Freitag, 30. November 2018

Das Ich wird für-sich-selbst durch Veränderung seines Zustands.

Murashov, Frierender

Im vorigen Paragraphen ist die Anschauung als notwendig und die Gründe dieser Notwendigkeit aufgezeigt. Aber im Anschauen verliert sich das Ich im Objekte, wie ist also noch ein //88// Begriff von einem freien Han- delns möglich, oder wie ist das Ich für sich selbst möglich? Wir müssen also jetzt noch das Ich aufsuchen oder zeigen, wie die Anschauung auf das Ich muss bezogen werden, wie das Ich für sich da sein müsse.

1) Es gibt nach dem Obigen ein Mannigfaltiges des Gefühls, aber ein Gefühl ist eine bestimmte Beschränktheit, und es ist unmöglich, dass das Ich sich in derselben Rücksich als beschränkt fühle und sich auch nicht auf diese Weise beschränkt fühle; was allerdings sein würde, wenn in derselben Rücksicht ein Mannigfaltiges des Gefühls sein sollte. Das Ich wäre auf diese Art beschränkt und nicht beschränkt, das Ich wäre sich selbst entgegenge- setzt; es bliebe keine Realität (Stoffheit). Sonach lässt sich ein solches Mannigfaltiges nur denken durch Verän- derung des Zustands des Fühlenden. (Das Mannigfaltige darf kein simultanes, sondern muss ein sukzessives sein; dies wird erst deutlich, wenn die Zeit deduziert ist.)

Wie soll denn nun eine Veränderung der Zustands des Fühlenden möglich sein? Unsere bisherige Ansicht ist: Das Ich ist ursprünglich in gewisse Schranken eingeschlossen; daraus geht für das Ich hervor eine Welt. Das Ich kann mit absoluter Freiheit diese Schranken erweitern, dadurch verändert es seinen Zustand und damit auch seine Welt. Aber die Möglichkeit dieser Selbstbestimmung durch Freiheit ist noch nicht deduziert. Folglich kann hier die Rede davon noch nicht sein.

Verändert sich etwa der Zustand unserer Beschränktheit und die ihm korrespondierende Welt von selbst? Dies ist nicht zu erwarten, denn es gehört zum Charakter der Welt, dass sie nur ist, nicht wird, sie fängt keine Hand- lung an. Die Sache müsste so sein, dass schon in unserer Natur, in unserer Bestimmtheit ein Prinzip der Verän- derung läge, so wie dies bei den Plflanzen und Tieren der Fall ist. - Tiefer unten wird sich so etwas finden. - Es verhalte sich wie es wolle, so darf ich hier diesem Postulate der Veränderung nur hypothetische Gültigkeit zu- schreiben. Sollte sich aber zeigen, dass nur allein durch eine solche Annahme, und ohne sie nicht, das Bewusst- sein erklärt werden könnte, dann hätte ich das Recht, sie kategorisch zu postulieren.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 87f.


 
Nota I. - 'Zum Charakter der Welt gehört, dass sie nur ist, nicht wird': Das wäre absurd, wenn von der Welt die Rede wäre, 'wie sie wirklich ist'. Hier ist aber die Rede davon, wie sie erstmals in der Vorstellung vorkommt, und zwar nicht die Welt in concreto, sondern eine 'Welt überhaupt'. Die setzt sich das Bewusstsein allerdings als schlechthin daseiend voraus.

Nota II. - [Gewiss wird sich das Ich seiner schließlich bewusst werden, indem es sich in seiner Vorstellung sich selbst 'entgegensetzt'. Aber wie kommt es dazu? Durch die Veränderlichkeit seines Zustands im Gefühl, die ist Bedingung.]

Nota III. - Grund allen Bewusstseins ist das Gefühl, das sich ergibt aus dem Widerstand der - so erst aufgefun- denen - Gegenstände gegen die originäre Tätigkeit des Ich. Der formale Logiker wird sagen: Also waren die Gegenstände vorher da. Der genetische Logiker entgegnet: Von einem An-sich weiß ich nichts, ich rede vom Werden der Vorstellung. Das Gefühl selbst kann noch nicht vorgestellt werden, denn solange es sich gleich bleibt, wird es nicht bemerkt. Es ist der Übergang des einen Gefühls in ein anderes, der bemerkt und angeschaut und schließlich zum Bild wird. (Von da an ist eine Unterscheidung der Mannigfaltigen durch Reflexion und Abstraktion allerdings möglich.)

Und zwar ist nicht die Rede von den einzelnen Sinnesreizen, die nach- und miteinander auf den Organismus einprasseln. Die wären als dieses oder jenes auch nicht zu unterscheiden, sondern nur ein einziger ungestalter Strom. Es sind die Gesamtzustände, zu denen der Organismus die Mannigfaltigkeit der Sinnesreize bildet, die als Ganze unterschieden und gefühlt werden.

Ein heikler Punkt: Gefühl ist ein Zustand des Leidens, des Unfreiseins. Es ist ein Zustand, wo das Ich tätig sein will, aber nicht kann. Wie das bei Gegenständen in Raum und Zeit zu verstehen ist, liegt auf der Hand. Doch in den jeweiligen Gesamtzustand des Organismus gehen auch die Widerstände ein, auf die seine intellektive Tätig- keit stößt - der ominöse Denkzwang. Phänomenal ist es offenkundig, dass in meine momentane Gemütsver- fassung physische Gefühle und sinnhafte Vorstellungen gleichermaßen eingehen. Doch wie eine Synthesis mög- lich ist, erklärt Fichte nicht. Es ist auch nicht wirklich Sache der Transzendentalphilosophie, einen solchen Nachweis zu erbringen. Doch die Bedingungen der Möglichkeit sollte sie schon angeben können.

Das Problem im engeren Verständnis ist: Vom Gefühl des Denkzwangs kann ich abstrahieren - vielleicht nicht aus Freiheit, aber im Wahn; vom physischen Gefühl kann ich nicht absehen, höchstens mich - durch viel Willen - ablenken. Jedoch: Der Wahnsinnige sieht vom Denkzwang nicht ab, sondern der Wahn ist eben, dass er ihn gar nicht empfindet. Aber so beißt sich die Katze in den Schwanz.
JE

Donnerstag, 29. November 2018

Die Welt ist Eine nur, weil das Ich Eins ist.



Wenn man die Verrichtungen des menschlichen Geistes systematisch in einem letzten Grunde vereinigen wolle, müsse man Dieses und Jenes als Handlungen desselben annehmen; jedes vernünftige Wesen, das es versuchen würde, werde in diese Notwendigkeit versetzt werden; dies und nichts weiter behauptet der Philosoph.

Jene ursprünglichen Tathandlungen haben dieselbe Realität, welche die Kausalität der Dinge in der Sinnenwelt aufeinander und ihre durchgängige Wechselwirkung hat.
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Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 25


Nota. - Der von der Transzendentalphilosophie aufgefundene letzte bzw. erste Grund des Bewusstseins ist eine - des weitern unbestimmte - prädikative Qualität, deren einzige Bestimmtheit das Vermögen des Prädizierens ist. Über dieses Vermögen hinaus ist sie unbestimmt. Sie ist als mannigfaltig nicht bestimmt, und ist nur eine, die einem je Mannigfaltigen zugerechnet werden kann. Was immer sie prädiziert, ist durch Eines prädiziert und dies Eine ist der Grund, der jedem einzelnen der mannigfaltigen Prädikate zu unterlegen ist. Was empirisch als Kausal- zusmmenhang vorgestellt wir, muss ideal als genetische Ur-Sache aufgefasst werden.
JE
 




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Mittwoch, 28. November 2018

Bilder sind das Material allen Bestimmens.

René Burri, Giacometti aveugle

Die Wissensschaftslehre hat es noch nicht zu tun mit dem System der durcheinander in gegenseitiger Wech- selbestimmung voneinander abgegrenzten und miteinander verketteten Begriffe - Symbolnetz, Sprachspiel usw. Ein  solches System wäre eine Allgemeine Logik. Das ist die Wissenschaftslehre nicht. Ihr Verfahren ist daher nicht diskursiv.

In der Wissenschaftslehre tritt der Begriff noch auf in seiner Entstehung - als gesetzte Vorstellung. Sie gibt nicht an, wie man einen Begriff wiederauffindet durch Nachsuche im allgemeinen Verweisungsgeflecht, son- dern wie man eine Vorstellung hervorbringt, indem man die zu ihrer Herstellung notwendigen Handlungs- schritte nach-vollzieht. Ihr Verfahren ist genetisch. Gesetzt ist die Vorstellung als Bild, das man anschauen kann, indem man es selber malt. Das Bild ist Quale, ist der Stoff der Vorstellung: Es ist das zu-Bestimmende. Es wird als Ganzes produziert, aber nicht aus vorliegenden Teilen re-produziert. Voausgesetzt ist immer nur eine von jedem selbst zu unternehmende erste Handlung, aus der alles weitere folgt - nicht an sich, sondern nur, wenn man es will.


3. 5. 15


Nachtrag. Vernunft wird vorgefunden. Sie ist das allgemeinste Verkehrsmittel der bürgerelichen Gesellschaft. Als solches ist sie die Voraussetzung dafür, dass über die Vernünftigkeit des einen oder andern Akts gestritten wer- den - die allgemein anerkannte Voraussetzung für diskursives Argumentieren. 

Die Vernunftkritik hat die Absicht, diese Voraussetzung zu rechtfertigen gegen Skeptiker und Dogmatiker, die ihr Fortschreiten immer schon begleitet und behindert haben.

Das kann sie nur durch Rechtfertigung - nachträgliche Begründung - ihrer eigenen Voraussetzungen. Während sie faktisch sich selbst voraussetzt, muss sie logisch-genetisch so verfahren. als ob sie ohne Voraussetzung wäre. Auf die aus dem diskursiven Verkehr gewonnen und im diskusiven Verkehr bewährten Begriffe und Verfahrens- regeln muss sie bei ihrem kritischen Geschäft folglich verzichten. Sie rechtfertigt nicht deren mannigfaltigen Be- stimmungen, sondern sucht nach 'der Bedingung der Möglichkeit' des Bestimmens selbst. Dazu muss sie die ihr gege- benen positiven Bestimmungen Schritt für Schritt abstreifen und das Verfahren des Bestimmens freilegen. Sie fin- det 'an ihrem Grund' einen allgemeinen Bestimmer, dessen einzige Bestimmtheit das Vermögen des Bestimmens ist: eine ansonsten ganz unbestimmte prädikative Qualität. Nur sie selbst kann sich bestimmen und sie kann sich nur selbst-bestimmen. Wir nennen sie 'das Ich'.

Das ist die Form. Was ist der Stoff? Das, was die unbestimmte prädikative Qualität sich entgegen setzt. Wir wer- den es Nicht-Ich nennen, sobald es für das Ich ist. Das ist die logisch-genetische Bestimmung. Faktisch ist es der Widerstand, auf den die prädikative Qualität stößt, und wird für das Ich zu einem Gefühl. Die Anschauung des Gefühls als dieses ist ein Bild. Es ist eine erste Bestimmung. Sie ist das Material alles weiteren Bestimmens.
JE

Dienstag, 27. November 2018

Doch einen Grund muss es geben.



Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen. Ich leite die Wahr- heit eines Satzes auf einen anderen über. 

Wenn aber dies Beweisen heißt, so muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen wer- den kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles andere abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 27 


Nota. - Dass es Wahrheit gibt, ist die gemeinsame Prämisse der 'Reihe vernünftiger Wesen', denn nur so können sie miteinander verkehren, und das ist es wiederum, was sie zu vernünftigen Wesen macht. In ihrem Verkehr haben sich viele Sätze neben einander 'als Wahr bewährt'. 

Wenn es mannigfaltiges Wahres gibt, dann ist ihnen mindestens dies eine Prädikat gemeinsam: dass sie wahr sind. Das Räsonnement verfährt nun umgekehrt: Es führt die Wahrheit der Mannigfaltigen auf einen gemeinsa- men Grund zurück. Was dies Wahre aber ist, kann schlechterdings nicht gewusst werden - sonst wäre es nicht Grund, sondern selber Begründetes, und man müsste weiter suchen.

Wenn ein Grund nicht gefunden werden kann, muss er postuliert werden. Das Postulat muss sich nun seinerseits in den mannigfaltigen Wahrheiten - bewähren. Nicht ex post im Verkehr, sondern a priori durch genetische Entwicklung.
JE 







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Montag, 26. November 2018

Grundstein der Vernunft.


Nicht die Philosophie, sondern die Aufgabe, die Tendenz zur Philosophie geht aus von dem Facto, dass wir Bewusstsein haben. Unter den Bestimmungen und Zuständen unseres Bewusstseins, die wir Vorstellungen nennen, sind einige begleitet von dem Gefühle der Notwendigkeit, andre hingegen hängen bloß von unserer Willkür ab.

1. An diesem Factum zweifelt niemand; es kann keine Frage darüber entstehen, und wer da nach einem Beweise fragt, der weiß nicht, was er will. ...

2. Bemerke man wohl, wie diese Tatsache gestellt ist; es ist behauptet worden, es gibt Vorstellungen mit dem Gefühle der Notwendigkeit begleitet, dass ihnen Dinge entsprechen; nicht, daß Dinge sind.

3. An dies unbezweifelt gewisse Factum wird etwas angeknüpft, nämlich die Idee eines Grundes. Nämlich der Philosoph fragt: Welches ist der Grund der in mir mit dem Gefühl der Notwendigkeit vorkommenden Vorstel- lungen? Dass es einen Grund gebe, wird als ausgemacht angenommen, die Frage lautet nur: Welches ist dieser Grund?
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Wissenschaftslehre nova methodo , Hamburg 1982, S. 12


Nota. - Der Ausgangspunkt der Transzendentalphilosophie ist, dass Vernunft ist. Sie mag nicht allerorts jeder- zeit herrschen; aber zu ihrem Wesen gehört, dass sie allgemeine Herrschaft beansprucht. Oder anders, unter ihrem Namen könnte jeder allezeit Herrschaft beanspruchen. Es gilt also festzustellen, was Vernunft ist. 

Diese Arbeit heißt Vernunftkritik. Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Was gilt allenthalben als vernünftig? Dieses ist zu überprüfen. Der vernünftige Mensch unterscheidet in seinem Bewusstsein zwischen Vorstellun- gen, die wahr sind, und solchen, die er frei erfunden hat. Das ist bei Licht betrachtet die allererste Prämisse, von der Menschen ausgehen, die miteinander in einem vernünftigen Verkehr stehen.

Was ist eine wahre, was ist eine frei erfundene Vorstellung? Wahr ist eine Vorstellung, der außerhalb des Be- wusstseins etwas Wirkliches entspricht, erfunden ist eine, der außerhalb des Bewusstseins nichts entspricht. Die Frage ist nun: Wie kommt das Bewusstsein zu der Annahme, dass es Vorstellungen gibt, denen Etwas entspricht - und woran erkennt man den Unterschied?

Von Anfang an ist klargestellt: Die Wissenschaftslehre wirft nicht die Frage auf, ob die Welt wirklich ist. Sie un- tersucht lediglich die Gründe, die uns berechtigen, sie dafür zu halten. Weiter kann sie schlechterdings nicht fragen. Sie kommt aus dem Bewusstsein und geht an keiner Stelle über das Bewusstsein hinaus. 

Etwa in die Dinge hinein? Wie sollte das möglich sein?
JE








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Sonntag, 25. November 2018

Vernunft geschieht in einem einzigen Akt.

E. Muybridge

Die Wissenschaftslehre sucht sonach den Grund von allem Denken, das für uns da ist, in dem innern Verfahren des endlichen Vernunftwesens überhaupt. Sie wird sich kurz so ausdrücken: Das Wesen der Vernunft besteht darin, dass ich mich selbst setze, aber das kann ich nicht, ohne mir eine / Welt, und zwar eine bestimmte Welt entgegenzusetzen, die im Raume ist und deren Erscheinungen in der Zeit aufeinanderfolgen; dies alles geschieht in einem ungeteilten Moment; da Eins geschieht, geschieht zugleich alles Übrige.

Aber die Philosophie und besonders die Wissenschaftslehre will diesen einen Akt genau kennen ler- nen, nun aber lernt man nichts genau kennen, wenn man es nicht zerlegt und zergliedert. So macht es also auch die Wissenschaftslehre mit dieser einen Handlung des Ich, und wir bekommen eine Reihe miteinander verbundener Handlungen des Ich – darum, weil wir die eine Handlung nicht auf einmal fassen können, weil der Philosoph ein Wesen ist, das in der Zeit denken muss. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 8f.


Nota I. – Hier steht es unmissverständlich: Das Wesen der Vernunft besteht in einem Akt. Vorher war nichts, es kommt hernach nichts hinzu; keine Bedingung, keine Einschränkung, keine Erweiterung. Sollte Fichte wirklich von allem Anfang an der Vernunft ein – immanentes oder ihr vorausgesetztes – Programm zu-gedacht haben, so müsste er es heimlich getan haben; gesagt hat er jedenfalls ausdrück- lich das Gegenteil.

26. 10. 2015

Nota II. - Vernunft ist in ihrer Wirklichkeit nichts anderes als vernünftiges Handeln, und das geschieht nirgend anders als in Raum und Zeit. Die Wissenschaftslehre zählt nicht auf, was alles unter die Bestim- mung 'vernünftiges Handeln' fällt - da käme sie nie zu Ende und es hätte auch gar keinen Sinn: Denn nicht, was alles vernünftig sei, ist die Frage; sondern was das Vernünftige daran sei. Das ist ein Begriff, und der liegt - sofern er nämlich nur gedacht werden kann - außerhalb von Raum und Zeit.

Es muss der Begriff analysiert werden. Aber wiederum nicht so, dass alle Bestimmungen aufgezählt werden, die in ihm aufgefunden werden können. Sondern so, dass ersichtlich wird, durch welche Ak- te der Vorstellung er zustande gekommen ist (oder sein muss).  

Wir beginnen bei einer mannigfaltigen Bestimmtheit und suchen auf, was sie so und nicht anders be- stimmt hat: durch welche Bestimmungen die Bestimmtheiten bestimmt wurden. Bei diesem Regress müssen wir bei einer ersten Bestimmung und eo ipso einem ersten Bestimmenden ankommen - wenn anders der Begriff bestimmt sein und nicht aus der diskursiven Verwendung verbannt werden soll! 

Wenn - vorwärts - die eine Bestimmung aus der vorangegangen hervorgebracht wurde, ist - rückwärts - die gegenwärtige Bestimmung von den vorangegangen abhängig. Sich dabei eine zeitliche Dauer vor- zustellen ist überflüssig und irreführend. Es handelt sich um gedankliche Abhängigkeit und geneti- sche Folge. Den genetische Zusammenhang des Ganzen fasst der Begriff in einem dynamischen Mo- dell. Dieses gibt es nur in Gedanken und jenseits von Raum und Zeit* - 'als wärs in einem einzigen Moment und jederzeit und überall'.

*) Freilich geschieht das Hervorbringen einer Vorstellung aus einer voran gegangenen nach einander. Doch wo kein Raum zu durchmessen ist, hat das Nacheinander keine Dauer.)
JE

Samstag, 24. November 2018

Die Wissenschaftslehre soll sein das Schema der Vernunft.



Die Wissenschaftslehre beschreibt nicht, wie ein Mensch tatsächlich zu Bewusstsein kommt, sondern postuliert, welche Weise des bewusst-Seins als vernünftig gelten soll. Die Vorstellungswelt des Wahn- sinnigen ist, welche Beiwörter man ihm sonst wohl anheften mag, auch ein Bewusstsein. Die Wissen- schaftslehre entwirft nun ein Schema, und wenn einer so handelt, dass es im Sinne dieses Schemas ge- deutet werden kann, soll es vernünftig heißen. 

Diese Postulat ist jedoch nicht aus freier Laune erwachsen. Es ist gewissermaßen 'aufgefunden'. Denn die Untersuchung nahm ihren Ausgang an einem, das wirklich ist: 'Es gibt' in der bürgerlichen Gesellschaft ein Normalbewusstsein, das sich selbst als vernünftig auffasst. Dieses wird analytisch (phänomenologisch) auf seine Voraussetzungen geprüft. Die aufgefundene Erste Voraussetzung, ohne die alles Weitere grundlos wäre, ist das Ich, das 'sich setzt, indem es sich ein(em) Nichtich ent- gegensetzt'.

Ob dieser Gründungsakt wissentlich geschah oder nicht, spielt keine Rolle, denn 'mit Bewusstsein' konnte er doch wohl nicht geschehen, da er dem Bewusstsein ja zu Grunde liegen soll – sofern es ver- nünftig wurde

In der Philosophie kommen Fakten nicht vor, sagt Fichte. Das Schema stellt, was geschehen soll, nicht als historischen Vorgang, sondern als System dar: Doch im System ist die Zeit untergegangen. Das Sys- tem kann man nur zeitlos, ideal, 'logisch' darstellen. Das System ist 'auf einmal und mit einem Schlag' da.

"Aber das, was nicht im Gebiete der Erfahrung liegt, hat keine Wirklichkeit im eigentlichen Sinn, es darf nicht in Raum und Zeit betrachtet werden, es muss betrachtet werden als etwas notwendig Denk- bares, als etwas Ideales."*


Seine Rekonstruktion kann nicht historisch geschehen, sondern nur genetisch. Auch nicht logisch im Sinne von diskursiv: Da müsste auch ein Schritt auf den anderen folgen, und die Schritte sind im dis- kursiven Verfahren als Begriffe vorgegeben – deren Entstehen soll aber erst erklärt werden. Auf Begrif- fe muss also noch verzichtet werden, man muss dem Vorstellen selbst zuschauen. Aber eben nicht im (historischen) Individuum, sondern im zeitlosen Modell.

Wann und wo sollte es in der Geschichte denn passiert sein, dass ein 'Ich sich selbst setzt, indem es sich ein(em) Nichtich entgegensetzt'? In der Geschichte nie, aber heute jederzeit immer und immer wieder. Es ist ein Erklärungsgrund und kein reell (nach Raum und Zeit) identifizierbares Ereignis. Wenn es aber nicht als wirklich stattgefunden vorausgesetzt würde, ließe sich das Wissen (Vorstellung, Bewusstsein, Denken, Begriff...) nicht erklären. Alles, was historisch (empirisch) geschehen ist, muss im zeitlosen System irgendwo wieder vorkommen, wenigstens als Funktion – freilich nicht am selben Ortund nicht unterm selben Namen. Und umgekehrt: Phantasiegebilde, denen in Raum und Zeit gar nichts entspricht, gehören nicht in die Transzen-dentalphilosophie.

*

Indem sie also einen Kanon der Vernünftigkeit aufstellt, definiert sie zugleich die Welt als das Feld ihrer Geltung: Sie ist keine begrenzte Gegend, sondern ein Horizont, der so weit reicht, wie die mögliche Wirksamkeit vernünf-tiger Wesen. Das ist nicht 'überall, wo Menschen sind'. Denn da, wo Vernünf- tigkeit nicht hin reicht, ist nicht mehr Welt, jedenfalls nicht unsere Welt, in der wir als Vernünftige zusam- men wirken; sondern immer nur je 'meine' Welt, wo Menschen wohl auch sind, aber wo die Vernunft nichts mehr zu sagen hat.

*) WL nova methodo, S. 23

**) Orte gibt es im System so wenig wie die Zeit. Sie erscheinen erst in der diskursiven Darstellung, die die Vorstellungen nach einander ordnet, weil sie sie durch einander nicht veranschaulichen kann.
27. 12. 15

Freitag, 23. November 2018

Begreifen und kontemplieren.

uschi dreiucker  / pixelio.de

Tätigkeit ist Agilität, innere Bewegung; der Geist reißt sich selbst über absolut Entgegengesetztes hinweg; – durch welche Beschreibung keinesweges etwa das Unbegreifliche begreiflich gemacht, sondern nur an die in jedem notwendig vorhandene Anschauung lebendiger erinnert werden soll. – Aber diese Agilität lässt sich nicht anders anschauen und wird nicht anders angeschaut, denn als ein Losreißen der tätigen Kraft von einer Ruhe; und so hast du sie in der hat angeschaut, wenn du nur wirklich vollzogen, was wir von dir verlangten.

... Ich sagte dir: jetzt denke dich, und bemerke, dass dieses Denken ein Tun ist. Du musstest, um das verlangte zu vollziehen, dich losreißen von jener Ruhe der Kontemplation, von jener Bestimmtheit deines Denkens, und dasselbe anders bestimmen; und nur inwiefern du dieses Losreißen und dieses Abändern der Bestimmtheit be- merktest, bemerktest du dich als tätig. ...

Das Resultat der gemachten Bemerkung wäre dieses: man / findet sich tätig, nur inwiefern man dieser Tätigkeit eine Ruhe (ein Anhalten und Fixirtsein der inneren Kraft) entgegensetzt.
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Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW I, S. 531f.


Nota. - Das Ich sei schlechterdings Agilität, könnte man die Wissenschaftslehre resümieren. Doch nicht davon ist hier die Rede. Hier geht es darum, wie besagtes Ich zur Vorstellung von der Agilität kommt - und dies kann es nur durch Entgegensetzen. "Handeln ist gleichsam Agilität, Übergehen im geistigen Sinne, dieser Agilität wird im Bewusstsein entgegengesetzt ein Fixiertsein, ein Beruhen. Umgekehrt kann ich mir auch der Ruhe nicht be- wusst werden, ohne dass ich mir der Tätigkeit bewusst bin. Man muss daher beide zugleich ansehen, um eine von beiden einzeln ansehen zu können." Nova methodo, S. 32

Übergehen zwischen zwei Entgegengesetzten ist Agilität. Ruhe ist nicht-Übergehen zwischen zwei Entgegenge- setzten - die eo ipso nicht mehr als entgegen-, sondern lediglich als gesetzt erscheinen - einander gleichgültig, neben einander. 

So entsteht der Begriff. Er ist das Negativ der Tätigkeit. Doch ohne ihn ist Tätigkeit nicht als solche anschaubar. Reflektieren ist kontemplieren - ist Enthaltung vom Übergehen.
JE

 


Donnerstag, 22. November 2018

Meine Pflicht ist nie abstrakt.

 
Dem wirklichen Menschen im Leben (und wie sich versteht, auch dem, der selbst Philosophie treibt, inwiefern er wirklich handelt) kommt das Pflichtgebot nie überhaupt, sondern immer nur eine bestimmte Willensbestimmung in concreto als Pflicht vor. Inwiefern er nun wirklich seinen Willen so bestimmt, wie sein Gewissen es in diesem Falle fordert, so handelt er moralisch.
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 157] 



Nota. - Die Moralität meiner Handlung entscheidet sich nicht daran, ob mein Gewissen mir dieses oder jenes ge- bot, sondern daran, dass es mein Gewissen war, das mir geboten hat. Nicht ob das, was ich getan habe, moralisch war, ist die Frage, sondern ob ich in meinem Handeln moralisch war. Pflicht ist allein, was mein Gewissen mir gebietet - und nichts anderes. Moralische Gesetze gibt es nicht. Das Gewissen gebietet immer hier und jetzt.
JE

 

Mittwoch, 21. November 2018

Begreifen ist wollen.


Ich finde mich als wollend nur, in wiefern durch meinen Begriff etwas wirklich werden soll. Dies ist Gesetz meiner sinnlichen Erkenntnis, nun ist diese Wirklichkeit nicht, außer in wie fern sie durch meinen Begriff sein soll, sie wird also nicht erblickt, als insofern mein Begriff als Kausalität habend angeschaut wird. Nur insofern die Kategorie etwas hinzusetzt, produzierend ist; an einen Begriff als einen wirkenden wird die Wirkung erst hinzu- gedacht; durch die Kategorie wird etwas.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 198 


Nota I. - Hier sind wir nicht mehr beim reinen, sondern schon beim empirischen Wollen: Als Bestimmungsgrund ist der (Zweck-) Begriff hinzugetreten. Die Vorstellung der Kausalität ist ein Derivat des Wollens

In der Wirklichkeit will ich freilich immer schon etwas - dieses oder jenes -, und nie 'rein'.
31. 12. 14

Nota II. - Das reine Wollen ist ein bloßes Gedankending, Noumenon, das dazu dient, meinem wirklichen Wollen von diesem oder jenem einen Grund zu legen. Doch ist die Transzendentalphilosophie keine Metaphysik, die das, was ist, aus dogmatisch vorausgesetzten Ursachen konstruiert: 'Weil dieses so ist, folgt daraus jenes', was... so oder anders ist. So oder anders: Es müsste Notwendigkeit herrschen. 

Die Transzendentalphilosophie hat gar nicht mit Sachverhalten zu tun, die so oder anders sein könnten. Sie hat es mit den Vorstellungen zu tun. Da geht es nicht um hinreichende Gründe; sondern um die notwendigen Bedin- gungen ihrer Möglichkeit, und Möglichkeit ist unbestimmt. Sie können nicht erklären, warum etwas so oder so ist, sondern nur, dass etwas ist. 

Dass es so oder so ausfällt - dass der eine dies, der andere jenes vorstellt -, bedarf der Bestimmung; am Grunde angekommen, findet sie ein sich-selbst bestimmendes Unbestimmtes vor, eine prädikative Qualität, und die iden- tifiziert sie als Freiheit. Sie ist vorauszusetzen als allererste Bedingung aller Möglichkeit. Vorausgesetzt bleibt im- mer ein Wollen. Ohne das wird aus keiner Möglichkeit etwas.
JE

Dienstag, 20. November 2018

So produziert die Vernunft sich selbst.

Albrecht E. Arnold, pixelio.de  

Durch diese äußerste Hülflosigkeit ist der Mensch an sich selbst und zuvörderst die Gattung an die Gattung ge- wiesen. Wie der Baum durch das Abwerfen der Frucht seine Gattung erhält, so erhält der Mensch, durch Pflege und Erziehung der Hülflosgeborenen, sich selbst, als Gattung. So producirt die Vernunft sich selbst, und so nur ist der Fortschritt derselben zur Vervollkommnung möglich. So werden die Glieder aneinander gehängt, und je- des künftige erhält den Geisteserwerb aller vorhergegangenen. 
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Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre [1796] SW. Bd. III, S. 82


Nota I. - Vernunft ist die Kompensation der erworbenen Mangelhaftigkeit.
26. 11. 13
 

Nota II. - In dem säkularen Disput des späten achtzehnten Jahrhundert zwischen Rousseau - Der Mensch ist von Natur vollkommen, erst Erziehuung und Kultur verderben ihn - und dem Antiaufklärer Herder, der das aufklärerische Dogma verteidigt, der Mensch werde allein durch Erziehung zum Menschen, stellt sich Fichte gegen den verehrten Rousseau und vertritt den Standpukt seines Erzfeindes Herder. Wie er betrachtet er den Menschen als von der Natur vernachlässigtes Mängelwesen und als einen natürlichen Rebellen gegen das ihm Vorgegebene. Was die Natur an ihm versäumt hat, muss er durch die Arbeit der Vernunft ausgleichen.

Und er geht - wie ein Materialist - aus von historisch Erfahrbarem. Nirgend sonst sagt er es so krass: Im Men- schen bildet die Vernunft sich selbst - aus Freiheit

Doch er kann  auch anders: Im Hinterkopf waltet still, aber hartnäckig die Vorstellung von einer Vernunft, die zwar nicht in ihrem Vollzug, wohl aber in ihren möglichen Resultaten auf unerklärliche Weise immer schon festgestanden hat.

Die Vernunft zu erklären aus Historischem ist für den Transzendentalphilosophen nicht eben der vornehmste Weg. Es ist nur zweite Wahl; besser immerhin, als sie gar nicht zu erklären. Bedenke auch: Er er'klärt' sie historisch aus der Freiheit eines sich-selbst bestimmenden Unbestimmten. Das lässt transzendental nichts zu wünschen übrig.
JE
 

Sonntag, 18. November 2018

Der erste Grundsatz ist ein Postulat.



2. Keine von beiden Meinungen scheinen die Besseren, die sich dagegen auflehnen, zu haben. Prof. Beck eifert auch gegen das Suchen eines ersten Grundsatzes. Er meint, die Philosophie müsse ausgehen von einem Postula- te, dieses ist aber auch ein Erstes, das nicht weiter bewiesen werden wird, also auch ein Grundsatz. Grundsatz ist jede Erkenntnis, die nicht weiter bewiesen werden soll. Wer also ein Postulat angibt, gibt auch einen Grund- satz an. 

Der Prof. Beck hat den Akzent auf / 'Satz' gelegt, und soll sein etwas Objektives, Gefundenes, aus dem durch Analyse herausgebracht wird. Aber wer hat ihn geheißen, Grundsatz so zu erklären? Die Philosophie soll nicht gefunden werden in einem Gegebenen, sondern durch synthetisches Fortschreiten.

Der Satz des Bewusstseins* ist bei Reinhold ein Faktum; durch bloße Zergliederung dessen, was in diesem Sat- ze liegt, soll nach seiner Behauptung die ganze Philosophie zustande kommen. Ein Verfahren, das mit Recht zu tadeln ist. [*) "Im Bewußtsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen." nach Eisler, Wörterbuch]

Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies würde eine leere Philo- sophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Gesetzen handeln und dadurch eine Welt konstru- ieren; dies ist keine Analyse, sondern eine immer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tathandlung aus. 

Dies Wort wurde nicht verstanden. Es heißt aber und soll nichts anderes heißen, als man soll innerlich handeln und diesem Handeln zusehen. Wer also einem andern die Philosophie vorträgt, der muss ihn auffordern, diese Handlung vorzunehmen, er muss also postulieren.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 27f.




Nota I. - Nicht der Grundsatz trägt das System, sondern das System rechtfertigt den Grundsatz - indem es trägt.

Bedenke: Der postulierte Grundsatz ist nicht spekulativ aus der Luft gegriffen, sondern wurde aufgefunden im ersten, analytischen Gang der Transzendentalphilosophie. Er ward erwiesen, indem von ihm aus das Gebäude der Vernunft rekonstruiert wurde.
JE 

Nota II. - Der erste Grundsatz kann nur ein Postulat sein. Das System, von dem die Rede ist, ist das System der Vernunft - es besteht in der Realität, aber seine eigne Realität ist Vorstellung. Es geht nicht, wie in den rationalisti- schen metaphysischen Systemen, um eine (sinngeladene) Tatsache - die Unmöglichkeit, eine solche nachzuwei- sen, ist das eigene Problem dieser Systeme. Aus dem Kreis der Vorstellungen treten wir nirgends hinaus. 

Wenn wir eine erste Vorstellung ausgemacht haben, können wir nicht anders, als uns einen Vorstellenden hinzu vorzustellen. Wollten wir ihm diese oder jede Bestimmtheit zugedenken, müssten wir einen - bestimmten - Be- stimmenden hinzudenken; und so weiter in infinitum. Wir hätten nur die 'erste' Vorstellung immer weiter nach vorn verschoben, wären aber einem bestimmten ersten Vorstellenden nicht näher gekommen. 

Es muss daher ein unbestimmter erster Vorstellender, erster Bestimmender hinzugedacht werden, sonst bekommen wir nie einen. Also einen, der von nichts hergeleitet werden kann, sonst wäre er bestimmt. Wenn wir ihn aber an den Anfang des Systems setzen wollen, können wir nicht anders, als ihn zu postulieren; als einen unbestimmten Vorstellenden, der sich selbst bestimmt.
JE

 

Samstag, 17. November 2018

Der transzendentale Gesichtspunkt.

Renè Burri, Magnum

Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und gemeinen, da man unmittel- bar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußt- sein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzendentalphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre genannt habe, Theorie und Wissenschaft alles Wissens, keineswegs aber selber ein reelles und objektives Wissen.  
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 111.]


Nota. - Das transzendentale Denken ist kein anderes, besonderes oder eigenes Denken, das für sich selbst Realität oder praktische Bedeutung hätte. Es ist nichts anderes als die (spiegelverkehrte) Reflektion unseres wirklichen täglichen Denkens. Nicht etwa nur des alltäglichen gesunden Menschenverstands der Normalmen- schen - auch des vielfach reflektierten sophistizierten Denkens der fortgeschrittensten Wissenschaft! Jene ist real, weil und inwiefern sie stets auf wirkliche - vorgefundene oder selbsterzeugte   - Gegenstände geht. Das trans- zendentale Denken dagegen ist kritisch, inwiefern es auf jenes - zwar selbsterzeugte, aber vorgefunde - reale Den- ken geht. 

Vorgefunden, ja - aber so, wie es vorfindbar ist, eignet es sich noch nicht zu einer kritischen Überprüfung. Es muss - das ist die wahre Arbeit der Kritik - erst seine innere Struktur, sein Schema freigelegt werden. Doch es ist eine dynamische Struktur, denken ist tätigsein und sein Schema kann nur das Modell einer Tätigkeit sein. Wirklich ist denken vorstellen. Doch stellen wir es einander dar in Begriffen und Schlussregeln.

Das ist der wesentliche Unterschied zu unserm realen Denken, dessen Gegenstände - im Begriff - stets als bestimmt und ruhend aufgefasst werden. Im Vorstellen ist Bewegung und aktives Bestimmen.
JE