Dienstag, 30. Mai 2017

Von grôzer arebeit.



Liebe Leser, ich habe es angekündigt und Sie konnten es bemerken: Das Übertragen der Nova methodo ins neue Blog macht richtige Mühe. Ich verbringe mit dem Korrigieren gut doppelt soviel Zeit wie mit dem Posten selbst. Das ist eine Arbeit für Profis, und ein solcher bin ich nicht. Doch anders als ein Profi muss ich nicht warten, bis Drittmittel eingegangen sind. Ich brauche bloß Geduld.
JE




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Montag, 29. Mai 2017

Die Vernunft außer mir ist nur ein Noumen; und doch soll ich sie wahrnehmen.


Duchamp

Da hab ich mir ja was Schönes aufgeladen! Die Übertragung der Nova nethodo aus diesem Blog in den anderen erweist sich als noch mühseliger als befürchtet. Es hat aber schon beim ersten Versuch auch den Vorteil, dass man entstandene Lücken erkennt und schließen kann. So hier:


Man unterscheide sorgfältig Anschauen und reines Denken, wie oben gelehrt wurde. Ich bin ja nur Produkt meines reinen Denkens. Nun ist gesagt, ich greife mich heraus aus einer Vernunft außer mir. Nun würde es aussehen, als ob ich eine Freiheit außer mir nur dächte. Aber dies ist nicht der Fall, sondern es ist die Rede von einer Wahrnehmung der Freiheit und Vernünftigkeit außer mir, und dies muss deduziert werden.

Es ist zwar wahr, dass die Vernunft außer uns nur ein Noumen ist. Ich halte jeden für vernünftig und frei, aber niemand verlangt von mir, dass ich seine Vernünftigkeit hören und sehen solle oder durch einen äußeren Sinn wahrnehmen solle; aber wohl, dass ich aus gewissen Phänomenen dies schließen soll. Aber es muss in der Sinnenwelt Erscheinungen geben, auf welche ganz allein wir genötigt sind, den Gedanken der Vernunft überzutragen, auf welche allein uns dies möglich wird. Sie müssten mit jenem reinen Denken zusammen- hängen; sie zu deduzieren ist hier unsere Aufgabe.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 228 



Nota. - Nur in der transzendentalphilosophischen Rekonstruktion erscheint es ja so, als habe das Individuum - noch bevor es zu einem solchen wurde - sich eine Ichheit zugedacht, von deren Vernünftigkeit es hernach auf die Vernünftigkeit gewisser 'Wesen außer ihm' geschlossen hat. Tatsächlich ist es aber so, dass es sich in einer 'Reihe vernünftiger Wesen' vorgefunden hat, von der die Aufforderung zu Ichheit und Vernunft an es ergangen war, bevor es noch 'zu sich selbst gekommen' ist.

Das war der Sinn der ganzen Rekonstruktion aus reinem Ich und Wille-überhaupt: wenn auch aufhaltsam, so doch auf geradem Weg zur Wirklichkeit der Vernunft als einer Tatsache zu führen - und auf Schritt und Tritt dar- zulegen, wie dieser Weg zwar aus seiner Prämisse folgerichtig war, aber auf Schritt und Tritt doch aus Freiheit getan wurde.
JE








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Freitag, 26. Mai 2017

Nova Methodo im Internet.


Athene noctua

Die Übertragung der Wissenschaftslehre nova methodo aus dem gedruckten ins digitale Fromat ist nun abgeschlos- sen. Sie ist vollständig im Internet für jeden zugänglich. Da habe ich eine gute Tat vollbracht, auf die ich stolz bin. Man mag noch hier und da einen Abschreibfehler finden, doch je schneller man mich darauf aufmerksam macht, um so rascher werden sie behoben.

Ab heute werde ich den Text in einem besondern Blog zusammenfassen. Das wird eine Weile dauern und mir wenig Zeit für andere Einträge lassen. Doch wenn schon, denn schon. Die durchaus noch missverständliche Grundlage ist längst im Internet verfügbar, und die schon wieder und erst recht missverständlichen, gar unver- ständlichen Wissenschaftslehren nach 1800 auch. 

Es ist höchste Zeit, ihnen die Darstellung von 1798/99 entgegenzustellen, die nach meiner unmaßgeblichen, aber entschiedenen Meinung die vollständigste ist, die Fichte veröffentlicht hat. Sie ist diejenige, an die eine kritische Erneuerung der Transzendentalphilosophie anzuknüpfen hat - weil sie ihre schwachen Stellen offen- legt und damit die Vervollständiguung des Systems ermöglicht. Meine im Text verstreuten Kommentare sollen dazu anregen.

Auf die philologischen Finessen der Gesamtausgabe und der textgleichen Ausgabe der Philosophischen Bibliothek von Felix Meiner, die das Studium erschweren, habe ich verzichtet. Ich wollte einen lesbaren Text erstellen, der dem wissbegierigen Leser keine unnötigen Hürden bietet. Leser, die in akademischem Rahmen arbeiten und zitieren müssen, werden sich ohnehin an die Buchausgaben halten.







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Donnerstag, 25. Mai 2017

Nachtrag: Das Ästhetische stammt nicht aus der Natur.

 
Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und prakti- scher Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982


Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen", nämlich der bloßen Sinnlichkeit zu. Aber er fasst es als unsere Naturbe- stimmtheit auf und eben nicht als Medium von Selbst.bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".

Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrach- tung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Re- flexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist - und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden:


Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.


Wissen kommt nicht zustande ohne Absicht. Erst wenn ich an die Dinge meine Absicht* herantrage, bekun- den sie ihre Eigenschaften - nämlich wie sie zu dem, worauf ich es abgesehen habe, 'Stellung nehmen'; alias was sie bedeuten. Von einem Ding "an sich" gibt es schon darum nichts zu wissen, weil es in dem Moment aufhört, "an sich" zu sein, als es meiner Absicht begegnet. Ohne meine Absicht bedeutet es nichts. Doch ihm ohne Absicht begegnen kann ich nicht.
 
Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Reflexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könn- te. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschauung von Erscheinung.
 
Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zustand  ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch (er)scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Re- flexion, die ihrer selbst entsagt. 
 
Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hinterge- danken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeuten' hätten, ist kein Wunder.

 
*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.

4. 9. 2013 







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Mittwoch, 24. Mai 2017

Der ästhetische Gesichtspunkt ist es, durch den man sich zum transzendentalen erhebt.


Daumier, Parade de saltimbanques

Der Wille erscheint dem ästhetischen Sinne frei; dem gemeinen als Produkt des Zwangs, z. B. jede Begrenzung im Raume ist Resultat der Begrenztheit des Dinges durch andere, denn sie werden dabei gepresst; jede Ausbrei- tung ist auch Resultat des inneren Aufstrebens der Körper, allenthalben Fülle, Freiheit, ersterer ist unästhetisch, letzter ist der ästhetische.

Das ist der ästhetische Sinn, aber die Wissenschaft ist etwas anderes. Die Wissenschaft ist der Form nach trans- zendental, sie ist Philosophie, sie beschreibt die ästhetische Ansicht, in solcher Ästhetik muss nicht ein schöner Geist sein; die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philoso- phie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. 

Der Einteilungsgrund ist der Gesichtspunkt, welcher entgegengesetzt ist. In materialer Ansicht liegt sie zwi- schen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit. [siehe jedoch: Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.]

Dieser Gesichtspunkt ist es, durch den man sich zum transzendentalen erhebt; so folgt, dass der Philosoph ästhetischen Sinn, d. h. Geist haben müsse; er ist deshalb nicht notwendig ein Dichter, Schönschreiber, Schön- redner; aber derselbe Geist, durch dessen Ausbildung man ästhetisch wird, derselbe Geist muss den Philoso- phen beleben, und ohne diesen Geist wird man es in der Philosophie nie zu etwas bringen; sonst plagt man sich mit dem Buchstaben und dringt nicht in des Innere.

Finitum d. 14. März 1799
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 244


Nota. - Der Übertritt aus dem 'gemeinen' in den 'transzendentalen' Gesichtspunkt ist ein Hiatus, gar eine Katharsis: Das Individuum löst sich gedanklich nicht nur aus seinen Verstrickungen mit der Welt, sondern aus seiner Identität mit sich, mindestens "zum Teil": Es tritt neben sich und sieht sich dabei zu, wie es sich in der Welt zurechtfindet. "Im ästhetischen Zustand ist der Mensch gleich Null", hieß es bei Schiller. Das ist es, was ihn zum Vorraum des transendentalen Standpunkts werden lässt.

 

Nota II. - Dieser zweite Vortrag der Wissenschaftslehre "nach neuer Methode" endete Mitte März 1799. Da war der Atheismusstreit längst in vollem Gange. Noch zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt schließt Fichte die Darstellung seiner prima philosophia so, dass kein Zweifel bleibt: als nächstes ist die Ausarbeitung der "ästheti- schen Philosophie" als ein "Hauptteil" seines spekulativen Geschäfts vorgesehen. Die von Giorgia Cecchinato* dazu zusammengetragenen philologischen Daten lassen wenig Raum für andere Deutungen. 

Wenige Tage nach Abschluss der Vorlesung reichten Fichte und Niethammer ihre jeweiligen "Verantwortungs- schriften" gegen den Atheismus-Vorwurf beim weimarischen Ministerium ein. Dass die Angelegenheit bis zur Entfernung Fichtes von seinem Lehrstuhl führen würde, war noch nicht abzusehen. Die aber hat dann alle andern Pläne umgestoßen. 

Ob Fichte bei der Ausarbeitung seiner Ästhetik zu dem Schluss gelangt wäre, die Ethik der Ästhetik als einen Spezialfall unterzuordnen, wie Herbart es später tat, steht in den Sternen. Es hätte seine Logik, und Herbart dürfte seine eigenen Ergebnisse aus der Auseinandersetzung mit Fichtes Sittenlehre gewonnen haben. 

Der entscheidende Punkt ist: Auch die Ethik gebietet, wie die Ästhetik, immer "einzeln und unmittelbar", und diesen Punkt hat nicht nur Herbart, sondern vor ihm schon Novalis aus Fichtes Vortrag herausgehört. Allge- meine Gesetze sind der Moralität sowohl für Herbart als für Novalis direkt entgegengesetzt. Was anders als diese kann Fichte aber gemeint haben, wenn er oben sagt: "unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden"? Denn dass ich mir im gegebenen Moment dessen, was ich unmittelbar soll, 'bewusst' werde und mir 'einen Be- griff davon' mache, liegt ja auf der Hand, aber das ist beim Ästhetischen auch nicht anders.

Und ob sich Fichte zu dem Entschluss hätte durchringen mögen, das Wahre-Absolute-Unbedingte als eine ästhetische Idee aufzufassen, ist noch weniger gewiss. Logisch gibt es eigentlich keinen andern Weg, aber das Herz kennt manchmal Gründe, von denen der Verstand nichts ahnt.
JE

*) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009

Dienstag, 23. Mai 2017

Philosophie der Ästhetik.


(Spitzweg)

4) Nach dieser Einteilung bleibt daher eine Wissenschaft übrig, welche jedem bekannt ist, die man auch immer zur Philosophie gerechnet hat und mit Recht. (Ich meine nicht die Logik, welche für jede Wissenschaft gilt und für jedes Handwerk, und Instrument des Vernunftverfahrens ist). Die Ästhetik, wo liegt diese? Die soeben be- schriebene und eingeteilte in ihrer Grundlage aufgestellte Philosophie steht auf dem transzendentalen Stand- punkte und sieht von diesem auf den gemeinen Gesichtspunkt herab. Das ist das Wesen der transzendentalen Philosophie, dass sie nicht will Denkart im Leben werden, sondern zusieht einem Ich, welches im Leben sein Denksystem zu Stande bringt, sie schafft selbst nichts. Dieses untersuchte Ich steht auf dem gemeinen Stand- punkt.

In der Theorie hat die Philosophie alle Menschen als besondere zum Objekt, und sie ist geschlossen, so wie der Mensch in concreto dasteht, ihre Ansicht gilt für jedes Individuum. In der Ethik und Rechtslehre wird der Mensch im realen Gesichtspunkte gedacht. Dabei entsteht der deutliche Widerspruch: Der ideale Philosoph betrachtet den realen Menschen? Er ist doch aber auch ein Mensch. Der Mensch kann sich auf den transzen- dentalen Gesichtspunkt erheben nicht als Mensch, sondern als transzendentaler spekulativer Wisschenschaftler. Es entseht in der Philosophie ein Anstoß, in ihr ihre eigene Möglichkeit zu erklären. 

Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten. - Frage über die Möglichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetzt . Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unseren eige- nen Grundsätzen kein Mittel, zu ihm über-///244// zugehen.

Es ist faktisch erwiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und gemeinen Ansicht; dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkte erscheint die Welt als gegeben, auf dem trans- zendentalen als gemacht ('Alles in mir'); auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst es machen würden (vide Sittenlehre von den Pflichten des ästhetischen Künstlers).

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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 243f.  


Nota. - Das ästhetische Wahrnehmen - der ästhetische Sinn oder auch Trieb, wie F. andernorts wiederholt sagt - gehört zum wirklichen sinnlichen Leben, es kommt ungeniert - aber nicht ganz ungebrochen - vom 'gemeinen Gesichtspunkt' her. Soll es den Übergang von dort zum transzendentalen Gesichtspunkt realiter möglich machen, dann ist es dessen reale Bedingung; ihr Grund.
 

Das ergab schon die Wissenschaftslehre selbst: Sie beruht auf einem Grund, der außerhalb ihrer liegt und von ihr nicht analytisch aufgefunden, sondern spekulativ erschlossen wurde: Wollen, das einzige An-sich, von dem die Wis- senschaftslehre allenfalls reden könnte, und das als 'Trieb' und 'Streben' im System wieder vorkommt als reales Substrat des transzendentalen Ich; 'Einbildungskraft' als der unendliche Fortschritt vom Bestimmbaren zum Be- stimmt(er)en.

"Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe, den wir eben den ästhetischen nannten. Er zielt auf Vorstellun- gen, und auf bestimmte Vorstellungen lediglich um ihrer Bestimmung und um ihrer Bestimmung als bloßer Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck."*

Da hat Fichte dem Ästhetischen eine gewaltige Bürde aufgepackt, und geahnt hat er es. Leider hat ihn der Atheismusstreit davon abgebracht, seine Bahn weiter zu verfolgen.


*) 
Über Geist und Buchstab in der Philosophie. in: SW VII, S. 279


Nota II. - Nein, das ist ein Fehler, den man als solchen benennen muss: Dass das ästhetische Erleben aus dem wirklichen sinnlichen Leben stamme, ist zur Hälfte falsch. Die physiologischen Reize, die als ästhetisch - gefal- lend oder nicht gefallend - erlebt werden, kommen gewiss nirgend anders her als etwa das Gefühl von Hunger und Durst; wie könnten sie auch? Wie jene gehen sie ein in ein System der Sinnlichkeit, das sie ipso facto 'ver- ändern'. Es ist die jeweilige 'Veränderung', die im System so oder anders 'bestimmt' wird. Dass das eine als grob-sinnlich, das andere als fein-ästhetisch beurteilt wird, liegt am je erreichten Zustand des Gesamtsystems.

Dieser Zustand ist tatsächlich ein historisch gewordener.

Das kann F. nicht in den Sinn kommen, denn dasjenige, auf das Bewusstsein immer hinauslaufen soll, Vernunft, ist für ihn nicht historisch geworden, sondern 'schon immer da' gewesen. (Ausdrücklich ausgesprochen hat er es erst nach dem Atheismusstreit, aber gestreift hat er diese Vorstellung schon vorher immer wieder.) In dieser Optik müsste ein Übergehen vom 'gemeinen' durch den ästhetischen bis zum 'transzendentalen' Standpunkt immer möglich gewesen sein; wäre das Ästhetische Kriterium für das 'Wesen des Menschen'. (So fassen es Palä- ologen auf, die aus dem Fund als ästhetisch gewerteter Artefakte auf die Zugehörigkeit der Verfertiger zu Ho- mo sapiens schließen.) 

Nun ist dasjenige, was an einem Artefakt als seine ästhetische Qualität erscheint, nur demjenigen erkenntlich, der bereits nach dem Ästhetischen 'Ausschau hält': der es in seinem eigenen Leben bereits von den anderen Merkmalen der Dinge - welche sämtlich durch ihre Nützklichkeit bestimmt sind - unterschieden hat. Ob die Her- steller das auch schon getan haben, steht in den Sternen, es ist sogar unwahrscheinlich. Für sie mögen Nütz- liches und seine Verzierungen sich ununterschieden miteinander vermengt haben, nämlich so lang sie noch nicht unter die Botmäßigkeiten der Arbeitsgesellschaft gezwungen waren und noch die nötige Muße fanden, das Nützliche auch gefällig zu machen.

Danach fing die Geschichte der Vernunft faktisch aber erst an: "Selbst die Erkenntnis wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck außer ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl, als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner niederen, auf die Erhaltung und das äußere Wohlsein des animalischen Lebens gehenden Äußerung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch der Erkenntnistrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienst sich zu einer selbständigen Subsistenz aus- zubilden. 

Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äußeren Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen, und er Krieg von außen muss erst beschwichtigt und beigelegt sein, ehe dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfnis und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser mäßigen und liberalen Betrach- tung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann." (Fichte, Über Geist und Buchstab...

Das geschieht faktisch aber nicht als gleitender Übergang, sondern als Sprung: Tatsächlich ist es eine bestimmte kleine Gruppe von Menschen, die sich als Priester und Kriegsfürsten aus der - inzwischen werktätigen - Menge absondern, von produktiver Arbet freihalten und sich an den nützlich Dingen dem bloßen Schein widmen kön- nen - und magische und Hoheitszeichen in die Welt setzen. 

Erst auf diesem Umweg ist das Wahrnehmen des schönen Scheins als einem solchen möglich geworden, und nur als Privileg der herrschenden Klassen konnte Vernunft geschichtsmächtig - und folglich wirklich werden.
JE


Montag, 22. Mai 2017

Eine "Philosophie der Postulate".


 

Ganz nahe verwandt und in demselben Gebiete liegt die Religionsphilosophie. Beide machen aus eine dritte Philosophie: //243// die Philosophie der Postulate, die Rechtsphilosophie des Postulats an die Freiheit, die Reli- gionsphilosophie des Postulats der praktischen Philosophie an die theoretische, an die Natur, welche sich durch ein übersinnliches Gesetz dem Zweck der Moralität akkomodieren soll. Diese Postulate abzuleiten und zu er- klären ist Wissenschaftslehre; aber die Anwendung derselben im Leben ist nicht mehr Wissenschaftslehre, son- dern pragmatischer Teil der Philosophie, und gehört in die Pädagogik sensu latissimo.
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Wissenschaftslehre nova methodo, 
Hamburg 1982, S. 242f.  



Nota. - Ich muss zugeben, dass ich das nicht verstehe. Nicht nur, dass man die Berechtigung einer Religions- philosophie wohl nur annehmen kann, wenn man selber einer religiösen Lehre anhängt, was aber nur ein Fak- tum wäre und kein philosophisches Thema; sondern dass darüber hinaus eine besondere Philosophie der Po- stulate nötig und möglich sei, die auf den Feldern, wo Gründe nicht mehr herzuleiten sind, dieselben in prag- matische Absicht ersetzen könnten.

Das liegt daran, dass seine ganze Einteilung etwas Erzwungenes hat. Es folgt, als gewissermaßen unerledigter Rest, die Ästhetik, der er weiten Raum zugedacht hatte, ohne ihr doch einen Platz im System zuweisen zu kön- nen. Das ist aber keine beiläufige Ungenauigkeit, sondern ein wirklicher philosophischer Mangel.
JE












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Sonntag, 21. Mai 2017

Die Rechtslehre ist auch praktisch.



(Ferner ist die Rechtslehre auch praktisch, so eine rechtliche Verfassung macht sich nicht selbst, sondern muss hervorgebracht werden; kann aber nicht wie die Moralität durch Selbstbeschränkung bewirkt werden. Sie braucht äußere Mittel und lässt sich nicht gebieten, da von ohngefähr Vereinigung des Willens Mehrerer erst erfordert wird, vid. Kant zum Ewigen Frieden. 

Die Aufgabe dieser Lehre [=der WL] ist die: Freie Willen sollen zu einem gewissen mechanischen Zusammenhang und Wechselwirkung gefügt werden. Nun gibt es so einen Naturmechanismus an sich nicht, er hängt zum Teil mit von unserer Freiheit ab; Wirksamkeit der Natur und Vernunft in ihrer Vereinigung bewirken diesen Zustand.)
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 242 


Nota. - 'Eine rechtliche Verfassung hervorbringen' heißt Politik. Sie ist natürlich praktisch, was sonst? Doch auch die Rechtslehre im engeren Sinn, die das geltende positive Recht mit dem fiktiven Naturrecht vergleicht, ist praktisch, und theoretisch nur, insoweit sie kritisch ist. 

Nicht einmal das Naturrecht ist rein-theoretisch: denn es leitet seine Konklusionen ja nicht blind und mecha- nisch aus gegebenen Prämissen her, sondern entwirft seinen 'Zweckbegriff' aus Freiheit. Das Reich des Theore- tischen ist nicht nur bei Fichte viel enger als bei andern Philosophen, sondern noch ein bisschen enger als selbst bei Fichte. (Das ist ein Kalauer.)
JE






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Samstag, 20. Mai 2017

Allgemeine Sittenlehre?


G. di Bienvenuto

So nicht in der allgemeinen Sittenlehre; Wissenschaftslehre des Praktischen, die insbesondere Ethik wird. D. h. das Praktische ist Handeln überhaupt, das Handeln kommt aber durch die Grundlage immerfort vor, indem auf [unleserliches Wort] der ganze Mechanismus gründet. Daher kann die besondere Wissenschaftslehre des Prakti- schen nur sein eine Ethik. Diese lehrt, wie die Welt durch vernünftige Wesen gemacht werden soll, ihr //242// Resultat ist Ideal, inwiefern dies Resultat sein kann, da es nicht begriffen werden kann.

Bemerkung: Beides, die theoretische und praktische Philosophie ist Wissenschaftslehre, beide liegen auf dem transzendentalen Gesichtspunkt; erstere, weil ja hier auf das Erkennen gerechnet wird, also auf etwas in uns, und nicht geredet wird von einem Sein; letztere, weil überhaupt gar nicht das Ich, das Individuum betrachtet wird, sondern die Vernunft überhaupt in ihrer Individualität. Die erstere Lehre ist konkret, die letzte ist die höchste Abstraktion: der des Sinnlichen zu dem reinen Begriffe als einem Motiv.

3) Es wird in der Ethik nicht das eine oder andere Individuum betrachtet, sondern die Vernunft überhaupt. Nun ist die Vernunft dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen. Soll der Zweck der Vernunft erreicht werden, so muss ihre [=deren] physische Kraft gebrochen und die Freiheit jedes eingeschränkt werden, damit nicht einer des andern Zwecke störe und hintertreibe.

Daraus entsteht die Rechtslehre oder Naturrecht. Die Natur dieser Wissenschaft ist sehr lange verkannt wor- den; sie hält die Mitte zwischen theoretischer und praktischer Philosophie, die ist theoretische und praktische Philosophie zugleich. Juridische Welt muss vor der moralischen vorhergehen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 242


 

Nota. - Die Vernunft 'ist dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen'... Sie ist nicht bloß "dargestellt in...", sondern ist buchstäblich nichts anderes als das vernünftige Handeln dieser mehreren Individuen, 'die sich in der Welt durchkreuzen'. Vorher jedenfalls 'ist' sie nicht.

Der große Zweck der Vernunft sei Übereinstimmung, sagt F. an anderer Stelle (aber zur selben Zeit); und hier genauer: dass "nicht einer des andern Zwecke störe und hintertreibe". Von welchen Zwecken hier die Rede ist, unterscheidet er nicht. Wenn Zweie um dieselbe Schöne buhlen, gebietet ihnen die Vernunft da etwa 'Überein- stimmung'? Oder überhaupt irgendwas? Nein, das ist etwas - und das dürfte F. kaum anders gesehen haben -, wozu die Vernunft gar keine Meinung hat, ja wovon sie nicht einmal Notiz nimmt.

Ein jedes wirkliche Individuum hat tausend Zwecke, die 'eine Reihe vernünftiger Wesen' gar nichts angehen, sondern nur ihn und die, denen er persönlich verbunden ist; und sicher sehr viel mehr, als solche Zwecke, die das öffentliche Interesse berühren. Da hat er es nur mit seinem Geschmacksurteil zu tun (und moralische Urteile sind Geschmackurteile, die auf Willensakte bezogen sind); das muss er mit sich ausmachen und mit denen von seinen Nächsten, denen er Zugang zu seinem Privatleben gewährt. Und nur jene andern Zwecke, deren Realisierung öffentliche Folgen haben würde, sind dem Richtspruch der Vernunft unterworfen und berühren das Reich des Rechtlichen und daher auch das Politische.

Fichte lehrte zu einer Zeit, als die Scheidung der bürgerlichen Welt in einen öffentlichen und einen privaten Raum noch kaum begonnen hatte - weil die vielen Privaten vom Rechtlichen und Politischen noch ausge- schlossen waren; seine Lehre hatte ja nicht zuletzt den Zweck, ihnen solchen Zutritt erst zu verschaffen. Wie die Freiheiten der leidenschaftlich sinnlichen Individuen gegen die Ansprüche der 'Reihe vernünftiger Wesen' zu wahren sind, lag noch nicht in seinem Gesichtsfeld. Das ist, wie gesagt, historisch verständlich, aber ein theoretischer Fehler war es doch.
JE





Freitag, 19. Mai 2017

Die Sittenlehre ist individuell.


Emil Wolff

Um uns selbst zu finden, müssen wir die Aufgabe denken, uns auf eine gewisse Weise zu beschränken. Diese Aufgabe ist für jedes Individuum eine andre, und dadurch eben wird bestimmt, wer dieses Individuum eigent- lich ist. Diese Aufgabe erscheint nicht auf einmal, sondern im Fortgange der Erfahrung jedesmal, in wiefern ein Sittengesetz an uns ergeht. Aber in dieser Aufforderung liegt zugleich, da wir praktische Wesen sind, zu einem bestimmten Handeln Aufforderung.

Dies ist für jedes Individuum auf besondere Weise gültig. Jeder trägt sein Gewissen in sich und hat sein ganz besonderes. Aber die Weise, wie das Vernunftgesetz allen gebiete, lässt sich nicht in abstracto aufstellen. So eine Untersuchung wird von einem hohen Gesichtspunkte aus angestellt, auf welchem die Individualität verschwin- det und bloß auf das Allgemeine gesehen wird. Ich muss handeln, mein Gewissen ist mein Gewissen. In sofern ist die Sittenlehre individuell.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 241 



Nota. - In Fichtens Moral sind die richtigsten Ansichten der Moral. Die Moral sagt schlechterdings nichts Be- stimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer ein- zeln. Sie ist durchaus Entschlossenheit. Richtige Vorstellung vom Gewissen. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen. 
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Novalis, Allgemeines Brouillon N°670





















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Donnerstag, 18. Mai 2017

Wissenschaftslehre und reale Wissenschaften.



Deduktion der Einteilung der Wissenschaftslehre 

1) Alles, was wir finden als gegebenes Objekt, indem wir uns selbst finden, [alles,] was an die objektive Ansicht unsrer selbst geknüpft wird, haben wir aufgezeigt. Dieses gefundene Objektive ist unsere Welt. Eine vollständige Erörterung dieser Welt und Beschreibung, die Bestimmung durch alle Genkgesetze hindurch, ist die Wissen- schaftslehre der Theorie oder der Erkenntnis im kantischen Sinn. Es kommt immer nur auf das Gefundene an. Diese Wissenschaftslehre der Erkenntnis muss auch in unserer Grundlage enthalten sein, sie ists auch ihren Grund- zügen nach. 

Die besondere Wissenschaft geht bis zur vollständigen Bestimmung der einzelnen Begriffe, da die Grundlage uns die Hauptbegriffe erläutert. Dieser Hauptbegriff wird durch die besondere Wissenschaft weiter analysiert, und dann ist die besondere Wissenschaft vollständig. Das Objekt derselben ist durch alle Denkgesetze durch- gegangen. Es muss durch bloße Analyse fortgegangen werden können zum Besonderen jeder Wissenschaft aus der Grundlage. (Theoretische Philosophie: ihr Objekt ist die Natur; dieser kann betrachtet werden //241// ent- weder unter bloß mechanischen Gesetzen der Anziehung und Abstoßung (Beispiel Kant, Metaphysik der Na- tur) oder unter organischen Gesetzen. z. B. Lehre von dem Grunde des Daseins des Menschen, der Tiere, der Pflanzen etc.  

Beide Untersuchungen erschöpfen die theoretische Philosophie oder die Weltlehre. Kurz, die theoretische Philosophie lehrt, wie die Welt ist und sein muss, wie sie uns gegeben wird. Ihr Resultat ist reine Empirie, hiermit endigt sie sich. Im gemeinen Leben wird das Wort Erfahrung von dem gedankenlosesten Menschen gebraucht, er rechnet seine Träumereien zur Erfahrung. Zuerst muss ausgemacht werden, was Erfahrung sein kann. Dies zu bestimmen hat ein großes Verdienst, dies tut die theoretische Philosophie, sie stellt auf, was notwendig Erfahrung ist und sein kann.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 240f.  
 



Nota. - Kein anderer Autor hat wie Fichte so regelmäßig während der Darstellung seines Systems auf die Dar- stellung reflektiert. Auf das Verfahren nicht nur, sondern auch auf das, was dargestellt wird, denn um dessen Bestimmung geht es ja; so dass nie vom Verfahren des Bestimmens allein, sondern immer auch von dem je Bestimmten die Rede ist. 

Dies kam mit § 19 zu einem Schluss: Was heißt Wissen und was ist das, was wir wissen können?

Idealerweise müssten von da aus alle reellen Wissenschaften neu aufgebaut werden: "Weltlehre", nämlich Physik und Biologie (wobei Chemie noch keine eigenes Fach ist). Das nennt Fichte 'Theoretische Philosophie', er rech- net sie offenbar zur Besonderen Wissenschaftslehre hinzu. Warum? Weil sie 'aufstellt, was notwendig Erfah- rung ist und sein kann'.

Die wirklichen Wissenschaften können nicht von vorn anfangen. die Wissenschaftslehre wird sie bestenfalls auf Schritt und Tritt kritisch begleiten: dass sie ihre Begriffe nicht aus der Luft greifen und nicht für Erfahrung ausgeben, was als Prämisse unterstellt wurde.

Dann freilich hieße es die kritische Philosophie überdehnen, wollte man sie in die Realwissenschaften hinein- treiben und selber positiv werden lassen. Sie kann nicht selber Realwissenschaft werden und muss deren Pro- pädeutik und kritische Instanz bleiben.

Der ganze Schluss der Nova methodo wirkt etwas hastig und übers Knie gebrochen: Das Semester ging zu Ende und die Zeit wurde knapp.
JE




Mittwoch, 17. Mai 2017

Der Umfang dessen, was notwendig im Bewusstsein vorkommen muss, ist nun erschöpft.


Hourglass nebula                                                                            § 19 

Die Beschränkteit des Ich, versinnlicht und als Wahrnehmung, erscheint als Aufforderung zu einem freien Handeln. Diese Wahrnehmung als Beschränkung unserer physischen Kraft - vorausgesetzt, dass wir uns, uns selbst überlassen, [sic] es wird sonach als das Bestimmende zu dieser Beschränkung eine physische Kraft außer uns gesetzt, die durch freien Willen eines durch diesen Willen bestimmten und charakterisierten freien Indivi- duums außer uns regiert werde. Das Bestimmbare davon gibt den Begriff und die Wahrnehmung eines artiku- lierten Leibes, einer Person außer uns.

Dieser (der Leib) ist Naturprodukt, und also, da er aus Teilen besteht, die nur in ihrer Verbindung dieses be- stimmte Ganze ausmachen, hat die Natur in sich selbst das Gesetz, dass ihre Teile sich notwendig zu Ganzen, die wieder ein einziges Ganze[s] ausmachen, vereinen. Die Natur ist organisiert und organisierend und wird, so wie ein vernüntiges Wesen außer mir gesetzt ist, also gesetzt. Der Umfang dessen, was notwendig im Bewusst- sein vorkommen muss, ist erschöpft.

//240// Bemerkung: Nur als organisiert und organisierend ist die Natur erfahrbar, außerdem* wird man durch das Gesetz der Kausalität immer weiter hinausgetrieben. Dadurch fallen die Kantischen Antinomien der Vernunft ganz weg, da sie bloß Antinomien des freien Räsonnements sind.

Auf diese Weise haben die alten Philosophen die Beweise für Gott aus der Welt hervorgebracht, aus Verzweif- lung, indem sie doch einmal bei etwas stehenbleiben wollten. -

Man muss die Vernunft als Ganzes auffassen, dann findet kein Widerstreit statt, dann ist die Natur ganz absolut durch sich selbst gesetzt als absolutes Sein, entgegengesetzt nur dem absoluten Ich. Diese Ansicht muss eine Naturwissenschaft nehmen.

*) [=andernfalls]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 239f.  
    


 
Nota. - 'Der Umfang dessen, was notwendig im Bewusstsein vorkommen muss, ist erschöpft.' Mit andern Wor- ten, Die Grundlage, auf der ein Wissen baut, das vernünftig ist, ist hiermit gelegt. Die wirkliche Vernünftigkeit fängt an diesem Punkt an: "eine Naturwissenschaft". Man muss allerdings die Vernunft "als Ganzes" nehmen, nämlich als Ganzes - als Subjekt - der Natur als seinem (ganzen) NichtIch entgegensetzen. So wird eine Synthe- sis möglich.

Natur und Vernunft sind indessen Noumena. In der erfahrbaren Wirklichkeit kommen aber nur Individuen vor. Würden wir diese und ihre Wirkungen aufeiander zum Ausgangspunkt der Betrachtung nehmen, würden wir durch das Gesetz der Kausalität ins Unendliche fortgetrieben und könnten nie zu eine Synthese kommen..
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