Montag, 15. April 2019

Nachahmung, blitzschnell und unmerklich.


Um möglichen Verwechselungen zuvorzukommen, setzen wir noch einige Worte hinzu. - Es ist gesetzt ein Doppeltes, ein höheres, ein niederes Organ. Das höhere ist dasjenige, welches durch die subtilere Materie modifiziert wird; das niedere dasjenige, welches durch die zähe und nur mit Mühe zu trennende Materie ge- hemmt werden kann.

Entweder, es wird beschriebenermaßen auf die Person gewirkt als auf ein freies Wesen. Dann ist durch eine bestimmte Form der subtileren Materie das höhere Organ modifiziert und gehalten; und soll die Person wahrnehmen, so muss sie die Bewegung des niederen Organs, inwiefern es sich auf diesen Teil des höheren bezieht, zurückhalten, doch aber nur innerlich in demselben die bestimmte Bewegung nachahmen, die sie machen müsste, um selbst die bestimmte Modifikation des höheren Organs hervorzubringen. 

Wird eine Gestalt im Raume durch das Gesicht wahrgenommen, so wird innerlich, aber blitzschnell und unmerklich dem / gemeinen Beobachter, das Gefühl des Gegenstandes, d. h. der Druck, welcher geschehen müsste, um durch Plastik diese Gestalt hervorzubringen, nachgeahmt, aber der Eindruck im Auge wird als Schema dieser Nachahmung festgehalten. Daher auch ungezogene, d. h. noch nicht genug erzogene Leute, bei denen die Verrichtungen der Menschheit noch nicht zu Fertigkeiten geworden sind, einen erhabenen Körper, den sie recht besehen wollen, oder wohl gar die Fläche eines Gemäldes, eines Kupferstichs, des Buchs, das sie lesen, zugleich bestasten. -

Wer hört, der kann unmöglich zugleich sprechen, denn er muss durch das Sprechorgan die äußeren Töne mittels ihrer Konstruktion nachahmen; woher es denn auch kömmt, dass einige Leute öfters fragen, was nun gesagt, da sie es sonach wohl gehört, aber nicht vernommen haben; auch wohl bisweilen erst, wenn es ihnen zum zweiten Male gesagt wird, es wirklich wissen, weil sie nun genötigt sind, hinterher die Nachbildung der Töne vorzunehmen, die sie vorher nicht vernommen hatten. Andere pflegen wohl auch die an sie ergangene Rede laut zu wiederholen, und reden sie erst so in sich hinein. - 

In diesem Falle dienet der Leib als Sinn, und zwar als höherer Sinn.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 70f.



Nota. - Das Wahrnehmen eines äußerlich gegebenen Dinges geschähe blitzschnell und unmerklich durch innere Nachahmung der Bewegungen, die nötig wären, es selber herzustellen; das Verstehen eines gesprochenen Wor- tes geschähe durch innerliches Nachsprechen - das ist nicht komisch, das ist lächerlich: weil er es ohne einen Grund und an dieser Stelle ohne jede Not von sich gibt. Er hat den Boden der transzendentalen Deduktion verlassen und will doch auf empirischem Feld Pflöcke einschlagen. 

Wie Wahrnehmung empirisch geschieht, wie ein analoges Bild in eine digitale Bedeutung übersetzt wird, muss die Erfahrungswissenschaft herausfinden; der Philosophie hat es zu reichen, dass sie die Notwendigkeit dieser Übersetzung aufzeigt und 'die Stelle' angibt, wann und wo das geschehen muss. Sie findet heraus, 'was es ist' in dem Sinne, was es zu bedeuten hat.

Das müsste reichen. Wenn es ihm nicht reicht, hat er etwas vor, das dem Philohophen nicht zusteht.
JE

Sonntag, 14. April 2019

Transzendentale Deduktion des Nervensystems.



Die Modifikation des Organs für die Einwirkung durch Freiheit soll auf das für die Einwirkung durch Zwang gar keinen Einfluss haben, soll dasselbe ganz und völlig frei lassen. Demnach muss die feinere Materie nur auf das erstere Organ, auf das letztere [aber] gar nicht einfließen, dasselbe nicht hemmen und binden können: Es muss daher sein eine solche Materie, deren Bestandteile gar keinen dem niederen , d. h. gezwungenen Sinne bemerkbaren Zusammenhang haben. 

Ich eigne in dem beschriebenem Zustande mir das Vermögen zu, auf diese subtilere Materie zurückzuwirken durch den bloßen Willen, vermittelst einer Affektien des höhere Organs durch das niedere; denn es ist aus- drücklich gesagt worden, dass ich eine solche Bewegung des niederen Organs zurückhalten müsse, um die im höheren hervorgebrachte Bestimmung nicht zu zerstören: mithin auch der unmittelbar damit in Verbindung sehenden subtileren Materie eine ander Bestimmung zu geben. Die subtilere Materie ist also für mich modifikabel durch den bloßen Willen.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 70
 



Nota. - Verwirrend bleibt, dass er das jeweilige - höhere und niedere - Organ nochmal unterscheidet von seiner je gröberen oder feineren Materie. Es ist die Unterscheidung zwischen der jeweiligen organischen Zusammen- setzung und der Funktion des Organs im Lebensprozess.

Ja, er hat die Existenz eines 'höheren' Nervensystems in einem 'niederen' fleischlichen Leib transzendental de- duziert. Da eine Funktion in der Erfahrung gegeben ist, darf auf die Gegebenheit eines dafür erforderlichen Organs rückgeschlossen werden. Und gibt es zwei Funktionen, dann gibt es zwei Organe.

Wie die Umsetzung geistiger Willensakte in muskuläre Bewegung im Einzelnen vor sich geht, ist nicht Thema der Philosophie, sondern der empirischen Forschung, und bildet die unüberwindliche Scheidelinie zwischen beiden. F. hatte sich an der Stelle - und würde sich noch heute - zurückhalten müssen, denn die Wissenschaft seiner Zeit war noch ganz in Spekulationen verstrickt, vorangetrieben und zugleich kompromittiert durch den "Geisterseher" Emanuel Swedenborg.

*

Auch ohne dies bleibt die Frage, welchem Erkenntniszweck diese Erörterungen dienen. Der Rechtsbegriff ist aufgestellt und seine Implikation im Begriff der Vernunft nachgewiesen. Seine ferneren Bestimmungen wären Sache der Politik, deren Begriff ihrerseits erst unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft umfassend bestimmt werden konnte. Von dieser Voraussetzung konnte F. aber nicht wohl ausgehen. Will er dem fakti- schen Mangel theoretisch abhelfen durch Strecken des philosophischen Radius?


Berichtigung

Ich hab ihn falsch verstanden. Ich war so früh von der Idee eingenommen, er wolle zu der zeitgenössichen Spekulation über tierischen Galvanismus beitragen - Johann Wilhelm Ritter war eben in Jena eingetroffen -, dass mich seine weiteren Ausführungen nicht wieder davon abbringen konnten. Ersteres ist allein mein Fehler, aber zu letzterem hat er sein' Teil beigetragen. Seine Rede ist so vertrackt und abstrakt, dass man wirklich nicht weiß, was man sich unter den verwendeten Begriffen vorstellen soll. Dass er mit der 'subtileren und feineren Ma- terie' nur das Nervesystem meinen konnte, schien mir so nahliegend, dass ich die Andeutungen auf "Luft und Licht" übersehen habe - in der Annahme, er räsonniere noch im Leib, statt zwischen zwei Leibern.

Dass er 'Luft und Licht apriori deduziert' hätte, hat damals manche Feder zum Kratzen gebracht; Luft und Licht lägen doch im Reich des Erfahrung und seien folglich aposteriori! (Selbst Kant hat auf den letzten Seiten des Opus postumum - kurz bevor er für ihn den Titel Philosophie als Wissenschaftslehre in einem vollständigen System auf- gestellt in Erwägung zog - sich über das Sujet den Kopf zerbrochen.) Fichte ist spottend darauf eingegangen* und fragt: Kann denn etwas apriori sein, ohne zuvor aposteriori gewesen zu sein? Im System der Wissenschafts- lehre natürlich nicht. Aber was dort spottend vorgetragen wurde, war hier im Naturrecht ganz bierernst gemeint; nicht als ein philosophischer Witz, wie er ja nach Fichtes Geschmack gewesen wäre. 

Ernst ist das wirklich, denn der Aufschrei der Kritiker war weniger falsch, als F. meinte. Zwar sind Apriori und Aposteriori nicht zwei verschiedene Weltgegenden und was in der einen läge, könnte nicht in der andern liegen. Aber Fichte befindet sich an dieser Stelle bereits in einem Bereich, wo Erfahrung möglich ist, zu transzendentalen Reflexionen ist gar kein Anlass. Warum also tut er so, als ob er selber 'Licht und Luft' - auf jeden Fall ein Medium  - ins Spiel bringen musste? Nicht die 'subtilere und feinere Materie' war da, bevor er sie als Licht und Luft iden- tifizieren konnte, sondern Licht und Luft waren da, bevor er daraus einen Begriff von subtilerer und feinerer Materie abstrahieren konnte; aber mitnichten musste. Wenn er nicht absichtlich die Grenze zwischen Transzen- dentalphilosophie und realer Wissenschaft verwischen wollte, so hat er sie zum Mindesten hier aus dem Auge verloren. 
 *) Annalen des philosophischen Tons, SW II, S. 472ff.) 
JE




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Freitag, 12. April 2019

[Nicht zäh und haltbar, sondern feiner und subtiler.]


IV. In der beschriebenen Einwirkung ist das Organ des Subjekts wirklich modifiziert worden - durch eine Per- son außer ihm. Nun ist das weder geschehen durch unmittelbare körperlich Berührnung dieser Person, noch vemittelst haltbarer Materie; denn dannn ließe sich nicht auf dei Einwirkung einere Person schließen, und auch das Subjekt selbst nähme sich nicht wahr als frei. - Das Organ ist in jedem Falle etwas Materielles, da der ganze Leib es ist: Es ist sonach notwendig durch eine Materie außer ihm modifiziert, in  eine gewisse Form gebracht und in derselben erhalten.

Der bloße Wille der Person würde diese Form aufheben und es muss diesen Willen zurückhalten, damit sie nicht gestört werde. Die Materie, durchg welche diese Form hervorgebracht ist, ist demnach keine zähe und haltbare und [eine,] deren Teile nicht durch den bloßen Willen getrennt werden können, sondern ein feinere und subtilere. Eine / solche subtilere Materie muss als Bedingung der geforderten Einwirkung in der Sinnenwelt notwendig gesetzt werden.

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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 69f.
 



Nota. - Werd ich mich lächerlich machen und herauslesen, er deduziere auf seine transzendentale Art die Existenz eines peripheren Nervensystems und der elekrochemischen Ströme, die es durchfließen? 

Ja, ich riskier's! Es würfe, wenns sich auch komisch ausnähme, ein neues Licht auf die transzendentale Betrachtungsweise. Aber es ist auch wahr: Wenn er schon deduziert, dann muss er den Übertritt aus der intelligiblen in die sinnliche Welt zwar nicht 'erklären', aber immerhin lokalisieren. Dass er dort auf die Schranken der biomedizinischen Kenntnis seiner Zeit stößt, ist unvermeidlich, und ohne spekulative Haarspaltereien kann's nicht abgehen. Mit letzteren ist er ja schon eine ganze Weile beschäftigt.
JE



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Donnerstag, 11. April 2019

[Einer sich als den andern.]

J.W.W. Tischbein, 1782

Besteht mein Leib aus zäher haltbarer Materie und hat er sie Kraft, alle Materie in der Sinnenwelt zu modifi- zieren / und sie nach meinen Begriffen zu bilden, so besteht der Leib der Person außer mir aus derselben Materie, und sie hat dielbe Kraft. Nun ist mein Leib selbst Materie, also ein möglicher Gegenstand der Ein- wirkung des andern durch bloße physische Kraft; ein möglicher Gegenstand, dessen freie Bewegung er gera- dezu hemmen kann. 

Hätte er mich für bloße Materie gehalten und er hätte auf mich einwirken wollen, so würde er so auf mich eingewirkt haben, gleicher Weise wie ich auf alles, was ich für bloße Materie halte, einwirke. Er hat nicht so gewirkt, mithin nicht den Begriff der bloßen Materie von mir gehabt, sondern den eines vernünftigen Wesens, und durch diesen sein Vermögen beschränkt. Und erst jetzt ist der Schluss vollkommen berechtigt und notwen- dig: Die Ursache der oben beschriebenen Einwirkung auf mich ist keine andere als ein vernünftiges Wesen.

Es ist hiermit das Kriterium der Wechselwirkung vernünftiger Wesen als solcher augestellt. Sie wirken notwendig unter der Voraussetzung auf einander, dass der Gegenstand ihrer Einwirkung einen Sinn habe; nicht wie auf bloße Sa- chen, um einander durch physische Kraft für ihre Zwecke zu modifizieren.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 68f.
 



Nota. - Mal sehen, wie er uns den Sinn erläutern wird. -

Dass der Leib aus zäher haltbarer Materie besteht, wussten wir - aber bloß aus Erfahrung; aus den Vorausset- zungen abgeleitet war es noch nicht, das musste der Transzendentalphilosoph noch erledigen. (Nie vergessen: Die Transzendentalphilosophie kehrt die Betrachtungsweise um; nicht aus Ursachen konstruiert sie Wirkungen, sondern aus Folgen erschließt sie Bedingungen. Da aber auch sie diskursiv verfahren muss, sieht es aus wie eine verkehrte Kausalität.)

Überflüssig ist es auch sachlich nicht, denn der Begriff des Leibes muss bestimmt werden - artikuliert; zähe, halt- bare Materie -, um aus ihm sachlich fortbestimmen zu können; und zwar in diesem Fall negativ: Der eine ist so wenig bloße Materie wie der andere und können einander als solche nicht behandeln, weil sie sich selbst nicht als solche behandeln können.

Nun ja, auch das hatten wir in der Abstraktion bereits; aber eben nur im Begriff. Dabei darf F. es nicht belas- sen, weil er uns zu Folgerungen für die Sinnenwelt führen will. Und es sieht so aus, als kämen wir auf diese Weise auch der ausgefallenen Idee von den 'zwei Organen' näher.
JE

Mittwoch, 10. April 2019

[Zähe, haltbare Materie und meine Kunst.]

attisch, um 550 v. Chr.
 
Diese Hemmung der freien Bewegung in meinem Leibe muss ich zum Behuf der postuliereten Entgegenset- zung notwendig als möglich setzen - und mein Leib ist weiter bestimmt. Als Bedingung derselben muss ich außer mir setzen ein zähe, haltbare Materie, fähig, der freien Bewegung meines Leibes zu widerstehen; und so ist durch die weitere Bestimmung meines Leibes auch die Sinnenwelt weiter bestimmt. 

Jene zähe haltbare Materie kann nur einen Teil meiner freien Bewegung hemmen, nicht aber alle; denn dann wäre die Freiheit der Person gänzlich vernichtet. Ich muss sonach durch die freie Bewegung des übrigen Teils meines Leibes den gebundenen des Zwanges entledigen, mithin auch auf die zähe Materie eine Kausalität üben können; der Leib muss physische Kraft haben, ihrem Eindrucke wenn auch nicht unmittelbar durch das Wol- len, dennoch mittelbar durch Kunst, d. i. durch Anwendung des Willens auf den noch freien Teil der Artikula- tion, zu widerstehen.

Dann aber muss das Organ dieser Kausalität selbst aus solcher zähen haltbaren Materie zusammengesetzt sein; und die Übermacht des freien Wesens über diese Materie außer ihm entsteht lediglich aus der Freiheit nach Be- griffen; da hingegen die letztere bloß nach mechanischen Gesetzen wirkt, mithin nur eine Wirkungsweise hat, das freie Wesen aber mehrere.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 65



Nota. - Er führt was im Schilde, sonst würde er nicht so viel Begriffsgerät in Stellung bringen. Es soll die Mög- lichkeit einer rein mechanischen Übermacht ausgeschlossen und das Aufeinandertreffen zweier freier Willen herausgearbeitet und die Rolle des Begriffs eingeführt werden. Die waren aber von Anbeginn in der Vorausset- zung des Rechtsbegriffs enthalten. Wozu jetzt noch einmal en détail?
JE

Dienstag, 9. April 2019

[Genetische Deduktion und politische Interessen.]

Berlin, Friedrichstraße, März 1848
 
Welches ist die entgegengesetzte Weise? Der Charakter der beschriebenen Einwirkung war der, dass es gänzlich von der Freiheit meines Willens abhing, ob auf mich eingewirkt werden sollte, indem ich der Einwirkung erst stille halten und sie als geschehen setzen musste; widrigenfalls auf mich gar nicht eingewirkt gewesen wäre. Der Charakter einer entgegengesetzten Einwirkung wäre sonach der, dass es nicht von meiner Freiheit abhinge, die gesehene Einwirkung zu bemerken oder nicht, sondern dass ich sie bemerken müsste, so gewiss ich irgend et- was bemerkte. Wie ist eine solche möglich? 

Dass die beschriebene Einwirkung von meiner Freiheit abhing, kam zuvörderst daher, dass ich durch die bloße Freiheit des Willens die hervorgebrachte Form meines artikulierten Leibes zerstören konnte; in der entgegen- gesetzten müsste es nicht lediglich von der Freiheit des Willens abhängen, die hervorgebrachte Form müsste fest, wenigstens nicht unmittelbar vermittelst des höheren Organs zu zerstören, mein Leib müsste in ihr gebun- den und gänzlich gehemmt sein in seinen Bewegungen. 

Aus einer solchen gänzlichen Hemmung würde dann auch die Reflexion darauf notwendig erfolgen; nicht der Form nach, dass ich überhaupt ein reflektierendes Wesen würde, welches lediglich im Wesen der Vernunft ge- gründet ist, sondern der Materie nach, dass, wenn ich überhaupt nur reflektiere, ich notwendig auf die gesche- hene Einwirkung reflektieren müsste. Denn das freie Wesen will sich nur finden als ein freies. So gewiss es demnach über sich reflektiert, ahmt er eine in ihm hervorgebrachte Bestimmung innerlich nach - mit der Vor- aussetzung, dass es von der Freiheit ihres Willens abhänge, dass dieselbe bleibe. Sie schränkt / ihr Freiheit selbst ein.

Ist aber, der Voraussetzuung nach, jene Bestimmung durch die bloße Kausalität des Willens nicht zerstörbar, so bedarf es einer solchen Selbstbeschränkung nicht; es fehlt etwas, was in die Reflexion eines freien Wesens als eines solchen gehört, und es wird dadurch der Zwang gefühlt. So gewiss über irgend etwas reflektiert wird, wird der Zwang gefühlt; denn alles im artikulierten Leibe hängt notwendig zusammen, und jeder Teil fließt ein auf alle, zufolge des Begriffs der Artikulation.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 65f.
 



Nota. - Gewundene rabulistische Argumentation weist untrüglich darauf hin, dass etwas Ungehöriges im Gange ist. Was ist hier das Ungehörige? Dass Fichte, obwohl im Reich der Vernunft angelangt, weiter so tut, als müsse oder dürfe er 'genetisch' spekulieren wie in der Transzendentalphilosophie. 

Genetisch deduziert hatte er den Rechtsbegriff als notwendige Implikation der Vernunft.

Ab hier müsste die Darstellung historisch-politisch werden. Der Begriff des Rechts ist festgestellt - insbesondere, dass es für alle Vernunftwesen gleich gilt. Daran sind historisch entstandene Rechtssysteme zu messen und gege- benenfalls politisch zu kritisieren. Dabei mag es zweckmäßig werden, Einzelnes nachträglich in kritisch-transzen- dentalphilosophischer Weise zu spezifizieren.

Und es ist nicht so, dass sich Fichte um die politischen Konsequenzen seiner Philosophie je gedrückt hätte. Es wird wohl eher so sein, dass ihm das messerscharfe Deduzieren unbeschadet einer jeden Widerrede so liebge- worden war, dass er gar nicht mehr aufhören mochte. 

Das Politische ist eo ipso strittig. Der Philosoph mag aus den ihm eigenen Erkenntnissen mitstreiten, wenn er sich traut. Aber Politik ist nicht Philosophie. In der Philosophie muss und kann vieles in der Schwebe bleiben, in der Politik müssen Entscheidungen getroffen werden, wenn die Zeit gekommen ist.

Aber vor allem: Politik ist keine Sache der Vernunft, sondern ein Kampf von Interessen. Eine Idee wird zu einer sachlichen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift - sofern sie nämlich ihren Interessen entspricht und sie es erken- nen. Dann mag an Stelle der Waffe der Kritik die Kritik durch Waffen treten. 
JE 


Montag, 8. April 2019

[Einwirkung durch einen fremden Willen.]

 
III. Als Ursache der beschriebenen Einwirkung auf das Subjekt soll lediglich ein vernünftiges Wesen außer dem Subjekt gesetzt werden können. Der Zweck diese Wesens wäre es gewesen, auf das Subjekt einzuwirken. Aber ist erwiesenermaßen auf dasselbe gar nicht eingewirkt, wenn es nicht durch seine eigene Freiheit dem Eindruk- ke stillhält und ihn innerlich nachahmt. Das Subjekt muss selbst zweckmäßig handeln, d. h. es muss die Summe seiner Freiheit, die den geschehenen Eindruck aufheben könnte, auf die Erreichung des vorgegebenen Zwecks der Erkenntnis beschränken, welche Selbstbeschränkung eben das ausschließende Kriterium der Vernunft ist. 

Das Subjekt muss also durch sich selbst die Erreichung des Zwecks des Wesens außer ihm vollenden, und die- ses müsste sonach auf die Vollendung durch das Subjekt gerechnet haben, wenn es überall einen Zweck gehabt haben soll. Es ist demnach für ein vernünftiges Wesen zu halten, inwiefern es durch diese Voraussetzung der Freiheit des Subjekts seine eigene Freiheit auf die Weise der gegebenen Einwirkung beschränkt hat.

Aber es bleibt immer möglich, dass es nur von ohngefähr so gewirkt habe, oder dass es nicht anders wirken könne. Es ist immer noch kein Grund, die Selbstbeschränkung desselben anzunehmen, wenn nicht dargetan werden kann, dass es auch anders hätte handeln können, dass die Fülle seines Vermögens dasselbe auf eine ganz andere Handelsweise werde geführt haben und dass es dieselbe notwendig beschränken und durch den Begriff der Vernünftigkeit des Subjekts / beschränken musste, wenn die Handlung, wie sie beschrieben wurde, erfolgen sollte.

Ich müsste sonach, wenn der geforderte Schluss möglich sein sollte, setzen, dass auch auf die entgegengesetzte Weise auf mich gewirkt werden könnte, und das anzunehmende Wesen außer mir auf die entgegengesetzte Wei- se hätte wirken wollen.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 64f.
 



Nota. - Kein Kommentar, solange nicht klar wird, worauf er hinauswill.
JE