Freitag, 7. Oktober 2016

Der Denkzwang ist ein Gefühl.


metablock

Anmerkung. A) Die Anschauung X ist nichts anderes als die im vorigen Pragraphen deduzierte Reflexion. (Der Gang der Wissenschaftslehre ist: Das Ich setzt A, aber wenn A gesetzt sein soll, so muss es darauf reflektieren, darauf wieder reflektieren, und so fort.)

Über die Veränderung im Gefühle. Die erste Beschränkung A (voriger Paragraph) ist eine ursprüngliche Beschränkung meiner Natur. Aus ihr allein folgt gar nichts, denn es folgt nicht einmal die Anschauung des Ich. Ich kann aber meine Natur durch freies Handeln ausdehnen, und dann möchte etwas folgen. 

Aber ich kann nicht frei handeln, ehe ich für mich bin, wenigstens die Möglichkeit da ist, Ich sein zu können. Zu dieser Möglichkeit gehört, dass in meiner Natur eine Veränderung vorgehe, dass auf mich gewirkt, dass meine Natur affiziert werde. Die Anlage kann im Ich liegen, man braucht nicht aus ihm herauszugehen. Im gemeinen Bewusstsein muss sichs erklären durch das Vorhandensein von etwas außer mir. 

B. Die Beschränktheit der Anschauung Y, auf welche sich unser bisheriges Räsonnement gestützt hat, bedeutet den Denkzwang, ein Objekt gerade so zu denken, in ihm findet Gefühl statt. Ich fühle mich innerlich gezwun- gen, die Dinge gerade so zu denken.
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Wissenschaftslehre nova methodo,
 Hamburg 1982, S. 96
f.


 
Nota. - Na, da haben wir es ja endlich, das unsinnliche, das intellektuelle Gefühl! Gefühl ist ein Zustand, in dem das Subjekt 'leidend' ist, nicht tätig (wiewohl es nur leidend wird, sofern es tätig ist). Insofern ist der Zustand, in dem mein Denken sich gezwungen vorkommt, ein 'Gefühl'; aber doch nur im metaphorischen, und jedenfalls nicht in dem Sinn, dass im System meiner Sensibilität eine wirkliche Veränderung stattfände! Ob er aus dieser unerlaubten Vermengung Schlüsse zieht, wird sich zeigen. Es wären unerlaubte Schlüsse.

(In den Rückerinnerungen... tritt das 'intellektuelle Gefühl' als Bürge für meine Gewissheit ein; es ist 'Glaube' im Sinne von Evidenz. Fühle ich mich im Moment der Evidenz gezwungen, oder fühle ich mich vielmehr als siegreicher Entdecker? - Metaphorische Rede hat ihre Berechtigung, wo die Begriffe nicht hin reichen, weil die Vorstellungstätigkeit im vorbegrifflichen Raum (Metapher!) dargestellt werden soll. Aber dann darf man sie nicht als Argumente verwenden, so als ob sie Begriffe wären.)
JE


 

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