Samstag, 13. Mai 2017

[Deduktion des Leibes.]


nach Leonardo
 
Nun findet das Vernunftwesen diesen Leib, und diese bestimmte Begrenztheit gehört zum Vernunftwesen und besonders zu seinem Leib. Diese Begrenztheit ist etwas unabhängig vom Willen des Wesens unabhängig Vor- handenes. Er [sic] ist ein beschränkter Teil der Sinnenwelt. Auch seine Begrenztheit muss also von dem Willen unabhängig vorhanden sein. Die Grenze desselben ist sonach auch Natur und durch sie gesetzt. Er ist, mit an- dern Worten, Naturprodukt.

Folglich: Die Natur produziert durch sich selbst, das ist durch mechanische Gesetzmäßigkeit (denn an Freiheit durch Willen und Begriff ist hier nicht zu denken), reelle Ganze. Also solche, die an sich Ganze sind, durch ein notwendiges Denken, nicht etwa lediglich in unserer Freiheit des Denkens. (Durch Freiheit der Abstraktion kann ich alles trennen, dann habe ich aber nur ein eingebildetes Ganze[s], wie in allen abstrakten Begriffen.) Jene[s] reale Ganze muss ich notwendig so zusammensetzen. 

Ferner ist bekannt der Begriff der Organisation, auf diesen kommen wir jetzt. 

Unsre Deduktion geht [von] oben herab. Wir gingen aus von dem höchsten Idealen, von der Aufgabe, sich selbst zu beschränken. Diese Aufgabe haben wir versinnlicht in dem Phänomen einer gleichfalls in uns selbst liegenden Aufforderung. Wir haben nach dem Gesetz der Substantialität zu dem Bestimmten der Aufforderung ein bestimmbares* Aufforderndes hinzugesetzt, wir haben letzteres verwandelt in eine Wahrnehmung, in einen Körper in der Sinnenwelt, durch diese [sic] soll eine freie Handlung möglich sein. Er muss artikuliert sein, aus der Artikulation folgt die Organisation und wird an Obige[s] angeknüpft, denn die Artikultion kann, da der Leib ein bloß Gefundenes - Natur - ist, nichts anderes sein als Produkt eines bloßen Naturgesetzes. Und wir erhielten eine Natur, welche reelle[s] Ganzes[s] eines artikulierten Leibes bildet, welches die Organisation ist. - 

*) [bestimmendes?] 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 236



Nota. - Das 'höchste Ideale' ist nicht die Tathandlung, das sich-selbt-Setzen des Ich, indem es ein Nichtich setzt: das ist das elementar Ideale; sondern ist die Aufgabe für das sich-selbst-gesetzt-habende Ich, sich zu begrenzen. Ohne diese käme keine sinnliche Welt alias Natur und schon gar keine ideelle, kein Reich des Intelligiblen, keine 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir' zustande. Zu dieser Aufgabe wurde zunächst aufgestiegen; konstruktiv, spekulativ. Im zweiten Gang - Abstieg - wird dazu das sinnliche Material aufgesucht.

Dies ist nicht der Gang der wirklichen Vorstellung: 'gemeines Bewusstsein'. Das ist der Gang, in dem die Wis- senschaftslehre das gemeine Bewusstsein rekonstruiert und auf seine Vernünftigkeit prüft!

JE





 

Freitag, 12. Mai 2017

Der Körper und die Natur.



Ferner: Dieser Körper wird der Freiheit vorausgesetzt, denn er ist ja das Bestimmbare zur Freiheit, welches im Bewusstsein in der Reihe des Denkens immer vorausgeht; eben dadurch wird er zu einem Gefundenen, Gege- benen, zu einem eigentlichen Objekte. So wie das Subjekt handelt, ist dieser Körper da; er ist daher Natur und insbesondere Naturprodukt.

Letzteres bedarf einer Erklärung und eines Beweises: Die Natur ist nach dem Obigen Noumen in einer gewis- sen Rücksicht, und das ist alle Natur, sie ist durch sich selbst gesetzt, sie ist, was sie ist, weil sie es einmal ist, und nur insofern ist sie Natur zu nennen. Man könnte sagen, wie Spinoza sagt: natura naturans, welches sie ist, so gewiss sie Natur ist, bestehend, weil sie besteht. Nur inwiefern sie durch sich selber ist, heißt sie so. Der artikulierte Leib ist Natur, er ist also auf diesem Gesichtspunkt, dem gemeinen Gesichtspunkt, allem Bewusst- sein vorausgesetzt, er ist Teil der Natur, denn außer ihm ist der meinige ja auch da, und Objekte auch, nach dem Obigen.

Dieser Körper ist Natur, Teil der Natur, ist ferner ein bestimmter Teil der Natur, und zwar ein durch sich selber bestimmter besonderer Teil; an Letzterem hängt der Beweis. (Von der Artikulation aus soll etwas in der Natur bewiesen werden,) er ist derjenige Teil der Körperwelt, der durch den bloßen Willen des Vernunftweesens in Bewegung gesetzt wird. Aber er geht nur bis zu einer gewissen Grenze im Raume, von welcher Grenze aus auch durch bloßen Willen nichts ausgerichtet //236// werden kann, weil das Vernunftwesen ein endliches sein soll.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 235f.  



Nota. - Die Natur in specie: als das, was das, was es ist, durch sich selbst ist, kommt in der Wissenschaftslehre erst am Schluss vor. Das brachte sie in Gegensatz zum damals gerade anhebenden obskurantistisch-selbstge- fälligen Zeitgeist und hat ihr sicher mehr geschadet als der Atheismusstreit. Auch in den vergangenen dreißig Jahren hat ein solcher geherrscht, ab damit scheint es zu Ende zu gehen. Sollte eine kritische und rationelle Geisteshaltung an ihre Stelle treten, könnte die Transzendentalphilosophie einmal Allgemeingut werden.
JE


Donnerstag, 11. Mai 2017

Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es wirksam erscheint.



Resultat: Auf vernünftige Wesen außer mir schließe ich aus meiner eigenen Beschränktheit durch Freiheit, d. h. aus einer Aufgabe, mich zu bechränken. Dieses rein erblickt als Aufgabe, ist in der Versinnlichung Aufforde- rung zur beschränkten Tätigkeit. Das Bestimmbare zu ihr ist bestimmbar in den Vernunftwesen außer mir, und in wiefern es von mir erblickt wir, ist es reelle physische Kraft. Das Bestimmbare zu ihr ist ein Objekt der Kör- perwelt. Beides ist unzertrennlich vereinigt und ist dasselbe pp.. Beschränktheit und Freiheit ist der synthetische Mittelpunkt. Die Freiheit außer mir wird gedacht, das Übrige angeschaut.

//235// 6. Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es wirksam erscheint, sein Körper ist bestimmbar durch Frei- heit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, er sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche; nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Un- endliche bestehen. Es müsste selber* darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teil eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zuge- höre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksamkeit in der Sinnenwelt ab.

*) [=sogar?]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 234f.
 



Nota. - Auf die Gegenständlichkeit eines NichtIch schließe ich aus dem Widerstand, den es meiner Tätigkeit ent- gegensetzt. Auf die Körperlichkeit eines Vernunftwesens schließe ich aus seiner eignen Wirksamkeit. Aus der Ihm-Eigenheit seiner Wirksamkeit kann ich auf seine Vernünftigkeit schließen.
JE




Mittwoch, 10. Mai 2017

Wie aus der intelligiblen Welt eine sinnliche entstehen kann.

 
Nachtrag.
Folgenden Abschnitt hatte ich an der richtigen Stelle einzufügen versäumt;
dies ist die passende Stelle, es nachzutagen:


Man sieht hier, wie aus der intelligiblen Welt eine sinnliche entstehen kann dadurch:

1. Wir müssen diskursiv denken.
2. Wir müssen allem Bestimmen ein Bestimmbares voraussetzen.
3. Das vorauszusetzende Bestimmbare bekommt den Charakter der Objektivität. (Es erscheint als ein Gefundenes, Gegebenes, ohne unser Zutun Vorhandenes.)

Des Übergehens, es mag nun sein ein Übergehen des Denkens oder Wollens, werde ich mir bewusst als meines eignen Wirkens; es setzt aber allemal ein Bestimmbares voraus, von dem übergegangen wird, und in sofern ist das Bestimmbare gegeben. Es kommt nicht vor außer in wiefern ich es denke, aber wenn ich denke und will, so kommt es vor als mein Denken und Wollen bedingend als ein Gefundenes.

Durch diese Bemerkung wird unser Idealismus vernunftmäßig und erklärt das Bewusstsein. Der transzendente Idealismus behauptet, das Dasein der Dinge sei nur Einbildung. (Schon die Kantsche Philosophie sagt: Die Er- fahrung ist Erscheinung, aber nicht Schein.)
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 147



Nota. - Nicht zu vergessen: Die intelligble Welt entstand ihrerseits aus dem Gefühl, das der Widerstand hervor- rief, auf den meine ursprüngliche reale Tätigkeit stieß. Aus ihr wird eine sinnliche Welt, indem der Widerstand bestimmt, nämlich begriffen wird. Das Ideale ist ein Medium. In Wahrheit wird nicht demonstriert, wie aus einer intelligiblen Welt ein sinnliche wird, sondern umgekehrt: wie in die sinnliche Welt Intelligenz hineinkam.
JE





Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 9. Mai 2017

"Er denkt die Vernunft in das Phänomen hinein."



Den Zusammenhang zwischen idealem und reellem Denken weiß nur die Philosophie, dem gemeinen Men- schenverstand ist beides eins. So verhält es sich überall, wo sie die Duplizität des Denkens erkennt. So hier: Niemand fragt nach dem Zusammenhange des Willens mit dem Körper. Darüber hat sich bislang auch kein Philosoph gewundert, beides ist ihm ganz eins: Leib und Seele; z. B. ich habe mich geschnitten. So mit dem vernünftigen Wesen außer uns: Es ist da immer eine doppelte Ansicht von ihnen, ohne dass wir es inne wer- den. 

Ein gewisser Leib und der Begriff eines vernünftigen Wesens sind in mir unzertrennlich vereinigt. Letzter ist doch nur ein Ideal, etwas Gedachtes; er denkt die Vernunft in das Phänomen hinein. Beides ist unzertrennlich vereinigt; die erstere denke ich nur, mithin auch nur das letztere. Sie ist auch etwas in mir, und letzteres ist auch das erstere, nur von der anderen Seite. Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 234



Nota. - 'Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar' - nicht so in diesem Fall der Protokollant Krause.
JE






Montag, 8. Mai 2017

[Verkörperte Vernunft.]


Leonardo

Auf ein bestimmendes Physisches wird also geschlossen, welches zugleich auch ein Bestimmbares ist, welches demnach nicht gerade so handeln musste, sondern in seinem Bestimmen ausgewählt hat von einer ins Unend- liche verschiedenen Mannigfaltigkeit. Kurz, es ist eine physissche Kraft wie die meinige, die bloß von der Frei- heit abhängt und bloß von ihr bestimmt wird auf unendlich mannigfaltige Weise.

Ich denke sie, ich denke sie - wie alles - bestimmt als Quantum, als individuelle //234// Kraft. Zugleich erscheint sie mir als etwas Sinnliches im Raume. Also das Wirkende zu der Aufforderung fällt mir notwendig aus als ein materieller, bechränkter Körper. Mein Denken der Vernunft außer mir ist sinnlich, ich denke so einen Körper nicht bloß, sondern realisiere ihn auch in der sinnlichen Anschauung, es ist damit Gefühl verknüpft, nämlich das der mir angemuteten Selbstbeschränkung. Dadurch wird eine sinnliche Gestalt durch Anschauung hinge- worfen.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 233f.
 





Sonntag, 7. Mai 2017

Ich realisiere ein Vernunftwesen als sinnliche Kraft außer mir.


Wettlauf

4. Wir gehen auf den Punkt zurück, von dem wir ausgingen, um die Synthesis auszubreiten und näher zu bestimmen. Die Aufforderung an mich war, wie jeder Eindruck, als Wahrnehmung (nicht an sich) Beschrän- kung meines physischen Handelns, sonach meiner physischen Kraft; so wie alles Sein Aufhebung meines Handelns ist. Weil dies außer mir geschieht, kann ich es nicht; nicht schlechthin, sondern bloß mir selbst überlassen kann ich es nicht, wohl [aber], wenn ich die Grenze durchbrechen wollte.

Diese Aufforderung heißt und ist Beschränkung meines physischen Handelns in gewisser Rücksicht. Es ist klar, dass, um die Beschränktheit zu erklären, ich eine physische Kraft annehmen muss, denn es wirkt ja doch nur Physisches auf Physisches. Man bemerke wohl den Übergang. Vorher war bloß von dem Handeln die Rede, das gibt eine physische Kraft; sobald von Beschränktheit meiner die Rede ist, wird dies bestimmt; wie nun von einem Handeln in mir auf ein Handeln außer mir geschlossen wurde, so wird hier von der sinnlichen Kraft als [einem] Bestimmten auf ein homogenes (weil es in demselben Akt des Denkens vorkam) Bestimmtes geschlos- sen.

Es steht so: Dass ich mich aufgefordert finde, ist nichts als sinnliche Aufgabe, mich selbst zu beschränken; davon schließe ich auf ein vernünftiges Wesen, und da sie ein sinnliches Handeln ist, auf eine sinnliche Kraft dieses sinnlichen [sic] Wesens, ich realisiere ein Vernunftwesen als sinnliche Kraft außer mir. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 233



Nota. - Natürlich muss es im letzten Satz heißen: "...da sie ein sinnliches Handeln ist", schließe ich "auf eine sinnliche Kraft dieses vernünftigen Wesen"; sonst ist es sinnlos.
JE