Donnerstag, 22. Mai 2014

Vom ästhetischen Trieb zum Schöpfungvermögen.


Gauguins Palette

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung, die nicht mehr auf die Erkenntnis dessen, was längst erkannt ist, absieht, sondern die gleichsam nochmal zum Überflusse an den Gegenstand geht, - entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des befriedigten Erkenntnistriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der ästhetische Sinn. ...

Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung, wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu tun ist, erhebt sich dann bald die dadurch zur Freiheit erzogener Einbildungskraft zur völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt, bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heißt Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geiste erschafft. ... Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne Ge/schmack.

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie [1794], SW VIII , S. 290f.





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