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Freitag, 1. Juni 2018

Ein absoluter Anfang ohne Grund.

nach Dalí

Jenes Übergehen als solches wird angeschaut als seinen Grund schlechthin in sich selbst habend, die Handlung dieser Tätigkeit heißt darum reale Tätigkeit, welche der idealen, die die erste bloß rein abbildet, entgegengesetzt wird; sonach wird die Tätigkeit des Ich in diese beiden Arten eingeteilt. ... 

Die Handlung des sich selbst Setzens des Ich ist ein Übergehen von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit; wir müssen / darauf reflektieren, wie das Ich es macht, um von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit überzugehen.

Hier gibt es keine Gründe; wir sind an der Grenze aller Gründe. Man muss nur zusehen, was man erblickte. Jeder wird sehen: es gibt keine Vermittelndes. Das Ich geht über, weil es übergeht, es bestimmt sich, weil es sich bestimmt, dies Übergehen geschieht durch einen sich selbst begründenden Akt der absoluten Freiheit; es ist ein Erschaffen aus nichts, ein Machen dessen, was nicht war, ein absolutes Anfangen. ...

Die Tätigkeit, die sich darin äußert, soll heißen reale Tätigkeit; der Akt, durch welchen er sich äußert, ein prak- tischer; das Feld, worin er sich äußert, das praktische, diesem Akte haben wir zugesehen und sehen ihm noch zu. Die Tätigkeit, womit dies geschieht, soll heißen ideale Tätigkeit.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 46f.


Nota. - Aus nichts wird nichts, wird Fichte später, nach seiner dogmatischen Wendung, sagen - wo es nämlich erstmals ausdrücklich um das Woher - und also um Warum und Wozu - der Vernunft geht. 'Gab es' Vernunft, bevor 'das Ich sich setzte', dann war sie der Grund seines Setzens und sie war der absolute Anfang ohne Grund. 

Der Transzendentalphilosoph Fichte hätte diese Darstellung als transzendent und eo ipso als dogmatisch ver- worfen. Er hätte vielmehr gesagt: Das sich-Setzen des Ich als das grundlose Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmteren ist selbst der Anfang der Vernunft; nur als ein solches hat das Wort Vernunft überhaupt eine Bedeutung.

*

Die Aufgabe, die die Wissenschaftslehre sich gestellt hat, war nicht das transzendent-dogmatische Projekt, die Welt und alles, was in ihr vorkommt, aus ihren Ursachen zu erklären; nämlich so, dass aus der Ersten Ursache alles andere mit Notwendigkeit erfolgen musste. Das hatten die metaphysischen Systeme vor Kants koperni- kanischer Wende versucht. 

Die Transzendentalphilosophie wusste sich damit zu bescheiden, das vorgefundene Faktum der Vernunft zu er- klären. Sie muss nicht erklären, weshalb ein Ich 'sich gesetzt hat': Es hat es getan, das ist das Faktum, von dem wir ausgehen müssen. Dass das Auftreten der Vernunft in der Welt notwendig war, kann und darf sie gar nicht be- haupten, denn dazu müsste sie hinter die Vernunft zurückgreifen - vor den Punkt, als 'es' sie 'gab'. Dazu müsste sie der Vernunft entraten. Die war aber Ausgangs- und Zielpunkt der Transzendentalphilophie.

*

Insofern kann man Fichte der Inkonsequenz nicht zeihen. Denn mit seinem Einknicken vor Jacobi und seiner Bereitschaft, den Glauben der Vernunft voranzuschicken, hat er genau das getan: der Vernunft entraten.
JE


 

Samstag, 1. August 2015

Die Vernunft hat nur ein Interesse: das an Selbstständigkeit und Freiheit.


Apoxyomenos

Der Dogmatismus ist transzendent, überfliegend, aus dem Bewusstsein herausgehend; der Idealismus ist transzen- dental, er bleibt innerhalb des Bewusstseins, zeigt aber, wie ein Herausgehen möglich ist, oder: wie wir zu der Annahme kommen, dass den Vorstellungen Dinge außer uns entsprechen. Ob man es nun dabei bewenden lassen werde oder nicht, kommt auf die innere Denkart und den Glauben an sich [selbst] an, wer den hat, der kann Dogmatismus und Fatalismus nicht annehmen.

Das ist das, was bei Kant oft vorkommt unter dem Namen: Interesse der Vernunft. Kant spricht von einem Interesse der spekulativen und von einem Interesse der praktischen Vernunft und setzt beide entgegen. Dies ist nur auf seinem Gesichtspunkt richtig, aber nicht an sich, denn die Vernunft ist immer nur eine und hat nur ein Interesse. Ihr Interesse ist der Glaube an Selbstständigkeit und Freiheit, aus diesem folgt das Interesse für Ein- heit und Zusammenhang; dies könnte man das Interesse der spekulativen Vernunft nennen, weil das Ganze auf einen Grund gebaut und damit zusammenhängen soll. 

Mit diesem Interesse verträgt sich der Idealismus besser als der Dogmatismus.
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Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 17


Nota. - Zweck der Vernunft sind Selbsbständigkeit und Freiheit und nicht die Erfüllung eines vorbestimmten Programms. Er kann ihr nur immanent und transzendental sein, aber nicht transzendent.
JE


Mittwoch, 19. Oktober 2016

Die Transzendenz des Realen.



E) In der beschriebenen Reflexion betrachteten wir das Ich gerade so; wie wir die Sache bisher beschrieben haben, sieht sie das Ich an.

Das Ich setzt, dass mit dem Gefühle Y (welches auch nur für das Ich da ist, in wiefern es darauf geflektiert) die Anschauung Y notwendig verbunden sei, die aus der Beschränkung herausspringe. Durch die Verknüpfung der Anschauung mit dem Gefühle wird Y dem Ich ein reelles Ding. So ist unsere geschilderte Beschreibung des Transzendenten genommen, es wird Bedingung meines Bewusstseins, des bestimmten Bewusstseins der Realität. Was aus dem Gefühle erfolgt, heißt dem Ich Ding, Realität.

Anmerkung: Wir haben die Anschauungen X und Y als zwei Bestimmungen des Gemüts aufgestellt, wir mussten dies //105// tun, um in das Mannigfache, das vor uns lag, eine deutliche Einsicht zu bekommen, weil wir nur diskursiv denken können. Im menschlichen Geiste kommen dieses Bestimmungen nicht so abgesondert wor. Erst in der Anschauung X (soweit wir jetzt sind, denn es wird sich zeigen, dass dies nicht zureicht) kommt ein Ich vor, also auch in ihr erst kann Y oder das Ding vorkommen; sonst müsste ein Ding sein, ohne dass Ich wäre, beides ist absurd. X und Y machen daher nicht zwei Zustände, sondern zwei Bestimmungen ein und desselben Zustandes aus.

Die Behauptung, aus dem Gefühle erfolgt ohne unser Zutun eine Anschauung, wäre transzendent. Es wird aber nur behauptet, das Ich muss nach den Vernunftgesetzen es so ansehen.

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Wissenschaftslehre nova methodo,
 Hamburg 1982, S. 104f.



Nota. - Das ist es, dazu sind die ganzen "spitzfindigen Zurüstungen" der Transzendentalphilosophie gut: Die Vorstellung von einem Etwas jenseits meines Vorstellens ist transzendent, sie ist prima facie grundlos und muss daher erst transzendental vermittelt werden; es ist schon wahr, dass mit dem Gelingen einer solchen (denn es muss nicht genau diese sein) Vermittlung die Wissenschaftslehre steht und fällt.

Der Brief Jacobis wird ihn an diesem Punkt aus der Bahn werfen, und in der Bestimmung des Menschen macht er daher stattdessen einen Sprung ('proiectio per hiatum irrationalem', wie er es polemisch bei Jacobi nennt), nämlich die existenzialistische Rettung im 'Glauben' - nicht aus Gründen, sondern wg. eines Motivs.
JE







Samstag, 28. Januar 2017

Vorläufige Zusammenfassung der Wissenschaftslehre I.



§ 15. Übersicht des Vorhergehenden.

Der Geist unserer Philosophieist: Kein vorgebliches Ding an sich kann Objekt des Bewusstseins sein. Nur ich selbst bin mir Objekt; wie lässt sich unter dieser Voraussetzung das Bewusstsein konstruieren?

Wir können nur nach unseren Denkgesetzen erklären, und nach diesen muss die Antwort auf unsere Frage ausfallen. Unsere //167// Erklärung ist damit auch nicht an sich gültig; denn die Frage ist: Wie kann ein Ver- nunftwesen sein Bewusstsein erklären?

Nun müssen wir zu Folge der Reflexionsgesetze zu allem Bestimmten ein Bestimmbares voraussetzen. Dies Gesetz haben wir bisher angewandt auf das Ich, welches Objekt der Philosophie ist. Nun aber ist der Philosoph auch ein Ich, folglich auch an dieses Gesetz gebunden. Das Ich ist sich selbst Objekt des Bewusstseins, sonach Subjekt und Objekt. Wir wollen beides auf einander beziehen. Zu diesem Behufe müssen wir beide auf einan- der beziehen als bestimmbar, sonach wird uns nach den Denkgesetzen das Ideale und Reale geschieden. Das Reale bedeutet nur das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein.

Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt uns das bloß Intelligibele. Das Intelligible ist sonach nicht an sich, sondern etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung nach den Denkge- setzen Vorauszusetzenden. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent. 

Das ursprünglich Reale ist der reine Wille, das Bestimmbare in unseren Bestimmungen. Das Ideale ist ein Re- flexionsvermögen, gebunden an verschiedene Gesetze, unter anderem auch an das Gesetz, dass nur Sukzessives aufgefasst und nur diskursiv gedacht werden.das erste ist ein Vermögen, Objekt zu sein, das letztere ein Vermö- gen, Subjekt zu sein. das erste ist das Vermögen, rein, das zweite [ein Vermögen,] empirisch zu sein.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 166f.
 



Nota. -  Zunächt einmal: 'Diskursiv', das heute in verschiedenster Bedeutung gebraucht wird, verwendet er als bestimmtes Korrelat zu 'sukzessiv'. Da wir kein Ganzes, sondern immer nur Teile auffassen können, und zwar eines nach dem andern, können wir sie nur denken, indem wir in unserer Vorstellung eines nach dem andern, in der Zeit, wieder aneinanderfügen.

Dies nennt er ein Denkgesetz.

Ein Denkgesetz sei auch, dass wir zu jedem Bestimmten ein Bestimmbares denken müssen. Ein 'Gesetz' soll das sein? Es ist lediglich eine Explizitierung dessen, was im Verb 'bestimmen' vorgestellt wurde. Das Vorgestellte ist als Ganzes Eins, ein Singulum, und als ein solches kann darüber keine Aussage gemacht werden (de singularibus non est scientia), man muss es in sich selbst unterscheiden, um es dar stellen zu können; die 'Teile' nach einander wieder zu- sammensetzen.

Das Vor gestellte ist das Gemeinte. Gemeint wird die Handlung des Bestimmens. Überhaupt jeder 'Begriff' ist le- diglich eine solche Handlung, die als Ruhe gedacht wird. Als Handlung 'hat' sie aber - denn das ist das im Bild der Handlung Gemeinte - wenigstens diese drei 'Teile': S p dass q.

'Gesetz' ist daran, dass man aus einem Gehalt nur herausholen kann, was er enthält - in transzendentalem Sinn: was man hineingetan hat. Es ist das Verhältnis von realer und idealer Tätigkeit.
JE 



 

Donnerstag, 16. Juni 2016

Das Interesse der Vernunft.



Der Dogmatismus ist transzendent, überfliegend, aus dem Bewusstsein hinausgehend, der Idealismus ist trans-zendental, er bleibt innerhalb des Bewusstseins, zeigt aber, wie ein Herausgehen möglich ist; oder, wie wir zu der Annahme kommen, das den Vorstellungen Dinge außer uns entsprechen. Ob man es nun damit bewenden lassen werde oder nicht, kommt auf die innere Denkart und den Glauben an sich an, wer den hat, der kann Dogmatismus und Fatalismus nicht annehmen.

Das ist das, was bei Kant oft vorkommt unter dem Namen: Interesse der Vernunft. Kant spricht von einem Interesse der spekulativen und einem Interesse der praktischen Vernunft und setzt beides [einander] entgegen. Dies ist nun auf seinem Gesichtspunkte richtig, nicht aber an sich, denn die Vernunbft ist immer nur eine und hat nur ein Interesse. Ihr Interesse ist der Glaube an Selbstständigkeit und Freiheit, aus diesem folgt das Inter-esse für Einheit und Zusammenhang, dies könnte man das Interesse der spekulativen Vernunft nennen, weil das Ganze auf einen Grund gebaut und damit zusammenhängfen soll. Mit diesem Interesse verträgt sich der Idealismus besser als der Dogmatismus.
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Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 17


Nota. - Die Wissenschaftslehre ist Begriff und Schema der Vernunft. Vernunft ist nicht an sich; sie 'hat ein Interesse': das Interesse an Freiheit und Selbstständigkeit. Was eigentlich 'erst' Ergebnis der praktischen Philosophie wäre, ist hier der Philosophie als ihr Motiv bereits vorausgesetzt; die Wissenschaftslehre ist eine Anthropologie.J
E






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Dienstag, 14. Juni 2016

Der Dogmatismus ist transzendent, der Idealismus bleibt immanent.



§ 4.

Des Dogmatikers Voraussetzung ist ein bloßes Denken; eine Voraussetzung, die nicht zu rechtfertigen sein wird, weil sie ja nicht erklärt, was erklärt werden soll. Sobald ein andres System auftritt, das alles erklärt, kann sie nicht lange statt haben.

Der Idealist sagt: Denke dich und gib acht., wie du dich denkst; du wirst eine in sich zurückgehende Tätigkeit finden. Der Idealist legt etwas wirklich im Bewusstsein Vorkommendes zu Grunde, der Dogmatiker aber etwas außer allem Bewusstsein zu Denkendes.


Man könnte sagen: Alles, was der Idealist fordert, ist doch nur eine Vorstellung von meiner in mich zurück-gehenden Tätigkeit, aber doch keine zurückgehende Tätigkeit an sich außer der Vorstellung? Respondeo: Von weiter ist auch nichts [sic] Rede! als dass diese Vorstellung vorkomme,  eine Unterscheidung zwischen einer in sich zurückgehenden Tätigkeit und einer Vorstellung von ihr wäre nichtig. Denn eine Tätigkeit des Vorstellens außer dem Vorstellen wäre ein Widerspruch. Alle tätige Substanz als Substanz soll abgehandelt werden, die Phi-losophie muss zeigen, woher das Substrat* komme, wo es statt findet; es ist nur die Rede von einem unmittel-baren Setzen des Ich, dieses ist eine Vorstellung. 

//17// Das Prinzip des Idealisten kommt im Bewusstsein vor, darum heißt auch seine Philosophie immanent. Er findet sein Prinzip aber nicht von selbst in dem Bewusstsein, sondern zu folge eines freien Handelns. Wenn man den Gang des gewöhnliche Bewusstsein fortgeht, so liegt darin kein Begriff vom Ich, keine in sich zurück-gehende Tätigkeit. Aber man kann sein Ich denken, wenn man vom Philosophen dazu aufgefordert ist; man findet es dann durch ein freies Handeln, aber nicht als etwas Gegebenes.

Jede Philosophie setzt etwas voraus, erweist etwas nicht, und erklärt aus diesem alles andre, auch der Idealis-mus. Dieser setzt die erwähnte freie Tätigkeit voraus als Prinzip, aus welchem alles erklärt werden muss, das aber selbst nicht erklärt werden kann.


*) [hier: das Vorausgesetzte]
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Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 16f.


Nota. -
Unser Wissen findet in unserm Bewusstsein statt; beides sind Wechselbegriffe. In unserm Bewusstsein kommen nur Vorstellungen vor. Wenn unser Wissen nach seinen Voraussetzungen fragt, fragt es nach sich selbst. Transzendentalphilosophie kann aus diesem Rahmen nie hinaus, sie ist immanent.
JE






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Freitag, 29. März 2019

Das Intelligible ist lediglich Erklärungsgrund.

Blechen, Bau der Teufelsbrücke, Ausschnitt, 1833

Das Reale bedeutet mir das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein. Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt uns das bloß Intelligible. Das Intelligible ist sonach nichts an sich, sondern etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung Vorauszusetzendes. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 192, S. 167


Nota. - Das Reale ist das, was sich mir im Gefühl anzeigt. Ich bestimme es als dieses; ich mache mir einen Begriff. So kommt es in meinem Bewusstsein vor, er ist das Intelligible am jeweils Realen. Es ist Noumenon, das Phä- nomen wird selbst nicht angeschaut, sondern gefühlt. Es ist das Gefühl, das angeschaut und begriffen wird.
JE

Montag, 12. Oktober 2015

Wie frei ist mein Wollen denn nun?


Was jene Begrenzung eines ursprünglichen Willen[s] bedeuten soll, ist klar; es ist das Ganze der Beschränktheit als das Bestimmbare zu allen in der Zeit erscheinenden Bestimmungen, die ich mir auflegen soll. Der Grund liegt in meinem endlichen Wesen; dass ich diese oder eine andere aufnehmen soll, beruht auf meiner Individualität, alles andere ist transzendent.

Der reine Wille ist nur der, den ich in der Zeit haben soll. [...] Antwort auf die Frage wer bin ich.

Aber wer soll ich sein? Die Individualität ist nicht bestimmt durch ein Sein, sondern durch ein Gesetz, es ist vorgeschrieben für alle Zeit, was ich werden soll.

Der reine Wille ist beschränkt, dies ist kein Menschenverstand; denn er ist ja nicht im Raume ausgedehnt, er ist Spontaneität und kann nur durch sich selbst beschränkt werden. Es heißt also: Es liegt in meinem ganzen Sein ein Gesetz, des Wollens (Sittengesetz), es ist nicht qualitas occulta wie bei Kant, es ist ein Gesetz, das ich selbst mir mache.

Die Beschränktheit der Selbsttätigkeit ist nicht Beschränktheit durch ein wahrnehmbare Objektives, sondern durch einen Begriff. Die eigentliche Aufgabe wäre: Wie wird dieser Begriff aufgefasst, und wie kommen wir zu der Vorstellung, verschiedenen Vorstellungen zu haben.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 169 


Nota. - Also was ich sein soll, ist nicht in etwas Wahrnehmbarem, Objektiven festgelegt, ist aber auch keine qualitas occulta 'in mir'; denn ich soll mich durch Freiheit dazu machen. Das Wozu ist ein Begriff, und der stammt aus einem Gesetz, es ist keine Willkür, sondern meine Freiheit kann nicht anders als diesen Begriff zu fassen...

Das ist nun denkbar vieldeutig. Die einzige Aufklärung, die mir einfällt, ist wieder die: Er sieht schlechterdings die Vernunft am Werke, und die ist bei F. janusköpfig. An dieser Stelle zeigt sie ihr dogmatisches Gesicht als ein automatisch abrollendes Programm

Es wundert nicht, dass ihn der – zu etwa derselben Zeit erschienene – Offene Brief Jacobis aus dem Gleichge-wicht geworden hat: Es war ohnehin prekär.

Nota II.

Wahr ist allerdings auch dies: Wann immer ich selber im Ernste meinen Willen gefordert sehe, habe ich das Gefühl, ich kann gar nicht anders, und muss es als mir vorausgesetzt ansehen. Wollte ich, empirische Person, das in einen Begriff fassen, so würde ich sagen: Es ist Gesetz und so war es immer. Ich fürchte nur, so hat F. es nicht gemeint. Denn zwar redet er vom Individuum, aber er redet als Transzendentalphilosoph von ihm. Sollte er dies eine Mal nicht recht aufgepasst haben?
JE






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Donnerstag, 26. Januar 2017

Keine Reflexion ohne Gefühl et vice versa.



 //165// Kant hat die Frage, wie unsere Wirksamkeit möglich sei, auch beantwortet: "Das Begehrungsvermögen ist das Vermögen, durch einen Begriff Ursache von einem Objekte zu werden." Er hat aber nicht gesagt, woher es kommt.

Dozent nimmt Begehren in einem andren Sinne und setzt es dem Wollen entgegen als das bloß ideale Denken des Wollens. Bei Kant aber ist das Begehrungsvermögen der genetische Begriff des Wollens und der Willkür.

4) Ich, das Reflektierende, beschreibe innerlich, was ich äußerlich nicht kann, und danach wird erst für mich eine Wahrnehmung. Wie erhalte ich nun diese Erkenntnis des Nichtkönnens? Dies weiß ich durch Gefühl. Aber woher kommt denn das Gefühl? Gefühl ist Affektion meiner selbst, aber nicht in der Zeit. Es sind nicht Dinge, die in diesem Momente so und in einem andern wieder anders einwirken; dies wäre transzendent. Das Gefühl oder das Gefühlsvermögen ist die unmittelbare Beziehung der Beschränktheit unseres Willens auf die Reflexion. 

Der Wille ist ursprünglich beschränkt, und dadurch wird er ein Wille. Diese Beschränktheit ist aber nicht für das Ich, und das Ich ist nicht für sich, das Ganze Idee [sic].  Jetzt aber tritt Reflexion ein, und zwar die absolut freie Reflecxion, diese strebt, auf den Willen in der Totalität in beiden oben angegebenen Richtungen zu reflektieren. Dies kann sie aber nur in der einen Rücksicht, im inneren Organ, beschreiben. Die Reflexion ist das in der Zeit Beschränkte, und die unmittelbare Äußerung dieser Beschränktheit ist das Gefühl.

Ich fühle, in wiefern ich empirisch bin. Das, was nur empirisch sein kann, ist das Reflexionsvermögen, das in der Zeit beschränkt ist. Das ursprünglich Beschränkte ist der Wille, folglich müsste die Reflexion auf den Willen beschränkt sein.

Keine Reflexion ohne Gefühl et vice versa, denn durch das Gefühl gibt das Ich der Beschränktheit Etwas hin.


Der Satz war schon oben da in einem anderen Sinne, im Verhältnis der Dependenz, hier im Verhältnis der Wechselwirkung.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 165
 



Nota. - Hier haben wir es endlich, das oben so schmerzlich vermisste "intellektuelle Gefühl"! Das heißt - wir haben das; was er meint. Einsichtig wird es mir jedenfals dadurch noch nicht. Zwar kann ich verstehen, dass meine Tätigkeit durch die Reflexion in die Zeit fällt und dadurch empirisch wird. Aber dass sich ipso facto daraus ein 'Gefühl' ergäbe, das mit hören, riechen, sehen und schmecken vergleichbar wäre oder gar mit dem Schmerz, wird mir dabei kein bisschen plausibler.


Nota II. - Ich glaube fast, unter 'Gefühl' versteht er bloß das Bemerken der Willensanstrengung in dem Moment, wo ich meine Aufmksamkeit auf etwas richte.  
JE



Mittwoch, 25. März 2015

Das Intelligible ist nichts an sich, sondern nur ein Vorauszusetzendes.


mensi, pixelio.de

Das Reale bedeutet nur das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein. Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt das bloß Intelligible. Das Intelligible ist sonach nichts an sich, sondern nur etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung nach den Denkgesetzen Vorauszu- setzendes. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent. 

Gleich vom Anfange haben wir die ideale und die reale Tätigkeit geschieden. Das ursprüngliche Reale ist der reine Wille, das Bestimmbare in unseren Bestimmungen; das Ideale ist das Reflexionsvermögen, gebunden an verschiedene Gesetze, unter anderem auch an das Gesetz, dass nur Sukzessives aufgefasst und nur diskursiv gedacht werden kann.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 167


Nota. - Real sind nicht die Gegenstände selbst, sondern der Wille, an dem sie sich kundtun; und dass er sich an ihnen bestimmt. (Nie vergessen: Hier wird nicht die Welt erklärt, sondern das Bewusstsein, das wir von ihr haben.)
JE 



Montag, 30. Januar 2017

Ein Gesetz, das ich selbst mir mache.


 
1.

Es wurde geredet von unsprünglicher Beschränktheit unseres Wesens, wodurch der Wille erst zum Willen wurde. Was sollte beschränt werden? Ein absolut Selbsttätiges, wass nur selbsttätig ist. Die kann nicht wie ein Sein beschränkt werden, dem wohl eine innere Kraft angestammt sein mag, die aber an die Quantität des Dinges geknüpft ist. Vide Beispiel einer immer mehr zu verringernden Kugel. 

So nicht //169// mit der Intelligenz, ihre Beschränkung soll stattfinden, ohne dass das Bewusstsein der aufgeho- benen Realiät aufgehoben wird. Welche könnte es sonst sein? - (Beschränktheit, die bloß an die Tätigkeit also solche sich wendet, nicht aber an das Sein) nichts als Beschränktheit durch die Tätigkeit selbst - die Aufgabe, sich selbst zu beschränken, nicht eine sich aufdringende Beschränkung, sondern [eine,] die nur stattfindet, in sofern sie mit Freiheit aufgenommen wird. - Folgerungen daraus.  

A) Was jene Begrenzung eines ursprünglichen Willens bedeuten soll, ist klar; es ist das Ganze der Beschränkt- heit als das Bestimmbare zu allen in der Zeit vorkommenden Bestimmungen, die ich mir auflegen soll. Der Grund liegt in meinem endlichen Wesen; dass ich diese oder eine andere aufnehmen soll, beruht auf meiner Individualität, alles andere ist transzendent. Der reine Wille ist nur der, den ich in der Zeit haben soll, vide Sittenlehre ca. [S.] 200. Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Aber wer soll ich sein? Die Individualität ist be- stimmt nicht durch ein Sein, sondern durch ein Gesetz, es ist vorgeschrieben für alle Zeit, was ich werden soll.


Der reine Wille ist beschränkt, dies ist kein Menschenverstand, denn er ist ja nicht im Raume ausgedehnt, er ist Sponaneität und kann nur durch sich selber beschränkt werden. Es heißt also: Es liegt in meinem ganzen Sein ein Gesetz des Wollens (Sittengesetz), es ist nicht qualitas occulta wie bei Kant, es ist ein Gesetz, das ich selbst mir mache. - Die Beschränktheit der Selbsttätigkeit ist nicht Beschränktheit durch ein wahrnehmbar Objektives, sondern durch einen Begriff. Die eigentliche Aufgabe wäre: Wie wird dieser Begriff aufgefasst, und wie kom- men wir zu der Vorstellung, gewisse Vorstellungen zu haben?
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 168f.
 
 



Nota. - Ich kann keinen Zusammenhang herausfinden. Liegt es an Krauses Mitschrift? Fichte wünschte nicht, dass seine Hörer seinen Vortrag mitschreiben sollten, denn dann könnten sie sich nicht auf den Sinn konzen- trieren und das Vorgetragene nicht verstehen. Sie sollten sich lediglich Stichpunkte notieren und das Ganze zu Haus in ihren eigenen Worten rekonstruieren. - An dieser Stelle scheint Krause weder ganz das eine noch ganz das andere getan zu haben; der rote Faden geht verloren.

Worin die ursprüngliche Beschränktheit des "absolut freien" reinen Willens bestehen soll, ist allerdings erklä- rungsbedürftig. Sie soll jedenfalls eine Selbstbeschränkung sein, die ihrerseit "ursprünglich" ist, die ich jedoch "selbst mir mache". Ein Begriff soll es sein, der indessen "in meinem ganzen Sein" liegen soll. Dieser sei das Sittengesetz.  

Angenommen, so sei es gemeint; einsichtig ist es aber nicht, vielleicht kommt das noch?
JE





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Montag, 8. Oktober 2018

Meine Welt gehört selber in die Transzendentalphilosophie.


Unlängst schrieb ich, die Unterscheidung von meiner Welt und unserer Welt gehöre zur Transzendentalphilo- sophie als ihre Grenze. 

Das war ebenso zaghaft wie voreilig. Meine Welt gehört selber und ganz und gar in die Transzendentalphiloso- phie.

*

Das von der Einbildungskraft Hervorgebrachte, von der Vorstellung Angeschaute, im Begriff Gemeinte ist Bild.

Als Bild ist es nicht von unserer Welt. An ihm werde ich nicht wir-Vernunftwesen, sondern Ich. Das ist meine Welt. Vernunft und unsere Welt beginnen da, wo das Gemeinte vergemeinschaftet, nämlich mitgeteilt werden kann. Das kann erst im Begriff geschehen. Im Begriff im weitesten Sinn, von System und systematischer Veror- tung ist noch nicht die Rede, aber von Symbolisierung immerhin.

Das Symbol ist selber 'auch ein Bild', aber das Bild von einem Bild; ein vorgegebenes Schema, das der Meinende nach einvernehmlichem Verfahren zu füllen hat – mit dem nun mutmaßlich miteinander-geteilten Bild. Wenn ich sage rot, darf ich annehmen, dass mein Zuhörer dieselbe Vorstellung in sich hervorbringt, die ich hervor- gebracht habe, als ich rot dachte. Annehmen darf ich es, weil die Erfahrung lehrt, dass wir uns auch sonst ver- ständigen können; warum also nicht dieses Mal? Aber ob oder ob nicht, kann ich nicht wissen, und den andern zum richtig-Vorstellen zwingen kann ich schon gar nicht; denn ich kann es ja nicht überprüfen.

Einbilden, anschauen und vorstellen liegen in meiner Welt. Unsere Welt beginnt erst bei den Begriffen. Dass sie in der Sprache der Begriffe zu mir reden, macht die 'Aufforderung' der 'vernünftigen Wesen' aus, die mich allein erst zur Vernünftigkeit veranlasst. Denn wozu könnte ich sie ohne jene gebrauchen?

28. 5. 15

Nochmal genauer: der Begriff von meiner Welt und unserer Welt gehört in die Anhropologie. Er ist empirisch gewonnen an der Anschauung. Im wirklichen Leben unterscheiden wir zwischen Irrsinn und gesundem Men- schenverstand. Letzterer ist die Vernunft, welche der Ausgangspunkt und Gegenstand der Transzendentalphilo- sophie ist. Deren Weg ist der kritische Regress. Sie kommt an einen Pukt, wo es nicht weitergeht. Von da an geht sie denselben Weg zurück und rekonstruiert in toto die Vernunft: unsere Welt, die der 'Reihe vernünftiger Wesen'. Das alles geschieht in der Vorstellung; der Grund der Rekonstruktion ist rein noumenal.

Es ist eine immanente Darstellung. 

Die Transzendentalphilosophie beginnt nicht mit der Bestimmung: "Vernunft ist: (dieses oder jenes)." Das wäre eine transzendente oder dogmatische Setzung. Angenommen, man wolle so etwas: Dann müsste man Vernunft bestimmen durch Entgegensetzung; zum Beispiel von Irrsinn (aller Art). Es wäre eine Entgegensetzung an einem Unbestimmten - das aber (transzendent, dogmatisch) zuvor gesetzt werden musste. Dies zu-Bestimmende wäre meine Welt. 

Setzen und bestimmen meiner Welt wären allerdings Sache eines außenstehenden Zuschauers aus unserer Welt. Selbstbestimmen oder gar Selbersetzen wären gar nicht möglich.  

'Das, was' das kritische Verfahren der Transzendentalphilosophie schließlich am Grunde der Genesis der Ver- nunft als Noumenon auffindet, ist 'dasselbe', was der Anthropologe phänomenal als meine Welt bezeichnen wird. Was ich bei dem einen seine Unbestimmtheit nenne, kommt mir bei der andern als ihr Schweben vor.





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Mittwoch, 24. Oktober 2018

Denkgesetze und die Freiheit der Reflexion.

p0irebellehelene

Der Geist unserer Philosophie ist: Kein vorgebliches Ding an sich kann Objekt des Bewusstseins sein. Nur ich selbst bin mir Objekt; wie lässt sich unter dieser Voraussetzung das Bewusstsein konstruieren? 

Wir können nur nach unseren Denkgesetzen erklären, und nach diesen muss die Antwort auf unsere Frage aus- fallen. Unsere //167// Erklärung ist damit auch nicht an sich gültig; denn die Frage ist: Wie kann ein Vernunftwe- sen sein Bewusstsein erklären? 

Nun müssen wir zu Folge der Reflexionsgesetze zu allem Bestimmten ein Bestimmbares voraussetzen. Dies Gesetz haben wir bisher angewandt auf das Ich, welches Objekt der Philosophie ist. Nun aber ist der Philosoph auch ein Ich, folglich auch an dieses Gesetz gebunden. Das Ich ist sich selbst Objekt des Bewusstseins, sonach Subjekt und Objekt. Wir wollen beides auf einander beziehen. Zu diesem Behufe müssen wir beide auf einan- der beziehen als bestimmbar, sonach wird uns nach den Denkgesetzen das Ideale und Reale geschieden. Das Reale bedeutet nur das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein. 

Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt uns das bloß Intelligibele. Das Intelligible ist sonach nicht an sich, sondern etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung nach den Denkgeset- zen Vorauszusetzenden. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent. 

Das ursprünglich Reale ist der reine Wille, das Bestimmbare in unseren Bestimmungen. Das Ideale ist ein Re- flexionsvermögen, gebunden an verschiedene Gesetze, unter anderem auch an das Gesetz, dass nur Sukzessives aufgefasst und nur diskursiv gedacht werden kann. Das erste ist ein Vermögen, Objekt zu sein, das letztere ein Vermögen, Subjekt zu sein; das erste ist das Vermögen, rein, das zweite, empirisch zu sein.

Zu einer solchen Voraussetzung kommen wir durch die Denkgesetze. Nun fand sich die Schwierigkeit: Wie soll der reine Wille ein Mannigfaltiges für die Reflexion werden?  Es war die Antwort: Es wird dies lediglich durch seine Beziehung auf die Beschränktheit, welche gleichfalls ursprünglich ist. So ists auch im empirischen Bewusst- sein. Der Wille für sich betrachtet ist nur eins. Man unterscheidet den Willen nur durch die Objekte, auf die er geht, dies ist nun hier die Beschränktheit. Die ganze Reflexion besteht in der Vereinigung des Mannigfaltigen der Beschränktheit. Ihre Freiheit besteht //168// darin, dass der Wille darauf bezogen werden kann oder nicht; dass er auf dieses oder jenes bezogen werden kann.

Aber in wiefern ich beschränkt bin, bin ich irgend etwas nicht, was ich aber nicht bin, das ist für mich nicht da. Nun aber liegt die Beschränktheit außer mir; wie werde ich mir nun ihrer bewusst? Antwort: Sie liegt nur zum Teil außer mir. Äußerlich bin ich beschränkt, aber nicht innerlich, meine äußere Beschränktheit ahme ich inner- lich nach.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 166f.
 



Nota I. -  Zunächt einmal: 'Diskursiv', das heute in verschiedenster Bedeutung gebraucht wird, verwendet er als bestimmtes Korrelat zu 'sukzessiv'. Da wir kein Ganzes, sondern immer nur Teile auffassen können, und zwar eines nach dem andern, können wir sie nur denken, indem wir in unserer Vorstellung eines nach dem andern, in der Zeit, wieder aneinanderfügen.

Dies nennt er ein Denkgesetz.

Ein Denkgesetz sei auch, dass wir zu jedem Bestimmten ein Bestimmbares denken müssen. Ein 'Gesetz' soll das sein? Es ist lediglich eine Explizitierung dessen, was im Verb 'bestimmen' vorgestellt wurde. Das Vorgestellte ist als Ganzes Eins, ein Singulum, und als ein solches kann darüber keine Aussage gemacht werden (de singularibus non est scientia), man muss es in sich selbst unterscheiden, um es dar stellen zu können; die 'Teile' nach einander wieder zu- sammensetzen.

Das Vor gestellte ist das Gemeinte. Gemeint wird die Handlung des Bestimmens. Überhaupt jeder 'Begriff' ist le- diglich eine solche Handlung, die als Ruhe gedacht wird. Als Handlung 'hat' sie aber - denn das ist das im Bild der Handlung Gemeinte - wenigstens diese drei 'Teile': S p dass q.

'Gesetz' ist daran, dass man aus einem Gehalt nur herausholen kann, was er enthält - in transzendentalem Sinn: was man hineingetan hat. Es ist das Verhältnis von realer und idealer Tätigkeit.
 


28. 1. 17

Nota II. - Das ist wieder das kitzliche Thema Denkgesetz. Es ist das verbleibende Mysterium der Wissenschafts- lehre, nämlich das Paradox der Freiheit. Freiheit ist das Vermögen, absolut anzufangen. Doch kaum hat das Denken angefangen, erweist es sich als in allerlei Gesetze verfangen. Das wäre nur so zu verstehen, dass jeder Schritt, den es wirklich tut, von nun an in Ewigkeit gültig ist und auch von der absolut freien Reflexion im Nachhinein nicht revidiert werden kann. Und so würde Schritt für Schritt ein Denkgesetz aus dem andern hevorgehen.

Doch immer wieder finden sich bei Fichte Stellen, aus denen herausklingt, dass der letzte Zweck der Vernunft der vernünftigen Tätigkeit vorgegeben sei. Dies Schwanken hat seine Wurzel in einer vorwissenschaftlichen romantischen Grundanschauung, die gar nicht in die Philosophie gehört, sondern in Fichtes Lebensbeschrei- bung. Wer sich heute der Wissenschaftslehre zuwendet, lässt sie füglich außer Acht.

Damit ist das Schwanken behoben, nicht aber das Pardox: die fortschreitend sich fesselnde Freiheit - die aber doch eine unendliche bleiben soll.

Zurück auf Anfang: Die Wissenschaftslehre soll sein die Vollendung der Kant'schen Vernunftkritik; soll erhel- len, wie, nämlich aus welchem Rechtsgrund Vernunft im 18. Jahrhundert ihren Herrschaftsanspruch erhebt. So weit die Transzendentalphilosophie ihre Abstraktionen auch immer treibt: Ihr Gegenstand ist die historische Realität. Was bei Fichte die 'Reihe vernünftiger Wesen' ist, ist in der Wirklichkeit das Modell der bürgerlichen Gesellschaft, in der die Gelehrten den öffentlich Ton angeben. In der Wissenschaftslehre erscheint die Reihe vernünftiger Wesen an einer Stelle dem Ich vorgegeben, von ihnen geht die Aufforderung zur Selbstbestimmung alias Vernunft allererst aus. 

Was Vernunft in specie ist, nämlich nach welchen Regeln sie verfährt, finde ich als gegeben vor. Es ist (reell) eine lange Geschichte zweckmäßiger Wechselwirkungen. Vernünftig werde ich handeln, indem ich dieser pro- zessierenden Wechselwirkung beitrete, denn nur in der Welt der Reihe vernünftiger Wesen, der intelligiblen Welt, kann ich vernunftgemäß wirken. Vernunft ist selber keine Denkweise, sondern eine Weise des Handelns in der Welt.

Das Forstschreiten der Vernunft ist das Fortschreiten in der gemeinsamen Bestimmung des Unbestimmten, das Medium der Bestimmung ist der Zweckbegriff. Vernünftig ist eine Welt, in der die Zweckbegriffe fortschreitend vergemein- schaftet werden. Das geschieht reell nicht durch Deliberation, sondern praktisch durch gemeinsames Handeln. Allgemein geltend sind diejenigen Bestimmungen, die gemeinsames Handeln ermöglichen, und das ist eine Sache der Erfahrung und nicht (erst) der Reflexion. Erfahrung geschieht durch Widerstand; auch durch den Widerstand anderer vernünftiger Wesen.

Das gemeinsame Bestimmen der Zweckbegriffe ist zugleich die fortschreitende Selbstbestimmung der Reihe vernünftiger Wesen. Da die Bestimmung der Zwecke in der Welt ins unendliche geht, tut es die Selbstbestim- mung der Reihe vernünftiger Wesen. Sie ist die treibende Kraft. Ihr Treibstoff ist die Reflexion, die frei und unendlich ist. Zum Wesen der Vernunft gehört Kritik.
JE