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Mittwoch, 19. Dezember 2018

Das Ich ist unaufhörlich im Werden.

Sisyphus  Franz Xaver Stöber

II. Durch jenes Setzen einer freien Tätigkeit wird die Sinnenwelt zugleich bestimmt, d. i. sie wird mit gewissen unveränderlichen und allgemeinen Merkmalen gesetzt. 

Zuvörderst - der Begriff von der Wirksamkeit des Vernunftwesens ist durch absolute Freiheit entworfen; das Objekt in der Sinnenwelt als das Gegenteil derselben ist also festgesetzt, fixiert, unabänderlich bestimmt. Das Ich ist ins unendliche bestimmbar; das Objekt, weil es ein solches ist, auf einmal für immer bestimmt. Das Ich ist, was es sei, im Handeln, das Objekt ist Sein. Das Ich ist unaufhörlich im Werden, es ist in ihm gar nichts Dau- erndes; das Objekt ist, so wie es ist, für immer; ist, was es war und was es sein wird. Im Ich liegt der letzte Grund seines Handelns; im Objekt der seines Seins: denn es hat weiter nichts als Sein.
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Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, 
SW Bd. III, S. 28



Nota. - Das Ich 'ist' wesentlich nichts als seine prädikative Qualität, und diese Qualität ist nicht, als wenn sie wirkt.
JE




Dienstag, 4. Dezember 2018

Ich urteile, also bin ich.

CFalk  / pixelio.de
 
Irgend eine Thatsache des empirischen Bewusstseyns wird aufgestellt; und es wird eine empirische Bestimmung nach der anderen von ihr abgesondert, so lange bis dasjenige, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich weiter nichts absondern lässt, rein zurückbleibt.

1) Den Satz: A ist A (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung der logischen Copula) giebt Jeder zu; und zwar / ohne sich im geringsten darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiss und ausgemacht an.

Wenn aber Jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten, jener Satz sey schlechthin, d. i. ohne allen weiteren Grund, gewiss: und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut, schreibt man sich das Vermögen zu, etwas schlechthin zu setzen.

2) Man setzt durch die Behauptung, dass obiger Satz an sich gewiss sey, nicht, dass A sey. Der Satz: A ist A ist gar nicht gleichgeltend dem: A ist, oder: es ist ein A. (Seyn, ohne Prädicat gesetzt, drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädicate; worüber weiter unten.) Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: A ist, offenbar falsch wäre. Son- dern man setzt: wenn A sey, so sey A. Mithin ist davon, ob überhaupt A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom Gehalte des Satzes, sondern bloss von seiner Form; nicht von dem, wovon man etwas weiss, sondern von dem, was man weiss, von irgend einem Gegenstande, welcher es auch seyn möge.

Mithin wird durch die Behauptung, dass der obige Satz schlechthin gewiss sey, das festgesetzt, dass zwischen jenem Wenn und diesem So ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der nothwendige Zusammenhang zwischen beiden ist es, der schlechthin, und ohne allen Grund gesetzt wird. Ich nenne diesen nothwendigen Zusammen- hang vorläufig = X.

3) In Rücksicht auf A selbst aber, ob es sey oder nicht, ist dadurch noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher Bedingung ist denn A?

a. X wenigstens ist im Ich, und durch das Ich gesetzt – denn das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X als einem Gesetze urtheilt; welches mithin dem Ich gegeben, und da es schlechthin und ohne allen weiteren / Grund aufgestellt wird, dem Ich durch das Ich selbst gegeben seyn muss.

b. Ob, und wie A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber da X einen Zusammenhang zwischen einem un- bekannten Setzen des A, und einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben A bezeich- nen soll, so ist, wenigstens insofern jener Zusammenhang gesetzt wird, A in dem Ich, und durch das Ich gesetzt, so wie X; X ist nur in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich gesetzt: mithin muss auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf bezogen wird.

c. X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die logische Stelle des Subjects einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des Prädicats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind, insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und das im Prädicate wird, unter der Bedingung, dass das im Subjecte gesetzt sey, schlechthin gesetzt; und der obige Satz lässt demnach sich auch so ausdrücken: Wenn A im Ich ge- setzt ist, so ist es gesetzt; oder – so ist es.

4) Es wird demnach durch das Ich vermittelst X gesetzt: A sey für das urtheilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im Ich überhaupt; das heisst: es wird gesetzt, dass im Ich – es sey nun insbesondere setzend, oder urtheilend, oder was es auch sey – etwas sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe seyn; und das schlechthin gesetzte X lässt sich auch so ausdrücken: Ich = Ich; Ich bin Ich.

5) Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: Ich bin (zwar nicht als Ausdruck einer Thathandlung, aber doch einer Thatsache) angekommen. Denn X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen Bewusstseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch dieser schlechthin gesetzt.

Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz: A ist A. – Nemlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung einen Gehalt. Wenn A ge/setzt ist, so ist es freilich als A, mit dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht ausgemacht, ob es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit ir- gend einem Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X; er gilt nicht nur der Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter Be- dingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz lässt sich auch ausdrücken: Ich bin.
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Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 92-95 



Nota. - Die elementare Tätigkeit des Ich ist urteilen; was immer urteilt, soll Ich heißen. Urteilen ist die Behaup- tung einer logischen Folge: wenn dies, so das. Das Wenn muss immer - 'peiristisch' - vorausgesetzt werden; sein Ob ist problematisch, nicht aber das Dann. Es ist der Satz der Identität: die Bestimmung. Es ist die Urform des Urteils. Wer immer einen bestimmenden, d. h. einen irgendetwas als dieses identifizierenden Satz spricht, setzt sich als (ein) Ich. Er nimmt für sich in Anspruch eine ursprüngliche prädikative Qualität.

So hatte Kant* das transzendentale Subjekt gefunden: bei Rousseau im Abschnitt über den Savoyischen Vikar im Émile; die Philosophen mögen ihm mit guten Gründen die Freiheit des Willens bestreiten; doch wenn er urteile, sei kein anderer dabei, das wisse er mit Sicheheit.

*) Ernst Cassirer, "Kant und Rousseau"; in: Rousseau, Kant, Goethe, Hamburg 1991 (PhB) 
JE 


 

Montag, 3. Dezember 2018

Wie aus dem reinen Wollen ein wirkliches Wollen wird.


 
§ 13

Reelle Wirksamkeit ist nur möglich nach einem Zweckbegriffe und ein Zweckbegriff nur unter der Bedingung einer Erkenntnis, und diese unter der Bedingung einer reellen Wirksamkeit möglich; und das Bewusstsein würde durch einen Zirkel, und sonach gar nicht erklärt.

Es muss daher etwas geben, das Objekt der Erkenntnis und Wirksamkeit zugleich sei. Alle diese Merkmale sind nur in einem allem empirischen Wollen und aller empirischen Erkenntnis vorauszusetzenden reinen Willen vereinigt.

Dieser reine Wille ist etwas bloß Intelligibles, wird aber, inwiefern es [sic] sich durch ein Gefühl des Sollens äußert und zufolge dessen gedacht wird, aufgenommen in die Form des Denkens überhaupt als ein Bestimmtes im Gegensatze eines Bestimmbaren, dadurch werde ich das Subjekt dieses Willens, ein Individuum, und als Bestimmbares wird mir ein Reich vernünftiger Wesen. Aus diesem reinen Begriffe lässt sich ableiten und muss abgeleitet werden das gesamte Bewusstsein.

§ 14

Ein Gefühl ist mir nur möglich, inwiefern im System der Sensibilität eine Veränderung vorgeht; und aus dieser entsteht eine objektive Erkenntnis. Diese ist aber nicht möglich außer zufolge eines Handelns, inwiefern ich mich als Ursache denke. Ich denke mich aber als Ursache, wenn ich das Mannigfaltige des Erfolgs beziehe auf das reine Wollen. Dies Wollen ist ein ursprünglich Bestimmtes oder Bestimmendes. Ein reines Wollen, inwie- fern es sich als Sollen äußert.

Nun muss das Wollen, durch welches die Veränderung der Gefühle als etwas Empirisches hervorgebracht werden soll, selbst ein empirisches sein, denn die Bestimmtheit der Gefühle wird erklärt aus der Bestimmtheit des Willens; aber wenn der Wille nicht auf solche Gefühle bezogen wird, so ist kein Wille, mithin erklärt der reine Wille nichts.

Unsere Aufgabe ist jetzt: Wie wird das reine Wollen zum empirischen? /

Es ist uns hier um die Ableitung der Weltbegriffe zu tun. Diese sollen vom reinen Willen abgeleitet werden; dieser ist dazu aber nicht brauchbar, weil er eben rein ist.

Das Denken als solches, als sich Etwas denken, ist das Mittelglied zwischen dem Intelligiblen und der Sinnen- welt; durch das Denken sonach müsste der reine Wille versinnlicht werden, und zwar nicht nur so, dass etwas Objektives in demselben zugleich mitgedacht würde, sondern auch, dass er lediglich durch das Denken zu einem empirischen Willen würde.

Was gedacht wird, kommt unter die Gesetze des Denkens. Nun sind wir uns nicht der Gesetze des Denkens bewusst. Dieses Bewusstsein gibt uns erst die Philosophie.

Der reine Wille ist als Idee gedacht worden. Wird er nun gedacht oder nicht? Wird er überhaupt nicht gedacht, so können wir nicht davon sprechen. Wird er aber gedacht, so fällt er unter die Gesetze des Denkens und wird sinnlich. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 152f. 



Nota I. - Das reine Wollen findet noch in der Welt des bloßen Vorstellens statt und schaut Bilder an; es bleibt in meiner Welt, wenn ich so sagen darf. Zu einem wirklichen Wollen wird es erst, indem ein Zweckbegriff hinzu- tritt, und der kann nur in der realen Welt, nur in unserer Welt liegen: in der Welt, wo ich unvermeidlich mit 'an- deren vernünftigen Wesen' zu tun habe, zu denen ich mich nur durch Begriffe verständ igen kann. Wo die rein betrachtende Zustimmung zu einem Bild - ja, das will ich - der praktische Entschluss tritt, das dem Zweckbe- griff Gemäße selbst zu tun. So wird aus dem virtuellen Handeln des Vorstellens ein reales Handeln und wird das angeschaute Ich ein wirkliches.
 
18. 5. 15

Nota II. - Und natürlich wird auch hier nicht behauptet, dass es eine reines Wollen 'wirklich gibt'. Wirklich will ein Mensch dieses oder jenes, aber nicht 'überhaupt', und das ist, wovon die Transzendentalphilosophie ausgehen muss. Allerdings geht sie davon aus, um es zu erklären. Sie muss also auf die Bedingungen zurückgehen, durch die allein wirkliches Wollen als möglich vorgestellt werden kann. Sie zieht vom wirklichen Wollen die Bestimmtheit als 'dieses' oder 'jenes' ab - und behält auf der einen Seite das reine Wollen, auf der andern den Zweckbegriff übrig. Diese beiden gehören zusammen und eins erklärt das andere - aus dem wirklichen Wollen.

Durch das schrittweise Abziehen aller faktisch hinzugetretenen Bestimmungen - hier: dieses oder jenes - wird am Ende die allem zu Grunde liegende Bedingung freigelegt, die ihrerseits noch nicht bestimmt ist: die ursprüngliche prädikative Qualität; von der paradoxer Weise aber schon angenommen werden muss, dass sie 1. Qualität ist, und diese 2. prädikativ ist. Denn damit ein Bestimmen je angefangen werden kann - und dass es angefangen hat und fortgeschritten ist, war die sachliche Voraussetzung der kritischen Untersuchung -, muss es sich selbst bestimmt haben; sonst war ja keiner mehr da.
JE
 


 Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Donnerstag, 29. November 2018

Die Welt ist Eine nur, weil das Ich Eins ist.



Wenn man die Verrichtungen des menschlichen Geistes systematisch in einem letzten Grunde vereinigen wolle, müsse man Dieses und Jenes als Handlungen desselben annehmen; jedes vernünftige Wesen, das es versuchen würde, werde in diese Notwendigkeit versetzt werden; dies und nichts weiter behauptet der Philosoph.

Jene ursprünglichen Tathandlungen haben dieselbe Realität, welche die Kausalität der Dinge in der Sinnenwelt aufeinander und ihre durchgängige Wechselwirkung hat.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 25


Nota. - Der von der Transzendentalphilosophie aufgefundene letzte bzw. erste Grund des Bewusstseins ist eine - des weitern unbestimmte - prädikative Qualität, deren einzige Bestimmtheit das Vermögen des Prädizierens ist. Über dieses Vermögen hinaus ist sie unbestimmt. Sie ist als mannigfaltig nicht bestimmt, und ist nur eine, die einem je Mannigfaltigen zugerechnet werden kann. Was immer sie prädiziert, ist durch Eines prädiziert und dies Eine ist der Grund, der jedem einzelnen der mannigfaltigen Prädikate zu unterlegen ist. Was empirisch als Kausal- zusmmenhang vorgestellt wir, muss ideal als genetische Ur-Sache aufgefasst werden.
JE
 




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

Mittwoch, 28. November 2018

Bilder sind das Material allen Bestimmens.

René Burri, Giacometti aveugle

Die Wissensschaftslehre hat es noch nicht zu tun mit dem System der durcheinander in gegenseitiger Wech- selbestimmung voneinander abgegrenzten und miteinander verketteten Begriffe - Symbolnetz, Sprachspiel usw. Ein  solches System wäre eine Allgemeine Logik. Das ist die Wissenschaftslehre nicht. Ihr Verfahren ist daher nicht diskursiv.

In der Wissenschaftslehre tritt der Begriff noch auf in seiner Entstehung - als gesetzte Vorstellung. Sie gibt nicht an, wie man einen Begriff wiederauffindet durch Nachsuche im allgemeinen Verweisungsgeflecht, son- dern wie man eine Vorstellung hervorbringt, indem man die zu ihrer Herstellung notwendigen Handlungs- schritte nach-vollzieht. Ihr Verfahren ist genetisch. Gesetzt ist die Vorstellung als Bild, das man anschauen kann, indem man es selber malt. Das Bild ist Quale, ist der Stoff der Vorstellung: Es ist das zu-Bestimmende. Es wird als Ganzes produziert, aber nicht aus vorliegenden Teilen re-produziert. Voausgesetzt ist immer nur eine von jedem selbst zu unternehmende erste Handlung, aus der alles weitere folgt - nicht an sich, sondern nur, wenn man es will.


3. 5. 15


Nachtrag. Vernunft wird vorgefunden. Sie ist das allgemeinste Verkehrsmittel der bürgerelichen Gesellschaft. Als solches ist sie die Voraussetzung dafür, dass über die Vernünftigkeit des einen oder andern Akts gestritten wer- den - die allgemein anerkannte Voraussetzung für diskursives Argumentieren. 

Die Vernunftkritik hat die Absicht, diese Voraussetzung zu rechtfertigen gegen Skeptiker und Dogmatiker, die ihr Fortschreiten immer schon begleitet und behindert haben.

Das kann sie nur durch Rechtfertigung - nachträgliche Begründung - ihrer eigenen Voraussetzungen. Während sie faktisch sich selbst voraussetzt, muss sie logisch-genetisch so verfahren. als ob sie ohne Voraussetzung wäre. Auf die aus dem diskursiven Verkehr gewonnen und im diskusiven Verkehr bewährten Begriffe und Verfahrens- regeln muss sie bei ihrem kritischen Geschäft folglich verzichten. Sie rechtfertigt nicht deren mannigfaltigen Be- stimmungen, sondern sucht nach 'der Bedingung der Möglichkeit' des Bestimmens selbst. Dazu muss sie die ihr gege- benen positiven Bestimmungen Schritt für Schritt abstreifen und das Verfahren des Bestimmens freilegen. Sie fin- det 'an ihrem Grund' einen allgemeinen Bestimmer, dessen einzige Bestimmtheit das Vermögen des Bestimmens ist: eine ansonsten ganz unbestimmte prädikative Qualität. Nur sie selbst kann sich bestimmen und sie kann sich nur selbst-bestimmen. Wir nennen sie 'das Ich'.

Das ist die Form. Was ist der Stoff? Das, was die unbestimmte prädikative Qualität sich entgegen setzt. Wir wer- den es Nicht-Ich nennen, sobald es für das Ich ist. Das ist die logisch-genetische Bestimmung. Faktisch ist es der Widerstand, auf den die prädikative Qualität stößt, und wird für das Ich zu einem Gefühl. Die Anschauung des Gefühls als dieses ist ein Bild. Es ist eine erste Bestimmung. Sie ist das Material alles weiteren Bestimmens.
JE

Mittwoch, 21. November 2018

Begreifen ist wollen.


Ich finde mich als wollend nur, in wiefern durch meinen Begriff etwas wirklich werden soll. Dies ist Gesetz meiner sinnlichen Erkenntnis, nun ist diese Wirklichkeit nicht, außer in wie fern sie durch meinen Begriff sein soll, sie wird also nicht erblickt, als insofern mein Begriff als Kausalität habend angeschaut wird. Nur insofern die Kategorie etwas hinzusetzt, produzierend ist; an einen Begriff als einen wirkenden wird die Wirkung erst hinzu- gedacht; durch die Kategorie wird etwas.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 198 


Nota I. - Hier sind wir nicht mehr beim reinen, sondern schon beim empirischen Wollen: Als Bestimmungsgrund ist der (Zweck-) Begriff hinzugetreten. Die Vorstellung der Kausalität ist ein Derivat des Wollens

In der Wirklichkeit will ich freilich immer schon etwas - dieses oder jenes -, und nie 'rein'.
31. 12. 14

Nota II. - Das reine Wollen ist ein bloßes Gedankending, Noumenon, das dazu dient, meinem wirklichen Wollen von diesem oder jenem einen Grund zu legen. Doch ist die Transzendentalphilosophie keine Metaphysik, die das, was ist, aus dogmatisch vorausgesetzten Ursachen konstruiert: 'Weil dieses so ist, folgt daraus jenes', was... so oder anders ist. So oder anders: Es müsste Notwendigkeit herrschen. 

Die Transzendentalphilosophie hat gar nicht mit Sachverhalten zu tun, die so oder anders sein könnten. Sie hat es mit den Vorstellungen zu tun. Da geht es nicht um hinreichende Gründe; sondern um die notwendigen Bedin- gungen ihrer Möglichkeit, und Möglichkeit ist unbestimmt. Sie können nicht erklären, warum etwas so oder so ist, sondern nur, dass etwas ist. 

Dass es so oder so ausfällt - dass der eine dies, der andere jenes vorstellt -, bedarf der Bestimmung; am Grunde angekommen, findet sie ein sich-selbst bestimmendes Unbestimmtes vor, eine prädikative Qualität, und die iden- tifiziert sie als Freiheit. Sie ist vorauszusetzen als allererste Bedingung aller Möglichkeit. Vorausgesetzt bleibt im- mer ein Wollen. Ohne das wird aus keiner Möglichkeit etwas.
JE

Samstag, 10. November 2018

Das absolute Objekt der idealen Tätigkeit.



Das Objekt der vorbeschriebnen Anschauung ist ein Begrenzendes, ein Seiendes, aber durch ein Sein wird ein anderes verneint. Ein Begrenzendes nicht ohne Begrenzung, ein Sein nicht ohne etwas, das durch das Sein aufgehoben wird.

Der eigentliche Charakter der Anschauung kann nicht aufgehoben werden; wir haben aber einen Hang, ihn aufzuheben, weil im gemeinen Bewusstsein nie Anschauung, sondern immer Begriffe vorkommen.


Das, was durch das Sein des Objekts aufgehoben wird, ist nicht Tätigkeit des Ich. In der Anschauung wird kein Ich gesetzt; das Ich verschwindet im Objekte. Die Anschauung geht auf das Objekt, das, was durch das Seiende ausgeschlossen //85// wird, ist auch ein Objekt, es ist das Ideal als solches Objekt der Anschauung.

Das Objekt der erstbeschriebnen Anschauung ist ein Begrenzendes, Begrenztheit des Ich, aber qualis talis kann sie nicht gesetzt werden, das Ich kommt nicht in der Anschauung vor. Es ist also etwas der Anschauung Vor- schwebendes, ein bloßes Objekt ohne Subjekt. Diesem soll etwas entgegengesetzt werden, welches dasselbe negiert, dies ist also Objekt in der höchsten Bedeutung; etwas, worauf die ideale Tätigkeit sich bezieht, das aber nichts ist, woraus das Streben erklärt werden soll. Dies ist das Ideal.
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Wissenschaftslehre nova methodo,  Hamburg 1982, S. 84f.  


Nota I. - Im gemeinen Bewusstsein kommen nur Begriffe vor, nicht aber die Anschauungen, die ihnen zu Grunde liegen. Das ist nun das primäre Spezifikum der Wissenschaftslehre: dass sie auf die Anschauung geht und nicht auf die Begriffe. Das macht das grundlegend Kritische daran aus.

Doch das gemeine Denken bestimmt bis heute die Schulphilosophie. Wo über Fichte geschrieben wird, geschieht es - sei es zustimmend, sei es ablehnend - so, als habe er seine Philosophie aus Begriffen konstruiert und als dür- fe man ihn mit einem Kant oder Hegel vergleichen. Es ist gut, dass er an dieser Stelle den Unterschied deutlich ausspricht, aber viel nützen wird es nicht.

Nota II. - Ein sachlich Neues ist in diesem Absatz die Idee eines absoluten Objekts der Anschauung, auf das die ideale Tätigkeit abzielt, das sie aber nicht begründet; nicht begründen muss, weil sie in der Freiheit schon immer selbstbegründet ist. Die Freiheit gibt die Kraft, die Richtung weist das Absolute - das Wahre, Unbedingte, Zweck der Zwecke.

21. 9. 16

Nota III. - Der kritische Regress der Transzendentalphilosophie hat eine einzige, erste Bedingung der Vernunft aufgefunden, ohne die sie schlechterdings nicht denkbar ist: eine an sich unbestimmte, bestimmbare und sich-selbst bestimmende prädikative Qualität.

Sie ist der absolute Anfang, von dem aus die Wissenschaftslehre den Selbstbestimmungsgang der Vernunft re- konstuiert.* Doch ist es ein Gang ins Unendliche - das ewig unbestimmt Bleibende; immer weniger zwar, und doch absolut. Dieses wiederum ist der absolute Zweck der Vernunft. 

'Das Absolute kann nicht gedacht werden, denn gedacht werden kann nur Bestimmtes; wäre es aber bestimmt, wäre es nicht absolut. Gedacht werden kann allenfalls, was es selbst bestimmt hat: die von ihm begonnene Kau- salreihe. Nicht als Bestimmtes, doch auch nicht als Bestimmendes kann es gedacht werden - sondern nur als das, was vor dem Beginn der Reihe angenommen werden muss. Ein Akt der Freiheit kann, wie gesagt, nicht begriffen werden.' 17. 12. 16

Gedacht werden kann es nicht. Aber es gibt eine Weise, es anzuschauen.
JE 


*) '... im zweiten, rekonstruierenden Gang der Wissenschaftslehre ist das Wollen-schlechthin sachliche Be- dingung des Vorstellens. Das Was des Wollens ist das schlechthin Bestimmbare, das Zubestimmende. Das wirkliche Vorstellen ist immer nichts anderes als ein Fortschreiten in der Bestimmung - des Zwecks. Dieser Fortschritt geht ins Unendliche und der Zweck-schlechthin bleibt auf ewig unbestimmt, weil bestimmbar. Ob er als solcher im Bewusstsein tatsächlich vorkommt, ist unerheblich: Er kann vorkommen, wenn man will; darauf kommt es an.' 14. 6. 16



 

Dienstag, 23. Oktober 2018

Jedes Einzelne in mir wird bestimmt durch das Übrige in mir.



Die reale Tätigkeit ist beschränkt durch unser Wollen, durch die Individualität, darüber können wir hinausden- ken, und denken vernünftige Wesen außer uns hinzu. Die ideale Tätigkeit ist beschränkt, und unser Zustand kann nur allmählich, und zwar in bestimmten Maßen aufgefasst werden. Durch die letzte werden wir etwas für uns, durch die erste bestimmen wir uns durch Vernunftwesen außer mir. Dieses in die äußere Anschauung auf- genommen, gibt uns die Sinnenwelt. Das Mannigfaltige in mir und das Mannigfaltige außer mir stehen in Wech- selwirkung.

Jedes Einzelne in mir wird bestimmt durch das Übrige in mir, und umgekehrt. Alles kommt aber aus dem ab- soluten Sein, und aus dem absoluten Beschränktsein im Auffassen dieses Seins. In realer Rücksicht bin ich nicht alles, in idealer kann ich, was ich bin, nicht auf einmal auffassen. ______________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 156

 
Nota I. - Das absolute Sein ist die als ein Sein aufgefasste Tätigkeit = Ich. Angeschaut wird aber stets nur eine bestimmte Tätigkeit = Handeln. Sie wird bestimmt, indem sie durch ihren Gegenstand beschränkt wird.

21. 11. 14

Nota II. - Indem das Ich sich setzt, bestimmt es sich durch seine Entgegensetzung zum Nicht-Ich. Als voraus- gegangen muss ich mir denken: ein Unbestimmtes, das sich - aus eigner Machtvollkommenheit - selbst bestimmt. Wie das möglich gewesen sein soll, ist einstweilen eine offene Frage, aber angenommen werde muss, dass es möglich war, denn es ist ja wirklich geschehen. Jedes Fortschreiten des Bestimmens der Nich-Iche durch das Ich ist seither zugleich sein Fortschreiten im sich-selbst-Bestimmen. Was immer bestimmt ist, ist es durch Vermittlung des Ich; und es selber ist (nichts als) vollständige Vermittlung aller Bestimmungen.

Daraus folgt zweierlei. Erstens, die transzendentale Herleitung des Ich dient dem Zweck, die Möglichkeit eines realen vernünftigen Ichs zu begründen. Dieses reale Ich - Individuum - muss daher selbst gedacht werden als ein Ganzes durch vollständige Vermittlung seiner Bestimmungen.

Zweitens, diesem ursprünglichen Unbestimmten muss doch hinzugedacht werden Spontaneität, nämlich eine ur- sprüngliche prädikative Qualität, und das ist das Vermögen, frei zu wollen.

Mit dieser nachzuschiebenden Voraussetzung steht und fällt das System der Wissenschaftslehre. 
JE




Montag, 22. Oktober 2018

Das Apriori der Wissenschaftslehre.


Das Wollen ist das einzige Apriori der Wissenschaftslehre.

Kann etwas apriori sein, das nicht zuvor aposteriori war? fragt Fichte.

Im Verlauf der vorstellenden Tätigkeit beobachtet, in der eine Welt entsteht, ist Alles zunächst einmal aposte- riori. Von meinem Wissen von der fertigen Welt aus betrachtet, erscheint alles, was vorkommt, als apriori.

Das Wollen ist im reellen Gang des Vorstellens nur apriori. Allein der erste, analytische Gang der Transzenden- talphilosophie findet es aposteriori als anzunehmende Voraussetzung auf; nicht aber das reale Wissen in seinem Bestand.

Dem theoretischen Philosophieren mag es als Ansich vorkommen. Für die Anthropologie wie für alle prakti- sche Philosophie ist es ursprüngliches Postulat.

31. 5. 15


Um Etwas zu wollen, bedarf es der Einbildungskraft alias eines poietischen Vermögens.

Um etwas zu wollen, müsste offenbar noch etwas hinzukommen.

Fichte hat die Reihenfolge umgekehrt. Er nimmt das Wollen als sein Apriori. Es ist die Bestimmung des Men- schen: "So soll er werden!"  -   Hinzukommen muss vielmehr noch ein Etwas.

Wer bestimmt, wie er werden soll? Es ist längst bestimmt: Dieses Apriori ist - es würde ihn nicht überrascht haben - ein Aposteriori. Es ist das autonome Subjekt, die selbstbestimmte Person der bürgerlichen Gesellschaft.


3. 6. 15


Und immer wieder: Die Wissenschaftslehre konstruiert nicht aus gedachten Voraussetzungen die Welt, sei's wie sie ist, sei's wie sie werden soll. Vielmehr findet sie eine Welt vor, in der die Auffassung um sich greift,* dass Ver- nunft herrschen soll. Was Vernunft sei und unter welchen Voraussetzungen sie herrschen kann, war Gegenstand der Kantschen Kritik. Sie blieb unvollendet im Apriori stecken. Aufgabe der Wissenschaftslehre ist, die Vernunft- kritik zu ihrem Absschluss zu bringen.

So weit die historische, faktische Voraussetzung der Aufgabe. Sie besteht im Aufsuchen der Bedingungen der Möglichkeit von Vernunft. Das geschieht im fort-, d. h. rückschreitenden Auflösen der auseinander entwickel- ten tatsächlichen Bestimmungen: Die Bedingungen werden zurückgeführt auf das sie Bedingende. Es ist am letz- ten Grund ein an sich selber unbestimmtes Bestimmendes; eine prädikative Qualität

Zur Probe ihrer Richtigkeit muss es gelingen, wie bei einer Rechenaufgabe die Operation umzukehren, und an ihrem Ende muss stehen - die 'Reihe vernünftiger Wesen', nämlich derer, die übereingekommen sind, dass in der Welt "Vernunft herrschen soll"; welches der Ausgangspunkt war. Was in der Analyse erst Ergebnis war, ist in der synthetischen Re konstruktion das Vorauszusetzende: a priori.
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*) seit dem Westfälischen Frieden 1648



Donnerstag, 18. Oktober 2018

Die reale Tätigkeit des Ich gibt es nur als ideale; und umgekehrt.

Vertigo

4) Die ideale und reale Tätigkeit sollen hier gegeneinander noch schärfer bestimmt werden.

A) Keine reale Tätigkeit des Ich ohne ideale. Denn das Wesen des Ich besteht in dem sich selbst Setzen; soll die Tätigkeit des Ich real sein, so muss sie durch das Ich sein; das aber, wodurch sie gesetzt wird, ist die ideale.

Dem Naturobjekte schreiben wir Kraft zu, aber nicht Kraft für sich, weil es kein Bewusstsein hat. Nur das Ich hat Kraft für sich. 

B) Umgekehrt keine ideale Tätigkeit des Ich ohne reale. Eine ideale Tätigkeit ist eine durch das Ich gesetzte, die wieder Objekt der Reflexion geworden ist und wieder durch ideale Tätigkeit vorgestellt wird. Sonst wäre das Ich wie ein Spiegel, der wohl vorstellt, aber sich selbst nicht wieder vorstellt. – 

Dies wieder-Objekt-Sein der idealen Tätigkeit ist mit dem Ich postuliert. Aber dies Objektmachen geschieht durch reale Tätigkeit. Ist letztere nicht, so ist kein Selbstanschauen der idealen Tätigkeit möglich. Die ideale Tätigkeit hätte nichts ohne die reale, und sie wäre nichts, wenn ihr nicht durch reale [Tätigkeit] etwas hingestellt würde.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 48


 
Nota. - Wir sind hier noch beim sich-Setzen des Ich; von Nicht-Ich(en) war noch nicht die Rede. Die Unter- scheidung von realer und idealer Tätigkeit gehört darum zu den Grundlagen der Wissenschaftslehre, ohne die nichts verständlich wäre. 

Das Ich wird zunächst angenommen als eine an sich selbst unbestimmte prädikative Qualität; eine Qualität, deren einziges Quale dies ist, schlechterdings zu 'prädizieren'. Sie ist unbestimmt und also unendlich; sie ist an sich nicht geteilt und daher teilbar: Indem sie auf etwas trifft, wird sie gehemmt, beschränkt an dem Teil von ihr, der auf das Etwas traf, der bleibt sozusagen 'hängen'. Er wird zum realen Teil der Tätigkeit. Nicht so der über das Etwas überschießende Teil, der treibt weiter: die ideale Tätigkeit. Die ideale Tätigkeit bleibt an sich unendlich und unendlich teilbar

In der Wahl des Etwas, auf das sie stieß, war die Tätigkeit frei, denn sie war unbestimmt. Im Widerstand des Etwas erfährt sie - 'an sich' - eine Bestimmung. Soll aber ein Ich werden - und dass es werden soll, ist der Aus- gangspunkt der Wissenschaftslehre -, dann muss die Bestimmung für es werden; sie muss angeschaut werden von einem weiteren Teil. Dieser Teil der idealen Tätigkeit ist nicht frei, denn ihm ist sein Objekt vorgegeben, er kann nicht wählen. 

Summa: Die reale Tätigkeit gibt es - nämlich für ein Bewusstsein, außer dem gibt es gar nichts -  nur als ideale, doch die idele Tätigkeit gibt es - für dasselbe Bewsusstsein - nur als reale.

* 

So umständlich es scheint - das seien doch alles keine Begriffe, sondern nur Bilder? Genau. Bei den Begriffen sind wir noch gar nicht. Die sind erst das Rohprodukt der Reflexion, aber hier stehen wir noch an ihrem Anfang: Die Wissenschaftslehre konstruiert nicht - logisch - aus Begriffen, sondern entwickelt - genetisch - Vorstellungen aus Vorstellungen. Das darf sie: Denn die prädikative Qualität des vorausgesetzten Unbestimmten - auch produkti- ve Einbildungskraft genannt - ist nichts anderes als... Vorstellen.
JE

Montag, 15. Oktober 2018

Das NichtIch ist nur eine andere Ansicht des Ich.


Wir haben oben gesehen: Auf der Notwendigkeit des Entgegensetzens beruht der ganze Mechanismus des menschlichen Geistes; die Entgegengesetzten sind ein und dasselbe, nur angesehen von verschiedenen Seiten. Das Ich, welches in dem Beabsichtigten liegt, und das NichtIch, welches in dem Gegebenen liegt, sind ein und dasselbe. Es sind nur zwei unzertrennliche Ansichten darum, weil das Ich Subjekt-Objekt sein muss. Aus letz- tem Satze geht alles hervor.


Aus der ursprünglichen Anschauung entstehen zwei Reihen, die subjektive oder das Beabsichtigte und das Objektive oder das Gefundene; beide können nicht getrennt werden, weil sonst keine von beiden ist. Beide Ansichten desselben, subjektive und objektive, sind beisammen, heißt: Sie sind nicht nur in der Reflexion un- zertrennlich, sondern sie sind auch als Objekte der Reflexion eins und dasselbe. Die Tätigkeit, die in sich zu- rückgeht, welche sich selbst bestimmt, ist keine andere als die bestimmbare, es ist dieselbe und unzertrennliche.


Das NichtIch ist also nichts anderes, als bloß eine andere Ansicht des Ich. Das Ich als Tätigkeit betrachtet gibt das Ich, das Ich als Ruhe betrachtet das NichIch. Die Ansicht des Ich / als Tätiges kann nicht stattfinden ohne die Ansicht des Ich als [einem] Ruhenden, d. h. NichtIch. Daher kommts, dass der Dogmatismus, der das Ich nicht in Tätigkeit denkt, gar kein Ich hat. Sein Ich ist Akzidens des NichtIch. Der Idealismus hat kein NichtIch, das NichtIch ist ihm nur eine andere Ansicht des Ich. Im Dogmatismus ist das Ich eine besondere Art vom Dinge, im Idealismus das Nichtich eine besondre Weise – das Ich anzuschauen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 42f.



Nota. - Gegeben ist das Unbestimmte, bestimmen ist beabsichtigen. Ohne Absicht würde ein Gegebenes gar nicht erst vorgefunden. Wie man es auch anfängt - 'im Grunde' muss eine ursprüngliche prädikative Qualität angenommen werden, ohne die nicht nur nichts als seiend gälte, sondern nicht einmal wäre. Von ihr geht alles aus, der Erkennbarkeit halber nennen wir sie Ich, denn sie ist die Subjektität, die allein Objekte setzt und prädi- ziert, uno actu, indem sie schlechterdings tätig ist. Sie setzt sich als Ich, indem sie ein Anderes sich entgegen setzt. Es ist immer nur die eine und selbe Tätigkeit; anschauen kann man sie von zwei Seiten.
JE


Freitag, 12. Oktober 2018

Das Anfangskapitel der Wissenschaftslehre.


Der Inhalt der gesamten Wissenschaftslehre lässt sich kurz in folgenden Worten vortragen: 

Dass ich mir überhaupt etwas' bewusst werden kann, davon liegt der Grund in mir, nicht in den Dingen. Ich bin mir Etwas' bewusst; das einzige Unmittelbare, dessen ich mir bewusst bin, bin ich selbst; alles andre macht die Bedingungen meines Selbstbewusstseins aus. Vermittelst des Selbstbewusstseins mache ich mir die Welt bewusst. - 

Ich bin mir Objekt des Bewusstseins nur im Handeln. Wie ist die Erfahrung möglich? heißt: Wie kann ich mir meines Handelns bewusst werden? Auf die Beantwortung dieser Frage geht alles aus, und wenn sie beantwortet ist, so ist unser System geschlossen.   

Bis jetzt haben wir dies gefunden: Ich muss, wenn ich mich als handelnd setzen soll, mir irgend eines Zweckbe- griffs bewusst werden. Mit der Beantwortung der Frage: Wie ist ein Zweckbegriff möglich? beschäftigen wir uns noch. Bisher haben wir gesehen, wie ein Begriff überhaupt möglich sei. Eigentlich ist von allem, was wir bisher aufgestellt haben, nichts ganz möglich, bis wir zu Ende sind, denn wir haben noch immer Bedingungen der Möglichkeit aufzustellen. Die Möglichkeit des Einzelnen lässt sich nur aufzeigen, wenn die Möglichkeit des Ganzen dargetan ist. 

Die Möglichkeit des Begriffs wurde nur gezeigt unter ge-/wissen Voraussetzungen, die wir stillschweigend machen mussten und konnten.

Wir sind so verfahren: Ich bin ursprünglich praktisch beschränkt; daraus entsteht ein Gefühl; ich bin aber nicht bloß praktisch, sondern auch ideal. Die ideale Tätigkeit ist nicht beschränkt, folglich bleibt Anschauung übrig. Gefühl und Anschauung sind miteinander verknüpft. Im Gefühle muss eine Veränderung stattfinden, dies ist Bedingung des Bewusstseins. Ich bin in der Beschränktheit beschränkt, werde also auch in der Anschauung Y beschränkt. Aus jeder Beschränkung entsteht ein Gefühl, mithin müsste auch hier ein Gefühl entstehen, das Gefühl des Denkzwangs, und mit diesem [die] Anschauung meiner selbst. Eine Anschauung, in der das Anschau- ende selbst gesetzt wird, die auf das Anschauende bezogen wird, heißt ein Begriff vom Dinge, hier von Y.

Es war schon im vorigen Paragraphen die Frage nach dem Vereinigungsgrund des Begriffs mit dem Ich; oder: Wie komme ich dazu zu sagen: Alles ist mein Begriff? 

Das Ich war bisher ein Fühlendes, es müsste auch das Begreifende sein; der Begriff müsste mit dem Fühlen notwendig vereinigt sein, so dass eins ohne das andere kein Ganzes ausmachte. Im Selbstgefühl ist Gefühl und Begriff vereinigt. Ich bin gezwungen, die Dinge so anzusehen, wie ich sie ansehe; wie ich mich selbst fühle, so fühle ich diesen Zwang mit.

So ist bisher das Ich als das Begreifende selbst begriffen worden. Wir wollen jetzt weiter gehen: Ich kann mich als Ich nur setzen, in wiefern ich mich tätig setze. - Da das Gefühl nur Beschränkung sein soll, so kann ich mich als Ich nicht fühlen, wenn nicht noch eine andere Tätigkeit hinzukommt. Mithin lässt sich aus dem Gefühl al- lein das Bewusstsein nicht erklären, also müsste ich mich in dem Begriffe des Y setzen als tätig. Das Ideale gibt sich dem Gefühle hin; wie / dies zugehe, ist besonders Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung. 

Ich setze mich als Ich heißt: ich setze mich als tätig. Das Materiale der Tätigkeit (was dabei angeschaut wird) ist ein Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. (Das Formale ist die Selbstaffektion, das gehört nicht hie[r]her.) Das Ich soll hier im Begriffe tätig gesetzt werden, als von einer gewissen Unbestimmtheit zu einer gewissen Bestimmheit übergehend.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 101f.


Nota. - Nur weil der Mensch schlechterdings in der Welt, und weil er dort handelnd ist, fühlt er, denn in der Welt wird sein Handeln schlechthin beschränkt durch den Widerstand der Dinge, auf die es trifft. Er fühlt in der Be- schränkung seines Handelns den Gegenstand und sich selbst

Dieses Fühlen ist der Stoff allen Bewusstsein.

Aber es ist nicht das Bewusstsein. Dafür muss das Vorstellen des Gefühls hinzukommen: das Bestimmen dessen, was es (mir) bedeutet. Das setzt voraus, dass im Treffen auf den Widerstand mein Handeln noch nicht erschöpft war; es muss also ein Quantum Tätigkeit angenommen werden, das übriggeblieben ist und nun auf das Gefühl selber als seinen Gegenstand gewendet wird. 

Die als der Tätigkeit zugrundeliegend angenommene 'prädikative Qualität' muss also als Einbildungskraft aufge- fasst werden, sie selber unbegrenzt und daher quantifizierbar ist. Sie fasst die Bestimmtheit des aus der Tätigkeit re- sultierenden Gefühls in ein - ruhendes - Bild.

Die als Ruhe angeschaute Tätigkeit ist der Begriff.

JE






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