Mittwoch, 30. April 2014

Der gute Wille allein.


Kurt Bouda, pixelio.de

Wer meine Gesinnung hat, den redlichen guten Willen, der wird auch meine Ueberzeugung erhalten: ohne jenen aber ist diese auf keine Weise hervorzubringen. – 

Nachdem ich dieses weiss, weiss ich, von welchem Puncte alle Bildung meiner selbst und anderer ausgehen müsse: von dem Willen, nicht von dem Verstande. Ist nur der erstere unverrückt und redlich auf das Gute gerichtet, so wird der letztere von selbst das Wahre fassen. Wird lediglich der letztere geübt, indess der erstere vernachlässigt bleibt, so entsteht nichts weiter, als eine Fertigkeit, ins unbedingt Leere hinaus zu grübeln und zu klügeln. – 

Ich vermag, nachdem ich dieses weiss, alles falsche Wissen, das sich gegen meinen Glauben erheben könnte, niederzuschlagen. Ich weiss, dass jede vorgebliche Wahrheit, die durch das blosse Denken herausgebracht, nicht aber auf den Glauben gegründet seyn soll, sicherlich falsch und erschlichen ist, indem das durchaus durchgeführte, blosse und reine Wissen lediglich zu der Erkenntniss führt, dass wir nichts wissen können; weiss, dass ein solches falsches Wissen nie etwas Anderes findet, als was es erst durch den Glauben in Seine Vordersätze gelegt hat, aus welcher es vielleicht weiter / hin unrichtig schliesst. – 

Ich besitze, nachdem ich dieses weiss, den Prüfstein aller Wahrheit und aller Ueberzeugung. Aus dem Gewissen allein stammt die Wahrheit: was diesem, und der Möglichkeit und dem Entschlusse, ihm Folge zu leisten, widerspricht, ist sicher falsch, und es ist keine Ueberzeugung davon möglich; wenn ich auch etwa die Trugschlüsse, durch die es zu Stande gebracht ist, nicht entdecken könnte.

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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 254f.



Nota.

Dabei kann einem schon mulmig werden. Wer würde denn den guten Willen nicht für sich in Anspruch nehmen? Wenn doch die Moral nicht in allgemeinen Sätzen, sondern immer nur ad hoc gebietet... ?!

Ja, wenn wir an dieser Stelle schon so weit wären und mit Herbart die Ethik ansehen könnten als die Ästhetik, sofern sie auf das Reich der Willensakte bezogen wird...
JE
 

Dienstag, 29. April 2014

Das Gewissen gebietet immer hier und jetzt.


Henrik G. Vogel, pixelio.de

Jene Stimme in meinem Innern, der ich glaube, und um deren willen ich alles Andere glaube, was ich glaube, gebietet mir nicht überhaupt nur zu thun. Dieses ist unmöglich; alle diese allgemeinen Sätze werden nur durch meine willkürliche Aufmerksamkeit und Nachdenken über mehrere Thatsachen gebildet, drücken aber nie selbst eine Thatsache aus. Sie, diese Stimme meines Gewissens, gebietet mir in jeder besonderen Lage meines Daseyns, was ich bestimmt in dieser Lage zu thun, was ich in ihr zu meiden habe: sie begleitet mich, wenn ich nur aufmerksam auf sie höre, durch alle Begebenheiten meines Lebens, und sie versagt mir nie ihre Belohnung, wo ich zu handeln habe. Sie begründet unmittelbar Ueberzeugung, und reisst unwiderstehlich meinen Beifall hin: es ist mir unmöglich, gegen sie zu streiten.

Auf sie zu hören, ihr redlich und unbefangen ohne Furcht und Klügelei zu gehorchen, dies ist meine einzige Bestimmung,  / dies der ganze Zweck meines Daseyns. – Mein Leben hört auf ein leeres Spiel ohne Wahrheit und Bedeutung zu seyn. Es soll schlechthin etwas geschehen, weil es nun einmal geschehen soll: dasjenige, was das Gewissen nun eben von mir, von mir, der ich in diese Lage komme, fordert; dass es geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da; um es zu erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen, Kraft.
 

Durch diese Gebote des Gewissens allein kommt Wahrheit und Realität in meine Vorstellungen. Ich kann jenen die Aufmerksamkeit und den Gehorsam nicht verweigern, ohne meine Bestimmung aufzugeben.

Ich kann daher der Realität, die sie herbeiführen, den Glauben nicht versagen, ohne gleichfalls meine Bestimmung zu verläugnen. Es ist schlechthin wahr, ohne weitere Prüfung und Begründung, es ist das erste Wahre, und der Grund aller anderen Wahrheit und Gewissheit, dass ich jener Stimme gehorchen soll: es wird mir sonach in dieser Denkweise alles wahr und gewiss, was durch die Möglichkeit eines solchen Gehorsams als wahr und gewiss vorausgesetzt wird.

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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 258f.

Nota.

Das ist die Stelle, wo es kritisch wird. Da ist erstens das Gewissen, das immer nur dieses oder das gebietet, und immer jetzt. Allgemeine Sätze werden daraus allenfalls von der Reflexion abstrahiert, aber sie haben keine Realität. Mit andern Worten, Begriffe finden in der Moralität keinen Platz. - Aber dann wird konstruiert, dass einem schwindelig wird: Nähme ich an, dass alle Taten, die mir mein Gewissen aufgegeben hat, zum Erfolg führen, könnte ich daraus einen tatsächlichen Zustand hochrechnen - die "Realität, die sie herbeiführen" -, aus dem ich wiederum rückwirkend "meine Bestimmung" begreifen kann. Und dieser 'Realität' kann ich "den Glauben nicht versagen". 

Nachdem er eben vornherum aus der Moralität die Begriffe ausgetrieben hat, führt er nun hintenrum einen ganzen Begriffspalast ein, der so konstruiert ist, wie der Eiffelturm erst neunzig Jahre später. Warum das, damit hat es doch keine Not, er war doch schon bei einem Ergebnis angelangt, das praktischer gar nicht sein kann - ?

Es ist ein äußerer Zweck, den er verfolgt, er will den Vorwurf des Atheismus im nachhinein entkräften, indem er einen theoretischen Gott erklügelt...
JE

Montag, 28. April 2014

Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir handeln müssen.



Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu handeln bestimmt sind; die praktische Vernunft ist die Wurzel aller Vernunft. Die Handelsgesetze für vernünftige Wesen sind unmittelbar gewiss:* ihre Welt ist gewiss nur dadurch, dass jene gewiss sind

Wir können den ersteren nicht absagen, ohne dass uns die Welt, und mit ihr wir selbst in das absolute Nichts versinken; wir erheben uns aus diesem Nichts, und erhalten uns über diesem Nichts lediglich durch unsere Moralität.

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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 263


*) "Die Moral sagt schlechterdings nichts Bestimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen."
Novalis, Allgemeines Brouillon, N°670

Nota.

Ab hier wird die Wissenschaftslehre zu einer Fundamentalontologie. Sein ist Dasein und Dasein ist Handeln-müssen. Das ist keine Metaphysik, die aus Begriffen konstruiert. Es ist eine Existenzphilosophie, auf theore-tischen Erwägungen beruht sie nur ex negativo. Sie kann vielmehr als Metaphilosophie das theoretische Wissen ihrerseits begründen.
JE

Sonntag, 27. April 2014

Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.

satyamnitya

Nun hab ich mein Sach auf nichts gestellt,
Juchhe!

Und mein gehört die ganze Welt,
Juchhe!

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aus: Goethe, Vanitas! Vanitatum vanitas!


Freitag, 25. April 2014

Der Existenzialist unter den Romantikern.



Fichte hat in Jena mit Friedrich, August Wilhelm und Caroline Schlegel im selben Haus gewohnt, war auch beim legendären Romantikertreffen im September 1798 in Dresden dabei, und später in Berlin ließ er sich seine Post über die gemeinsame Adresse von Schlegel und Schleiermacher zustellen, um die Polizeispitzel irrezu- führen. Gehörte Fichte zum Romantikerkreis oder gehörte nicht der Romantikerkreis zu Fichte?

"Darum hat Fichte
gesagt: »Die Kunst macht den transzendentalen Gesichtspunkt zum gemeinen.« Seine Philosophie ist, wenn man sie recht versteht, eine radikale Künstlerphilosophie. Und die Romantiker verstanden sie und machten Fichte zu ihrem Propheten," schrieb Egon Friedell,* und der war allerdings genial, doch in philosophischen Dingen ein Dilettant war er nicht, und promoviert hat er über Novalis als Philosoph.

Nicht nur die Schlegels waren an Fichte orientiert. Hölderlin gehörte in Jena zu seinen ersten, Brentano zu seinen letzten Hörern. Aber der Romantikerkreis ist im Jahr 1799 auseinandergebrochen, nein, auseinander- geflossen aus demselben Grund, aus dem Fichte Jena verlassen musste: Der Atheismusstreit hatte deutlich gemacht, dass nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland die Zeit des revolutionären Aufbruchs vorbei war. Bei diesen folgten frömmeld deutsche Innerlichkeit und Ergebung in biedermeierliche Restau- ration, bei jenem folgte... - 

Es war ein existenzialistischer Sprung über den Abgrund, wie soll man es anders nennen? "Aller Ernst und alles Interesse ist dann rein aus meinem Leben vertilgt, und dasselbe verwandelt sich, eben so wie mein Denken, in ein blosses Spiel, das von nichts ausgeht und auf nichts hinausläuft", hieß es als Quintessenz jenes Abschnitts in der Bestimmung des Menschen, der die Überschrift Wissen trägt. 

Die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts hat in Fichte unmöglich ihren Stifter erkennen können, weil er ihr in R. Kroners schiefen, aber landläufig gewordenen Perspektive Von Kant zu Hegel vielmehr als Begründer eines sogenannten Deutschen Idealismus erschien. Wilhelm Weischedel hat dagegen mit seiner existenzialis-tischen Deutung der Wissenschaftslehre als einer Ontologie des Lebens** leider nie durchdringen können.

Die Absurdität des Daseins annehmen und Ja sagen zu dem, was wirklich ist, um darin meine Freiheit zu behaupten - wie soll man das anders nennen als existenzialistisch? Aber es liegt gar nichts an oder in diesem Wort. Ein anderes, ebenfalls treffendes wäre mir genauso recht; heroischer Nihilismus etwa.

Ob auch Artisten-Metaphysik, wie Friedell insinuiert, ist an dieser Stelle noch nicht zu entscheiden.


*) Kulturgeschichte der Neuzeit, III. Buch, 3. Kapitel 
**) W. Weischedel, Der frühe Fichte, Stuttgart-Bad Cannstadt, ²1973; die Erstausgabe war 1939 unter dem absichtlich zweideutigen Titel Der Aufbruch der Freiheit zur Gemeinschaft erschienen und ist so zwar der Zensur entgangen, aber der Aufmerksamkeit der einschlägig interessierten Leserschaft wohl leider auch. Im Jahr der Neuauflage war dann Fichte noch nicht wieder aktuell, aber der Existenzialismus schon wieder passé.

Der Wille zur Geltung.


Guido Reni, Hercules auf dem Scheiterhaufen, 1617

Ich habe das Organ gefunden, mit welchem ich diese Realität, und mit dieser zugleich wahrscheinlich alle andere Realität ergreife. Nicht das Wissen ist dieses Organ; kein Wissen kann sich selbst begründen und beweisen; jedes Wissen setzt ein noch Höheres voraus, als seinen Grund, und dieses Aufsteigen hat kein Ende. 

Der Glaube ist es; dieses freiwillige Beruhen bei der sich uns natürlich darbietenden Ansicht, weil wir nur bei dieser Ansicht unsere Bestimmung erfüllen können; er ist es, der dem Wissen erst Beifall giebt, und das, was ohne ihn blosse Täuschung seyn könnte, zur Gewissheit und Ueberzeugung erhebt.

Er ist kein Wissen, sondern ein Entschluss des Willens, das Wissen gelten zu lassen.

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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 253f.


Nota.

Dies ist die Proiectio per hiatum irrationalem. So wie Jacobi es ihm vorgeschlagen hatte. Nur ist es ein Glaube nicht an die Offenbarung und ihre Buchstaben, sondern an das eigene Vermögen, 'aus Freiheit' dem Leben einen Zweck zuzugedenken.
JE


 

Mittwoch, 23. April 2014

Ja sagen.


Hendrick ter Brugghen, Demokrit, 1629

Ich weiss, dass, wenn ich mit diesem Lehrgebäude nicht bloss ein Andere verwirrendes Spiel treiben, sondern nach demselben wirklich verfahren will, ich jener Stimme in meinem Innern den Gehorsam versagen muss. Ich kann nicht handeln wollen, denn ich kann nach jenem Lehrgebäude nicht wissen, ob ich handeln kann; ich kann nie glauben, dass ich wirklich handle; das, was mir als meine Handlung erscheint, muss mir völlig unbedeutend und als ein bloss trügliches Bild vorkommen. Aller Ernst und alles Interesse ist dann rein aus meinem Leben vertilgt, und dasselbe verwandelt sich, eben so wie mein Denken, in ein blosses Spiel, das von nichts ausgeht und auf nichts hinausläuft.
 

Soll ich jener inneren Stimme den Gehorsam versagen? – Ich will es nicht thun. Ich will jene Bestimmung mir freiwillig geben, die der Trieb mir anmuthet; und will in diesem Entschlusse zugleich den Gedanken an seine Realität und Wahrhaftigkeit, und an die Realität alles dessen, was er voraussetzt, ergreifen. Ich will in dem Standpuncte des natürlichen Denkens mich halten, auf welchen dieser Trieb mich versetzt, und aller jener Grübeleien und Klügeleien mich entschlagen, welche nur seine Wahrhaftigkeit mir zweifelhaft machen könnten.

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Die Bestimmung des Menschen, SW II, S. 253


Nota.

Mit andern Worten, das "intellektuelle Gefühl" ist aus der theoretischen Begründung schon wieder ausgeschieden. Es war ein Holzweg: Denn schon befinden wir uns, nachdem die Kritik die Möglichkeiten der theoretischen Philosophie erschöpft hatte, auf dem Boden der praktischen Vernunft, die 'durch Freiheit möglich' ist. Dass Freiheit möglich ist, kann nicht ex ante bewiesen, sondern muss ex post erwiesen werden, durch die Tat; es ist eine problematische Wahrheit. - Wir sind schon im Bereich der Lebensführung, wo allein ich etwas irreduzibel Gültiges brauche, an dem ich mich orientieren kann.
JE 



Die Reflexion kommt zu keinem Ende.


Eames Mathematica exhibit

Ich weiss allerdings, und muss der Speculation gestehen, dass man auf jede Bestimmung des Bewusstseyns wieder reflectiren, und ein neues Bewusstseyn des ersten Bewusstseyns erzeugen könne, dass man dadurch das unmittelbare Bewusstseyn stets um eine Stufe höher rückt, und das erste verdunkelt und zweifelhaft macht, und dass diese Leiter keine höchste Stufe hat. Ich weiss, dass alle Skepsis auf dieses Verfahren, ich weiss, dass jenes Lehrgebäude, das mich so gewaltig erschüttert hat, auf die Durchführung und auf das deutliche Bewusstseyn dieses Verfahrens sich gründet.

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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 252f.


Nota.

Als Bürgen dafür, dass es über das bloße Denken hinaus noch etwas Reelles geben müsse, hatte er sein unmittelbares Gefühl geltend gemacht. Aber die Bestimmung des Menschen ist kein populäres Traktat zur allgemeinen Erbauung, sondern selber ein philosophische Schrift - freilich eine, die ohne Schulsprache, ohne "spitzfindige Zurüstungen" und ohne die großen Werke großer Männer auskommt; keine akademische Schrift. Aber gründlich verfährt sie wohl, sie ist von allen Fichte'schen Schriften die am gewissenhaftesten dialektisch ausgearbeitete. Kein sachlich berechtigter Widerspruch wird einfach übergangen, sondern 'aufgehoben'. 

Anders gesagt, so unmittelbar ein Gefühl auch wahrgenommen würde - es kann ein Trug sein.
JE


Dienstag, 22. April 2014

Der fundierende Zirkel.


wikipedia

Wenn im ersten Grundsatze der Satz liegt: das System des menschlichen Wissens sey ein einiges, so liegt freilich auch der darin, dass diesem einigen Systeme nichts widersprechen müsse; aber beide Sätze sind ja erst Folgerungen aus ihm selbst, und so wie die absolute Gültigkeit alles dessen, was aus ihm folgt, angenommen wird, wird ja schon angenommen, dass er absolut – erster und einziger Grundsatz sey, und im menschlichen Wissen schlechthin gebiete. 

Also ist hier ein Cirkel, aus dem der menschliche Geist nie herausgehen kann; und man thut recht wohl darauf, diesen Cirkel bestimmt zuzugestehen, damit man nicht etwa einmal über die unerwartete Entdeckung desselben in Verlegenheit gerathe. Er ist folgender: Wenn der Satz X erster, höchster und absoluter Grundsatz des menschlichen Wissens ist, so ist im menschlichen Wissen ein einiges System; denn das letztere folgt aus dem Satze X: Da nun im menschlichen Wissen ein einiges System sein soll, so ist der Satz X, der wirklich (laut der aufgestellten Wissenschaft) ein System begründet, Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt, und das auf ihn gegründete System ist jenes einige System des menschlichen Wissens.

Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er gehoben werde, heisst verlangen, dass das menschliche Wissen völlig grundlos sey, dass es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird. 

Wer Lust dazu hat, mag immer untersuchen, was er wissen würde, wenn sein Ich nicht Ich wäre, d. i. wenn er nicht existirte, und kein Nicht-Ich von seinem Ich unterscheiden könnte.

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Über den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S. 61f.


Montag, 21. April 2014

Wahrheit ist eine praktische Kategorie.


Rainer Sturm  / pixelio.de

Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qualität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffe, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Subjekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 

Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedingungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbedingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.


Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Widersinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er gehoben werde, heisst verlangen,dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik heranginge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problematisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätzen wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technologisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.
 
*)Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62




Sonntag, 20. April 2014

Proiectio per hiatum irrationalem.


hiatus irrationalis

Fichte hat den Ausdruck proiectio per hiatum irrarionalem in seiner Auseinandersetzung mit Jacobi geprägt. Jacobis Argument gegen den Idealismus war dieses: Der Idealismus führe unweigerlich in einen unendlichen Regress, bei dem er nie zu einem Absoluten vordringen könnte, bei dem er Ruhe fände. Man müsse aus dem idealistischen Verfahren resolut heraustreten und könne zu einem Absoluten nur durch einen setzenden Akt gelangen. Diesen Akt nennt er Glauben, sein 'Grund' ist Offenbarung.

Jacobi, Fr. H.
FichteIn der WL 042 versucht Fichte, Jacobi zum Trotz, auf real-idealistischen Wegen ein absolutes Reale 'her' zu leiten; auf abenteuerlichen Wegen. 

Doch Jacobi hatte Recht. Der idealistische Regress muss einmal abgebrochen werden. Das 'Problem' des Absoluten ist nur zu 'lösen', in dem man es, mit Goethe zu reden, in ein Postulat verwandelt. Ein Absolutes muss gelten, damit Wahrheit sein kann. 

Proiectio per hiatum irrationalem ist ein 'posi/tiver' Begriff.

Der Idealist kann seine Prämissen ebenso wenig beweisen wie der Realist
die seinen; noch können sie die Prämissen der Gegenseite widerlegen.

Sind darum Idealismus und Realismus gleich gültig und gehören 'synthetisch' unter einen Hut, wie Schelling meinte?

Nein, denn anders als der Idealist kann der Realist seine Aufgabe nicht erfüllen. Er kann uns niemals bis zu der Stelle führen, wo aus dem 'Ding' ein Wissen von dem Ding wird


Der Idealist kann uns nicht die Stelle zeigen, wo aus dem Wissen von den Dingen ein Ding 'an sich' hervor geht.

Das muss er aber auch nicht. Gemeinsam ist beiden diese Prämisse: Es gibt ein Wissen von Dieses Wissen gilt es, aus einem Grund zu erklären. Das kann der Realist mit seiner zweiten Prämisse – 'von den Dingen her' – nicht. Der Idealist kann es: aus der Intentionalität des Wissens selbst. Ob die Dinge außerdem noch 'an sich' sind, ist für ihn kein theoretisches Problem. Es ist ein praktisches Problem: Ohne Vertrauen auf die Wirklichkeit der Welt kann sich das wirkliche irdische Individuum in seiner Welt nicht einen Tag behaupten. Die Wirklichkeit der Welt ist ein Axiom des gesunden Menschenverstands.

Der Idealist kann seine zweite Prämisse, die phänomenale Gegebenheit des Wissens, nur 'aus ihr selbst' begründen, nicht aus einem ihr vorgegebenen Grund. Das ist theoretisch aber auch nicht nötig. Er behauptet ja gerade die Immanenz des Wissens. Ein Absolutes 'hinter' dem phänomenalen Wissen braucht er nicht.

Das wirkliche irdische Individuum ist es, das sich dabei nicht beruhigen kann. Um sein Leben zu führen, braucht es ein Kriterion. Es muss sich rechtfertigen, nämlich vor sich. Und wiederum ist es der gesunde Menschenverstand, der eingreift: Das Wahre, Absolute, Gültige, kurz: der Sinn ist sein praktisches Postulat.

Ein Hiatus ist allerdings der Sprung aus der theoretischen in die Lebensphilosophie. Es gibt zwischen den beiden keinen Übergang. Das Reich des Seienden kann das Sollen nicht aus sich hervor bringen.  


proiectio
 
Es war der Vorwurf des Atheismus, der Fichte getrieben hat, seine gottgefällige Lebensphilosophie aus dem theoretischen System der Wissenschaftslehre her zu leiten; eben den Weg zu beschreiten, den er sich in den Rückerinnerungen verboten hatte. Ein hiatus irrationalis liegt allerdings vor – es ist der Bruch zwischen der ursprünglichen Wissenschaftslehre von 1794-99 mit den Rückerinnerungen als ihrer 'praktischen' Quintessenz, und den Wissenschaftslehren nach 1801. Es gibt keine Brücke zwischen der Philosophie, die, wenn sie wissenschaftlich ist, nur "kritisch und negativ" verfährt, und den praktischen Anweisungen zum seligen Leben. Der Sinn, das Wahre, das Absolute ist ein notwendiges Postulat der Lebensführung, eine "Idee" – so wie das Ich, sofern es einen positiven Sinn hat, 'nur eine Idee' ist. Die Lehre von der Lebensführung mag zur Urheberin der theoretischen Philosophie werden, indem sie die Kritik am metaphysischen Schein erforderlich macht. Die theoretische Philosophie ist, mit Kant zu reden, ein Katharktikon des Verstandes.

Doch die Umkehrung gilt nicht. Die Lebensführung findet ihren Stachel im Ästhetischen. 



Stachel

Übrigens – praktisch werde die Philosophie nur an der Stelle, wo sie pädagogisch wird, heißt es in den Rückerinnerungen. Aber eben auch das nur kritisch; indem sie nämlich lehrt, was zu unterlassen ist!

im Dezember 2008

 

Samstag, 19. April 2014

Ein intellektuelles Gefühl.


Sabine Nüsch, pixelio.de

Zuförderst über den Doppelsinn des Wortes Gefühl, der auch Herrn E. an meiner Meinung irrig gemacht. Das Gefühl ist entweder sinnlich und das des Bittern, Roten, Harten, Kalten usw., oder intellektuell. Herr E. und mit ihm alle Philosophen seiner Schule scheint die letztere Art gänzlich zu ignorieren, nicht zu beachten, daß auch eine solche Gattung angenommen werden müsse, um das Bewußtsein begreiflich zu machen.

Ich habe es hier mit dem ersten nicht zu tun, sondern mit dem letztern. Es ist das unmittelbare Gefühl der Gewißheit und Notwendigkeit eines Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen der entgegengesetzten Schule zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen übereinstimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem Urteile über die Übereinstimmung nicht wieder irren? Etwa wieder durch theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. – Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das Gefühl? 

/ Es ist klar, daß dieses Gefühl nur mein Denken begleitet und nicht eintritt ohne dieses. – Daß das Gefühl eine Wahrheit geben solle, ist unmöglich und würde keinen Sinn haben. Es, dieses Gefühl der Gewißheit und Wahrheit, begleitet nur ein gewisses Denken.

Es ist klar, daß, wenn ein solches Denken die Bedingung der Vernünftigkeit selbst ist und das Gefühl der Gewißheit unabtrennlich einfaßt, alle Menschen über dieses Gefühl übereinkommen müssen und es jedem anzumuten ist, wenn es ihm auch nicht anzudemonstrieren wäre, welches in Absicht des Unmittelbaren überhaupt nirgends stattfindet.
 

Es ist dieses Gefühl ein intellektuelles Gefühl.

Es ist dies der Grund aller Gewißheit, aller Realität, aller Objektivität.
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen, [S. 147f.]






Freitag, 18. April 2014

Ein intellektuelles Gefühl?


SMI

Ich denke diese meine reelle Thatkraft, aber ich erdenke sie nicht. Es liegt diesem Gedanken das unmittelbare Gefühl meines Triebes zur Selbstthätigkeit zu Grunde; der Gedanke thut nichts als dieses Gefühl abbilden, und es aufnehmen in seine eigene Form, die Form des Denkens. Dieses Verfahren scheint vor dem bestehen zu können. 

Wie? will ich abermals wissentlich und absichtlich mich selbst täuschen? Dieses Verfahren kann vor jenem strengen Gerichte schlechterdings nicht bestehen. Ich fühle in mir ein Treiben und Streben weiter hinaus; dieses scheint wahr zu seyn, und das einzige Wahre, was an der Sache ist. Da Ich es bin, der dieses Treiben fühlt, und da ich über mich selbst, weder mit meinem ganzen Bewusst; seyn, noch insbesondere mit meinem Gefühle hinaus kann, da dieses – Ich selbst das letzte bin, wo ich jenes Treiben erfasse, so erscheint es mir freilich als ein in mir selbst gegründetes Treiben zu einer in mir selbst gegründeten Thätigkeit. 

Könnte es nicht aber doch, nur von mir unbemerkt, das Treiben einer mir unsichtbaren fremden Kraft, und jene Meinung von Selbstständigkeit lediglich Täuschung meines auf mich selbst eingeschränkten Gesichtskreises seyn? Ich habe keinen Grund dies anzunehmen; aber ebensowenig einen Grund, es zu läugnen. Ich muss mir bekennen, dass ich darüber schlechthin nichts weiss, noch wissen kann. 

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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 250


Nota.

Nirgends wird so deutlich wie hier, wie unmittelbat die Bestimmung des Menschen an die unvollendeten Rückerinnerungen anknüpft. Dort war [GA, S. 146f.] als Bürge einer absoluten letzten Instanz der Vernünftigkeit ein 'intellektuelles Gefühl' postuliert worden; ein Kuriosum, das sich bei Fichte nie zuvor, und, soweit ich es überblicke, auch später nicht wieder findet. Doch an dieser Stelle nimmt er das Thema noch einmal auf, wenn auch vom andern Ende her. Denn dass er da sehr salopp über den eigentlich springenden Punkt hinweg- geglitten war, muss ihm doch aufgefallen sein.
JE

Donnerstag, 17. April 2014

Ein völlig neues Terrain.


Annamartha, pixelio.de

Der Abschnitt 'Wissen' in der Bestimmung des Menschen endete mit dem Ergebnis Nichts gilt und Alles nur Konstrukt. Das ist der Schlusspunkt der theoretischen Philosophie. Kann man unter dieser Prämisse sein Leben führen? Offenbar nicht, wenn alles gleich-gilt. Es ist ein Nihilismus, der prima vista allenfalls heroisch zu ertragen ist.

Oder den zu ertragen man sich weigert und sich am eignen Schopf aus dem Morast zieht. So wie der Wendung von der dogmatischen zur kritischen Betrachtungsweise ein praktisches Motiv zugrunde lag -  Es war dasselbe: Unter dieser Prämisse lässt sich ein Leben nicht führen -, wird nun aus praktischer Not ein neues Terrain betreten. Ein neues Terrain, denn das ist festzuhalten: Die Möglichkeiten der Theorie sind, mit Abschluss des kritischen Durchgangs, erschöpft.

Das neue Terrain heißt: Wenn die Welt und das Leben in ihr einen eigenen Sinn nicht haben, dann kann, wenn und weil ich will, nur ich ihnen einen Sinn geben. Geben, nicht entgegennehmen. Aus vollkommener Freiheit, wie er sagt. An etwas Vorgegebenes kann ich mich immer noch nicht halten.

Viel weiter ist er also nicht gekommen. Sein Ergebnis ist einstweilen nur: Ich muss, wenn ich will...

*

Ob für die Lebensführung damit viel gewonnen ist, muss er uns noch zeigen. Für die positiven - 'historischen' - Wissenschaften ist es dagegen schon eine Menge: In ihrem Ergebnis begründet die Wissenschaftslehre eine Anthropologie.




Mittwoch, 16. April 2014

Wer sich einmal auf die Kritik eingelassen hat, muss Alles selber aus nichts hervorbringen.



So ist es, ich weiss es unmittelbar. Aber ich habe mit der Speculation mich einmal eingelassen; die Zweifel, welche sie in mir erregt hat, werden insgeheim fortdauern, und mich beunruhigen. Nachdem ich nun in diese Lage mich gesetzt habe, kann ich keine vollkommene Befriedigung erhalten, ehe nicht alles, was ich annehme, selbst vor dem Richterstuhle der Speculation gerechtfertigt ist. Ich habe mich sonach zu fragen: wie wird es so? Woher entsteht jene Stimme in meinem Innern, welche mich aus der Vorstellung herausweist?
 

Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängiger Selbstthätigkeit. Nichts ist mir unausstehlicher, als nur an einem anderen, für ein anderes, und durch ein anderes zu seyn: ich will für und durch mich selbst etwas seyn und werden. Diesen Trieb fühle ich, sowie ich nur mich selbst wahrnehme; er ist unzertrennlich vereinigt mit dem Bewusstseyn meiner selbst.
 

Ich mache mir das Gefühl desselben durch das Denken deutlich, und setze gleichsam dem an sich blinden Triebe Augen ein, durch den Begriff. Ich soll, zufolge dieses Triebes, / als ein schlechthin selbstständiges Wesen handeln; so fasse und übersetze ich jenen Trieb. Ich soll selbstständig seyn. – 

Wer bin Ich? Subject und Object in Einem, das allgegenwärtig Bewusstseyende und Bewusste, Anschauende und Angeschaute, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich durch mich selbst seyn, was ich bin, schlechthin durch mich selbst Begriffe entwerfen, schlechthin durch mich selbst einen ausser dem Begriffe liegenden Zustand hervorbringen. Aber wie ist das letztere möglich? Schlechthin an Nichts kann ich kein Seyn anknüpfen; aus Nichts wird nimmer Etwas; mein objectives Denken ist nothwendig vermittelnd. Ein Seyn aber, das an ein anderes Seyn angeknüpft wird, wird eben dadurch durch dieses andere Seyn begründet, und ist kein erstes ursprüngliches und die Reihe anhebendes, sondern ein abgeleitetes Seyn. Anknüpfen muss ich; an ein Seyn kann ich nicht anknüpfen.
 

Nun aber ist mein Denken und Entwerfen eines Zweckbegriffes seiner Natur nach absolut frei – und etwas aus dem Nichts hervorbringend. An ein solches Denken müsste ich mein Handeln anknüpfen, wenn es als frei und als schlechthin aus mir selbst hervorgehend soll betrachtet werden können.

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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 249f.


Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es lediglich bearbeitet. Sollten Sie der Eigentümer sein und seine Verwendung an dieser Stelle missbilligen, melden Sie sich bitte über dieses Blog. JE

Dienstag, 15. April 2014

Der Mensch kann handeln; weil er muss.


Lothar Sauer

Nicht blosses Wissen, sondern nach deinem Wissen Thun ist deine Bestimmung: so ertönt es laut im Innersten meiner Seele, sobald ich nur einen Augenblick mich sammle und auf mich selbst merke. Nicht zum müssigen Beschauen und Betrachten deiner selbst, oder zum Brüten über andächtigen Empfindungen, – nein, zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen Werth. 

Diese Stimme führet mich ja aus der Vorstellung, aus dem blossen Wissen heraus auf etwas ausser demselben Liegendes und ihm völlig Entgegengesetztes; auf etwas, das da mehr und höher ist, denn alles Wissen, und den Endzweck des Wissens selbst in sich enthält. Wenn ich handeln werde, so werde ich ohne Zweifel wissen, dass ich handle, und wie ich handle; aber dieses Wissen wird nicht das Handeln selbst seyn, sondern ihm nur zusehen.

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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 248


Nota.

(Irgend)etwas tun muss das Tier auch. Aber es muss nicht entscheiden, was. Was es zu tun hat, ist ihm gattungsgeschichtlich vorgegeben, und das tut es, recht oder schlecht. Es gehört seiner Umwelt, so wie sie ihm gehört. Es kann, was es muss. Es existiert nur als Specimen der Gattung. Es ist empirisch keine Person und logisch kein Subjekt.

Anders der Mensch. Er hat seine angestammte Umwelt verlassen und ist in eine offene Welt aufgebrochen, durch die er sein Leben führen muss. Das kann er so oder so; nur führen muss er. Mit andern Worten, der Mensch ist Subjekt geworden und kann mehr als er muss (als seine Uhrahnen auf den Bäumen mussten). Wenn der Mensch etwas tut, handelt er. Denn er hätte es unterlassen und etwas anderes tun können.
JE 


 

Montag, 14. April 2014

Proiectio.


Lothar Sauer

Die Bestimmung des Menschen fährt fort:

Diese [innere] Stimme also kündigt mir gerade das an, was ich suchte; ein ausser dem Wissen Liegendes, und seinem Seyn nach von ihm völlig Unabhängiges. 
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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 248

Nota. 

Ist das der feste Punkt, an den er sich halten könnte? 

Ich ahne es schon: Es wird doch wieder nur etwas sein, das er sich, um in seiner Sprache zu bleiben, eingebildet hat. Denn was er wissen konnte, reichte ihm ja nicht aus. Es war nur ein Bild. Nur ein Nachbild.  Jetzt entwirft er sich ein Vorbild, aus freien Stücken. Und das wäre sicherer?

- Die Bestimmung des Menschen war, wie überhaupt die mit den Rückerinnerungen eingeleitete Wendung in Fichtes Philosophie, die Antwort auf Friedrich Heinrich Jacobis Beitrag zum 'Atheismusstreit', der 1799 unter dem Titel Jacobi an Fichte in Hamburg erschienen war. Und dessen entscheidender, schon einleitend ausgesprochener Vorwurf gegen die Wissenschaftslehre war eben der gewesen: sie verwandele alles Seiende in bloßes Wissen, ein bloßes Bild ohne alle Realität, in ein Schema ohne Wesen. Philosophisch hat er nichts dagegen einzuwenden, für ihn ist Fichte der radikaler Vollender des Vernunftsystems, das Kant unfertig gelassen hatte. Aber gegen dieses System wendet er ein, was Fichte gegen den 'Dogmatismus' (dessen einzig reine Form für ihn die Lehre Spinozas war) eingewendet hatte: Danach könne und wolle er nicht leben.

Jacobis Antwort ist der Sprung aus dem Wissen der Philosophen in den Glauben. 'Glauben' heißt auch, nach 'Zweifel' und 'Wissen', der dritte Abschnitt der Bestimmung des Menschen, in dem wir uns hier befinden.
JE

 

Sonntag, 13. April 2014

Etwas, woran man sich halten kann.


Martin Jäger, pixelio.de

Ich verlange etwas ausser der blossen Vorstellung Liegendes, das da ist, und war, und seyn wird, wenn auch die Vorstellung nicht wäre; und welchem die Vorstellung lediglich zusieht, ohne es hervorzubringen, oder daran das Geringste zu ändern. Eine blosse Vorstellung sehe ich für ein trügendes Bild an; meine Vorstellungen sollen etwas bedeuten, und wenn meinem gesammten Wissen nichts ausser dem Wissen entspricht, so finde ich mich um mein ganzes Leben betrogen. – 

Es ist überall nichts ausser meiner Vorstellung – ist dem natürlichen Sinne ein lächerlicher thörichter Gedanke, den kein Mensch in vollem Ernste äussern könne, und der keine Widerlegung bedürfe. Er ist dem unterrichteten Urtheile, welches die tiefen, durch blosses Raisonnement unwiderlegbaren Gründe desselben kennt, ein niederschlagender und vernichtender Gedanke.

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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 248

Nota.

Bleibt festzuhalten: Was an dem Gedanken 'Alles nur eitel Konstrukt' auszusetzen ist, beruht nicht auf einem (theoretischen) Grund, sondern auf einem (praktischen) Motiv. -

Welchen Wert haben aber die 'populären' Schriften, von denen die Bestimmung des Menschen die erste war, für die Erörterung von Fichtes (wisssenschaftlicher) Philosophie? 

Nein, sie dienen nicht der Verbreitung einer exoterischen Lehre ad usum Delphini, weil dem Verständnis des breiten Publikums das esoterische Original nicht zuzumuten wäre. Im Atheismusstreit war Fichte zu der Überzeugung gelangt, dass die akribische Durchführung seiner dialektischen Spekulation, in der immer wieder Sätze aufgestellt werden, die auf der nächsthöheren Reflexionsebene relativiert, wo nicht gar 'aufgehoben' werden, nicht vor die große Öffentlichkeit gehört. 

Und zwar nicht an und für sich, sondern nur im gegenwärtigen Zeitalter nicht, dem er eine seiner folgende 'populären' Schriften gewidmet hat. Denn ein wirklich philosophisches Interesse würde im Zeitalter 'tiefster Verworfenheit' überwogen von tausenderlei scharfsichtigen Erwägungen des eigenen Vorteils, was dazu führe, dass auch die Philosophie zuerst nach ihrer werktäglichen Nützlichkeit beurteilt werde - und da sei die Wissenschaftslehre, die aufs Ganze geht, von vornherein im Nachteil. Solange sein 'System' noch nicht abgeschlossen war, müssten willkürlich herausgegriffene Einzelteile stets wider ihren Sinn verstanden werden, sodass er sich entschloss, sein System nur noch ausgewählten Hörern mündlich vorzutragen, und schriftlich nur die Auslegung seiner Lehre nach ihrer praktischen Konsequenz darzulegen, um tendenziösen Fehldeutungen zuvor zu kommen.

Die praktische Seite ist aber gerade bei Fichte nicht die mindere Seite, sondern die, auf die es eigentlich ankommt. 

Woraus folgt, dass Fichtes 'populäre' Schriften vielleicht nicht geeignet sind, philologische Meinungsverschiedenheiten über den  Wortlauf verschiedener überlieferter Darstellungen der Wissenschaftslehre zu entscheiden; wohl aber geeignet zu klären, wie sie gemeint ist.
JE