Freitag, 31. Oktober 2014

Woher kommen die Begriffe?


 
Wenn das Objekt seinen Grund lediglich im Handeln des Ich hat und durch dieses allein vollständig bestimmt ist, so kann, wenn es eine Verschiedenheit zwischen den Objekten geben sollte, diese Verschiedenheit lediglich durch verschiedenen Handelsweisen des Ich entstehen. Jedes Objekt ist dem Ich bestimmt so geworden, wie es ihm ist, weil das Ich bestimmt so handelte, wie es handelte; aber dass es so handelte, war notwendig; denn gerade eine solche Handlung gehört unter die Bedingungen des Selbstbewusstseins.

Indem man auf das Objekt reflektiert und die Handlungsweise, durch welche es entsteht, davon unterscheidet, wird dieses Handeln, da aus dem oben angeführten Grund das Objket nicht als durch dasselbe, sondern als ohne ein Zutun des (freien) Ich vorhanden erscheint, zu einem bloßen Begreifen, Auffassen und Umfassen eines Gegebenen. Man nennt diese Handlungsweise, wenn sie in der beschriebenen Abstraktion vorkommt, einen Begriff.*


*) ...Dieses Wort soll hier nicht mehr und nicht weniger bedeuten, als das hier Beschriebene; ob nun der Leser bisher dasselbe dabei gedacht haben möge oder nicht. Ich berufe mich nicht auf einen bei ihm schon vorhandenen Begriff, sondern ich will erst einen solchen in seinem Geist entwickeln und bestimmen.

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Grundlage des Naturrechts..., SW III,
S.
3f.







Donnerstag, 30. Oktober 2014

Auch historisch entstehen das Ich und die Welt miteinander.


C. D. Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer, 1818
 
Für jene Urvölker, von denen wir noch Denkmäler haben, die ihre Erfahrungen noch wenig vereinigten, sondern die einzelnen Wahrnehmungen zerstreut in ihrem Bewusstsein liegen ließen, war keine solche wenigstens weit fortgehende Kausalität noch Wechselwirkung. Fast alle Gegenstände in der Sinnenwelt belebten sie und machten dieselben zu ersten freien Ursachen, wie sie selbst waren. Ein solcher Zusammen- hang hatte für sie nicht etwas keine Realität, sondern er war überhaupt nicht da für sie.

Wer aber seine Erfahrungen zur Einheit verknüpft, - und die / Aufgabe dazu liegt auf dem Wege der synthe- tisch fortschreitenden menschlichen Vernunft und musste über kurz oder lang aufgenommen werden, - der muss notwendig auf jene Weise verknüpfen, und für sie hat der dadurch gegebene Zusammenhang des Ganzen Realität.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
25f.


Nota. - Das Ich ist nicht nur 'genetisch', nach der materialen Logik der auseinander hervorgehenden Vorstellun- gen, sondern auch empirisch-historisch das unvermeidliche Komplement der 'Welt'. Die Vorstellung vom auto- nomen Subjekt und die Vorstellung von einem durch allgemeine Gesetze formierten Universum bilden gemeinsam die mentale Basis für die Durchsetzung der bürgelichen Verkehrsweise in der Gesellschaft.

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Zu bemerken ist noch: Auch hier hat 'die synthetisch fortschreitende menschliche Vernunft' ihr Bewegungs- gesetz in sich, schon ehe sie sich 'realisiert'. Nicht die wirklich miteinander verkehrenden Vernunftwesen finden fortschreitend zu immer höheren Synthesen (Kausalitätsprinzip...) und werden ipso facto zu solchen - zu Ver- nunftwesen -, sondern das Gesetz wirkt in ihnen.
(Dieses bitte als Kritik versfeehn!
JE


Mittwoch, 29. Oktober 2014

Die Welt ist Eine nur, weil das Ich Eins ist.



Wenn man die Verrichtungen des menschlichen Geistes systematisch in einem letzten Grunde vereinigen wolle, müsses man Dieses und Jenes als Handlungen desselben annehmen; jedes vernünftige Wesen, das es versuchen würde, werde in diese Notwendigkeit versetzt werden; dies und nichts weiter behauptet der Philosoph.

Jene ursprünglichen Tathandlungen haben dieselbe Realität, welche die Kausalität der Dinge in der Sinnenwelt aufeinander und ihre durchgängige Wechselwirkung hat.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 25




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Dienstag, 28. Oktober 2014

Das Recht beruht auf einer Fiktion.


Robinson Crusoe

...wie denn überhaupt ... die Lehrer der Moral nicht bedacht haben, dass das Sittengesetz lediglich formal, mithin leer sei, und dass ihm ein Inhalt anderwärtsher nicht erschlichen, sondern gründlich deduziert werden müsse. ...
 
Ich muss mich notwendig in Gesellschaft mit den Menschen denken, mit denen / die Natur mich vereinigt hat; aber ich kann dies nicht, ohne meine Freiheit durch die ihrige beschränkt zu denken; nach diesem Denken muss ich nun auch handeln, außerdem steht mein Denken mit meinen Handeln - und ich mit ihm - im Widerspruch; ich bin im Gewissen, durch mein Wissen, wie es sein soll, verbunden, meine Freiheit zu beschränken. 
 
Von dieser Verbindlichkeit ist nun in der Rechtslehre nicht die Rede; jeder ist nur verbunden durch den willkürlichen Entschluss, mit andern in Gesellschaft zu leben; und wenn jemand seine Willkür gar nicht beschränken will, so kann man ihm auf dem Gebiete des Naturrechts weiter nichts entgegenstellen als das, dass er sodann aus aller menschlichen Gesellschaft sich entfernen müsse.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
10f.





Montag, 27. Oktober 2014

"Wirksamkeit überhaupt".


JeanTinguely, Mes Roues,1960

Man muss nicht sagen, es könne ja etwa eine Wirksamkeit überhaupt, eine bloß mögliche Wirksamkeit gesetzt werden; denn das wäre ein unbestimmtes Denken, und das Argumentieren aus Voraussetzungen überhaupt möge doch nunmehro der Philosophie genug geschadet haben. 

Eine bloß mögliche Wirksamkeit oder eine Wirksankeit überhaupt wird gesetzt lediglich durch die Abstraktion von einer gewissen oder von aller wirklichen; aber ehe von etwas abstrahiert werden kann, muss es gesetzt sein, und es geht hier, wie immer, dem unbestimmten Begriff des Überhaupt ein bestimmter Begriff von einem bestimmten Wirklichen voraus, und der erstere ist durch den letzteren bedingt.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 31





 

Sonntag, 26. Oktober 2014

Das Recht betrifft allein Wechselwirkungen in der Sinnenwelt.


public domain
 
Nur durch Handlungen, Äußerungen ihrer Freiheit in der Sinnenwelt, kommen vernünftige Wesen in Wechselwirkung mit einander: der Begriff des Rechtes bezieht sich sonach nur auf das, was in der Sinnenwelt sich äußert: was in ihr keine Kausalität hat, sondern im Innern des Gemütes verbleibt, gehört vor einen anderen Richterstuhl, den der Moral. Es ist daher nichtig, von einem Rechte auf Denkfreiheit, Gewissensfreiheit u.s.f. zu reden. Es gibt zu diesen inneren Handlungen ein Vermögen und über sie Pflichten, aber keine Rechte. 

Nur inwiefern vernünftige Wesen wirklich im Verhältniss mit einander stehen und so handeln können, dass die Handlung des einen Folgen habe für den andern, ist zwischen ihnen die Frage vom Rechte möglich, wie aus der geleisteten / Deduktion, die immer reelle Wechselwirkung voraussetzt, hervorgeht.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 55
f.






Samstag, 25. Oktober 2014

Ein Rechtsverhältnis besteht nur zwischen Vernunftwesen.



Der Rechtsbegriff ist der Begriff eines Verhältnisses zwischen Vernunftwesen. Er findet daher nur unter der Bedingung statt, dass solche Wesen in Beziehung auf einander gedacht werden. 

Es ist nichtig, von einem Rechte auf die Natur, auf Grund und Boden, auf Tiere u.s.f. bloß als solche, und nur in Beziehung zwische ihnen und den Menschen gedacht, zu reden. Die Vernunft hat über diese nur Gewalt, keinesweges ein Recht, denn es entsteht in dieser Beziehung gar nicht die Frage nach einem Rechte. 

Etwas anderes ist, dass man sich etwa ein Gewissen machen kann, dieses oder jenes zu genießen; aber das ist eine Frag vor dem Richtstuhl der Moral, und wsird nicht aus Bedenklichkeit, dass die Dinge, sondern dass unser eigener Seelenzustand dadurch verletzt werden könnte, erhoben. Wir gehen nicht mit den Dingen, sondern mit uns selbst zu Rate und zu Gericht. Nur wenn mit mir zugleich ein anderer auf dieselbe Sache bezogen wird, entsteht die Frage vom Recht auf die Sache - als eine abgekürzte Rede, statt der, wie sie eigentlich heißen sollte: vom Recht auf den anderen, ihn vom Gebrauche dieser Sache auszuschließen.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 55
 






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Freitag, 24. Oktober 2014

Das Recht herrscht nicht durch guten Willen, sondern durch Gewalt.


Carl Blechen, Der Galgen
 
Ob etwa das Sittengesetz dem Rechtsbegriffe eine neue Sanktion gebe, ist eine Frage, die gar nicht in das Naturrecht, sondern in eine reelle Moral gehört, und von ihr zu seiner Zeit wird beantwortet werden. Auf dem Gebiete des Naturrechts hat der gute Wille nichts zu tun. Das Recht muss sich erzwingen lassen, wenn auch kein Mensch einen guten Willen hätte; und darauf geht eben die Wissenschaft des Rechtes aus, eine solche Ordnung der Dinge zu entwerfern. Physische Gewalt, und sie allein, gibt ihm auf diesem Gebiete die Sanktion.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 54








Donnerstag, 23. Oktober 2014

Moral hat mit Recht nichts zu tun.


denn Moral ist nicht blind

Der deduzierte Begriff [des Rechts, JE.] hat mit dem Sittengesetze nichts zu tun, ist ohne dasselbe deduziert, und schon darin liegt, da nicht mehr als Eine Deduktion desselben möglich ist, der faktische Beweis, dass er nicht aus dem Sittengesetz zu deduzieren sei. Auch sind alle Versuche einer solchen Deduktion gänzlich misslungen.

Der Begriff der Pflicht, der aus jenem Gesetze hervorgeht, ist dem des Rechtes in den meisten Merkmalen geradezu entgegengesetzt. Das Sittengesetz gebietet kategorisch die Pflicht: das Rechtsgesetz erlaubt nur, aber gebietet nie, dass man sein Recht ausübe. Ja, das Sittengesetz verbietet sehr oft die Ausübung eines Rechts, das dann doch nach dem Geständnis aller Welt nicht aughört, ein Recht zu sein. Das Recht dazu hatte er wohl, urteilt man dann, aber er hätte sich desselben nicht bedienen sollen.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 54



Nota. Das Recht wird nötig, um das Zusammenleben vernünftiger und eo ipso freier Wesen möglich zu machen; indem es dir gebietet, die Ausübung deiner Freiheit in Ansehung der Freiheit Anderer selber einzu- schränken. - Das Sittengesetz gilt für das vernünftige Wesen unbedingt und unabhängig vom Dasein Anderer.
JE


Mittwoch, 22. Oktober 2014

Qualität hat keine Form.


 
Das Verhältnis des Mannigfaltigen zu einander nennt man die Form.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 60



Nota. Die Überschrift ist eine Schlussfolgerung aus dem Zitat. Nur Verhältnismäßiges hat eine Form. Verhält- nismäßigkeit alias Relation ist der Gegensatz zu Qualität, Washeit - nicht Quantität; die ist selber nur eine Rela- tion. Qualitäten als solche verhalten sich zu nichts. 

Als solche wahrgenommen werden Qualitäten freilich im Verhältnis zu andern Qualitäten. So wird süß süßer im Vergleich mit salzig. Relativ süßer.

Relation ist Form, Qualität ist Stoff.
(Was ich allerdings als einen Stoff ansehe im Verhältnis zu seiner Form, ist relativ.)
JE






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Dienstag, 21. Oktober 2014

"Ein ursprüngliches Linienziehen".


G. Lange, Giotto enfant
 
Ferner - das sich selbst als tätig anschauende Ich schaut seine Tätigkeit an als ein Linienziehen. Dieses ist das ursprüngliche Schema der Tätigkeit überhaupt, wie jeder, der jene höchste Anschauung in sich erregen will, finden wird. 

Diese ursprüngliche Linie ist die reine Ausdehnung, das Gemeinsame der Zeit und des Raumes, aus welcher die letzteren erst durch Unterscheidung und weitere Bestimmung entstehen. Sie setzt nicht den Raum voraus, sondern der Raum setzt sie voraus; und die Linien im Raume, d. h. die Grenzen der in ihm Ausgedehnten sind etwas ganz Anderes. 

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 58



Nota.
Die Wisssenschaftslehre konstruiert nicht aus Begriffen ein neues Denksystem. Sie ist keine Metaphysik. Sie soll vielmehr das System der Vorstellungen beschreiben, die das menschliche Denken wirklich ausmachen. Begriffe braucht sie nur, um durch sie "Anschauungen zu erregen". Sie sind die Hilfsmittel, an denen kenntlich wird, wie die Vorstellungen 'aus einander hervorgehen'. Ohne sie gäbe es keine Darstellung. Aber einem andern Zweck dienen sie nicht. Sobald die Anschauungen einmal 'erregt' sind, kann man sie entbehren. 
JE



 

Montag, 20. Oktober 2014

Anschauen ist nicht empfangen, sondern entwerfen.


Ferdinand Schmutzer
 
Man hat nicht die leiseste Ahnung, wovon bei der transzendentalen Philosophie und ganz eigentlich bei Kant die Rede sei, wenn man glaubt, dass beim Anschauen es außer dem Anschauenden und der Anschauung noch ein Ding, etwa einen Stoff, / gebe, auf welchen die Anschauung gehe, wie etwa der gemeine Menschenverstand das leibliche Sehen zu denken pflegt. Durch das Anschauen und lediglich dadurch entsteht das Angeschaute; das Ich geht in sich selbst zurück; und diese Handlung gibt Anschauung und Angeschautes zugleich; die Vernunft (das Ich) ist in der Anschuung keineswegs leidend, sondern absolut tätig; sie ist in ihr produktive Einbildungskraft, etwa, wenn man ein Gleichnis will, wie der Maler aus seinem Auge die vollendete Gestalt auf die Fläche hinwirft, gleichsam hinsieht, ehe die langsamere Hand ihre Umrisse nachmachen kann.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 57f.





Sonntag, 19. Oktober 2014

Soll es überhaupt ein vernünftiges Wesen geben, so müssen es mehrere sein.


Doisneau

Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf dasselbe eine Aufforde- rung zum freien Handeln. ... Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich setzen als die Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich setzen ...

Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen es mehrere sein.  

Dies ist nicht eine willkürlich angenommene, auf die bisherigen Erfahrungen oder auf andere Wahrscheinlich- keitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist eine aus dem Begriff des Menschen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkommen bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, sondern der einer Gattung.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 38f.




Nota.

Die Zirkularität der Argumentation ist nicht zu übersehen. Der Begriff des vernünftigen Wesens muss (vorläufig) den Begriff des Menschen erklären, und der Begriff des Menschen muss das vernünftige Wesen erklären. 

Aber es handelt sich ja nicht um eine logische Konstruktion ex nihilo, von Definition zu Definition. Der Ausgangspunkt ist immer: Es gibt ja wirklich Menschen, und jenes Besondere an ihnen, das sie wirklich von andern Lebewesen unterscheidet, wollen wir (einstweilen) als Vernunft bezeichnen. Es ist ein genetisches Verfahren, kein logisches (dann wäre es tauto-logisch). Der Ausgangspunkt sind Vorstellungen, die wir wirklich haben, und die auf ihre Voraussetzungen und Implikationen untersucht werden. Und da kann tatsächlich nur das eine das andere erklären und das andere das eine. Näher kommt man dem, was wirklich da ist, nicht.
JE

Samstag, 18. Oktober 2014

Wer A sagt, und seine Freiheit.




Aber jeder kann, eben darum, weil er frei ist, d. h. weil er in der ganzen Sphäre seiner Wirksamkeit wählen kann, die Ausübung seiner Kraft einschränken, ihr Gesetze und insbesondere auch das angezeigte Gesetz geben. Die Gültigkeit des Gesetzes hängt demnach lediglich davon ab, ob jemand konsequent ist oder nicht. 

Konsequenz hängt hier ab von der Freiheit des Willens: und es lässt sich nicht einsehen, warum einer konsequent sein sollte, wenn er es nicht muss; ebenso wenig, als sich im Gegenteile einsehen lässt, warum er es nicht sein sollte. Das Gesetz müsste sich an die Freiheit richten. - 

Hier also ist die Grenzscheidung zwischen der Notwendigkeit und der Freiheit für unsere Wissenschaft.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
86





Donnerstag, 16. Oktober 2014

Natur- und Kunstprodukt.


Kyken / pixelio.de  

Was ein organisiertes Naturprodukt sei und warum und inwiefern dasselbe nur als ein Ganzes zu denken sei, lässt sich am besten erkennen durch die Vergleichung desselben mit einem Kunstprodukte; welches darin mit dem Naturprodukte übereinkommt, dass es auch nur als ein Ganzes zu denken ist. In beiden ist jeder Teil um jedes andern willen, demnach um des Ganzen willen da; und die Urteilskraft wird daher bei der Betrachtung des einen wie des andern von dem Setzen des einen Teiles fortgetrieben zu allen, bis sie das Auffassen vollendet hat. 

Im Naturprodukt aber ist das Ganze auch um der Teile willen da; es hat keinen andern Zweck als den, bestimmt diese Teile zu produzieren, im Kunstprodukt hingegen weist das Ganze nicht zurück auf die Teile, sondern auf einen Zweck außer ihm; es ist Werkzeug zu etwas.

... daher weist dies auf einen Urheber außer ihm zurück; da hingegen das Naturprodukt fortdauernd sich selbst hervorbringt und eben dadurch erhält.

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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
78





Das Problem des Politischen.


 
Personen als solche sollen absolut frei und lediglich von ihrem Willen abhängig sein. Personen sollen, so gewiss sie das sind, in gegenseitigem Einflusse stehen und demnach nicht lediglich von sich selbst abhängig sein. Wie beides beisammen bestehen könne, dieses zu beantworten ist die Aufgabe der Rechtswissenschaft: und die ihr zu Grunde liegende Frage ist die: wie ist eine Gemeinschaft freier Wesen, als solcher, möglich?
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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
85




 

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Jeden, der menschliches Angesicht trägt...


Bamberger Dom
 
Was den schon ausgebildeten Menschen am ausdrückendsten charakterisiert, ist das geistige Auge und der die innersten Regungen des Herzens abbildende Mund. Ich rede nicht davon, dass das erstere durch die Muskeln, in denen es befestigt ist, frei herumschwebt und sein Blick dahin, dorthin geworfen werden kann; eine Beweglichkeit, die auch durch die aufrechte Stellung des Menschen erhöht, aber an sich mechanisch ist. 

Ich mache darauf aufmerksam, dass das Auge nicht bloß ein toter, leidender Spiegel ist wie die Fläche des ruhenden Wassers, / durch Kunst verfertigte Spiegel, oder das Tierauge. Es ist ein mächtiges Organ, das selbsttäig die Gestalt im Raume umläuft, abreißt, nachbildet; das selbsttätig die Figur, welche aus dem realen Marmor hervorgehen oder auf die Leinwand geworfen werden soll, vorzeichnet, ehe der Meißel oder der Pinsel berührt ist; das selbsttätig für den willkürlich entworfenen Begriff ein Bild erschafft. ... Daher, je mehr geistige Selsttätigkeit einer hat, desto gesitreicher sein Auge; je weniger, desto mehr bleibt es ihm ein trüber, mit einem Nebelflote überzogemer Spiegel. ...

Der Mund ... wird durch Selbstbildung der Ausdruck aller gesellschaftlichen Empfindungen, sowie er das Organ der Mitteilung ist. ...

Alles dies, das Ganze ausdrückende Gesicht ist, wie wir aus der Natur kommen, nichts; es ist eine weiche, ineinanderfließende Masse, in der man höchstens finden kann, was aus ihr werden soll, und nur dadurch, dass man seine eigenen Bildung in der Vorstellung darauf überträgt, findet; - und eben durch diesen Mangel an Vollendung ist der Mensch dieser Bildsamkeit fähig.

Dieses alles, nicht einzeln, wie es durch die Philosophen zersplittert wird, sondern in seiner überraschenden und in einem Momente aufgefassten Verbindung, in der es sich dem Sinne gibt, ist es, was jeden, der menschliches Angesicht trägt, nötigt, die menschliche Gestalt überall, sie sei nun bloß angedeutet und werde erst durch ihn ... darauf übertragen, oder sie stehen schon auf einer geswissen Stufe der Vollendeung, anzuerkennen und zu / respektieren. Menschengestalt ist dem Menschen notwendig heilig.


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Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S.
83f.
 



Nota.

Wer es bis jetzt noch nicht geglaubt hat, wird zugeben müssen, dass Fichtes transzendentaler Spekulation ein anthropologisch-praktische Motiv zu Grunde liegt; wenn er es auch so aussehen lässt, als sei dieses aus jener hergeleitet.

Und wer sich hatte einreden lassen, bei der Wissenschaftslehre handele es sich 'um bloße Reflexionsphilo- sophie', der kann Fichte hier als ausgesprochenen Intuitionisten kennenlernen.
JE