Dienstag, 18. September 2018

Was heißt: sich etwas denken?


Was heißt: sich denken, sich etwas denken? Die Art, wodurch die Noumene zu Stande kommen, ist das 'sich denken'? Das Intelligible in das Sinnliche hineinsetzen als Vereinigungsgrund heißt: sich etwas denken. Das bloß Gedachte ist nicht in der Erfahrung, sondern wird erst durch das Erfahrende heineingetragen; daher heißt es a priori in der Bedeutung, wie Kant dies Wort nimmt.

A priori und a posteriori kann zweierlei heißen: A) Entweder es ist vom ganzen System des Bewusstseins die Rede; dies kann betrachtet werden als gegeben, wie es im gemeinen Bewusstseint vorkommt, und dann heißt es a poste- riori; wird es vom Philosophen abgeleitet, heißt es a priori in der weitesten Bedeutung. 

B) Oder a posteriori heißt, was zufolge eines Gefühls der reinen* Anschauung vorkommt, und dann heißt  a priori das, was durch denken in das Mannigfaltige der Gefühle hineingetragen wird, um das Mannigfaltige zu vereini- gen. Kant hat die Form des Denkens in diesem Verfahren richtig geschildert, aber das Materiale, woher es kommt, fehlt.
*) [kann auch heißen: innern]  
_________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, 
Hamburg 1982, S. 137



Nota I. - Das Sinnliche ist das schlechterdings Mannigfaltige. Jedes Einzelne ist eine Welt für sich, eine Monade, die so, wie sie vor dir liegt, nichts mit irgendeiner andern Monade gemeinsam hat. Es 'ist' nicht einmal dieses-und-kein-anderes: Es begegnet dir nur als ein flüchtiger Moment in einem unendlichen Erlebnisstrom: ein Phänomen. Um es als dieses zu fixieren, musst du es aus dem Strom herausgreifen - und ipso facto zu den anderen Diesen gesellen, die du vorher schon herausgegriffen hattest. Und siehe, schon hast du ein Intelligibles in ein bislang nur Sinnliches hineingesteckt.

Und das war erst der Anfang.


19. 4. 15 

Nota II. - Ja ja, das Auszeichnen von einem vor dem andern ist etwas über-Sinnliches; 'intelligibel' aber nur in- sofern, als ich 'herauslesen' kann, dass da einer etwas ausgezeichnet hat; aber womit er es ausgezeichnet hat, als was er es ausgezeichnet hat, erkenne ich nicht. Das Was ist apriori intelligibel, weil es zuerst angeschaut wurde, durch die Einbildungskraft, insofern sie produktiv war: real tätig; reflektierend von der Einbildungskraft, soweit sie ide- al tätig ist. Dem Was, dem Quale, kann ich nun mehreres Mannigfaltige zu- und überordnen und es eo ipso ver- einigen...

Das Wie des Vorgangs habe Kant richtig geschildert, aber das Materiale: 'woher das kommt, was durch Denken in das Mannigfaltige der Gefühle hineingetragen wird', fehlt bei ihm. Und zwar deshalb: Die Einbildungskraft kommt als produktive bei Kant nur beiläufig vor, empirisch neben allem Andern aufgefunden und nicht zu ihm ins Verhältnis gesetzt; während es bei F. die "prädikative Qualität" des Ich selbst ist, aus dem das reale Bewusstsein sich entwickelt.
JE


 

Montag, 17. September 2018

Produktive Arbeit.

Courbet, Holzfäller

Wessen sind wir uns denn eigentlich bewusst, wenn wir uns unseres Wirkens in der Sinnenwelt bewusst zu sein glauben? Was kann in diesem unmittelbaren Bewusstsein liegen, und was kann nicht in ihm liegen? - Wir sind uns unmittelbar bewusst unseres Begriffes vom Zwecke, des eigentlichen Wollens; einer absoluten Selbstbe- stimmung, wodurch gleichsam das ganze Gemüt auf einen einzigen Punkt zusammengefasst wird. Wir werden uns ferner unmittelbar bewusst der Realität und wirklichen Empfindung des vorher nur im Zweckbegriffe ge- dachten Objektes, als eines in der Sinnenwelt wirklich gegebenen.

Es dürfte jemand vorläufig einwenden: auch der Arbeit des Hervorbringens, die zwischen dem Entschluss des Willens und seiner Realisation in der Sinnenwelt in die Mitte fällt, sind wir uns bewusst. Ich antworte: dies ist kein besonderes Bewusstsein, sondern lediglich das schon angezeigte allmähliche Bewusstsein unserer Befriedi- gung. Von der Fassung des Entschlusses  geht diese an und  sukzessiv fort,  indem das Wollen sukzessiv fortge- setzt wird, bis zur vollständigen Ausführung unseres Zweckbegriffs. Also - dieses Bewusstsein ist nur die synthe- tische Vereinigung der aufgezeigten beiden Arten des Bewusstseins, des Wollens und des Gewollten, als eines wirklichen. 

Keinesweges bewusst sind wir uns des Zusammenhanges zwischen unserem Wollen und der Empfindung der Realität des Gewollten. ... /...

Was ich wollte, ist, wenn es wirklich wird, Objekt einer Empfindung. Es muss sonach ein bestimmtes Gefühl vor- handen  sein,  zufolge  dessen  es  gesetzt  wird,  da  alle  Realität für mich nur unter dieser Bedingung stattfin- det. Mein Wollen wäre sonach in diesem Falle von einem auf das Gewollte sich beziehenden Gefühle begleitet; durch welche Ansicht wir soviel gewinnen, dass die Sphäre unserer Untersuchung legiglich in das Ich fällt; wir nur von dem zu reden haben, was in uns vorgeht, keinesweges von dem, was außer uns vorgehen soll.

Gefühl ist immer Ausdruck unserer Begrenztheit; so auch hier. Nun ist in unserem Falle insbesondere ein Über- gang von einem Gefühl, bezogen auf das Objekt, wie es / ohne unser Zutun sein sollte, zu einem anderen Ge- fühle, bezogen auf dasselbe Objekt, wie es durch unsere Wirksamkeit modifiziert sein soll. Es ist sonach, da das letztere Produkt unserer Freiheit sein soll, ein Übergang aus einem begrenzten zu einem minder begrenzten Zu- stande.
________________________________
System der Sitttenlehre, SW IV, S. 70ff.

 
Nota I. - Es ist hier von der wirklichen, prosaischen, produktiven Arbeit die Rede. Wenn er aber einerseits alles Wirken nach Zweckbegriff, alle Zwecke dann mit der Pflicht, und die("annäherungsweise") Erfüllung der Pflicht schließlich mit der produktiven Arbeit in Zusammenhang bringt, kann nicht ausbleiben, dass er hinterher Sitt- lichkeit, die ich mir selbst gebiete, und gesellschaftliche Verantwortung, die mir das Vertragsverhältnis gebietet, mit einander vermengt findet. Er hat den  'Vernunftzweck' einer nicht nur rechtlichen, sondern gerechten Ge- sellschaftsverfassung als ein Ideal über mein Gewissen  gestülpt und beides zu einem Sittengesetz vermengt, das er dann auch noch göttlich aufgeladen hat.

Mögen sie ihm nachgesagt haben, er sei Atheist gewesen; aber Lutheraner war er doch.
JE

Nota II. - Wirkliche Arbeit, nämlich materiell produktive Tätigkeit, ist "Übergang aus einem begrenzten zu einem minder begrenzten Zustand"; ein Schritt auf dem Weg zu tatsächlicher Freiheit. Fichtes Vater war Weber, und wenn er wohl auch schon für einen Verleger produzierte, war er noch Eigentümer seines Webstuhls. Was Fichte unter Arbeit versteht, ist die Tätigkeit von Handwerkern und Ackerbauern. Die stehen, weil selber produktiv, in sittlicher Hinsicht über dem untätigen Adligen und unproduktiven Kaufmann. Aber an Fabriksystem und Lohn- arbeit konnte er noch nicht denken.

Ein fernes Echo findet sich im Herr-und-Knecht-Kapitels in Hegels Phänomenologie des Geistes; auch dort ist - irgendwie - der produktive Knecht dem zehrenden Herrn, der ihn unterdrückt, überlegen. Eine Generation später breitet sich die Lohnarbeit von England her auch auf dem Kontinent aus, und nun ist der Arbeiter zwar noch produktiv tätig, aber nicht mehr Eigentümer seines Produkts, das ihm schon  während der Arbeit nicht gehört und von dem er überhaupt nur ein Teilstück in die Hände bekommt. Als produktiv erscheint im Fabrik- system nicht mehr der Arbeitende, sondern das Kapital, das in der Tat dabei ist, alle Grenzen zu sprengen. 

Von Entfremdung redet Marx in diesem Zusammenhang. Es ist aber anzumerken, dass die Emphase bei Fichte nicht, wie bei Hegel und dem jungen Marx, auf der Vergegenständlichung des Arbeiters in seinem Produkt und der Verwirklichuung seiner Wesenskräfte liegt, sondern auf der Entgrenzung seiner Freiheit. 
JE 


Sonntag, 16. September 2018

Woher kommen die Begriffe?

 
Wenn das Objekt seinen Grund lediglich im Handeln des Ich hat und durch dieses allein vollständig bestimmt ist, so kann, wenn es eine Verschiedenheit zwischen den Objekten geben sollte, diese Verschiedenheit lediglich durch verschiedene Handelsweisen des Ich entstehen. Jedes Objekt ist dem Ich bestimmt so geworden, wie es ihm ist, weil das Ich bestimmt so handelte, wie es handelte; aber dass es so handelte, war notwendig; denn ge- rade eine solche Handlung gehört unter die Bedingungen des Selbstbewusstseins.

Indem man auf das Objekt reflektiert und die Handlungsweise, durch welche es entsteht, davon unterscheidet, wird dieses Handeln, da aus dem oben angeführten Grund das Objket nicht als durch dasselbe, sondern als ohne ein Zutun des (freien) Ich vorhanden erscheint, zu einem bloßen Begreifen, Auffassen und Umfassen eines Gegebenen. Man nennt diese Handlungsweise, wenn sie in der beschriebenen Abstraktion vorkommt, einen Begriff.*


*) ...Dieses Wort soll hier nicht mehr und nicht weniger bedeuten, als das hier Beschriebene; ob nun der Leser bisher dasselbe dabei gedacht haben möge oder nicht. Ich berufe mich nicht auf einen bei ihm schon vorhande- nen Begriff, sondern ich will erst einen solchen in seinem Geist entwickeln und bestimmen.
________________________________________
Grundlage des Naturrechts..., SW III,
S.
3f.



Nota. - Dass Fichte unter Begriff nicht dasselbe verstehen kann wie die rationalistischen Metaphysiker vor Kant, ist evident. Bei ihnen sind sie als an sich geltende die Bausteine, aus denen die Welt errichtet ist. Der Mensch kann sie lediglich noch begreifen. Für Fichte dagegen sind sie nicht erst die Bausteine, aus denen der Mensch seine (Vorstellungen von der) Welt selbst erschafft, sondern schon die, die er durch seine einbildend-bestimmende Tä- tigkeit selbst erschafft. Der springende Punkt: Der Begriff der Rationalisten ist bestimmt; in der Kritischen Philo- sophie ist mein Handeln die Bestimmung - der Begriff ist davon nur ein Bild.
JE

 

Samstag, 15. September 2018

Wollen, bestimmen, begreifen.


Ich finde mich als wollend nur, in wiefern durch meinen Begriff etwas wirklich werden soll. Dies ist Gesetz meiner sinnlichen Erkenntnis, nun ist diese Wirklichkeit nicht, außer in wie fern sie durch meinen Begriff sein soll, sie wird also nicht erblickt, als insofern mein Begriff als Kausalität habend angeschaut wird. Nur insofern die Kategorie etwas hinzusetzt, produzierend ist; an einen Begriff als einen wirkenden wird die Wirkung erst hinzugedacht; durch die Kategorie wird etwas.
_________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 198 


Nota I. - Hier sind wir nicht mehr beim reinen, sondern schon beim empirischen Wollen: Als Bestimmungs- grund ist der (Zweck-) Begriff hinzugetreten. Die Vorstellung der Kausalität ist ein Derivat des Wollens

Ich finde mich als wollend: In der Wirklichkeit will ich immer schon etwas - dieses oder jenes -, und nie 'rein'.
31. 12. 14


Nota II. - Der Zweckbegriff ist die Grundform des Begriffs überhaupt: Die Tätigkeit des Ich ist allenthalben bestimmen. Es sind die Bestimmtheiten - Bestimmungen -, die der Begriff begreift. 'Reines' Wollen wäre reines bestimmen-Wollen. Bestimmen und Wollen sind Wechselbegriffe. Mein wirkliches Wollen ist immer ein dieses-bestimmen-Wollen. Mein dieses-Wollen ist im Begriff als realisiert gedacht; so dass der Begriff als Grund und Zweck meines Wollens gleichermaßen erscheint.
JE




Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog.  
JE
 

 

Donnerstag, 13. September 2018

Fichte als Mystiker und Romantiker.

 
Die produktive Einbildungskraft erneuert nicht: Sie ist, wenigstens für das empirische Bewusstsein, völlige Schöpferin, und Schöpferin aus dem Nichts. ...

Die produktive Einbildungskraft, sage ich, schafft den Stoff der Vorstellung, sie ist die ein[z]ige Beildnerin des- sen, was in unserm empirischen Bewusstsein vorkommt, die ist Schöpferin dieses Bewusstseins. Aber die Ein- bildungskraft, auch in dieser ihrer / produktiven Macht, ist doch kein Ding an sich, sondern ein Vermögen des einzigen uns unmittelbar gegebnen Dinges an sich, des Ich. Also muss selbst ihre Schöpfermacht einen höhern Grund im Ich haben; d. h. auf eine andere und für unsere Untersuchuung bequemere Art Ausgedrückt, mag doch die produktive Einbildungskraft für das Bewusstsein Schöpferin sein, so kann sie für das Ich überhaupt nur Bildnerin sein, und das, woraus sie bildet, muss im Ich liegen. 


Und so ist es denn auch wirklich.

Im Gefühl liegt, was die Einbildungskraft bildet und dem Bewusstsein vorhält. Das Gefühl, welches ich hier nicht weiter erklärern kann noch soll, ist der Stoff alles Vorgestellten, und der Geist überhaupt oder die pro- duktive Einbildungskraft lässt sich also beschreiben als Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein zu erheben. ...

Aber unter den Gefühlen selbst ist ein großer Unterschied; einige beziehen sich auf doß animalische Leben des Menschen. Diese liegen nicht so tief und werden am leichtesten, gewissesten und notwendigsten - zwar nicht als Gefühle, davon ist hier nicht die Rede - aber als Vorstellungen zum Bewusstswein erhoben. Diesen auf die bloße Vorstellunjg einer sinnlichen, unter Naturgesetzen stehenden Welt der Erscheinungen sich beziehenden Gefühlen liegen wieder andere Gefühle zum Grunde, die sich nicht auf das bloß animalische Lebend des Men- schen, sondern auf ein vernünftiges und geistiges, nicht auf die bloße Ordnung der Erscheinungen unter Natur- gesetzen, sondern die Untedodnung derselben und aller vernünftigen Geister unter die Gesetze des sittlichen Ornung, der geistigen Harmonie, der Vereinigung aller zu einem Reiche der Wahrheit und der Tugend bezie- hen.  

Diese liegen, das ich mich so ausdrücke, um eine Region tiefer in unserm Geiste, sie liegen in einem geheimen Heiligtume; man muss erst durch die Welt der Erscheinungen hindurch, muss der Sinnlickeit erst absterben, um zu diesem höhern geistigen Leben zu gelangen. Bezeichnen und umfassen die Gefühle von der ersteren Art das Gebiet der Begriffe, so begründen die der letztern Art das Feld der Ideen und der Ideale. ...

Folgendes sind die allgemeinsten Formen der Ideen, in deren Vorstellung sich der Geist zeigt. Über die notwen- digen Formen der Körper im Raume erhebt sich der Geist zur freien Begrenzung des Urschönen, dem nichts in dieser Sinnenwelt gleicht, über den Wechsel der Empfindungen in der Zeit zur freien Begrenzung des Ergöt- zenden, wo Empfindungen Empfindungen drängen, ohne dass sie verändert scheinen; über die Begrenzung al- ler Empfindungen in Zeit und Raum sich weg zum Anstaunen es Urerhabenen, über den Wechsel seiner Über- zeugungen zum Gefühl einer ewigen Wahrheit, über allen Einfluss des Sinnlichen hinweg zur erhabenen Idee, der völlig dargestellten sittlichen Vollkommenheit, oder der Gottheit. 
________________________________________________
Von den Pflichten des Gelehrten, Hamburg 1971, S. 58f.; 60; 61


Nota. - So bin ich nun also endlich auf Grund gestoßen! Und zwar gleich in dreierlei Hinsicht. Zuerst einmal, was das intellektuelle Gefühl angeht. Er hat es keineswegs erst später aus dem Hut gezogen, um den 'Denk- zwang' als Gefühl der sinnlichen Erfahrung gleichrangig zur Seite stellen zu können; sondern es lag seiner Philosophie von Anbeginn zu Grunde.

Zweitens, und das ist von Allem das Wesentliche, er erklärt die Vernunft keineswegs, wie es in seinen akademi- schen Vorträgen den Anschein hat, aus dem vorwärtsgerichteten - ad quem - Trieb zum Bestimmen, sondern - a quo - als Strom aus einem Quell. Er mag immer sagen: Der Geist nimmt die Regel von innen aus sich selbst; er bedarf kei- nes Gesetzes, sondern er ist sich selbst ein Gesetz ebd. S. 64 - der Satz ist vorab kassiert durch die Prämisse Alle Vernunft- gesetze sind im Wesen unseres Geistes begründet. ebd. S. 22 

Und drittens schließlich bestimmt er als wahrer Romantiker das Wesen der Vernunft nicht aus ihrem Flucht- punkt, aber aus ihrer Herkunft als ästhetisch. Da treten das Urschöne auf, das Ergötzende, das Anstaunen des Erhabenen, und noch die ewige Wahrheit ist erhaben in ihrer Vollkommenheit.

*

Die Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten hat Fichte teils vor, teils am Anfang seiner akademi- schen Vorträge für die Öffentlichkeit gehalten. Die ersten fünf erschienen noch 1794 als Broschüre; den Schlussteil hat er später unter dem Titel Über Geist und Buchstab in der Philosophie für Schillers Horen umgearbeitet, wo sie allerdings nicht erschienen. Die oben zitierten Passagen sind zu Fichtes Lebzeiten nicht gedruckt worden.

In den Vorträgen werden die Grundideen der Wissenschaftslehre umrissen, aber nicht entwickelt. Es sind po- puläre und keine wissenschaftlichen Texte. Und vor allem trägt F. die Wissenschaftslehre vor, bevor er sie noch für sich selbst ausgearbeitet hat - streckenweise auf bloßen Verdacht und Vorahnung. 

Umso ungezwungener ist er in der Darstellung seines Ausgangspunkts. Und da gibt er sich als mystischer Schwärmer zu erkennen. Nicht, dass er schließlich vor Jacobi eingeknickt ist, bedarf einer Erklärung, sondern wie er es zuvor in der Transzen- dentalphilosophie so weit hat bringen können. Er war eben wie die andern Jenaer Romantiker auch ein ungestümer Freigeist. Das lässt ihn bis heute überdauern.
JE

Mittwoch, 12. September 2018

Doch ein Vernunftdogmatiker?

footage.framepool
 
...der Geist ist einer, und was durch das Wesen der Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernünftigen Individuen dasselbe.
_________________________________________________
Über Geist und Buchstab in der Philosophie
[1794], SW VIII , S. 292


Nota I. - Die dogmatische Wendung in der Bestimmung des Menschen ist Fichte nicht von Jacobi eingeflüstert wor- den. Sie war vorbereitet in seiner von Anbeginn schwankenden Haltung zur Idee der Vernunft: Ist sie etwas erst noch zu Entwerfendes, oder ist sie ein fertiges Programm, das es allenfalls noch 'durchzuführen' gilt? Jacobis Eingreifen hat ihn lediglich genötigt, seinem Schwanken ein Ende zu setzen.
23. 5. 14

Nota II. - Zuvor hatte es geheißen, Geist sei lediglich schaffende Einbildungskraft, eine "ursprüngliche prädika- tive Qualität". Dann hieß es auch, die intelligible Welt - das ist alles, was im Geist vorkommt, und dazu gehört das Ich - sei Noumenon. Und dann noch: das Intelligible entstehe überhaupt erst aus dem Versuch des Begreifens. Nehme ich den Geist als Noumenon, darf ich wohl noch sagen, er sei einer. Doch dann darf ich noch nicht von dem reden, was in ihm gesetzt sei, denn das stünde noch aus, und ipso facto hörte der Geist auf, einer zu sein, und würde zu einer Mannigfaltigkeit von Intelligenzen. 

Zu Grunde liegt ihnen eine unbestimmte ursprüngliche prädikative Qualität, aus der heraus ein Ich sich (durch Ent- gegensetzen) bildet - im Versuch des Begreifens. Woher da Einheit kommen könnte, bleibt im Dunkel.

*

Ich räume ein: Die Rede vom Wesen der Vernunft ist irreführend - nämlich als ob es ein solches geben könnte vor und unabhängig von der Tätigkeit der Vernunft; ihr Wesen sei eins, doch sobald sie tätig wird, unterschieden sich ihre Werke als mannigfaltige. 

Kurz zuvor (aaO, S. 288) hatte Fichte gesagt, wir müssten mit der Erfahrung unser Leben anfangen - bevor wir durch den ästhetischen Sinn zur Betrachtung um ihrer selbst willen verführt werden -, und als Bedingungen aller Erfahrung zählt Kant seine zwölf Kategorien und zwei Anschauungsformen auf. Es handelt sich da um die empi- rischen Grundlagen der Vernünftigkeit, und die sind für alle endlichen Intelligenzen dieselben. Doch dass sie "durch das Wesen der Vernunft gesetzt" seien, wäre eine sehr schiefe Formulierung. Doch hier steht er noch am Anfang seiner Lehrtätigkeit.
JE

Dienstag, 11. September 2018

Handeln ist absolut.

Hans Marks

Der kantische Satz: unsere Begriffe beziehen sich nur auf Objekte der Erfahrung, erhält in der Wissenschafts- lehre die höhere Bestimmnung: Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen durch Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut.

Kant wird nicht sagen, die Erfahrung sei absolut, er dringt auf den Primat der praktischen Vernunft, nur hat er das Praktische nicht entscheidend zur Quelle des Theoretischen gemacht.

________________________________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 61



Nota I. - Handeln ist absolut, denn es ist die ganze Wirklichkeit. Das Handeln gibt das Gefühl und zugleich die An- schauung, die auf es reflektiert; das Reale wie das Ideale. Ich und Nichtich sind im Handeln in ursprünglicher Syn- thesis vereinigt und sind nur in der Synthesis. Mit ihr nimmt Alles seinen Anfang.

Soviel zum Realen. Doch auch die ideale Tätigkeit gehört zum Realen, sofern sie nämlich wirklich geschieht. Ich kann sie aber für sich selbst betrachten, herausgelöst aus der Synthesis, so als ginge sie ihren Weg allein. So verfährt die Wissenschaftslehre. Sie setzt 'das, was' sich als Ich ein/em Nichtich entgegensetzt, seinerseits absolut, nämlich als absolut unbestimmt und daher unendlich bestimmbar. So am Beginn der Vernunfttätigkeit. Nicht minder ab- solut - nämlich unendlich in seiner Bestimmbarkeit - ist der Fluchtpunkt der Vernunft: der Inbegriff der Zwecke.

Nota II. -  Wer die Wissenschaftslehre als eine Ontologie lesen will - wofür sie nicht gedacht ist -, könnte finden, dass im Handeln Geist und Materie (oder Form und Stoff) untrennbar vereinigt sind - bevor die Reflexion sie künstlich auseinanderreißt. Und wer sie als Anthropologie auffasst, wird den Menschen als einen primär Han- delnden, nämlich bestimmen Wollenden erkennen.
JE