Samstag, 31. März 2018

Seine Sinnlichkeit ist dem Ich vorausgesetzt.


Eine freie Handlung ist nur möglich nach einem frei entworfenen Begriff von ihr, sonach müsste die freie Intelligenz vor aller Handlung vorher eine Kenntnis von den Handlungsmöglichkeiten haben, eine solche Kenntnis lässt sich nur dadurch erklären, dass dem Ich vor aller Handlung ein Trieb beiwohne, in welchem eben darum, weil er nur / Trieb ist, die innere Tätigkeit desselben beschränkt sei. 

Da dem Ich nichts zukommt, als was es sich nicht setze, so muss es diese Beschränkung setzen, und so etwas nennt man ein Gefühl. Da durch die Freiheit gewählt werden soll, muss es ein Mannigfaltiges von Gefühlen geben...
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982,
S. 71f.
















Freitag, 30. März 2018

Positiv ist das Sinnliche.

Eberlein, Faun vom Krebs gezwickt

Eigentlich wird das Entgegengesetzte nicht gefühlt, sondern ich fühle mich als beschränkt, auf das Entgegengesetzte wird erst als Grund der Beschränkung geschlossen. Das Positive in den Dingen ist schlechterdings weiter nichts, als was sich auf unser Gefühl bezieht, dass etwas rot ist, kann nicht abgeleitet werden, dass aber die Gegenstände in Raum und Zeit und in gewissen Beziehungen gegeneinander sind, kann abgeleitet werde.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 71f.
[Rechtschreibung angepasst]



Nota. - Positiv heißt nicht gut und richtig, sondern kommt von lat. ponere, setzen. Das Positive ist das mir vor-Gesetzte. Ich fühle es, weil es meine Tätigkeit beschränkt. 
JE.




 


Donnerstag, 29. März 2018

Das Ich kann seiner nur in seinen empirischen Bestimmungen bewusst werden.


Was das eigentlich geistige im Menschen, das reine Ich, – schlechthin an sich – isolirt – und ausser aller Beziehung auf etwas ausser demselben – seyn würde? – diese Frage ist unbeantwortlich – und genau genom- men enthält sie einen Widerspruch mit sich selbst. Es ist zwar nicht wahr, dass / das reine Ich ein Product des Nicht-Ich – so nenne ich alles, was als ausser dem Ich befindlich gedacht, was von dem Ich unterschieden und ihm entgegengesetzt wird – dass das reine Ich, sage ich, ein Product des Nicht-Ich sey: – ein solcher Satz würde einen transcendentalen Materialismus ausdrücken, der völlig vernunftwidrig ist – aber es ist sicher wahr, und wird an seinem Orte streng erweisen werden, dass das Ich sich seiner selbst nie bewusst wird, noch bewusst werden kann, als in seinen empirischen Bestimmungen, und dass diese empirischen Bestimmungen nothwendig ein Etwas ausser dem Ich voraussetzen. Schon der Körper des Menschen den er seinen Körper nennt, ist etwas ausser dem Ich. Ausser dieser Verbindung wäre er auch nicht einmal ein Mensch, sondern etwas für uns schlechthin ungedenkbares; wenn man ein solches, das nicht einmal ein Gedankending ist, noch ein Etwas nennen kann...
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Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, SW VI, S. 294f.




Dienstag, 27. März 2018

Das Nichtdürfen, die Begierde und das Sollen.

Cranach d. J..

Anmerkung. Kant hat sich oft, auch in der Einleitung zum Naturrecht insbesondere so erklärt: als ob die gegen das reine Wollen strebende Begierde unerklärlich sei. Sie ist aber allerdings erklärbar, sie ist Bedingung des Selbstbewusstseins, denn sie ist Bedingung des Gefühls des reinen Wollens, welches erst dadurch ein reines Wollen, ein Gesetz wird; und //145// ohne Voraussetzung des reinen Wollens ist kein Bewusstsein möglich. 

Die Begierde gilt für alle endliche Vernunft; wer der Begierde entledigt sein will, der will des Bewusstseins entledigt werden.

Heilig ist für uns kein endliches Vernunftwesen, das Bewusstsein hat. Das Bewusstsein Gottes ist unerklärbar.

Aus der Vereinigung des reinen Wollens mit der Begierde entsteht das Gefühl eines Sollens, eines inneren, kategorischen Treibens zum Handeln (worauf dieses Handeln sich bezieht, vide infra).

Aus der Vereinigung des Nichtdürfens und der Begierde entsteht ein Erlaubtsein der Befriedigung der Begierde. Dasjenige, was innerhalb des Umkreises dessen liegt, was ich darf, ist erlaubt.

Jenes reine Wollen hat Einfluss auf das Gefühlsvermögen. Dies kommt daher, weil eine Begierde da ist, die eingeschränkt werden soll.

Im Naturrecht ist die Rede nicht vom Sollen, sondern von Erlaubtsein. Das Naturrecht bezieht sich lediglich auf den empirischen Willen. Das, was vor dem Forum des Naturrechts ein Erlaubtsein ist, ist vor dem Forum der Moral ein Sollen.

In diesem Gefühle des Sollens ist ganz eng zusammengedrängt, was wir oben zur Auflösung des Widerspruchs forderten. Begrenztheit unserer Begierde und Freiheit, absolut anzufangen.

Dieses Gefühl ist kategorisch, nicht nur der Materie nach fordernd ohne weiteren Grund, sondern auch der Form nach, es ist so gewiss, als ein Vernunftwesen da ist; aus ihm folgt notwendig Bewusstsein; es ist daher notwendig ein bestimmtes Bewusstsein und kommt im Bewusstsein des Vernunftwesens vor.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 144
f.  



Nota. - Wird hierdurch irgendetwas klarer? Mir nicht. Nochmal von vorn: Der reine Wille kollidiert mit dem Elementarfaktum meiner Beschränktheit und verendlicht (=verwirklicht, objektiviert) sich dadurch zur Be- gierde; und das Gefühl der Beschränktheit verendlicht sich dadurch zum Gefühl des Nichtdürfens. (Vom Was ist hier noch gar nicht die Rede.) Was außerhalb des Nichtdürfens liegt, ist in rechtlicher Hinsicht das, was mir erlaubt ist, und in moralischer Hinsicht das, was ich soll. 

Sollte ich ihn nun recht verstanden haben, wird mir zwar klar, was er meint, aber nicht, dass es richtig ist. Seine Gründe erscheinen mir nicht, wie sie doch sollten, deduziert, sondern eher aus der Luft gegriffen, mit andern Worten: Er hat weniger Gründe als Absichten. Er hat die Absicht, die Transzendentalphilosophie zu natura- lisieren und in eine materiale Rechtslehre und eine materiale Moral zu transformieren. Für die Rechtslehre geht das unter Umständen an, weil, wie wir sehen werden, die Aufforderung zum Vernünftigsein von einer 'Reihe ver- nünftiger Wesen' ausgeht und eo ipso eine gegenseitige Verbundenheit voraussetzt. Für die Sittenlehre geht es nicht an, weil sie sich an den Einzelnen richtet und die Pflichten betrifft, die er gegen sich selber hat; nicht gegen das Gemeinwesen.
JE, 23. 12. 16

Montag, 26. März 2018

DAS ist Vernunft.



Der Charakter der Vernünftigkeit besteht darin, dass der Handelnde und das Behandelte Eins sei und eben- dasselbe; und durch diese Beschreibung ist der Umkreis der Vernunft als solcher erschöpft. -

Der Sprachgebrauch hat diesen erhabenen Begriff für diejenigen, die desselben fähig sind, d. h. diejenigen, die der Abstraktion von ihrem eigenen Ich fähig sind, in dem Wort Ich niedergelegt; darum ist die Vernunft überhaupt durch die Ichheit chrakterisiert worden. Was für ein vernünftiges Wesen da ist, ist in ihm da; aber es ist nichts in ihm, außer infolge eines Handelns auf sich selbst: was es anschaut, schaut es in sich selbst an; aber es ist in ihm nichts anzuschauen, als sein Handeln: und das Ich ist nichts anderes, als sein Handeln auf sich selbst.*

*) Ich möchte nicht einmal sagen: ein Handelndes, um nicht die Vorstellung eines Substrats, in welchem die Kraft eingewickelt läge, zu veranlassen.- Man hat unter anderen [sic] gegen die Wissenschaftslehre so argumentiert, als ob sie ein Ich als ohne ein Zutun des Ich vorhandenes Substrat (ein Ding, als Ding an sich) der Philosophie zu Grunde legte. ... / Diese Leute können ohne Substrat einmal nichts anfangen, weil es ihnen unmöglich ist, sich von dem Gesichtspunkte der gemeinen Erfahrung auf den Gesichtspunkt der Philosophie zu erheben.
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Grundlage der Naturrechts... Einleitung, SW III,
S. 1
f.



Nota. - In den Einleitungen zum Naturrecht und zur Sittenlehre "nach Prinzipien der Wissenschaftslehre" gibt Fichte programmgemäß ein Darstellung... ebendieser Prinzipien der Wissenschaftslehre. Sie können und sollen natürlich auch nicht das Studium der Wissenschaftslehre ersetzen, denn was hier als Ergebnis der  Reflexion zusammengefasst ist, wird dort erst hervorgebracht. Wie gut oder schlecht diese Arbeit gelang, wird man beur- teilen müssen, indem man sie selber mitvollzieht, und nicht danach, ob einem das Ergebnis zupass kommt oder nicht.

Ein Juwel sind diese Einleitung trotzdem, nämlich als Metatext: als Anleitung, wie es zu verstehen ist, wenn die Darstellung selbst im öffentlichen Urteil nicht so eindeutig erscheint, wie es dem Autor vorkam; und gelegent- lich wird er verleitet, seinen Ausdruck zu größerer Klarheit zu verdeutlichen. Die Einleitungen mögen in der philosophische Debatte als Argument nicht gut taugen; aber als Interpretationsanleitung sind sie Gold wert.

Dies alles vorweg, um bloß zu sagen: Damit, dass der Handelnde und das Behandelte eins sind, ist der Umkreis der Vernunft erschöpft. Nicht ein bisschen, weitgehend, ziemlich, sondern - erschöpft. Indes ist zwar kein Träger oder Vehikel, aber doch immerhin eine "Kraft" mit vorausgesetzt. Aber die ist ohne alle Bestimmung, denn ihre Bestimmung wird es ja sein, sich selber zu bestimmen.

So hat er's gesagt und so hat er's geschrieben. Dass ihm dabei jederzeit noch diese oder jene Nebenvorstellung mit hineingespielt hat, mag ja sein; wäre aber eine Inkonsequenz, die er hätte ausräumen sollen. Stattdessen hat er darauf dann seine Rückwendung zum Dogmatismus gegründet.
JE


Sonntag, 25. März 2018

Am Anfang des Bewusstsein steht ein ästhetisches Wahrnehmen.

É. Manet, 1867

Ein Bestimmbares durch meinen Willen gibts nur, in so fern wirklich im Bewusstsein ein bestimmter Wille da ist, denn das Bestimmbare ist nur durch das Bestimmte möglich, und letzteres ist bloß Resultat eines Überge-hens aus der bloßen Bestimmbarkeit, und Bestimmbares ist eben das, wodurch übergegangen wird.

Diese beiden müssen schlechthin bestimmt sein. Hier ist leicht Irrtum möglich, nämlich im Fortgange eines schon angeknüpften Bewusstsein lässt sich ein Bestimmbares denken, ohne daraus zu wählen; aber beim An-fange des Bewusstseins ist eine solche Abstraktion nicht möglich.  – 
Bestimmbares und Bestimmtes müssen also notwendig eins sein. Folglich müsste mit jener Erkenntnis vom Objekte (dem Bestimmbaren für ein mög-liches Wollen) ein empirisches Wollen unmittelbar im demselben Moment vereinigt sein. Uns im wirklichen Bewusstsein scheint Wahl und Dekret des Willens so, dass die Wahl dem Wollen vorhergeht. –

Hier geht das Bestimmbare dem Bestimmten voraus, aber indem ich wähle, weiß ich doch, dass ich wähle. Dies heißt nicht anderes, als dass ich meine Deliberation auf ein Wollen beziehe. Aber woher weiß ich denn, was Wollen heißt? Nur in wiefern ich schon gewollt habe. Diese Form des Wollens beziehe ich demnach auf die Wahl; das mögliche Wollen kann ich nur durchs wirkliche Wollen kennen. Hier stehen wir am Anfang des Bewusstseins, wo die Form des Wollens nicht übergetragen werden kann; hier müsste Wollen und Deliberieren zusammenfallen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 175


Nota. – Wollen und Deliberieren fallen zusammen im ästhetischen Wahrnehmen. Im Geschmacksurteil ist die Wahrnehmung selbst unmittelbar von einem Gefühl des Beifalls oder der Ablehnung begleitet. Es ist insofern unbegründet, aber es hat den ungemeinen Vorzug, dass es ist – und selber die Reihe wirklichen Wollens und Be-stimmens begründet. (Zur Erinnerung: Die Wissenschaftslehre ist nicht die historische Erzählung davon, wie ein wirkliches Bewusstsein sich bildet, sondern das abstrakte Schema vollendeter Vernünftigkeit.)
JE,  31. 1. 16


















Samstag, 24. März 2018

A priori und a posteriori kann zweierlei heißen.


A priori und a posteriori kann zweierlei heißen: A) Entweder es ist vom ganzen System des Bewusstseins die Rede; dies kann betrachtet werden als gegeben, wie es im gemeinen Bewusstseint vorkommt, und dann heißt es a posteriori; wird es vom Philosophen abgeleitet, heißt es a priori in der weitesten Bedeutung. 

B) Oder a posteriori heißt, was zufolge eines Gefühls der reinen* Anschauung vorkommt, und dann heißt  a priori das, was durch denken in das Mannigfaltige der Gefühle hineingetragen wird, um das Mannigfaaltige zu verei- nigen. Kant hat die Form des Denkens in diesem Verfahren richtig geschildert, aber das Materiale, woher es kommt, fehlt.

Über das Verhältnis der verschiednen Zeitmomente zueinander vide Grundriss des Eigentümlichen der Wissenschafts- lehre, p. 195 etc.

*) [kann auch heißen: innern]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 137









Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE. 

Freitag, 23. März 2018

Zweck-überhaupt.


Wollen-überhaupt ist das Noumenon, das nötig wurde, um das Tätigwerden des Ich zu verstehen (=einen Sinn dar-in 'wahr'-zu-nehmen). Wollen in specie bedarf indessen eines – je besonderen – Zweckbegriffs. Ausgangspunkt ist immer: dass die Menschen tatsächlich tätig werden, nämlich hier, wo von ihren Vorstellungen die Rede ist, im Denken. Begriffe von den Dingen werden möglich durch Absichten mit den Dingen.

Dem steht gegenüber der Begriff des Zwecks-überhaupt. Zunächst eine summative Abstraktion: der Inbegriff aller möglichen Zwecke. Als solcher ist auch er: Noumenon. Real kann ich mir darunter nichts vorstellen. Er ist rein ideal. Brauche ich ihn, um mir unter den je konkreten Zwecken etwas vorzustellen? Nein. Sie sind real, er nicht. 

Wollen-überhaupt gibt dem tatsächlichen Wollen der historischen Individuen einen Sinn: 'Ich' bin a priori um-zu. (Menschsein ist schlechthin intentional, würde der Adept einer andern Schule sagen.) Um das wirkliche Wollen historischer Individuen zu verstehen, ist das jedoch nicht nötig: Dass und was sie wollen, ist zu allererst bedingt und bestimmt durch ihre – durch das Gefühl vermittelte – physische Organisation; "Naturbedürfnis", essen, trin-ken und dies und das. Das bedarf keiner Erklärung und keines Verständnisses.

Einer Erklärung und eines Verständnisses bedürfte das historische Faktum, dass sich die Menschen, wohin man in ihrer Geschichte auch blickt, damit nie beschieden haben; bedürfte einer realwissenschaftlichen Erklärung. Transzendentalphilosophisch ist es durch den Begriff des Reinen Wollens mit-gesetzt. Es begründet ein unend- liches Streben, das Fichte an anderer Stelle Trieb nennt. Bedingt ist es rückwärts: durch die Tatsache der Tätigkeit, sie soll es erklären; es ist Noumen, es kann und muss seinerseits nicht gerechtfertigt werden. 

Namentlich nicht durch einen Zweck-überhaupt. Der ist, anders als das Reine Wollen, kein Begriff, sondern eine bloße Idee, und als solche kann sie nichts begründen, sondern allenfalls praktisch rechtfertigen. Das liegt dann aber schon jenseits der Transzendentalphilosophie.

19. 10. 15




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Donnerstag, 22. März 2018

Kommt das Theoretische vor dem Praktischen oder umgekehrt?

roland9000

Der theoretische Teil der Grundlage der WL ist äußerst dunkel, ich weiß es sehrwohl, die WL hat überhaupt einen innern Kern der Dunkelheit und sogar der Unverständlichkeit für manche Köpfe [...] in sich selbst. Aber ich hoffe, dass durch den praktischen Teil der Grundlage [der bekanntlich erst im Herbst 1795 erschien] die Sache klärer werden soll.

Fichte an K. L. Reinhold im April 1795 in:
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. XXI


[In der neuen Wissenschaftslehre Fichtes] findet aber die bisher gewöhnliche Abteilung der Philosophie in the-oretische und praktische nicht statt. Sondern er trägt Philosophie überhaupt vor - theoretische und praktische vereinigt, fängt nach einem weit natürlicheren Gang vom Praktischen an, oder zieht da, wo es zur Deutlichkeit etwas beiträgt, das Praktische ins Theoretische herüber, um aus jenem dieses zu erklären. – Eine Freiheit, die der Verfasser sich damals, als er die Wissenschaftslehre in den Druck gab, noch nicht herauszunehmen traute.

[aus der Hallenser Nachschrift in:]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1994, S. XXVII











Mittwoch, 21. März 2018

"Denkzwang" - ein Scheinproblem.


Ja, ich glaube, Fichte hat mit der Gleichsetzung des 'Denkzwangs' mit dem sinnlichen Gefühl ein krummes Ding gedreht. Es war aber systematisch ganz überflüssig. Das Materielle dem Geistigen assimilieren oder - in diesem Fall - umgekehrt, ist nur nötig in einem System, wo sie vorab dogmatisch unterschieden waren, aber gerade das ist in der Wissenschaftslehre ja nicht der Fall. Da geht es von Anfang bis Ende nur um die Vorstel- lungen von diesem oder jenem. Da mag man unterscheiden, welche Vorstellung notwendig, welche durch Frei- heit möglich, oder welche auch ganz überflüssig ist; welche beanspruchen darf, sich auf ein Objekt außer ihr zu beziehen, und welche selber nur wieder auf Vorstellungen geht. Und so weiter. Objektivität, Notwendigkeit: denen entspricht 'Denkzwang'. 

'Gefühl' wurde erfordert, damit etwas als Etwas angeschaut werden könne, angeschaut werden muss es, wenn darauf reflektiert werden soll; besser gesagt, das Anschauen ist das Reflektieren: das Fassen als Begriff. 

Um dies alle geht es hier aber gar nicht.

Hier geht es um die Auffassung des wirklichen Ich als Zustand. Ein Gesamtzustand ist gemeint, in den alle Ge- fühle eingehen und auf den jedes einzelne Gefühl bezogen wird. Es ist aber nicht nötig, den Gesamtzustand nur als aus Gefühlen zusammengesetzt aufzufassen. Man bräuchte ihn nur etwas weiter zu definieren, um den 'Denk- zwang' darin unterzubringen. Doch wozu könnte das gut sein? Das wäre eine metaphysische Frage einer am Rande stehenden höheren Intelligenz, die wissen will: "Woraus setzt sich der Gesamtzustand zusammen?" Hier war nur zu setzen, dass er ist; zu bestimmen, was er ist, hat die Transzendentalphilosophie nicht mehr.

Es ist vielmehr, wenn es nicht Sache der empirischen Psychologie ist, eine Sache der Hirnforschung. Physio- logisch, d. h. entweder am Ort oder an der individuellen Tätigkeitsweise der Neuronen, lässt sich dieses von jenem Merken gar nicht unterscheiden; die bildgebenden Verfahren erlauben nur, einen neuronalen Vorgang an dieser Stelle im Gehirn mit jenem Vorgang im übrigen Organismus zu korrelieren. Alles weitere ist Sache der Erfahrung und der Interpretation. In der Tat: Das Gehirn ist ein System, seine Wirklichkeit ist Zustand. Nur im Labor lässt sich Dieses von Jenem isolieren.

Fichte hat gut daran getan, sich auf dieses Terrain nicht zu begeben. Davon konnte er nichts wissen, und als Transzendentalsphilosoph musste er davon nicht wissen.

Dienstag, 20. März 2018

Die Einbildungskraft schwebt.

Carl Spitzweg, Drachensteigen  

Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunkt; nur die Vernunft setzt etwas Festes, dadurch, daß sie erst selbst die Einbildungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt. ... Jenes Schweben eben bezeichnet die Einbildungskraft durch ihr Produkt: sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens, und durch dieses Schweben hervor. ... 

Im praktischen Felde geht die Einbildungskraft fort ins Unendliche, bis zu der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach der vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich ist. ... 

Ohne Unendlichkeit des Ich - ohne eine absolutes, in das Unbegrenzte und Unbegrenzbare hinausgehende Produktions-Vermögen desselben ist auch nicht einmal die Möglichkeit der Vorstellung zu erklären. Aus dem Postulate, daß eine Vorstellung sein solle, welches enthalten ist in dem Satze: das Ich setzt sich, als bestimmt durch das Nicht-Ich, ist nunmehr dieses absolute Produktionsvermögen synthetisch abgeleitet und erwiesen.

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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW I, S. 217f.



Nota. - Würde die Einbildungskraft nicht schweben, müsste die Vernunft das in der Vorstellung Erscheinende nicht bestimmen.
JE
 

Sonntag, 18. März 2018

Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.


Jean Siméon Chardin, Der Junge mit dem Kreisel.

Jenes halbe, träumende und zerstreute Bewußtsein, jene Unaufmerksamkeit und Gedankenlosigkeit, die ein Grundzug unseres Zeitalters, und das kräftigeste Hindernis einer gründlichen Philosophie ist, ist / eben der Zustand, da man sich selbst nicht ganz in den Gegenstand hineinwirft, sich in ihm vergräbt und vergißt; sondern zwischen ihm und sich selbst herumschwankt und zittert.

...Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich begebende und deinen Lebensmoment füllende.
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Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] 
SW. Bd. II, S 337f.


Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang umkehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzen- dentalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poesie, und kann und will auf Wissenschaft- lichkeit keinen Anspruch erheben. 

Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche  Unternehmung.
JE

Samstag, 17. März 2018

Vom transzendentalen Standpunkt.

 André Kertész, 1929
 
Die soeben beschriebene... Philosophie steht auf dem transzendentalen Standpunkt und sieht von diesem auf den gemeinen Gesichtspunkt herab; das ist das Wesen der transzendentalen Philosophie, dass sie nicht will Denkart im Leben werden, sondern zusieht einem Ich, welches im Leben ein Denksystem zustandebringt, sie schafft selbst nichts. Dieses Ich steht auf dem gemeinen Standpunkt. ...

Der Mensch kann sich auf den transzendentalen Standpunkt erheben nicht als Mensch, sondern als spekulativer Wissenschaftler. Es entsteht für die Philosophie selbst ein Anstoß, in ihr ihre eigene Möglichkeit zu erklären. Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten; - Frage über die Möglichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetztes. Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unsern eignen Grundsätzen kein Mittel, zu ihm über/zugehen. Es ist faktisch bewiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und der gemeinen Ansicht: dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkt erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen [als] gemacht (alles in mir), auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst sie machen würden. [vide Sittenlehre, von den Pflichten des ästhetischen Künstlers]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 243f.


Freitag, 16. März 2018

Der Ausgangspunkt der Transzendentalphilosophie.


Der wahre Philosoph hat die Vernunft in ihrem ursprünglichen und notwendigen Verfahren, wodurch sein Ich und / alles, was für dasselbe ist, da ist, zu beobachten. Da er aber dieses ursprünglich handelnde Ich im empirischen Bewusstsein nicht mehr vorfindet, so stellt er es durch den einzigen Akt der Willkür, der ihm erlaubt ist (und welcher der freie Entschluss, philosophieren zu wollen, selbst ist), in seinen Anfangspunkt, und lässt es von demselben nach seinen eigenen, dem Philosophen wohlbekannten Gesetzen unter seinen Augen forthandeln. Das Objekt seiner Beobachtung ist sonach die nach ihren eigenen Gesetzen, ohne alles äußere Ziel, notwendig verfahrende Vernunft überhaupt.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
5f.





 

Mittwoch, 14. März 2018

Bewusst sein heißt nicht vereinigen, sondern spalten.



Die wichtige Einsicht, die wir dadurch erhalten, ist folgende. Wissen und Sein sind nicht etwa außerhalb des Bewusstseins und unabhängig von ihm getrennt, sondern nur im Bewusstsein werden sie getrennt, weil diese Trennung Bedingung der Möglichkeit alles Bewusstseins ist, und durch diese Trennung entstehen erst beide.

Es gibt kein Sein, außer vermittels des Bewusstsein, so wie es außer demselben auch kein Wissen als bloß Subjektives und auf sein Sein gehendes gibt. Um mir nur sagen zu können: Ich, bin ich genötigt zu trennen, aber auch nur dadurch, dass ich dies sage und indem ich es sage, geschieht die Trennung. Das Eine, welches getrennt wird, das sonach allem Bewusstsein zu Grunde liegt, und zufolge dessen das Subjektive und Objketive im Bewusstserin unmittelbar als Eins gesetzt wird, ist absolut = X; kann, als einfaches, auf keine Weise zum Bewusstsein kommen.
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Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 5








Nota.Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 12. März 2018

Einladung an die Leser.



Ich denke, dieses Blog hat einige Leser gefunden, die meine einfache Schreibweise schätzen, weil sie einen Zugang zu philosophischen Gedankengängen gibt, der sonst oft eher erschwert als erleichtert wird. Offenbar gibt es aber inzwischen auch einige regelmäßige Besucher, die auf didaktische Rücksichtnahme nicht angewie- sen sind.

Ich wähle die einfache Art der Darstellung nicht, weil sie einfacher zu verfassen wäre (ist sie nicht). Vielmehr: Ich bin kein Schulphilosoph, mich beschäftigt Philosophie nach ihrem "Weltbegriff". Für die schulmäßigen Mikrologismen fehlen mir die Geduld und das Talent. Zur Strafe gerate ich ab und zu auf Glatteis. Aber da kommen einem gelegentlich auch gute Einfälle.

Nur ob sie gut sind, kann man selber nicht immer einschätzen. 

Ich hoffe zwar stets, dass ich meinen Gewährsmann Fichte richtig verstehe. Doch im Zweifel ist mir an mei- ner eigenen Erkenntnis mehr gelegen als an philologischer Korrektheit. Ich muss nur Acht geben, dass ich mir nicht die Zügel schießen lasse, und da ist mir dann der wohlwollend kritische Blick des Sachkenners sehr will- kommen. Die Leser, die dies Blog regelmäßig verfolgen, wollen sich bitte nicht zurückhalten, wenn ihnen das eine oder andere des Kommentars bedürftig erscheint.

Ich verspreche Ihnen auch, keine frechen Antworten zu geben.

14. 11. 14 



Samstag, 10. März 2018

Leben oder philosophieren.

planet-schule
 
Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 118]


Nota. - Das sagt Ihnen kein anderer Philosoph: dass man als Philosoph nicht leben kann. Zum Philosophieren muss man vom wirklichen Leben abstrahieren. Fürs Leben ist die Philosophie gar nicht bestimmt. Sie öffnet den Blick auf das Leben. 

Doch wer 'von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hin- einversetzt', tut es nun mit klarem Blick: Er ist unter seinesgleichen Kritiker. Zum Predigen ist er nicht bestellt. Leider hat sich Fichte wenig später von dieser Einsicht durch Jacobi abbringen lassen.
JE


Dienstag, 6. März 2018

Das Dickicht: vorstellen, begreifen, reflektieren und darstellen.

n3po

Man fasse das Fortschreiten im Bestimmen als Stufengang auf. Auf jeder Stufe hinterlässt das lebendige Vor- stellen als ein Caput mortuum, als 'Gedächtnisspur', einen Begriff. Aber nicht auf den Begriff wird aufgebaut, er 'ruht' ja und bewegt sich nicht. Fortgeschritten wird immer nur im lebendigen Vorstellen. Die Begriffe werden jeweils abgelegt - und wie dann daraus im Verkehr des vernünftigen Wesen untereinander ein reelles System als Bild der Welt entsteht, geht die Transzendentalphilosphie nicht mehr an.

Nicht die Begriffe sind das Wahre der Vorstellung, sondern das Vorstellen ist das Wahre des Begreifens.

Die Darstellung muss, das wiederholt Fichte immer wieder, diskursiv verfahren - also in paradoxaler Form das lebendige Vorstellen durch Verknüpfung ruhender Begriffe beschreiben. Sie kann das Paradox nicht vermeiden, sondern immer wieder nur daran erinnern.

Fichte führt nun stets den Stufengang des Bestimmens als lebendiges Vorstellen vor. Aber sein Vorgehen ist ja ein doppeltes: Das reale Vorstellen ist stets von der idealen Anschauung begleitet - es wird reflektiert. Und beim Reflektieren stößt es - nein: er, Fichte - wieder auf die abgelegten Begriffe. Aber die macht er jetzt doch zum Prüfstein und Maßstab des Vorstellens, wenn er nämlich jedesmal darlegen will, dass und wie die neue Vor- stellung schon in der ihr vorangegangenen Vorstellung unbemerkt angelegt und vorausgesetzt war: Dann destilliert er nämlich aus der Definition des vorangegangenen Begriffs die Bestimmung der neuen Vorstellung.

Entsprechend konstruiert wirkt daher manch eine seiner Deduktionen; er entwickelt dann nicht eine Vorstellung aus der andern, sondern kombiniert Begriffe. Das jeweils im einzelnen Fall auseinanderzulegen ist mühselig, es schwirrt einem der Kopf. Es wäre schon ein Wunder, wenn Fichte sich nicht gelegentlich verheddert hätte; zu- mal er die Unterscheidung selber nie so scharf ausgesprochen hat.

27. 12. 16