Juridische Welt muss vor der moralischen vorhergehen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 242


 

Nota. - Die Vernunft 'ist dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen'... Sie ist nicht bloß "dargestellt in...", sondern ist buchstäblich nichts anderes als das vernünftige Handeln dieser mehreren Individuen, 'die sich in der Welt durchkreuzen'. Vorher jedenfalls 'ist' sie nicht.

Der große Zweck der Vernunft sei Übereinstimmung, sagt F. an anderer Stelle (aber zur selben Zeit); und hier genauer: dass "nicht einer des andern Zwecke störe und hintertreibe". Von welchen Zwecken hier die Rede ist, unterscheidet er nicht. Wenn Zweie um dieselbe Schöne buhlen, gebietet ihnen die Vernunft da etwa 'Überein- stimmung'? Oder überhaupt irgendwas? Nein, das ist etwas - und das dürfte F. kaum anders gesehen haben -, wozu die Vernunft gar keine Meinung hat, ja wovon sie nicht einmal Notiz nimmt.

Ein jedes Individuum hat tausend Zwecke, die 'eine Reihe vernünftiger Wesen' gar nichts angehen, sondern nur ihn und die, denen er persönlich verbunden ist; und sicher sehr viel mehr, als Zwecke, die das öffentliche Inter- esse berühren. Da hat er es nur mit seinem Geschmacksurteil zu tun (und moralische Urteile sind Geschmacks- urteile, die auf Willensakte bezogen sind); das muss er mit sich ausmachen und mit denen von seinen Nächsten, denen er Zugang zu seinem Privatleben gewährt. Und nur jene andern Zwecke, deren Realisierung öffentliche Folgen haben würde, sind dem Richtspruch der Vernunft unterworfen und berühren das Reich des Rechtlichen und daher auch das Politische.

Fichte lehrte zu einer Zeit, als die Scheidung der bürgerlichen Welt in einen öffentlichen und einen privaten Raum noch kaum begonnen hatte - weil die vielen Privaten vom Rechtlichen und Politischen noch ausge- schlossen waren; seine Lehre hatte ja nicht zuletzt den Zweck, ihnen solchen Zutritt erst zu verschaffen. Wie die Freiheiten der leidenschaftlich sinnlichen Individuen gegen die Ansprüche der 'Reihe vernünftiger Wesen' zu wahren sind, lag noch nicht in seinem Gesichtsfeld. Das ist, wie gesagt, historisch verständlich, aber ein theoretischer Fehler war es doch.
JE



 

Donnerstag, 19. Mai 2016

Jeder trägt sein Gewissen in sich und hat ein ganz besonderes.


A. Böcklin, Selbstbildnis

2. Um uns selbst zu finden, müssen wir die Aufgabe denken, uns auf eine gewisse Weise zu beschränken. Diese Aufgabe ist für jedes Individuum eine andere, und dadurch eben wird bestimmt, wer dieses Individuum eigentlich sei. Diese Aufgabe erscheint nicht auf einmal, sondern im Fortgange der Erfahrung analytisch jedesmal, inwiefern ein Sittengebot an uns ergeht; aber in dieser Aufforderung liegt zugleich, da wir praktische Wesen sind, zu einem bestimmten Handeln Aufforderung. Dies ist für jedes Individuum auf besondre Art gültig. Jeder trägt sein Gewissen in sich und hat ein ganz besonderes.  

Aber die Weise, wie das Vernunftgesetz allen gebiete, lässt sich nicht in abstracto aufstellen. So eine Untersuchung wird von einem hohen Gesichtspunkte aus angestellt, auf welchem die Individualität verschwindet und bloß auf das Allgemeine gesehen wird. Sittenlehre [ist] WissenschaftsLehre des Praktischen, die insbesondere Ethik wird; d. h. das praktische Handeln überhaupt, das Handeln kommt aber durch die Grundlage [der gesamten Wissenschaftslehre] immerfort vor, indem auf [unleserlich; ich rate: 'Freiheit'] der ganze Mechanismus gründet, daher kann die besondre Wissenschaftlehre des Praktischen nur sein eine Ethik.

Diese lehrt, wie die Welt durch vernünftige Wesen gemacht werden soll, ihr / Resultat ist Ideal, in wiefern dies Resultat sein kann, da es nicht begriffen werden kann.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 241f. 



Nota. - 'Wie die Welt durch vernünftige Wesen gemacht werden soll' - das bezieht sich ja nun wohl auf den Raum, in dem die 'Reihe vernünftiger Wesen' einander begegnen; auf unsere Welt, wie ich das nenne. Auf meine Welt, in der ich mit meinem 'ganz besonderen' Gewissen allein bin und wo ich Anderen nichts schulde, bezieht es sich offenkundig nicht. Vernunft gehört in den Bereich des Politischen, Moralität im eigentlichen Sinn gehört ins Reich des Privaten.

Mit einander in Konflikt geraten können sie da, wo ich auch im öffentlichen politischen Bereich persönlich, 'existenziell' gefordert bin, weil beiden Sphären sich ausnahmsweise überschneiden; dann rangiert auch im Politischen die 'Gesinnungsethik' über der 'Verantwortungsethik'.

Dass Fichte beide Bereiche vermengt, lässt sich verstehen, da er noch ganz am Anfang bürgerlich vernünftiger Verhältnisse stand, da gab es noch wenig anschauliches Material. Aber ein systematischer Fehler ist es auch dann noch. Dass der Freiheitsherold Fichte vom preußischen Hofphilosophen Hegel als Progagandist eines Polizeistaats hingestellt werden konnte, war zwar gehässig, aber so unverdient nicht. Öffentliches und Privates, Politisch-Rechtliches und Moralischen gehören zu verschiedenen Welten, wo sie vermengt werden, ist von reeller Freiheit nicht mehr die Rede. Vernunft, die totalitär wird, hört auf, eine zu sein.
JE


Mittwoch, 18. Mai 2016

Gegenstand der theoretischen Philosophie ist, was vorgefunden wird.


Wikipedia

Deduktion der Einteilung der Wissenschaftslehre

1) Alles, was wir finden als gegebenes Objekt, in dem wir uns selbst finden, was an die objektive Ansicht unserer selbst angeknüpft wird, haben wir aufgezeigt. Dieses gefundene Objektive ist unsere Welt. Eine vollständige Erörterung dieser Welt und Beschreibung, die Bestimmung durch alle Denkgesetze hindurch, ist die WissenschaftsLehre der Theorie oder der Erkenntnis im kantischen Sinne. Es kommt immer nur auf das Gefundene an. Diese Wissenschaftslehre der Erkenntnis muss auch in unserer Grundlage* enthalten sein, sie ists auch ihren Grundzügen nach.

Die besondere Wissenschaft geht bis zur vollständigen Bestimmung der einzelnen Begriffe, da die Grundlage nur die Hauptbegriffe erörtert. Dieser Hauptbegriff wird durch die besondere Wissenschaft weiter analysiert, und dann erst ist die besondere Wissenschaft vollständig. Das Objekt derselben ist durch alle Denkgesetze durchgegangen; es muss durch bloße Analyse fortgegangen werden können zum Besonderen jeder Wissenschaft aus der Grundlage. 

(Theoretische Philosophie: ihr Objekt ist die Natur; diese kann beobachtet werden entweder unter bloß mechanischen Gesetzen der Anziehung und Abstoßung (Beispiel: Kants Metaphysik der Natur); oder unter organischen Gesetzen, z. B. Lehre von dem Grunde des Daseins der Menschen, der Tiere, der Pflanzen etc.)

Beide Untersuchungen erschöpfen die theoretische Philosophie oder Weltlehre; kurz, die theoretische Philosophie lehrt, wie die Welt ist und sein muss, wie sie uns gegeben wird; ihre Resultat ist reine Empirie, hiermit endigt sie sich. 

(Im gemeinen Leben wird das Wort Erfahrung von dem gedankenlosesten Menschen gebraucht, er rechnet seine Träumereien zur Erfahrung. Zuerst muss ausgemacht werden, was Erfahrung sein kann. Dies zu bestimmen hat ein großes Verdienst. Dies tut die theoretische Philosophie, sie stellt auf, was notwendige Erfahrung ist und sein kann.)

*) Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre; hier oft als 'das Compendium' bezeichnet.

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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 240f. 




 

Dienstag, 17. Mai 2016

Die Natur ist absolut durch sich selbst gesetzt.


„Hexenkopfnebel“ (Witch head nebula)

//240// Bemerkung: Nur als organisiert und organisierend ist die Natur erklärbar, außerdem [=andernfalls] wird man durch das Gesetz der Kausalität immer weiter hinausgetrieben. Dadurch fallen die Kantischen Antinomien der Vernunft ganz weg, weil sie bloß Antinomien des freien Räsonnements sind.

Auf diese Weise haben die alten Philosophen die Beweise für Gott aus der Welt hervorgebracht, aus Verzweiflung, indem sie doch einmal bei etwas stehen bleiben wollten. -

Man muss die Vernunft als ein Ganzes auffassen, dann findet kein Widerstreit statt, dann ist die Natur ganzs absolut durch sich selbst gesetzt als absolutes Sein, entgegengesetzt nur dem absoluten Ich. Diese Ansicht muss eine Naturwissenschaft nehmen. 

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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 240 



Nota. - War Fichte Atheist? Die Auffassung von Gott als Schöpfer von Welt und Wirklichkeit hat er stets abgelehnt, aber seine Auffassung von der Vernunft als universaler geistiger Substanz und absolutes Subjekt hat er seit dem Atheismusstreit für 'Gott' ausgegeben. Dem hatte bis dahin die rivalisierende Auffassung von der Vernunft als einem unendlichen Prozess der Selbstsetzung entgegengestanden. Indem er diese nach 1800 völlig aus seinem Denken ausgeschieden hat, glaubte er, den Vorwurf des Atheismus zu entkräften; insbesondere aber F. H. Jacobis Vorwurf des Nihilismus zurückweisen zu können.

JE 

Montag, 16. Mai 2016

Die Vorstellung von einem Möglichen stammt aus dem Vermögen, zweckhaft zu handeln.



Das praktische Ich (denn dadurch erklären wir alles) erscheint im Entwerfen des Begriffs seiner Wirksamkeit frei in Absicht des Zusam-/menordnens des Mannigfaltigen; darin besteht die Freiheit der Wahl. Ist aber der Begriff einmal entworfen und wird nach ihm gehandelt, dann hängt die Folge nicht mehr von ihm [=dem praktischen Ich] ab, sondern es ist in Rücksicht derselben gebunden. Die Anschauung, die ihrer Natur nach gebunden ist, wird im ersten Falle, wenn der Begriff entworfen wird, vom Praktischen hin- und hergerissen zwischen Sein und Nichtsein, im Schweben zwischen Entgegengesetzten. Im zweiten Falle, wo gehandelt wird, wird das Angeschaute dadurch, dass das Praktische selbst gebunden ist, mitgebunden; der Grund der Bestimmtheit der Intelligenz hängt ab von der Bestimmtheit des Praktischen.

Corollaria: 

1) Diese Begriffe sind besondere Bestimmungen der Intelligenz in Beziehung auf das in ihr notwendig hinzuzudenkende praktische Vermögen. Wird das praktische Vermögen gesetzt als selbst Begriffe erschaffend, so ist dann die Intelligenz selbst frei, und dann entsteht der Begriff des Möglichen; wird es gesetzt als wirklich handeln, so ist es in Rücksicht der Folge des Mannigfaltigen gebunden, und die Intelligenz mit ihm.

2) Alles Wirkliche und Mögliche ist wirklich und möglich lediglich in Beziehung auf die Handlung des Ich; denn wir haben es von der Anschauung des Handelns abgeleitet. Die Anschauung eines Wirklichen bedingt alle Anschauung, mithin alles Bewusstsein
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 59f.


Nota. - Das Mögliche ist genetisch nichts anderes als ein denkbarer Zweckbegriff.

Wirklichkeit und Möglichkeit gehören (mit der Notwendigkeit) zu Kants Kategorientafel: Sie sind "a priori". Kant erörtert nicht, woher uns das Apriori kommt (denn er wollte ja Platz für den Glauben lassen). Fichtes Radikalisierung der Trnaszendentalphilosophie besteht nun darin, nicht nur die Erfahrung selbst, sondern auch ihre kategorialen Voraussetzungen aus der Selbsttätigkeit des Ich herzuleiten. In einem echten durchgeführten Kritizismus kann für den Glauben kein Platz bleiben.
JE






Sonntag, 15. Mai 2016

Ein Widerstand ist nichts ohne Tätigkeit.


Mattheuer, Sisyphus

Die Freiheit ist absolute Selbstaffektion und weiter nichts, sie ist aber kein Mannigfaltiges, also auch nicht anschaubar. Hier soll aber ein Produkt derselben anschaubar sein, sie soll also mittelbar anschaubar sein. Dies ist nur unter der Bedingung möglich, dass mehrere Selbstaffektionen gesezt werden, die als mehrere nur unterscheidbar wären durch das Mannigfaltige des Widerstandes, der ihnen entgegengesetzt würde; aber ein Widerstand ist nichts ohne Tätigkeit, und inwiefern er überwunden wird, kommt er ins Ich. Das Ich sieht nur sich selbst, nun sieht es sich aber nur im Handeln, aber im Handeln ist es frei, also überwindend den Widerstand: Die Freiheit wirkt ununterbrochen fort, der Widerstand gibt ununterbrochen nach, [so] dass doch immer ein Widerstand bleibt. (Ein Bild davon ist das Fortschieben eines beweglichen Körpers im Raume.)

In jedem Momente liegt Handeln und Widerstand zugleich. Dieses Handeln geht nicht rückwärts, sondern in einem fort, es ist immer ein und dieselbe Selbstaffektion, die sich immer weiter ausdehnt durch die Anschauung. Der einfache Punkt der Selbstaffektion wird ausgedehnt durch die Anschauung der Selbstaffektion zu einer Linie. In Verfolgung dieser Linie erhalten wir [eine] Folge bestimmter Teile. Dass es Teile sind und als solche aufgefasst werden, dafür liegt der Grund in der Reflexion, dass nämlich in diese Linie A, B, C, D pp. gesetzt wird; aber dass in dieser Ordnung aufgefasst wird, davon liegt der Grund nicht in der Reflexion, denn diese kann nur dem realiter Tätigen folgen, auch liegt der Grund nicht in der realen Tätigkeit, denn die Mannigfaltige ist ja ein die reale Tätigkeit Verhinderndes, ihr Entgegengesetztes; mithin ist die reale Tätigkeit in Rücksicht der Folgen gebungen, und die ist der Unterschied zwischen dem Charakter des Bestimmbaren und [des] Bestimmten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 59

Nota. - Die (reine) reale Tätigkeit ist nicht anschaubar, weil sie nicht mannigfaltig (='quantifizierbar') ist, sondern 'eins', nämlich Noumenon. Sie folgt einem Zweckbegriff, nach dessen Maßgabe sie aus dem Mannigfaltigen des Bestimmbaren eine bestimmte Anzahl Objekte wählt. An diesen Objekten, nämlich an den Widerständen, die sie ihr leisten, zerlegt sie sich selbst in die Mannigfaltigkeit, jetzt wird sie anschaubar, wird sie Handlung, wird sie Etwas.
JE





Samstag, 14. Mai 2016

Freiheit wird erst anschaubar, wenn ihr widerstanden wird.


F. Hodler, Holzhauer

/ 2) Hier haben wir den Begriff einer Handlung erhalten. Die Selbstaffektion (§3) war nur möglich auf eine Art. Nun aber, da sie gesetzt ist als Übergehen von Bestimmbarkeit zu Bestimmtheit, muss sie möglich sein auf mannigfaltige Art. Die Selbstaffektion ist Stoß auf sich selbst; soll Verschiedenheit stattfinden, so muss etwas aus ihr Folgendes gesetzt werden, wodurch sie als ein Mannigfaltiges erscheint, und dies ist das Handeln

B) Die gewählte Handlung heiße x, sie ist Teil der soeben aufgezeigten Summe, und ihr muss das Prädikat zukommen, welches der ganzen Summe zukommt, sie muss teilbar sein können ins Unendliche. Aber noch immer ist dieser gewählte Teil x nur charakterisierbar und anschaubar, inwiefern er bestimmt ist. Er muss dem Bestimmbaren entgegengesetzt werden, denn nur unter dieser Bedingung ist das ganze bisher Geforderte möglich.

Welches ist nun der Charakter des Bestimmten als solchen, wie ist von ihm das Bestimmbare unterschieden? Die reale Tätigkeit bestimmt sich zum Handeln, und diese ist nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, nicht teilbar, sie ist absolut einfach. Das sonach, wozu sich das Ich durch Selbstaffektion bestimmt, müsste anschaubar sein, das Handeln. Dies aber ist nicht möglich, wenn im Handeln der praktischen Tätigkeit die Freiheit nicht gebunden ist. Aber aufgehoben darf sie nicht werden, Tätigkeit muss sie sein und bleiben, sie müsste gebunden und auch nicht gebunden sein, beides müsste stattfinden.

Ein Handeln würde so etwas sein, in welchem die reale Tätigkeit gebunden und auch nicht gebunden wäre. Das Gebundene soll die reale Tätigkeit sein; also das Leidende bedeutet etwas Aufhaltendes, und nur inwiefern die Freiheit aufgehalten ist, ist Anschauung möglich.

Die Handlung mag x heißen, und dieses x muss anschaubar sein. Nun kommt dem Handeln als einem Bestimmbaren durch Freiheit Bestimmbarkeit ins Unendliche zu, man kann sonach x teilen in A und B, und diese wieder ins Unendliche. Wenn man ins Unendliche mit der Teilung fortginge, so dürfte man keinen einzigen Punkt finden, in welchem nicht / läge Tätigkeit und Hindernis der Tätigkeit. Dies ist nun Stetigkeit, eine stetige Linie des Handelns, und so etwas heißt Handeln, welche in einer steten Linie fortgeht. (Von der Zeit ist hier noch nicht die Rede.)
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 58f.


Nota. - Die reale Tätigkeit ist als solche nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, sondern bloßer Gedanke. Anschaubares Etwas wird die Tätigkeit erst, weil und wenn sie auf ein Hindernis stößt, welches sie aufhält. Nicht in ihrer Tätigkeit selbst ist Freiheit anschaubar, sondern erst, wenn sie ein  Objekt wählt, das ihr entgegen-steht.

Freiheit ist dem tätigen Ich als seine Bestimmung zuerst nur zugedacht, ihre Energie heiße reale Tätigkeit; sie 'sind' insofern, als sie den Sinn der Handlung ausmachen, die doch selber das einzig Anschaubare, das real-Reale ist. Sie ist der Ausgangspunkt der Wissenschaftslehre, und nachdem jene sie in ihrem ersten, analytischen Gang als den einzig möglichen Grund der Ichheit bloßgelegt hatte, setzt sie in ihrem zweiten, synthetischen Gang das System er Vernunft aus diesem seinen Grund wieder zusammen.
JE