Freitag, 31. Juli 2015

Eine systematische und nicht bloß aus der Erfahrung aufgeraffte Erklärung.


wikipedia

Dadurch wird nun das Bedürfnis nach Wissenschaft befriedigt; wir haben dann nicht bloß eine diskursive, aus der Erfahrung aufgeraffte, sondern eine systematischer Erklärung, in der sich alles von einem Punkte ableiten lässt und mit diesem zusammenhängt. Der menschliche Geist strebt nach systematischer Erkenntnis, und dar- um sollte er diesem Streben nachfolgen; wer sagt, dass die Erlangung desselben unmöglich sei, sagt bloß, dass sie ihm eben unmöglich sei. - 

Diese Methode hat nun Vorzüge in Absicht der Deutlichkeit; denn das ist allemal deutlicher, was in sich zu- sammenhängt, von man aus Einem Alles leicht übersehen kann, als wenn man Mehreres zerstreut auffassen muss.
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Wissenschaftslehre nova methodoNachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 9


Nota. - Dass systematische Erkenntnis notwendig sei, lässt sich so aber nicht begründen; auch nicht, dass syste- matische Darstellung möglich ist. Allerdings wird auch nicht behauptet, dass Trtanszendentalphilosophie, oder Philosophie überhaupt, nötig wären. Wer sagt, das braucht er nicht, dem ist nicht zu widersprechen.
JE


Donnerstag, 30. Juli 2015

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. (II)



Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. Die Philosophie überhaupt sucht den Grund für notwendige Vorstellungen, diese müssen also als zufällig gedacht werden. Es wäre Unsinn, nach dem Grunde eines Dinges zu fragen, das ich nicht für zufällig hielte. 

Ich halte etwas für zufällig heißt: Ich könnte denken, dass es gar nicht oder ganz anders wäre. So sind die Vorstellungen vom ganzen Weltsystem; wir denken uns die Erde füglich als anders sein könnend, und und selbst können wir auf einen andren Planeten versetzt denken. Ob wir ohne die Vorstellungen sein können, belehrt und die Philosophie. Aber dass wir das Weltsystem für zufällig halten, ist gewiss, denn nur darum können wir nach einem Grunde desselben fragen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 13 













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Mittwoch, 29. Juli 2015

Philosophieren heißt nach dem Grund fragen.


Nicht die Philosophie, sondern die Aufgabe, die Tendenz zur Philosophie geht aus von dem Facto, dass wir Bewusstsein haben. Unter den Bestimmungen und Zuständen unseres Bewusstseins, die wir Vorstellungen nennen, sind einige begleitet von dem Gefühle der Notwendigkeit, andre hingegen hängen bloß von unserer Willkür ab.

1. An diesem Factum zweifelt niemand; es kann keine Frage darüber entstehen, und wer da nach einem Beweise fragt, der weiß nicht, was er will. ...

2. Bemerke man wohl, wie diese Tatsche gestellt ist; es ist behauptet worden, es gibt Vorstellungen mit dem Gefühle der Notwendigkeit begleitet, dass ihnen Dinge entsprechen; nicht, daß Dinge sind.

3. An dies unbezweifelt gewisse Factum wird etwas angeknüpft, nämlich die Idee eines Grundes. Nämlich der Philosoph fragt: Welches ist der Grund der in mir mit dem Gefühl der Notwendigkeit vorkommenden Vorstellungen? Dass es einen Grund gebe, wird als ausgemacht angenommen, die Frage lautet nur: Welches ist dieser Grund?
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Wissenschaftslehre nova methodoNachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 12 







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Dienstag, 28. Juli 2015

Der Ausgangspunkt der Wissenschaftslehre.


wikipedia

Nun stellt die Wissenschaftslehre die Bedingungen auf, unter welchen das Ich sich selber setzt und sich ein Nichtich entgegensetzt, und darin liegt der Beweis ihrer Richtigkeit. Diese Bedingungen sind ursprüngliche Handlungsweisen des menschlichen Geistes; was dazu gehört, dass das Ich sich selbst setzen und sich ein Nichtich entgegensetzen könne, ist notwendig. Diese Bedingungen beweist die Wissenschaftslehre durch Deduktion.

Der Beweis durch Deduktion geht so: Wir können es als das Wesen des menschlichen Geistes annehmen, dass das Ich sich selbst setze und sich ein Nichtich entgegensetze; nehmen wir aber dies an, so müssen wir noch manches andere annehmen: Dies heißt deduzieren, von etwas anderm ableiten. Kant sagt: Ihr verfahrt immer nur nach den Kategorien, die Wissenschaftslehre aber sagt: So gewiss ihr euch als Ich setzt, müsst ihr so ver- fahren. In den Resultaten sind beide einig, nur knüpft die Wissenschaftslehre noch an etwas Höherem an.

1) Die Wissenschaftslehre sucht sonach den Grund von allem Denken, das für uns da ist, in dem innern Ver- fahren des endlichen Vernunftwesens überhaupt. Sie wird sich kurz so ausdrücken: Das Wesen der Vernunft besteht darin, dass ich mich selbst setze, aber das kann ich nicht, ohne mir eine / Welt, und zwar eine bestimm- te Welt entgegenzusetzen, die im Raume ist und deren Erscheinungen in der Zeit auf einander folgen. Dies alles geschieht in einem ungeteilten Moment; da dies geschieht, geschieht zugleich alles Übrige. Aber die Philo- sophie und besonders die Wissenschaftslehre will diesen Einen Akt genau kennen lernen, nun aber lernt man nichts genau kennen, wenn man es nicht zerlegt und zergliedert. So also macht es auch die Wissenschaftslehre mit dieser einen Handlung des Ich, und wir bekommen eine Reihe miteinander verbundner Handlungen des Ich - darum, weil wir die Eine Handlung nicht auf einmal fassen können, weil der Philosoph ein Wesen ist, das in der Zeit denken muss.
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 8f. 



Nota. - Die Wissenschaftslehre ist realistisch in dem Sinn, dass sie von einer Tatsache ausgeht, die in Raum und Zeit gegeben ist: Die Menschen (die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft, muss man hinzufügen) 'setzen' sich wirklich als 'Iche', indem sich sich ein/em Nichtich entgegensetzen. Diesen einen Akt zerlegt sie in seine einzelnen Bestimmungen. Das nennt sie Deduktion: Sie zerlegt ein Faktum in seine 'logischen', d. h. hier: gene- tischen Voraussetzungen. Sie deduziert nicht Faktisches aus logischen Prämissen: Das tut der Dogmatiker. Die Wissenschaftslehre aber verfährt phänomenologisch und kritisch.
JE


Montag, 27. Juli 2015

Radikal phänomenologisch.




Die Wissenschaftslehre fordert jeden auf, zu überlegen, was er tut, wenn er sagt: Ich. Von diesem behauptet die Wissenschaftslehre, dass er dadurch annehme ein Setzen seiner selbst, dass er sich setze als Subjekt-Objekt. Man kann Ich nicht denken ohne dies. Dadurch nun, durch die Identität des Setzenden, und Gesetzten, ist der Begriff der Ichheit, in wiefern ihn die Wissen-/schaftslehre postuliert, völlig erschöpft. Es wird hier nicht mit hineingezogen, was man sonst beim Setzen seiner selbst noch denken möchte. 

Wer [dies] nicht zugäbe, mit dem könne die Wissenschaftslehre nichts anfangen; dies ist das erste, was die Wissenschaftslehre jedem zumutet.

Weiter mutet sie an, noch einmal in sein Bewusstsein hineinzugehen und behauptet, dass man finden werde: dass man sich nicht nur selber setze, sondern dass man sich auch etwas entgegensetze. Dieses Entgegengesetzte wird, weil von ihm nichts weiter behauptet wird, als dass es dem Ich entgegengesetzt ist, auch Nichtich genannt. Man kann es noch nicht Objekt oder Welt nennen, da erst bewiesen werden muss, wie es zum Objekte und zur Welt werde; sonst wäre die Philosophie Popularphilosophie.
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 7f.


Nota. - Fichte radikalisiert Kants phänomenologisches Verfahren: Erklärt werden soll das Bewusstsein. Be- wusstsein ist ein Verhältnis zu etwas. Wenn ich von einem jeden phänomenal gegebenen Bewusstsein all das abziehe, was daran empirisch und kontingent ist, bleibt als irreduzibler Rest: sich-verhalten zu etwas. Dem muss ich Etwas voraus-gesetzt haben. Ich konnte Etwas nur setzen, indem ich es mir-entgegen setzte. Ich muss ipso facto mich-selbst gesetzt haben. - Ohne dies kein Bewusstsein.
JE

Sonntag, 26. Juli 2015

Anders ist systematische Philosophie unmöglich.




Also die Resultat der Wissenschaftslehre sind mit denen der Kantischen Philosophie dieselben, nur die Art, sie zu begründen, ist in jeder eine ganz andere. Die Gesetze des menschlichen Denkens sind sind bei Kant nicht streng wissenschaftlich abgeleitet, dies soll aber in der Wissenschaftslehre geschehen. In dieser werden abgeleitet die Gesetze des endlichen Vernunftwesens überhaupt, im Kantischen System werden sie bloß aufgestellt, die Gesetze des Menschen, weil es bloß auf Erfahrung beruht, diese werden in der Wissenschaftslehre bewiesen.

Ich beweise jemandem etwas heißt, ich bringe ihn dazu, dass er annehme, dass er irgendeinen Satz schon zugegeben habe, indem er die Wahrheit irgend eines andern vorher zugegeben hatte. Jeder Beweis setzt also bei dem, dem er bewiesen werden soll, schon etwas Bewiesenes voraus, und zwei, die über nichts einig sind, können einander auch nichts beweisen.

Da nun die Wissenschaftslehre beweisen will die Gesetze, nach denen das endliche Vernunftwesen bei Hervorbringung seiner Erkenntnis verfährt: so muss sie dies an irgend etwas anknüpfen, und da sie unser [Wissen] begründen will, an etwas, das jedermann zugibt. Gibt es so etwas nicht, so ist systematische Philosophie unmöglich.
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 7


Nota. - Kant ist kein Empirist, aber er geht phänomenologisch vor: Er beobachtet, was ist, und ordnet es nach Begriffen, die er ihrerseits nicht vorfindet, sondern setzt. Da bleibt er allerdings stehen und forscht nicht weiter nach ihrem (gemeinsamen?) Grund. Das aber tut die Wissenschschaftslehre - um von diesem Grunde aus den ganzen Gang des 'menschlichen' Wissens zu rekonstuieren. Ihr Ausgangspunkt bleibt, wie der Kants, phäno- menologisch.

Zu bemerken ist noch dies: Die Gesetze der 'endlichen' Vernunft setzt das 'endliche' Vernunftwesen selber - schlicht indem es so und nicht anders handelt. Von anderswo her, etwa von einem 'unendlichen' Vernunftwe- sen, können sie ihm jedenfalls nicht gekommen sein, sonst wäre es nicht frei, und also kein Vernunftwesen. 

Anders sieht es aus mit dem 'Grund'. Dessen Herkunft steht in den Sternen. Er 'ist' lediglich ein Noumenon. Darüber hinaus gibt es nichts zu wissen. Aber da es sich um die Freiheit der Tathandlung handelt, braucht sie glücklicherweise gar keinen Grund.
JE




Samstag, 25. Juli 2015

Wer sich unbefangen seiner Vernunft hingibt, der bedarf keiner Philosophie.



Inwiefern kann man es nun bei so einer Philosophie bewenden lassen und in wiefern nicht? Wer sich unbefan- gen seiner Vernunft hingibt, der bedarf keiner Philosophie. Wäre es daher nicht besser, wenn man der Philoso- phie ganz entbehrte, und nicht einem, der sich seiner Vernunft nicht unbefangen mehr hingibt, zu raten, dass er sich an den Glauben an die Wahrheit seines Bewusstseins halten möge?

Wenn der Mensch nun befangen seinem Bewusstsein glaubt, so ist es gut, aber die Bestimmung des Menschen ist es nicht, sie geht unaufhörlich fort auf begründete Erkenntnis, der Mensch wird unaufhörlich getrieben, nach gründlicher Überzeugung zu forschen; und derjenige, der sich einmal zu philosophischem Zweifel ver- stiegen hat, lässt sich nicht mehr zurückweisen, er sucht sich immer seine Zweifel zu lösen. Es entsteht in dem Menschen ein peinlicher Zustand, der seine innere Ruhe und sein äußeres Handeln stört und sonach praktisch schädlich ist. 

Der Idealist, der die Körperwelt leugnet, stützt sich doch unaufhörlich auf diese ebenso, wie der, der ihre Wirklichkeit glaubt. Dieser Zweifel der Idealisten hat nicht unmittelbare Folgen auf das Leben, allein es ist doch unanständig, dass seine Theorie mit seiner Praxis in Widerspruch stehe.
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 6


Nota. - "Allein es ist doch unanständig, dass seine Theorie mit seiner Praxis in Widerspruch stehe" - das letzte, stechende Argument für die Philosophie ist ein ästhetisches: 'Es gehört sich nicht.' 

Wir sind noch nicht in der Wissenschaftslehre, dies ist erst die Einleitung. Wird Wissenschaftslehre - und das ist für F. die ganze Philosophie - überhaupt gebraucht? Für ein gelingendes praktisches Leben reicht der gesun- de Menschenverstand incl. seiner sophistizierten Variante, der positiven Wissenschaft. Doch der Zweifel ist schädlich fürs Leben. Wer ihn aber auf spekulativem Weg überwinden will, gelangt dahin, sein Leben für ein falsches halten zu müssen. Wie kommt er sich da vor? - Nein, aus ästhetischen Gründen muss reiner Tisch ge- macht werden.
JE




Freitag, 24. Juli 2015

Wie die Vernunft historisch wurde.



Die WL erzählt die pragmatische Geschichte davon, wie die Vernunft in die Welt gekommen ist.

Was ist die Vernunft? Die intelligible Welt  –  Vernünftigkeit ist die Teilhabe daran. 

Nur als intelligible ist uns eine Welt 'gegeben': als Datum unserer Vorstellungen. – Die Daten, die unsere Sinneszellen als Gefühl vermelden, werden in der Anschauung zum Bild. Die Anleitung, wie dieses Bild in der Vorstellung ohne Beihilfe der Sinnlichkeit wiederherzustellen ist, ist der Begriff. Im Begriff werden die sinnli- chen Dinge intelligibel. Nichtsinnliche Begriffe sind Noumena, sie sind intelligibel apriori = Weil sie nur intel- ligibel sind, sind sie apriori. Nehme ich die intelligible Welt als gegeben und nicht als gemacht - das tut der Dogmatiker -, ist alles apriori.  

Die WL betrachtet die wirkliche Vorstellungstätigkeit der Menschen unter der Fragestellung, wie daraus eine Welt entstehen konnte, in der die Intelligenzen miteinander verkehren können: wie ein System von Begriffen möglich ist. Sie führt die vorstellende Tätigkeit auf ihren Ausgangspunkt ('Tathandlung') zurück, um von dort aus "vor unseren Augen" die intelligible Welt zu rekonstruieren. Sie ist die Vorgeschichte der Vernunft.


Das ist der transzendentale Teil der Wissenschaft = Philosophie.

Die reale Geschichte der Vernunft beginnt mit der intelligiblen Welt selbst: in dem Moment, wo historische Individuen zu Vernunftwesen werden. Dies geschieht erst in dem Akt ihrer Begegnung und ihrer wechselseitigen Anerkennung als Freie. Da sie es taten, muss man ihnen das Vermögen zusprechen, dass sie es konnten.

Die Versammlung einer 'Reihe vernünftiger Wesen', die Bildung einer intelligiblen Welt und die Entstehung der Vernunft sind dasselbe.




Donnerstag, 23. Juli 2015

Kant beweist nur durch Induktion.



Das gesamte Handeln des menschlichen Geistes und die Gesetze dieses Handelns sind bei Kant nicht systema- tisch aufgestellt, sondern bloß aus der Erfahrung aufgegriffen. Man kann daher nicht sicher sein, 

A) dass die Gesetze des menschlichen Geistes erschöpft sind, weil er sie nicht bewiesen hat; 
B) wie weit sich ihre Gültigkeit erstreckt. 
C) Die merkwürdigsten Äußerungen des Menschen - Denken, Wollen, Lust oder Unlustempfinden - sind nach Kant nicht aufs Erste zurückzuführen, sondern sind koordiniert.

Das, worauf es hauptsächlich ankommt, nämlich zu beweisen, dass und wie unsern Vorstellungen objektive Gültigkeit zukomme, ist nicht geschehen. Die Kantische Phi-/losophie ist nur durch Induktion, nicht aber durch Deduktion bewiesen. Sie sagt: Wenn man diese oder jene Gesetze annähme, wäre das Bewusstsein zu erklären; sie gilt daher nur als Hypothese.
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 5f. 







Mittwoch, 22. Juli 2015

Kant hat kein System aufgestellt, sondern nur Kritiken geschrieben.

Kant, aus Op. post

Man philosophierte schon früher, aber nur dunkel; es lag noch kein deutlicher Begriff zu Grunde. Die Skeptiker warfen vorzüglich die Frage auf, ob wohl unsere Vorstellungen objektive Gültigkeit hätten? Durch Hume, einen der größten Skeptiker, wurde Kant geweckt. Letzterer stellte aber kein System auf, sondern schrieb nur Kritiken, d. h. vorläufige Untersuchungen über die Philosophie. 

Wenn man aber das, was Kant besonders in der Kritik der reinen Vernunft sagt, in ein System fasst, so sieht man, dass er die Frage der Philosophie nicht richtig gefasst hat. Er drückte sie so aus: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? und beantwortet sie so: Es gibt eine gewisse Notwendigkeit, gewisse Gesetze, nach denen die Vernunft handelt in der Hervorbringung der Vorstellungen. Was durch diese Notwendigkeit, durch diese Gesetze zu Stande gebracht wird, hat objektive Gültigkeit. 

Also von den Dingen an sich, von einer Existenz ohne eine Beziehung auf ein Vorstellendes, ist bei Kant nicht die Rede. Es war ein großer Missverstand, dass man das, was Kant in seinen Kritiken vortrug, für System hielt. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, I. Einleitung, Hamburg 1982, S. 5 


Nota.- Kant hat in seinen letzten Lebensjahrem im als Opus postumum bekannten Manuskript versucht, ein System zu entwickeln. Er ist nicht von der Stelle gekommen.

JE




Dienstag, 21. Juli 2015

Bewusstsein ist kein Zustand, sondern ein Akt.




Ich bin mir irgend eines Objektes B bewusst, dessen kann ich mir aber nicht bewusst sein, ohne mir meiner selbst bewusst zu sein, denn B ist nicht Ich und ich bin nicht B. Ich bin mir aber nur dadurch meiner selbst bewusst, dass ich mir des Bewusstseins bewusst bin. Ich muss mir also bewusst sein des Aktes des B, des Bewusstseins vom Bewusstsein. Wie werde ich mir dessen bewusst? Dies geht ins Unendliche fort und auf diese Weise lässt sich das Bewusstsein nicht erklären. 

Der Hauptgrund dieser Unmöglichkeit ist, dass das Bewusstsein als Zustand des Gemüts, immer als Objekt genommen wurde, wozu es denn immer eines anderen Subjekts bedurfte. Wären dies die bisherigen Philoso- phen inne geworden, so würden sie vielleicht auf den rechten Punkt gekommen sein.

Dieser Einwurf ist nur so zu heben, dass man ein Objekt des Bewusstseins finde, welches zugleich Subjekt wäre; dadurch ein unmittelbares Bewusstsein aufgezeigt würde, ein Objekt, dem man nicht ein neues Subjekt entgegenzusetzen hat.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 30









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Montag, 20. Juli 2015

Entfremdete Arbeit.




Vorstellen ist das Schema des Handelns - Urbild, Grundform, Modell.

Wirkliche sinnliche praktische Tätigkeit kenne der Idealismus nicht, meinte Marx - wenn auch die tätige Seite des Menschen im Idealismus stärker entwickelt sei als bei den Materialisten, bei denen der Mensch nur als Lei- dender vorkommt. Unter Idealismus verstand er das dogmatische Hegel'sche System, die Wissenschaftslehre kannte er nicht.* Auf die Wissenschaftslehre trifft sein Verdikt nicht zu. 

Er will sagen, der Idealismus löse alle wirklich Arbeit letzten Endes in bloßes Denken auf. Das tut Fichte nicht, in der Wissenschaftslehre hebt das Bewusstsein im Gegenteil bei der Sinnlichkeit an: Zuerst ist Gefühl, und darunter versteht er keinen Gemütszustand, sondern ganz prosaisch und wie John Locke die Meldungen der Sinneszellen. 

Er will ja nicht die Welt aus dem Bewusstsein erklären, sondern umgekehrt das Bewusstsein aus der Welt. Un- ter Welt versteht er allerdings nicht einen Haufen toter Gegenstände, sondern den Raum menschlicher Tätig- keit, und die ist sinnlich, bevor** sie Vorstellung werden kann.

Wenn man indes alle kontingenten empirischen Bestimmungen abzieht, bleibt von der sinnlichen praktischen Tätigkeit allein das Vorstellen übrig.

So sah es auch Marx. "Eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumei- ster. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resul- tat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war."***

Es ist das Vorstellen, das menschliche Arbeit von den Tätigkeiten der Tiere unterscheidet. Zur bloßen Veraus- gabung rein physischer Energie, zur Äußerung von Arbeitskraft, haben erst das Kapital und die Große Industrie die Arbeit entfremdet. Da muss man nicht lang mit dialektischem Hintersinn im 'Herr und Knecht'-Kapitel der Phänomenologie suchen; in der Wissenschaftslehre liegt alles klar zutage.


*) Das lässt sich nachweisen.

**) Dazwischen tritt die Reflexion = Scheidung der Einbildungskraft in einen realen und einen idealen Teil.
***) K. Marx, Das Kapital. Band 1, MEW 23, S. 193 



Sonntag, 19. Juli 2015

Alles Vorstellen ist ein sich-Setzen.


Stellt es sich was vor? Es sieht jedenfalls so aus.

Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich mich selbst setze, dass ich auf mich zurückgehend handle. Was hat man nun getan, indem man handelte, und wie hat man es gemacht? ...

Antwort auf obige Frage: wie werden wir uns des Handelns bewusst? Wir beobachteten und wurden uns dessen im Handeln bewusst. Ich, der ich handelte, wurde mir bewusst meines Handelns. - Das Bewusstsein des Handelns und das Handeln war eins, durch unmittelbares Bewusstsein. In und mit dem Denken wurde ich mir des Denkens bewusst, das heißt ich setze mich als [im] Denken handelnd. Also auch in diesem Bewusstsein setze ich mich selbst als Subjekt und Objekt [...], und dadurch erhielten wir das unmittelbare Bewusst/sein, das wir suchten. Ich setze mich schlechthin. Ein solches Bewusstsein ist Anschauung, und Anschauung ist ein sich-selbst-Setzen, kein bloßes Setzen.

Alles Vorstellen ist ein sich-Setzen. Vom Ich geht alles aus. Das Ich ist kein Bestandteil der Vorstellung, sondern vom Ich geht alle Vorstellung aus. Alles mögliche Bewusstsein setzt das ursprüngliche Bewusstsein voraus und ist außer dem nicht zu begreifen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 30f.


Nota. - Das Ich 'ist' ein Noumenon. Ich kann es nicht anschauen, sondern nur denken. Ich schaue an dieses und jenes, namentlich schaue ich an mich als vorstellend. Dass es jemanden gab, der vorstellen können musste, bevor er wirklich vorgestellt hat, kann - und muss - ich mir lediglich hinzudenken. Daher heißt der einleitende Satz ganz richtig: Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich mich selbst setze; und nicht: Das Ich entsteht... Nicht das Handeln folgt aus einem Ich, sondern ein Ich muss dem Handeln notwendig vorausgedacht werden. Real ist nur das Handeln, richtiger: Nur handeln ist real.
JE







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Samstag, 18. Juli 2015

Das Wesen der Vernunft besteht im Sich-selber-Setzen.



Das System kann jeden nur auffordern, in sich selbst hineinzusehen, wie er es macht; nun aber behauptet es allgemeine Gültigkeit, dass jedes Vernunftwesen so verfahren müsse. Diese Forderung geschieht mit Recht, und vorausgesetzt, dass das Wesen der Vernunft in dem Sichselbstsetzen bestehe, so gehen ja alle als notwen- dig aufgestellten Handlungen aus demselben hervor: Sie gehen sonach aus dem Wesen der Vernunft hervor, und jedes Vernunftwesen muss daher die Richtigkeit des Systems anerkennen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 21


Nota. - Dass das Wesen der Vernunft im Sich-selber-setzen besteht, bleibt immer vorausgesetzt und lässt sich aus nichts Elementarem herleiten, es ist selber elementar. Und nur, wer so verfährt, soll Vernunftwesen heißen, das ist tautologisch. Doch dass es, wenn es sich selber setzt, so verfährt und anders nicht verfahren kann, das ist rein faktisch so und beruht auf keinerlei Gesetz: denn dann wäre es kein Sich-selber-Setzen. - Irritierend bleibt immer der Ausdruck "Wesen der Vernunft". Er hat es ja selber so definiert, aber der Wortgebrauch klingt, als sei zuerst das "Wesen" da, und daraus folge das Sich-selber-Setzen, während die Voraussetzung doch umgekehrt vor- ging. - Ich werde nicht müde, auf diese Doppeldeutigkeit hinzuweisen, die sich bei Fichte von Anbeginn zeigt.
JE



Freitag, 17. Juli 2015

Der erste, letzte Grund und seine Anschauung.



Die Identität des Setzenden mit dem Gesetzten ist absolut, sie wird nicht gelernt, nicht erfahren, sie ist das, was alles Lernen und Erfahren möglich macht. ...

Das Ich setzt sich schlechthin; dass es sich im unmittelbaren Bewusstsein als Subjektobjekt setzt, ist unmittel- bar, es kann keine Vernunft darüber hinausgehen. Über die anderen Bestimmungen, die im Bewusstsein vor- kommen, lassen sich Gründe angeben, von dieser aber nicht, das unmittelbare Bewusstsein ist selbst der letzte Grund, der alles andere begründen soll, bis zu ihm muss man gehen, wenn unser Wissen einen Grund haben soll.

Wir müssen von diesem Grunde wissen, denn wir sprechen davon, wir kommen dazu durch unmittelbare An- schauung, wir schauen unsere unmittelbare Anschauung selbst wieder unmittelbar an; dies wäre unmittelbare Anschauung der Anschauung. Es ist also reine Anschauung des Ich als Subjekt-Objekt möglich, eine solche heißt, da sie keinen Stoff an sich hat, mit Recht: intellektuelle Anschauung.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 31


Nota. - An anderer Stelle habe ich als ersten, letzten Grund unseres Vorstellens und Denkens die Idee des 'Wahren' oder 'Absoluten' bezeichnet, das habe ich nicht vergessen. Es scheint das genaue Gegenteil zu besagen; tut es auch, denn es handelt sich um zwei einander entgegengesetzte Betrachtungsweisen: Hier spricht der Transzen- dentalphilosoph, der den wirklichen vorstellenden Individuen zusieht und berichtet, was er sie tun sieht; dort ist die Rede von ebendiesem Individuum, das in seine tatsächlichen Vorstellungen Sinn und Ordnung bringen will. 
JE






Donnerstag, 16. Juli 2015

Mein Leib als Anschauung meines Wollens.



M. Kessels

Aus der Anschauung entsteht das Sein unsrer selbst und der Welt. Dieses Sein, auf welches die Reflexion geht, ist das reine Wollen selbst, und hier insbesondere das reine Wollen, in wiefern es angeschaut wird. 

Hier ist aber offenbar die Rede von einer äußeren Anschauung; denn die Form der inneren Anschauung, die Zeit, ist nur Form des Intelligiblen. Die / Form der äußeren Anschauung ist der Raum, und das Objekt desselben [sic] ist notwendig Materie im Raum; mithin würde dieses Sein Materie im Raume, und mit der Reflexion auf den Willen wäre eine Anschauung des materiellen Seins im Raume notwendig verknüpft.

Das reine Wollen ist vor allem empirischen [Wollen] da, und was wir anschauen, ist das reine Wollen selbst, unter der Form der sinnlichen Anschauung erblickt. Ein Sein, das die ursprüngliche Kraft unseres Wollens selbst ausdrückt, ist unser Leib, in wiefern er Werkzeug ist. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 198 2, S. 159f.


(Nota. -Vergleiche hiermit die Formulierung 'alles, was menschliches Antlitz trägt' als Synonym für 'eine Reihe vernünftiger Wesen außer mir'. JE)





Mittwoch, 15. Juli 2015

Alle Erkenntnis ist praktisch - in beiderlei Hinsicht.



...Sein aber ist die Versinnlichung der Beschränkung. 

Aber alle Erkenntnis der freien Wesens bezieht sich notwendig auf sein Wollen und Handeln, es kann also ursprünglich nicht bloßes Bewusstsein eines Seins stattfinden. Es wird nicht erkannt, ohne dass man sich im Handeln danach richte, alle Erkenntnis ist praktisch, nicht nur in Rücksicht der Veranlassung, sondern auch in Absicht des nachmaligen Handelns. Sein und Handeln steht in unablässiger Wechselwirkung, da ja beides nur eins ist, nur angesehen von verschiednen Seiten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 198 2, S. 174


Nota. - Eine Erkenntnis, die nicht praktisch wird, ist noch keine.
JE





Dienstag, 14. Juli 2015

...eine Idee; etwas Vorauszusetzendes, um zu erklären, was erklärt werden soll.



Ist der Zustand des Ich vor allem [als] Gefühl, Anschauen und Denken zu schildern, als das Eigentliche, was a priori da ist? Dadurch wird nichts wirklich bedeutet, es ist eine Idee (eine Hilfslinie), etwas Vorauszusetzendes, um zu erklären, was erklärt werden soll. 

Die Schwierigkeit ist dabei, dass wir nur nach den Gesetzen des Denkens denken können; wir müssen also von allem abstrahieren, wovon wir können, und ihn nur in sofern in die Form des Denkens aufnehmen, als wir müssen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 154










Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Montag, 13. Juli 2015

Die Zeit entsteht nur im Ich.


Girolamo di Benvenuto, Herkules am Scheideweg

Die Ursache und Wirkung sind gleichzeitig, durch den Begriff der Kausalität entsteht keine Zeit, in der Natur entsteht sonach keine Zeit, die Zeit entsteht nur im Ich, in dem Begriffe der Substanzialität - auf das Ich ange- wendet, in dem Durchlaufen der Handlungsmöglichkeiten durch die Einbildungskraft; dadurch, dass das Ob- jekt bloß Objekt für das handelnde Ich ist, wird ersteres mit durch die Zeit ausgedehnt. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 224







Sonntag, 12. Juli 2015

Ich bin nicht ohne Welt, und meine Welt ist nicht ohne mich.


HM Cancri

Ich bin nicht ohne Welt, und meine Welt ist nicht ohne mich.

Nun wird, woraufs ankommt, durch diese wechselseitige Beziehung auf einander, durch die Unzertrennlichkeit beider, beides auf eine gewisse Weise weiter charakterisiert. / Das NichtIch durchs erstere, das Ich, wird, weil, wie wir oben sahen, sein Handeln Dauer in der Zeit hat, durch die Zeit ausgedehnt, es ist zu aller Zeit, die nur gedacht wird. Zeit und Freiheit sind nur durch einander; nun wird, so gewiss das Ich durch die Zeit ausgedehnt wird, das NichIch als für sich bestehend mitgedacht, daher fällt es als Ding, als Noumen, auch mit in die Zeit und erscheint als seiend zu aller Zeit, weil das Ich da NichtIch immer bei sich führt...
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 223f. 


Nota. - Ich und Welt sind Wechselbegriffe, wie F. das nennt. Der antike Kosmos ist eine Kugel, der Mensch ist darin, aber steht ihr nicht gegenüber: Sie käme auch ohne ihn aus. Nicht so die Welt - 'es gibt sie' nur als Widerpart eines Ichs, so wie es ein Ich nur als Widerpart der Welt gibt. Mit andern Worten, die Wissenschafts- lehre war nur möglich als die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters.
JE