Dienstag, 6. Mai 2014

Es gibt nur eine Transzendentalphilosophie.


Joujou  / pixelio.de

Fichte hat sich stets beklagt, dass niemand recht verstehen wollte, wie die Wissenschaftslehre gemeint war, seine (zeitweiligen) Parteigänger nicht mehr als seine erklärten Gegner.

Nur mit Jacobi war das anders. Schon gegenüber Kant hatte er sich anders gestellt als unter den Zeitgenossen üblich. Die hatten zumeist ja und amen gesagt und sich beeilt, die Transzendentalphilosophie zu einer dualistischen Metaphysik breit zu kauen, die keinem wehetat und einem jeden seine dogmatische Privatmarotte ließ. Jacobi hatte dagegen aus einer Ablehnung Kants kein Hehl gemacht - weil er ihn verstand. So war schon klar, dass er der Wissenschaftslehre nicht zustimmen konnte.

Aber verstanden hatte er auch sie, und hatte vor allem verstanden, woran Fichte am meisten gelegen war: dass sie nämlich die einzig mögliche Vollendung des von Kant begonnenen Werkes war.

"Ich sage es bey jeder Gelegenheit, und bin bereit, / es öffentlich zu bekennen, daß ich Sie für den wahren Meßias der speculativen Vernunft, den echten Sohn der Verheißung einer durchaus reinen, in und durch sich selbst bestehenden Philosophie halte. ...

Und so fahre ich denn fort, und rufe zuerst, eifriger und lauter, Sie noch einmal unter den Juden der speculativen Vernunft für ihren König aus; drohe den Halsstarrigen es an, Sie dafür zu erkennen, den Königsberger Täufer aber nur als Ihren Vorläufer anzunehmen. Das Zeichen, welches Sie gegeben haben, ist die Vereinigung des Materialismus und Idealismus zu Einem / untheilbaren Wesen... Wie von Achtzehnhundert Jahren die Juden in Palästinea den Meßias, den sie so lange sich ersehnt, bey seiner wirkliche Erscheinung verwarfen, weil er nicht mit sich brachte, woran sie ihn erkennen wollten...: so haben auch Sie ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Aergernißes denen werden müßen, die ich Juden der speculativen Vernunft heiße."* 

Das war zu einer Zeit, als auch Kant sich nicht zu vornehm war, Fichte einen Eselstritt zu versetzen, von der Seite eines geistigen Widersachers mehr, als er von seinen gestrigen Freunden erwarten konnte, und zwar nicht bloß an persönlicher Anerkennung, mit der Fichte auch nicht eben verwöhnt wurde, sondern an philosophischer Einsicht. Jacobis vorbehaltloses Einverständnis im ersten Viertel seines Briefes ist ja nicht eine rhetorische Figur, damit die anschließende Kritik umso pikanter wirkt, sondern es ist - echt; auf dem Weg, den Kant eingeschlagen hat, ist nur dieses Ziel erreichtbar. 

Es sei aber der falsche Weg. Philosophisch pflichtet Jacobi Fichte uneingeschränkt bei. Seine Einwände sind rein und ausschließlich metaphilosophisch. Sie beziehen sich auf die lebenspraktischen Schlüsse, die diese Philosophie ermöglicht, und die ihr wie aller Philosophie als Motiv ursprünglich zu Grunde lagen. Und das seien - keine. Nicht Atheismus sei Fichtes Sünde, sondern Nihilismus. 

Fichte ist, wie wir gesehen haben, vor Jacobi eingeknickt. So konsequent, wie der ihm unterstellt hatte, wollte er doch nicht sein.  

*) Jacobi an Fichte, S. 1f.; 5f. 

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