Donnerstag, 31. Dezember 2015

Ein transzendentaler Silvesterscherz.



Im System gibt es keine Zeit. Aber aus dem System der Vorstellung soll eine Zeit, die ja selber eine Vorstellung ist, entstehen. Die Aporie ist Fichte nicht entgangen. Nicht aus dem Setzen soll daher die Zeit entstehen, das geschieht idealiter alles gleichzeitig; sondern durch das Deliberieren: das Abwägen und Wählen aus mannig-faltigen Möglichkeiten. In diesem retardierenden Moment geschieht nichts – und gerade das dauert.

Die Hirnphysiologen haben – das ist nun aber auch schon eine Weile her – aus dem Umstand, dass jeder Zustand des Gehirns unvermeidlich auf einen und aus einem vorhergehenden Zustand folgt, ohne dass ein Zentralorgan namens Ich eingriffe, auf die Determiniertheit unseres Willens geschlossen und die Freiheit bestritten. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Libet-Experiment: Zwischen dem Moment, in dem im Gehirn nachweislich die Breitschaft zu einer bestimmten Handlung x getroffen ist, und dem Beginn ihrer Ausführung vergeht offenbar eine Denkpause von einer Fünftelsekunde. In dieser Spanne könnte – seitens desselben Gehirns! – noch der Einspruch geschehen: Nein, tu das nicht! Dieser neuerdings experimentell wieder bestätigte Versuch gibt der Freiheit noch eine ganz kurze, aber dadurch umso größere Chance: Der Mensch kann nein sagen! Nachdem er sie nämlich zum Überlegen genutzt hat.

Nach Fichte nun liegt in diesem Moment des Deliberierens – ganz allgemein: des Übergehens vom Bestimmba-ren zum Bestimmten – nicht nur die (einzige) Realität der Freiheit, sondern überdies die Entstehung der Zeit: der Übergang aus der idealen Tätigkeit ins Sinnliche. In specie geht die Zeit hervor aus unserm Wollen, soweit es ursprünglich als rein angenommen wird: Dass wir wollen, ist gewissermaßen das einzige Apriori, das die Wissenschaftslehre 'an sich' gelten lässt. Doch das bestimmbare Wollen muss erst bestimmt werden: Man kann immer nur dieses wollen. Die Auswahl aus den unendlich vielen Handlungsmöglichkeiten, alias das 'Entwerfen eines Zweckbegriffs', dauert.

Was ist daran der Scherz? 
– Wann immer man in der Transzendentalphilosophie einen Begriff antrifft, der sich wie in einem Wörterbuch unmittelbar in einen Begriff der Erfahrung übersetzen lässt – oder andersrum –, ist Vorsicht geboten. Es ist fast immer eine Bananenschale.




Mittwoch, 30. Dezember 2015

Das Gefühlte ist das apriori Bestimmte und Bedingung allen Bestimmens.




Wir kennen die Sphäre des Bestimmbaren noch nicht anders als unter dem Prädikate eines ins Unendliche teilbaren Mannigfaltigen; aber ein solches ist nichts, ein solches ins Unendliche Teilbare gibt keine Anhalten, kein Bindendes, mithin keine ideale Tätigkeit und mithin auch keine Tätigkeit ins Unendliche. Mithin wider-spricht sich der Begriff von Etwas, welches weiter nichts sein soll als teilbar / ins Unendliche. Und da dieser Begriff unter den Bedingungen des Bewusstseins vorkommt, so käme uns letzteres [als] ein Unmögliches vor.

Es müsste sonach etwas Positives, welche nicht weiter teilbar wäre, angenommen werden, um die ideale Tätigkeit des praktischen Vermögens zu erklären; dies ist aber ein Reales, das Unteilbare müsste also unteilbar sein als Realität; als Quantität aber müsste es wohl teilbar sein. Nun soll die ideale Tätigkeit hier so gebunden sein: nicht, dass sie als Bewegliche fortgerissen werde, sondern dass sie angehalten und fixiert werde.

Das, was die ideale Tätigkeit fixiert, soll Stoff einer Wahl sein; aber die Wahl kann nur mit Bewusstsein des Gewählten* geschehen, aber es gibt kein Bewusstsein von Etwas ohne Entgegensetzung. Sonach müsste es in dieser Ansehung Zustände des Gemüts geben, die nur Einheit und Gleichheit sind, nicht aber Vielfalt in eben und demselben Zustande. Es muss Grundeigenschaften geben (die nicht weiter zergliedert werden können) des Bestimmbaren und ein Sein dieses Bestimmbaren.

Alles, was auf ideale Tätigkeit sich bezieht, ist Setzen, und entweder Tätigkeit des Ich, Gebundenheit der idealen Tätigkeit, oder Sein des NichtIch; ein Gesetztsein, durch welches ein Werden und Machen negiert wird. Wenn die Möglichkeit der Entgegensetzung so abgeleitet wird, so wird der oben behaupteten Teilbarkeit ins ins Unendliche nicht widersprochen, denn ich kann ja dasselbe Sein vermehren oder vermindern.

Das oben Gezeigte wird sich unten zeigen als dasjenige, was durch das unmittelbare Gefühl gegeben ist, z.B. rot, blau, süß, sauer. In diesen Gefühlen ist der Zustand des Gemüts nicht Vielheit, sondern Einheit. Die Vielheit findet aber dabei statt, nämlich dem Grade nach, ich kann mehr oder minder Rotes, aber ich kann nicht sagen, wo es aufhört, rot zu sein. Wie ist das Setzren oder das Bewusstsein dieses Etwas möglich? Wie kommts in das Ich?

Dieses Etwas und das Bewusstsein davon geht allem Handeln voraus, denn das Handeln ist dadurch bedingt. Das Gegeben ist die Sphäre alles möglichen Handelns; das Handeln / aber ist absolut nichts Einfaches, sondern ein Zweifaches. Es liegt gleichsam eine Ausdehnung des sich-selbst-Affizierens und ein Widerstand desselben, der es aufhält und zu einem Anschaubaren macht, darin.

Was in der Sphäre des Bestimmbaren liegt, ist das Handeln. Jedes Mögliche muss etwas dem Ich Angehöriges (Tätigkeit) und etwas ihm Widerstrebendes sein. Dieses  Etwas ist als ein wirkliches Handeln nicht gesetzt; was also davon dem Ich angehört, ist nicht zu erklären aus einer wirklichen Selbstaffektion. Das Ich wird hier nur gesetzt als das Vermögen des Handelns in diesem Mannigfaltigen. Nun kommt aber dieses Vermögen hier nicht vor als ein bloßes Vermögen, als ein Mögliches im Denken, sondern als ein Anschaubares, welchem in sofern der Charakter des Seins zukommt. 

Der Charakter des Seins ist Bestimmtheit, folglich müsste hier liegen ursprüngliche Bestimmtheit zum Handeln überhaupt. – Das Ich, sobald es gesetzt ist, ist nicht frei zu handeln überhaupt, sondern nur, ob es dieses oder jenes handeln will. Wir bekommen hier ein notwendiges Handeln. Das Wesen des Ich ist Tätigkeit, folglich wäre hier ein Sein der Tätigkeit. Das den Begriff von seinem Willen entwerfende Ich ist gebunden, aber die Gebundenheit deutet auf ein Sein, und zwar auf ein eigentliches Sein. Das Bindende und insofern Setzende ist dem Ich angehörig, aber das Ich ist hier praktisch (Tätigkeit), sonach ist hier ein Sein der Tätigkeit. 

Beide sich widersprechende Begriffe sind hier vereinigt (nämlich Sein und Tätigkeit), und diese Vereinigung wird hier betrachtet als ein Gefundenes. Ich finde etwas, aus welchem ich mein Handeln zusammensetze; in diesem liege ich selbst, also hier wird Tätigkeit gefunden. Diese Tätigkeit ist eine zurückgehaltene Tätigkeit, und davon bekommt sie den Charakter des Seins. So etwas ist aber ein Trieb, ein sich selbst produzierendes Stre-ben, das im Innern dessen, dem es zugehört,  gegründet ist [...], es ist Tätigkeit, die kein Handeln ist, etwas An-haltendes, die ideale Tätigkeit Bestimmendes, eine innere, fortdauernde Tendenz, den Widerstand zu entfernen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 64ff.


Nota. - Als Fühlendes ist das Ich nicht mehr bloßes Vermögen, sondern ist anschaubar und dadurch zu einem Sein geworden. Davon geht alles Handeln aus. Oder so rum gesagt: Indem es vom Fühlen zum Handeln übergeht, erweist sich überhaupt erst das Vermögen. (Ist das zu apodiktisch gesagt?)
JE




Sonntag, 27. Dezember 2015

Die WL erklärt nicht, wie das Bewusstsein entsteht, sondern entwirft einen Kanon der Vernünftigkeit.




Die Wissenschaftslehre beschreibt nicht, wie ein Mensch tatsächlich zu Bewusstsein kommt, sondern postuliert, welche Weise des bewusst-Seins als vernünftig gelten soll. Die Vorstellungswelt des Wahnsinnigen ist, welche Beiwörter man ihm sonst wohl anheften mag, auch ein Bewusstsein. Die Wissenschaftslehre entwirft nun ein Schema, und wenn einer so handelt, dass es im Sinne dieses Schemas gedeutet werden kann, soll es vernünftig heißen. 

Diese Postulat ist jedoch nicht aus freier Laune erwachsen. Es ist gewissermaßen 'aufgefunden'. Denn die Untersuchung nahm ihren Ausgang an einem, das wirklich ist: 'Es gibt' in der bürgerlichen Gesellschaft ein Normalbewusstsein, das sich selbst als vernünftig auffasst. Dieses wird analytisch (phänomenologisch) auf seine Voraussetzungen geprüft. Die aufgefundene Erste Voraussetzung, ohne die alles Weitere grundlos wäre, ist das Ich, das 'sich setzt, indem es sich ein(em) Nichtich entgegensetzt'.

Ob dieser Gründungsakt wissentlich geschah oder nicht, spielt keine Rolle, denn 'mit Bewusstsein' konnte er doch wohl nicht geschehen, da er dem Bewusstsein ja zu Grunde liegen soll – sofern es vernünftig wurde

In der Philosophie kommen Fakten nicht vor, sagt Fichte. Das Schema stellt, was geschehen soll, nicht als histo-rischen Vorgang, sondern als System dar: Doch im System ist die Zeit untergegangen. Das System kann man nur zeitlos, ideal, 'logisch' darstellen. Das System ist 'auf einmal und mit einem Schlag' da.

"Aber das, was nicht im Gebiete der Erfahrung liegt, hat keine Wirklichkeit im eigentlichen Sinn, es darf nicht in Raum und Zeit betrachtet werden, es muss betrachtet werden als etwas notwendig Denkbares, als etwas Ideales."*

Seine Rekonstruktion kann nicht historisch geschehen, sondern nur genetisch. Auch nicht logisch im Sinne von diskursiv: Da müsste auch ein Schritt auf den anderen folgen, und die Schritte sind im diskursiven Verfahren als Begriffe vorgegeben – deren Entstehen soll aber erst erklärt werden. Auf Begriffe muss also noch verzichtet werden, man muss dem Vorstellen selbst zuschauen. Aber eben nicht im (historischen) Individuum, sondern im zeitlosen Modell.

Wann und wo sollte es in der Geschichte denn passiert sein, dass ein 'Ich sich selbst setzt, indem es sich ein(em) Nichtich entgegensetzt'? In der Geschichte nie, aber heute jederzeit immer und immer wieder. Es ist ein Erklärungsgrund und kein reell (nach Raum und Zeit) identifizierbares Ereignis. Wenn es aber nicht als wirklich stattgefunden vorausgesetzt würde, ließe sich das Wissen (Vorstellung, Bewusstsein, Denken, Begriff...) nicht erklären. Alles, was historisch (empirisch) geschehen ist, muss im zeitlosen System irgendwo wieder vorkommen, wenigstens als Funktion – freilich nicht am selben Ortund nicht unterm selben Namen. Und umgekehrt: Phantasiegebilde, denen in Raum und Zeit gar nichts entspricht, gehören nicht in die Transzen-dentalphilosophie.

*

Indem sie also einen Kanon der Vernünftigkeit aufstellt, definiert sie zugleich die Welt als das Feld ihrer Geltung: Sie ist keine begrenzte Gegend, sondern ein Horizont, der so weit reicht, wie die mögliche Wirksamkeit vernünf-tiger Wesen. Das ist nicht 'überall, wo Menschen sind'. Denn da, wo Vernünftigkeit nicht hin reicht, ist nicht mehr Welt, jedenfalls nicht unsere Welt, in der wir als Vernünftige zusammen wirken; sondern immer nur je 'mei-ne' Welt, wo Menschen wohl auch sind, aber wo die Vernunft nichts mehr zu sagen hat.

*) WL nova methodo, S. 23

**) Orte gibt es im System so wenig wie die Zeit. Sie erscheinen erst in der diskursiven Darstellung, die die Vorstellungen nach einander ordnet, weil sie sie durch einander nicht veranschaulichen kann.


Es kommt mir vor, als sei dies seit langem der wichtigste Eintrag, den ich gemacht habe. Ich werde ihn ein paar Tage lang oben stehen lassen.



Samstag, 26. Dezember 2015

Das Vernunftwesen ist ein Körper, der durch Freiheit bestimmbar ist.



Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es als wirksam erscheint, sein Körper ist bestimmbar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, es sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche. 

Nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teile eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksam-keit in der Sinnenwelt ab.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 235




Freitag, 25. Dezember 2015

Deine Gedanken musst du dir selber machen.


Lothar Sauer

Also die erste und höchste Bedingung alles Philosophierens ist: zu bedenken, dass man das lautere leere Nichts antreffe, wenn man nicht alles, worüber räsoniert wird, aus sich selbst hervorbringt. Philosophische Ideen kön-nen nur im Geiste erzeugt werden, geben kann man sie nicht. ___________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 14



Nota. - Zugang zu den Realwissenschaften findet man durch Erlernen der Begriffe. In der Philosophie muss man die Vorstellungsarbeit selbst besorgen. 
JE




Mittwoch, 23. Dezember 2015

Das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes.



Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätigkeit fielen zusammen, so etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 67  


Nota. – Zunächst ist zu bedenken, dass für einen Christen – als solchen verstand sich Fichte – Gott nicht gedacht, sondern nur geglaubt werden kann. Und, zweitens, dass nicht zu verstehen wäre, wie einem solchen ungebundenen Selbstbewusstsein je ein Gegenständliches, ein Objektives erwachsen sollte und wie es folglich überhaupt zu einem Bewusstsein käme. – Kurz, dieser Satz besagt nur: Gott kann nicht Gegenstand der Philo-sophie werden.
JE




Dienstag, 22. Dezember 2015

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen.



Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen. Ich leite die Wahrheit eines Satzes auf einen anderen über. 

Wenn aber dies Beweisen heißt, so muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen werden kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles andere abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 27





Montag, 21. Dezember 2015

Man muss sich die Wissenschaftslehre als einen Algorithmus vorstellen.


winfuture

Die Wissenschaftslehre ist, wie der Algorithmus, ein Handlungsschema: eine Reihe von Schritten, die die Vor-stellung gegangen ist – idealiter gegangen sein muss –, um zum realen System unseres Wissens zu gelangen; vom gesunden Menschenverstand bis hin zum aktuellen Stand der most sophisticated Wissenschaft.

Es kann keine historische Nacherzählung sein. Denn nicht um das 'Lernen' eines Individuums geht es. Dieses hat selber seine faktischen Voraussetzungen, und auch die müssen erklärt werden. Die Leistungen des transzen-dentalen Subjekts haben ihre Basis in der Naturgeschichte der Menschengattung, sagt Habermas.* Ihre Basis, ja, aber die Leistungen selbst muss jedes Individuum jedesmal wieder selbst erbringen. 


Angenommen, Raum und Zeit und die zwölf Kategorien seien genetisch in angeborenen Verschaltungen zwi-schen Hirnregionen angelegt. Wenn die Anlagen nicht realisiert werden, gibt es keine Leistung, und sie verküm-mern. Aber wenn manche Anlagen genetisch beschädigt sind, können im System des Gehirns andere Verschal-tungen deren Rolle mit übernehmen; oder auch nicht: das ist immer eine Sache der Individualgeschichte. Man kann die wirklichen Abläufe nicht historisch darstellen, weil im System die Zeit untergegangen ist, die individuelle und die der Gattung. Im System kann man sie nur zeitlos, ideal, 'logisch' darstellen. Das System ist 'auf einmal und mit einem Schlag' da.

Seine Rekonstruktion kann nicht historisch geschehen, sondern nur genetisch. Auch nicht logisch im Sinne von diskursiv: Da müsste auch ein Schritt auf den anderen folgen, und die Schritte sind im diskursiven Verfahren als Begriffe vorgegeben – deren Entstehen soll aber erst erklärt werden. Auf Begriffe muss also noch verzichtet werden, man muss dem Vorstellen selbst zuschauen. Aber eben nicht im (historischen) Individuum, sondern im zeitlosen Modell.

Wann und wo sollte es in der Geschichte passiert sein, dass 'das Ich sich selbst setzt, indem es sich ein(em) Nichtich entgegensetzt'? In der Geschichte nie, aber heute jederzeit immer und immer wieder. Es ist ein Erklä-rungsgrund und kein reell (nach Raum und Zeit) identifizierbares Ereignis. Wenn es aber nicht als wirklich statt-gefunden vorausgesetzt wird, lässt sich das Wissen (Vorstellung, Bewusstsein, Denken, Begriff...) nicht erklären.

Alles, was historisch (empirisch) geschehen ist, muss im zeitlosen System irgendwo wieder vorkommen, wenig-stens als Funktion – freilich nicht am selben Ort** und nicht unterm selben Namen. Und umgekehrt: Phantasie-gebilde, denen in Raum und Zeit gar nichts entspricht, sind in der Transzendentalphilosophie nicht am Platz.

*) in Technik und Wissenschaft als 'Ideologie', Frankfurt/M. 1969, S. 161


**) Orte gibt es im System so wenig wie die Zeit. Sie erscheinen erst in der diskursiven Darstellung, die die Vorstellungen – als Begriffe – nach einander ordnet, weil sie sie durch einander nicht veranschaulichen kann.




Sonntag, 20. Dezember 2015

Das System und was es darstellt.


badische-zeitung

In der Erfahrung, welche durch dieses System deduziert werden soll, findet man die Objekte und ihre Beschaffenheiten; in dem System selbst die Handlungen des Vernunftwesens und die Weisen desselben, inwiefern Objekte durch sie hervorgebracht werden, denn der Idealismus zeigt, dass alle andre Art, zu den Objekten zu kommen, keinen Sinn hat.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 22








Samstag, 19. Dezember 2015

System.



Begründet wird das Wissen durch die Selbstsetzung des Ich in der pp. Tathandlung – als ein Fakt. 

Rechtfertigen muss es sich vor der Idee des Wahren (Absoluten, Unbedingten, An-sich, Endzweck usw.).




Freitag, 18. Dezember 2015

Vorstellen und darstellen.



Die Darstellung kann nicht anders als diskursiv verfahren. Aber in der Vorstellung selbst ist alles auf einen Schlag.

Das gilt wohlbemerkt auch empirisch. Zwar müssen wir meistens suchen, um etwas in unserem Bewusstseins-vorrat zu finden; aber dann kommt es uns so vor, als sei es schon die ganze Zeit da gewesen und habe nur dar-auf gewartet, aktiviert zu werden. 

Tatsächlich sind die Verschaltungen zwischen den Neuronen 'schon da' – sie müssen nur noch befeuert werden. Wie steht es da aber mit Fichtes dauernder Versicherung, dass die ideale Tätigkeit 'aus Freiheit' geschehe? Dass ich in meiner Erinnerung nur finde, was ich finden will, kann ich empirisch nicht bestätigen. Ist es einmal da, kann ich jederzeit darüber stolpern, da ist mehr Zufall als Freiheit. Aber ob ich einen Wissensgehalt überhaupt erst anlege und ablege, das hängt von mir, und das heißt: von meinem Wollen ab.

Mit dem Darstellen ist es etwas ganz anderes. Ob ich alles wiederfinden werde, wonach ich suche, mag zum Teil Zufall sein. Aber was ich dann an was anknüpfe und wie, das ist Sache meiner Freiheit: der Reflexion. Doch muss ich es in der Zeit vortragen, eines nach dem andern, und so wird es immer ein bisschen so aussehen, als sei das Zweite vom Ersten verursacht, während sie doch einander gegenseitig bedingen, und dies ohne Vor- und Nachher. Anders könnte die Wissenschaftslehre nicht vom Bestimmten auf das Bestimmende rückschlie-ßen.

*

Es ist ein Missverständnis, dass die transzendentale Betrachtungsweise mit dem Faktischen gar nichts zu tun habe. Sie ist nicht dessen Abbildung oder Nacherzählung, das wäre überflüssig. Aber sie ist dessen Sinndeu-tung, und es wäre sehr merkwürdig,* wenn sie einander gar nicht ähnlich sähen.

*) Warum dieses? Weil auch die diskursive Darstellung nicht 'das Seiende' ausspricht, sondern immer nur, was es bedeuten soll – freilich nicht selbstreflexiv ausspricht, sondern gegenstandsbezogen, während die Transzen-dentalphilosophie rekonstruiert, wie die Bedeutungen entstanden sein müssen; aber beide handeln von Bedeu-tungen, und von den Bedeutungen der Dinge.
JE


Donnerstag, 17. Dezember 2015

Alles Bewusstsein ist sinnlich.



Alles Bewusstsein ist sinnlich, es drückt aus den Akt der Intelligenz, der idealen Tätigkeit, und steht unter Gesetzen, wenigstens unter dem Gesetze des Übergangs vom Bestimmbaren zur Bestimmtheit. Durch diese Affektion wird alles, was gedacht wird, notwendig sinnlich. Der aufgezeigte Wille soll etwas Übersinnliches sein, doch soll aus ihm etwas Sinnliches folgen. Wie wird er nun mit dem sinnlichen Bewusstsein vermittelt? 

Oben wurde gesagt, dies geschähe durch ein Gefühl, weil das Gefühl das erste ist, von dem alle Handlungen des Bewusstseins ausgehen. (Oben wurde gesagt, es sei ein Gefühl des Strebens, des Sollens, des Forderns, der Begrenztheit, und in sofern des Nichtdürfens.) Gefühl ist überhaupt die Äußerung der Begrenztheit des Ich, diese aber ist nicht möglich ohne Äußerung des Strebens, indem eben das Streben das Begrenzte ist, beides ist notwendig vereinigt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 144





Mittwoch, 16. Dezember 2015

Ein Erklärungsgrund, der vorausgesetzt werden muss, um...



Es ist hier nicht darum zu tun, eine Moral aufzustellen, sondern das Bewusstsein überhaupt soll erklärt werden; und dies ist nur möglich unter Voraussetzung des oben geschilder-/ten reinen Willens. Es soll gezeigt werden, wie hieraus sich das Bewusstsein der Objekte erklären werde.

Dies reine Wollen soll hier noch nichts anderes bedeuten als einen Erklärungsgrund des Bewusstseins, als eine Hypothese, noch nicht als ein Objekt des Bewusstseins. Tiefer unten wird gezeigt werden, wie es in das Bewusstsein hinein komme. Es ist hier um die Folgen zu tun, die es haben wird, wenn es als Erklärungsgrund des Bewusstsein vorausgesetzt wird.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 143f. 





Dienstag, 15. Dezember 2015

Freiheit und Beschränktheit sind ursprünglich vereinigt.


pinselpark

Wir finden also Freiheit und Beschränktheit ursprünglich vereinigt in der kategorischen Forderung, die not-wendig angenommen werden muss, wenn Bewusstsein erklärt werden soll: Freiheit, indem angefangen werden soll, Beschränktheit, indem über die bestimmte Sphäre nicht hinausgegangen werden soll.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 143



Nota. - Nicht Begriffe sollen definiert, sondern Vorstellungen auseinander entwickelt werden. Den Begriff der Freiheit mag man positiv formulieren, als Vermögen, zwischen den Mannigfaltigen zu wählen. Vorstellen kann man sich Freiheit aber nicht ohne ihr Gegenteil, 'fühlen' wird man die Beschränktheit nicht ohne den Drang zur Freiheit. (Das Wollen ist ja immer vorausgesetzt.
JE





Montag, 14. Dezember 2015

Die ideale Tätigkeit schreibt sich das Bild zu als ihr eigenes Produkt.




Es* ist bildend, es muss also das Praktische auch setzen als bildend. Es sieht gleichsam ein Bilden in das Prakti-sche hinein, und dies Bild ists, wodurch das Praktische dem Idealen zu sich selbst wird. Das Zuschreiben der Anschauung ist der Punkt, der es vereinigt. Nun ist aber das Praktische als frei Anfangen kein Nachbild, son-dern ein Vorbild.

*) [das Ideale]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 53



Nota. - Das ist nur scheinbar trivial. Flach auf der Hand liegt, dass das Bilden Tätigkeit des Ich ist. Hier soll aber erklärt werden, wie es kommt, dass das Ich davon weiß; soll erklärt werden das Reflektieren.
JE







Sonntag, 13. Dezember 2015

Der Zweckbegriff ist ein Sein in ganz eigener Bedeutung.



Aber die ideale Tätigkeit ist ihrem Charakter zufolge gebunden und gehalten, nur einer realen nachgehend. Dieser idealen Tätigkeit muss etwas entgegengesetzt sein, von dem sie gehalten werde, dies ist ein Reelles und insofern Etwas als das Bestimmte. (Wie das Bestimmte zu einem Etwas werde, gehört noch nicht hieher.) Die-ses  Etwas heiße x, es bedeutet ein Sein, welches die ideale Tätigkeit nur nachmacht, etwas, was die eigentliche Tätigkeit vernichtet.

Es wird sich zeigen, dass dieses Sein in einem anderen Sinne müsse genommen werden als das, welches die reelle Tätigkeit aufhebt. Wir werden zwei Bedeutungen von Sein erhalten, das, wovon wir hier reden, wird sich zeigen als ein Begriff vom Zwecke. 

Dieses x ist nun selber ein Postulat der absoluten Freiheit, d. h. teils, dass überhaupt etwas in dieser Verbindung des Bewusstseins da ist, teils, dass es gerade x und nicht etwa (-x) ist, davon soll der Grund in der Selbsttätigkeit liegen. ...

Die ideale Tätigkeit ist gebunden, teils, dass sie für ein x da sei, teils, dass es so bestimmt ist. Insofern ist die ideale Tätigkeit leidend. Es muss etwas hinzugedacht werden, was sie binde und gerade an x binde, das ist x nicht selbst, / sondern die Freiheit, diese hat x selber hervorgebracht, dies heißt nun: die Freiheit enthält den Grund von x. Was ists nun, welches macht, dass in unserm Fall das Begründende gesetzt wird als Ich? Das Ideale ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, weil es nur kennt, was in ihm ist. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 52f.


Nota. – Für die ideale Tätigkeit – in Summa: für die Reflexion – ist der Begriff ein Sein; denn die Begriffe überhaupt sind allezeit Abkömmlinge (=mannigfaltige Bestimmungen) des Zweckbegriffs.

(Das heißt aber nur: Die ideale Tätigkeit muss nicht jedesmals aufs Neue deliberieren, welche Richtung sie einschlagen soll: Die schwebt ihr ihr als 'einmal gegeben' stets vor.
JE





Samstag, 12. Dezember 2015

Freiheit ist unendliche Annäherung.




Das Anschauende als solches ist gebunden, es folgt nur einem andern nach, das realiter Tätige ist absolut frei, es muss mit absoluter Freiheit sich einen Begriff entwerfen, dies heißt einen Zweckbegriff, ein Ideal, von dem man nicht behauptet, dass ihm etwas entspreche, sondern dass ihm zufolge etwas hervorgebracht werden soll. 

Wir können ein freies Handeln nur denken als ein solches, das zufolge eines entworfenen Begriffes vom Han-deln geschieht; wir schreiben also dem praktischen Vermögen Intelligenz zu. Freiheit kann nicht ohne Intelli-genz gedacht werden; Freiheit kann ohne Bewusstsein nicht stattfinden. Absprechen des Bewusstseins und Absprechen der Freiheit sind eins, ebenso Zusprechen des Bewusstseins und Zusprechen der Freiheit. Im Bewusstsein liegt der Grund, dass man mit Freiheit handeln kann.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 53


Nota. - Ich mag mein ganzes Leben mit Bestimmen und unendlichem Annähern verbracht haben – so weit die Strecke immer sei, die ich selber zurückgelegt habe, so wenig näher ist mir das Unendliche gerückt, so wenig bestimmter ist mir das Unbestimmbare geworden.

Hier hat Fichte das andre Ende seines 'Systems' bereits ausgemacht und 'bestimmt': bestimmt nämlich als unbe-stimmt; unendlich bestimmbar und eo epso unbestimmbar. Das System ist keine geschlossenen Kugel, sondern ein dynamische Prozess (von procedere), er hat seinen Anfang in der 'intellektuell angeschauten' Tat-handlung und seinen schlechthin unerreichbaren Fluchtpunkt im Ideal eines Zweckes-überhaupt, eines Zwecks der Zwecke; ein dynamischer Prozess ohne Ende.

Fichtes nachgeschobener Einfall von einem erfüllten Endzweckeinem gedachten Zustand, in dem 'alle pflichtgemäßen Handlungen getan' wären, indem das Wollen beendet ist und der uns an eine göttliche Weltregierung glauben lassen soll, ist in seinem System ein absoluter Widersinn. Er ist eine 'abgeschlossene Freiheit' – das ist nicht paradox, sondern absurd. Recht hat Fichte nur in diesem Punkt: Da endigt sich alles Wissen, da müsste man (mit Augustinus) glauben.
JE






Freitag, 11. Dezember 2015

Was sich bestimmen soll, muss sich schon haben.


Das Ich bestimmt sich selbst. Das Wörtchen Selbst bezieht sich auf es. Es bestimmt sich, aber indem es sich bestimmt, hat es sich schon; das sich bestimmen soll, muss sich selbst haben, und was sich selbst hat, ist eine Intelligenz.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 53








Donnerstag, 10. Dezember 2015

Das Übergehen ist das Reale, und Freiheit ist seine Bedingung.

meeresfoto

Jenes Übergehen als solches wird angeschaut als seinen Grund schlechthin in sich selbst habend, die Handlung dieses Übergehens heißt drum reale Tätigkeit, welche der idealen,* die die erste bloß rein abbildet, entgegenge-setzt wird. Sonach wird die die Tätigkeit des Ich in diese beiden Arten derselben eingeteilt.

Nach dem Grundsatze der Bestimmbarkeit ist ein reales Handeln nicht zu setzen ohne ein reales oder prakti-sches Vermögen. Reale und ideale Tätigkeit sind durch einander bedingt und bestimmt, eine ist nicht ohne die andre, und was die eine sei, lässt sich bloß durch die andre begreifen.

In diesem Akte der Freiheit wird das Ich sich selbst Objekt. Es entsteht ein wirkliches Bewusstsein, an dessen ersten Punkt von nun an alles angeknüpft werden muss, was Objekt desselben sein soll. Die Freiheit ist sonach der erste Grund und die erste Bedingung alles Seins und alles Bewusstseins.

*) muss wohl heißen: welcher die ideale...
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 46


Nota. – Dies als Nachtrag zum Eintrag von gestern

Nota II. – Nicht vom Realen in Raum und Zeit ist natürlich die Rede, sondern von dem, was im Bewusstsein real ist. 
JE




Mittwoch, 9. Dezember 2015

Übergehen: eine tätige Dialektik.

andramedia

Das Mysterium der Hegel'schen Dialektik und damit seines ganzen Systems ist das Umschlagen des Begriffs in seinen Gegensatz. Wie es vor sich gehen soll, kann man sich nicht vorstellen, es wird nicht erläutert, es bleibt ein Mysterium, man muss daran glauben wie an die Dreifaltigkeit. Tatsächlich findet es bereits im Begriff selber statt: Er trägt seinen Gegensatz schon in sich. So wird es behauptet.

Bei Fichte schlagen keine Begriffe um, sondern eine Vorstellung geht über in eine andere. Nämlich so: Sie soll bestimmt werden, doch das geht nur durch Entgegensetzung. Es ist ein Subjekt, das bestimmen soll, es muss die Entgegensetzung selber vornehmen. Muss? Nein. Es geschieht aus Freiheit; es könnte das Bestimmen auch unterlassen, und seine Vorstellung blieben unbestimmt.

Ist nicht die Freiheit auch ein Mysterium? Ja, ausdrücklich: "Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ... Denn ein Akt der Freiheit ist schlechthin, weil er ist, und ist ein absolut Erstes, das sich an nichts anderes anknüpfen und daraus erklären lässt. ... Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit begreifen wollen, ist also absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen könnten, wäre es nicht Freiheit."*

Es ist das Mysterium, das dem ganzen System zu Grunde liegt. Liegt es? Nein, es wurde gelegt – von dem Philoso-phen, er hat es als Erklärungsgrund (aus Freiheit!) gewählt. Er hat es nicht begründet, er kann es rechtfertigen nur durch die Ausführung des Systems. Er hätte ein anderes wählen können? Nur, wenn sich damit ein System rechtfertigen ließe.

Die Freiheit rechtfertigt das System vom Anfang bis... zum Schluss? Wenn die Freiheit zu einem Schluss käme, wäre sie keine. Wird sie als Freiheit gedacht, ist sie ohne Ende: Die Reflexion ist unendlich, so wurde sie zu An-fang aufgefasst. Soll ein Schluss dennoch für möglich gehalten werden, müsste eine zusätzliche Prämisse einge-führt werden. Aber dann läge sie dem System zu Grunde und nicht die Freiheit, und Fichte hätte nicht sagen dürfen, dass auf diese "mein ganzes Denken aufgebaut ist".

*) Fichte, Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 181f.


Dienstag, 8. Dezember 2015

Das Fühlen ist selber Realität.



Wie kann nun das Gefühl Gegenstand eines Begriffs werden? Bei der Anschauung wird eine Realität voraus-gesetzt, aber beim Fühlen nicht, das Fühlen ist selber Realität, die vorkommt. Ich fühle nicht etwas, sondern ich fühle mich. – Welches ist nun der Übergang aus dem Gefühl zur Anschauung? Ich kann kein Gefühl an-schauen, außer in mir; soll ich ein Gefühl anschauen, so muss ich doch fühlend sein. Es wird schlechthin re-flektiert. Das Ich erhebt durch eine neue Reflexion, die mit absoluter Freiheit geschieht, sich über sich selbst, sich das Anschauende über sich, inwiefern es fühlend wird, es wird dadurch selbstständig.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 71






Montag, 7. Dezember 2015

Anschauung ist blind.



Das Ich verliert sich selbst im Objekte der Anschauung in der Anschauung [sic]. Oder, wie Kant sagt: die Anschauung ist blind. Sonach in der Anschauung schwebt mir etwas unmittelbar vor; ich frage nicht, woher es komme. Das Objekt ist einmal da und ist schlechthin da. Dem Anschauen wird es so, nun kommt das Anschauen nicht zum Bewusstsein, mithin ist das Objekt auf dem gemeinen Standpunkt unmittelbar da. So kommt das Objekt ursprünglich im Bewusstsein vor. Eine Philosophie, die dies leugnet, ist grundlos.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 83


Nota. - Natürlich ist Anschauung überhaupt nicht an sich 'blind'. Wie Wissenschaftslehre ist keine statische, dog-matische Konstruktion aus Begriffen, sondern ein dynamische Darstellung der Entwicklung von Vorstellungen. Gegenüber der elementaren Realität des 'Gefühls' ist die Anschauung nicht blind, sondern erscheint der Refle-xion als 'Bild': etwas Sichtbares. Blind ist sie im Vergleich zur nächsthöheren Reflexionsstufe, dem Begriff.
JE



Sonntag, 6. Dezember 2015

Freiheit ist im Reflektieren.


André Kertész, Treppen von Monmartre

Auf die Anschauung Y soll ich reflektieren in X; soll diese Anschauung Y meine sein, so muss ich darauf re-flektieren in Z, auf diese in einer Anschauung V. Dies ist nun wichtig, so gewiss eine freie Anschauung ist, so gewiss ist Anschauung des Ich mit verknüpft. 

Ich schaue mich an als anschauend; dadurch werde ich mir selbst ich [sic]; dies kann nun nicht sein, ohne dass ich mich auch setze als gebunden, denn dadurch erhalte ich erst Haltbarkeit für mich; und so sieht man die Notwendigkeit ein, mit der Anschauung X die Anschauung Y zu verbinden. 

So erhält alles bisher Gesagte erst durch die Freiheit Verständlichkeit und Haltbarkeit: an die Freiheit nur lässt sich etwas anknüpfen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S.  99


Nota. 'Erst durch die Freiheit': Frei ist immer das Reflektieren. Das, worauf reflektiert wird, ist gegeben, ist das, was an (der Tätigkeit des) Ich das Begrenzte und Gebundene ist; und dies auf jeder Stufe der Reflexion neu. Freiheit ist kein Zustand, sondern der Modus des Tätigseins – welcher immer wieder unterbrochen, welches immer wieder aufgehalten wird durch die immer wieder neuen Widerstände von Seiendem.
JE