Nicht nur meine ich wirklich, dass Fichte konsequenterweise die notwendige Idee des Wahren und Absoluten als eine ästhetische Fiktion hätte erkennen sollen. Ich meine sogar, dass er sich bereits auf diesen Weg begeben hatte und dass es der Atheismusstreit war, der ihn stattdessen auf den Abweg der spekulativen Metaphysik ver- führt hat.
Jacobi hatte Recht, ihn an seine Herkunft aus dem Spinozismus zu erinnern: Der Gedanke an die Vernunft als deus sive natura mag in seinem Hinterkopf ebenso gegeistert haben wie in Kants'Ding-an-sich' die Leibniz'schen Monaden.
Jener hatte lange geschwankt, ob er das Ding an sich mehr als ein Reale
oder doch mehr als bloßes Noumenon auffassen sollte, und erst im Opus postumum scheint
er sich ganz vom Realismus zu lösen. Bei Fichte dagegen standen
praktischer Aktivismus und logischer Aktualismus ganz im Vordergrund,
aller Gedanke an ein Sein-an-Sich war ihm ein Gräuel. Aber das war vor dem 18. Brumaire.* Das war vor dem Ende der Revolution und vor dem Ende der Jenaer Romantik. Und vor dem Atheismusstreit. Im Streit um den Aufsatz Über Geist und Buschstab in der Philosophie, in dem er das Ästhetische als eine Art Vor- raum der Vernunft darstellteund den Schiller nicht in seine Zeitschrift Horen
aufgenommen hatte, schrieb Fichte, wie weit er den Begriff des
Ästhetischen fasse, könne jener sich nicht einmal vorstellen.** "Nur
der Sinn für das Ästhetische ist es, der in unserem Innern uns den
ersten
festen Standpunkt gibt", hatte es dort gehei- ßen.*** Noch in der Sittenlehre° schreibt er: "Ästhetischer Sinn ist nicht Tugend: denn das Sittengesetz fordert
Selbständigkeit nach Begriffen, der erstere aber kommt ohne alle Begriffe von
selbst. Aber er ist Vorbereitung zur Tugend, er bereitet ihr den Boden, und
wenn die Moralität eintritt, so findet sie die halbe Arbeit, die Befrei- ung
aus den Banden der Sinnlichkeit, schon vollendet. Ästhetische Bildung hat
sonach eine höchst wirksame Beziehung auf die Beförderung des Vernunftzwecks."
Das ist bloß eine empirische, "historische" Beschreibung, keine Transzendentalphilosophie. Aber wir wissen heute,°° dass Fichte immer wieder - bis zum Atheismusstreit!
- den Plan fasste, seine Gedanken zu einer systema- tischen Ästhetik
auszubauen, und wohl nur durch dringendere Geschäfte davon abgehalten
wurde.
Bis zum Atheismusstreit, wohlbemerkt. In den Rückerinnerungen taucht dann der bizarre Einfall eines "intellektu- ellen Gefühls" auf,
den er unter Jacobis Einfluss gleich wieder fallen lässt. Doch hätte er
den Gedanken ausgear- beitet - ich zweifle nicht daran, dass er jenes
'intellektuelle Gefühl' als ein ästhetisches Urteilhätte identifizieren müssen.
*) am 9. 11. 1799 **)Fichte an Schiller, 27. 7. 1795; in: Fichte, Briefe, Bln. (O) 1986, S. 154, desgl. in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971, S. XXXVII ***) Über Geist und Buchstab
in der Philosophie,
SW VII, S. 291 °) System
der Sittenlehre [1798] SW IV, S. 354f. °°) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009
Was
es auch sein möge, das den letzten Grund einer Vorstellung enthält, so
ist wenigstens so viel klar, dass es nicht selbst eine Vorstellung sei
und dass eine Umwandlung damit vorgehen müsste, ehe es fähig ist, in
unserm Bewusstsein als Stoff einer Vorstellung angetroffen zu werden. / Das Vermögen dieser Umwandlung ist die Ein- bildungskraft.
– Sie ist Bildnerin. Ich rede nicht von ihr, insofern sie ehemals
gehabte Vorstellungen wieder her- vorruft, verbindet, ordnet, sondern
indem sie überhaupt etwas erst zu einer Vorstellung macht. – Sie ist
insofern Schöpferin des eigenen Bewusstseins. Ihrer, in dieser Funk//tion ,
ist man sich nicht bewusst, gerade weil vor dieser Funktion vorher gar
kein Bewusstsein ist. Die schaffende Einbildungskraft. Sie ist Geist.
Resultat. Dieses Bild müssen wir selbst bilden.
Nun muss im Ich das legen, was sie bildet.
(Wo
ist der eigentliche philosophische Beweis dafür, dass die
Einbildungskraft etwas im Ich zum Gegenstande haben müsse? - - Sie ist
tätig - aber nicht auf das Ich, sondern auf ein Nicht-Ich. - Das Ich ist
schon, wenigstens virtualiter, hevorgebracht, denn sowie sie ihr
Produkt vorhält, hält sie es dem Ich vor. Das Ich wird aber nur durch
Unterscheidung von einem Nicht-Ich hervorgebracht. Mithin muss ein
solches zu Unterscheidendes vorhanden sein: und zwar im Ich vorhanden
sein. -
Wie
und warum im Ich? - Es kann nur durch ein Vermögen des Ich vom Ich
unterschieden werden; mithin muss es Gegenstand dieses unterscheidenden
Vermögens sein - also schon in diesem Vermögen liegen. - Eine Qualität,
eine prädikative, des Ich.
Die
(schaffende) Einbildungskraft selbst ist Vermögen des Ich. (Könnte sie
nicht das einzige Grundvermögen des Ich sein? - Nein, darum nicht, weil
das Produkt derselben vom Ich unterschieden wird: also auch nach ihrer
Funktion noch ein Ich da ist.) Also es muss einen höhern Grund ihres Schaffens
im Ich geben. - (Heißt im Grund das gleiche als: Es muss nocht etwas
übrig bleiben, was Substrat des Ich ist, auf welches das Produkt der
Einbil- dungskraft bezogen wird, und das ist offenbar das Fühlende, und
im Gefühl liegt mithin der Urstoff des [sic], was die Einbildungskraft bildet.___________________________________________________________________________________
Von den Pflichten der Gelehrten,Hamburg 1971 [Meiner], S.126f.; desgl. in Gesamtausgabe II/3, S. 297f.
Nota. - Geist ist toto genere Einbildungskraft. Aber das Ich ist nicht Geist (vom empirischen Individuum ganz zu schweigen). Wenn die Einbildungskraft nicht etwas vorfindet, das sie dem Ich ein/bilden kann, ist sie arbeitslos. Nicht das, was sie vorfindet, bildet die Einbildungskraft, sondern das, was sie vorgefunden hat: was es ist, das es bedeutet. Vorgefunden hat sie das krude Sinnesdatum: Gefühl. Das ist der Stoff, an dem die Einbildungskraft arbeitet. Er ist, auch ohne Einbildungskraft; er ist lediglich nicht dieses oder jenes.
*
So apodiktisch wie an dieser Stelle hat es Fichte meines Wissens nie wieder ausgesprochen. Natürlich: Denn es ist ein Ergebnis des Systems, das er doch erst noch auszuarbeiten hatte. Und wenn er es auch je fertig ausgearbeitet hätte: Eine "feste Terminologie" ist der Wissenschaftslehre fremd, weil sie nicht erlernt, sondern nur selbstgedacht werden kann. Für didaktische Zusammenfassungen dieser Art gibt es gar keine Berechtigung. Daher
kommt die hier wiedergebene Stelle auch nirgends in seinen
Veröffentlichungen, aber auch - nicht in seinen mündlichen Vorträgen
vor! Sie stammt vielmehr aus seinen eigenen Aufzeichnungen, die er zur
Vorberei- tung seiner öffentlichen Vorträge Über Geist und Buchstaben in der Philosophie angefertigt hat, die an die Pflichten der Gelehrten anschlossen. In diesen Vorträgen drückt er sich weniger deutlich aus. Dass er sie in dieser Form nie wiederholt hat, hat seinen guten philosophische Grund. Wer aber - wie ich - historisch deutlich machen will, was Fichte wirklich gemeint hat, darf sie in der Darstellung ganz nach vorn setzen. JE