Sonntag, 9. September 2018

Vernunft ist auch historisch eine Fundsache.


Ich finde mich also als Objekt, bin mir gegeben.

Das Bestimmbare ist ein Reich vernünftiger Wesen außer mir. Aber vernünftige Wesen außer mir werden nur gedacht, um das Mannigfaltige zu erklären. Die Vernunft und den freien Willen anderer außer mir nehme ich nicht wahr, ich schließe nur darauf aus einer Erscheinung in der Sinnenwelt; sie gehören daher nicht in die Sinnen-, sondern in die intelligible Welt, in die der Noumene. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150


Nota I. - Dass Vernunft sei, nehme ich nicht wahr in der Begegnung mit andern Wesen, die ich hinterher als ver- nünftig ansehen werde wie mich selber. Wahr nehme ich bloß, dass sie da sind neben mir. Aus diesem bloßen Um- stand schließe ich - finde ich? postuliere ich? -, dass da ein Medium sein muss, in dem wir miteinander bestehen. 

Mit andern Worten, die 'vernünftigen Wesen' sind eher da - in meiner Vorstellung -, als die Idee der Vernunft. Ich finde, dass sie 'in gewisser Hinsicht' mir gleich sind, oder ich ihnen. Dieses Tertium will ich Vernunft nennen. Wie weit es reicht, wird man sehen; was es ist, muss man dann nicht wissen.

29. 12. 14

Nota II. - Das lässt sich mühelos in historische Prosa übersetzen: Was wir unter Vernunft verstehen, hat sich als Form des gesellschaftlichen Verkehrs tatsächlich ausgebildet in dem Maß, wie sich innerhalb der feudalen (Un-) Ordnung Gemeinschaften bürgerlicher Subjekte zusammenfanden. In den Kreisen der antiken und mittelalter- lichen Gelehrten hatte sich 'vernünftiges', aus geprüften Gründen argumentierendes Denken längst zuvor aus- gebildet. Aber es bedurfte der bürgerlichen Verkehrsweise, um sie allgemeinverbindlich und habituell zu machen.
JE


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