Montag, 5. Mai 2014

Jacobis Apologie der Wissenschaftslehre.


segovax  / pixelio.de

In Allem und aus Allem sucht der menschliche Geist  nur sich selbst, Begriffe bildend, wieder hervor; strebend und widerstrebend; unaufhörlich vom augeblicklichen bedingten Daseyn, das ihn gleichsam verschlingen will, sich losreißend, um sein Selbst-und-in-sich-seyn zu retten, es alleinthätig und in Freyheit / fortzusetzen. Diese Thätigkeit der Intelligenz ist in ihr eine nothwendige Thätigkeit; sie ist nicht, wo diese Thätigkeit nicht ist. -

Es wäre also die größte Thorheit, bey dieser Einsicht, die Begierde nach Wißenschaft in sich oder anderen hemmen zu wollen, die größte Thorheit, zu glauben, man könne das Philosophieren wohl auch übertreiben. Das Philosophieren übertreiben hieße - die Besinnung übertreiben.

Beyde wollen wir also, mit ähnlichem Ernst und Eifer, daß die Wißenschaft des Wißens [...] vollkommen werde: nur mit dem Unterschiede: daß Sie es wollen, damit sich der Grund aller Wahrheit, als in der Wißenschaft liegend, zeige; ich, damit offenbar werde: dieser Grund, das Wahre selbst, sey nothwendig außer ihr vorhanden. Meine Absicht ist aber der Ihrigen auf keine Weise im Wege, so wie Ihre nicht der meinen, weil ich zwischen Wahrheit und dem Wahren unterscheide. Sie - nehmen von dem, was ich mit dem Wahren meyne, keine Notiz, und dürfen, als Wißenschaftslehrer, keine davon nehmen - auch nach meinem Urteil.  (S. 10f.) ... 

Ich kann mich dergestgalt auf Fichtens Standpunkt versetzen, und mich darauf intellektuell isoliren, daß ich mich fast schäme anderer Meynung zu seyn, und kaum meine Einwürfe wider sein System vor mir selbst aussprechen mag. (S. 13) ...

Eine reine, das ist: durchaus immanente Philosophie aus Einem Stück; ein wahrhaftes Vernunft-System, ist auf die Fichtesche Weise allein möglich. Offenbar muß alles in und und durch Vernunft, im Ich als Ich, in der Ichheit allein gegeben und in ihr schon enthalten seyn, wenn reine Vernunft, aus sich allein, soll alles herleiten können.

Von Vernunft ist die Wurzel, Vernehmen. - Reine Vernunft ist ein Vernehmen, das nur sich selbst vernimmt. Oder: die Reine Vernunft vernimmt nur sich. 

Das Philosophieren der reinen Vernunft muß also ein chemisch reiner Proceß seyn, wodurch alles außer ihr in Nichts verwandelt wird, und sie allein übrig läßt - einen so reinen Geist, daß er, in dieser seiner Reinheit, / selbst nicht seyn, sondern nur alles hervorbringen kann; dieses aber wieder in einer solchen Reinheit, daß es ebenfalls selbst nicht seyn, sondern als nur im Hervorbringen des Geistes vorhanden, angeschaut werden kann: das Gesamte eine bloße That-That.

Alle Menschen, in sofern sie überhaupt nach Erkenntniß streben, setzen sich, ohne es zu wißen, diese reine Philosophie zum lezten Ziele; denn der Mensch erkennt nur indem er begreift; und er begreift nur nur indem er - Sache in bloße Gestalt verwandelnd - Gestalt zur Sache, Sache zu Nichts macht.

Deutlicher!

Wir begreifen eine Sache nur in so fern wir sie construieren, in Gedanken vor uns entstehen, werden laßen können. In sofern wir sie nicht construieren, in Gedanken nicht selbst hervorbringen können, begreifen wir sie nicht. ...

Wenn daher ein Wesen ein von uns vollständig begriffener Gegenstand werden soll, so müßen wir es / objectiv - als für sich bestehend - aufheben, vernichten, um es durchaus subjectiv, unser eigenes Geschöpf - ein bloßes Schema - werden zu laßen. Es darf nichts in ihm bleiben und einen wesentlichen Teil seines Begriffs ausmachen, was nicht unsere Handlung, jezt eine bloße Darstellung unserer productiven Einbildungskraft wäre.

Der menschliche Geist also, da sein philosophischer Verstand schlechterdings nicht über sein eigenes Hervorbringen hinausreicht, muß, um in das ReiEine Wißech der Wesen einzudringen, um es mit dem Gedanken zu erobern, Welt-Schöpfer, und - sein eigener Schöpfer werden. Nur in dem Maaße wie ihm das lezte gelingt, wird er in dem ersten Fortgang spüren. Aber auch sein eigener Schöpfer kann er nur unter der angegebenen allgemeinen Bedingung seyn: er muß sich dem Wesen nach vernichten, um allein im Begriffe zu entstehen, sich zu haben: in dem Begriffe eines reinen absoluten Ausgehen  und Eingehen, ursprünglich - aus Nichts, zu Nichts, für Nichts, in Nichts; oder dem Begriff einer Pendel-Bewegung, die als solche, weil sie Pendel-Bewegung ist, sich nothwendig selbst Schranken sezt im Allgemeinen; aber bestimmte / Schranken nur hat, als eine besondere, durch eine unbegreifliche Einschränkung.

Eine Wißenschaft, die sich selbst, als Wißenschaft allein zum Gegenstande und außer diesem keinen Inhalt hat, ist eine Wißenschaft an sich. Das Ich ist ein Wißenschaft an sich, und die Einzige: Sich selbstg weiß es, und es widerspricht seinem Begriffe, daß es außer sich selbst etwas wiße oder vernehme u.s.w. u.s.w. .... Das Ich ist also nothwendig Princip aller andern Wißenschaften, und ein unfehlbares Menstruum, womit sie alle können aufgelöset und verflüchtiget werden in Ich, ohne irgend etwas von einem caput mortuum - Nicht-Ich - zu hinter- laßen. - Es kann nicht fehlen: Wenn Ich allen Wißenschaften die Grundsätze gibt, dass alle Wißenschaften aus Ich müßen deduciret werden können: Können sie aus Ich alleinalle deduciret werden; so müßen in und durch Ich allein auch alle construirt werden können, in sofern sie construirbar, d. i. in sofern sie Wißenschaften sind. /

Aller Reflxion liegt Abstraction dergestalt zu Gruonde, daß Reflexion nur durch Abstraction möglich wird. Umgekehrt verhält es sich eben so; Beyde sind unzertrennlich und im Grunde Eins, eine Handlung des Auflösens alles Wesens in Wißen; progressive Vernichtung (auf dem Wege der Wißenschaft) durch immer allegemeinere Begriffe. Was nun auf diese Weise involvirend vernichtet wurde, kann evolvirend wieder hergestellt werden: Vernichtend lernte ich erschaffen. Dadurch nehmlichdaß ich auflösend, zergliedernd, zum Nichts-Außer-Ich gelangte, zeigte sich mir, daß Alles Nichts war, außer meiner, nur auf einer gewiße Weise eingeschränkten, frreyen Einbildungskraft. Aus dieser Einbildungskraft knn ich dann auch wieder hervorgehen laßen, alleinthätig, alle Wesen, wie sie waren, ehe ich sie, als für sich bestehend, für Nichts erkannte. (S. 14-18)

______________________________________________________
aus Friedrich Heinrich Jacobi, Jacobi an Fichte, Hamburg, 1799.  




 

Keine Kommentare:

Kommentar posten