Dienstag, 30. Juni 2015

Die Verbindung von meiner Welt mit unserer Welt ist der Begriff.



Nach der rationalistischen Auffassung, die bei uns die landläufige ist, werden die Bedeutungen durch die Begriffe konstituiert. Nach Fichte entstehen die Bedeutungen dagegen in der Vorstellung; durch den Begriff werden sie lediglich fassbar und fungibel: können mit anderen verglichen und verknüpft und an Andere weitergegeben werden. Verständiger Verkehr ist nicht ohne Begriffe möglich.

Aber auch keine Kritik. Es sind die Begriffe, in denen meine Welt mit unserer Welt verknüpft ist. Genauer gesagt: Erst durch die Begriffe entsteht unsere Welt. Den Individuen, die zur Welt kommen, begegnet die Welt der Begriffe als Apriori, sie müssen sich darin einrichten. Die Privatwelt der Irren ist nur möglich, weil sie die Geltung der Begriffe ganz oder teilweise leugnen. Ihre Vorstellungen sind ungebunden und unverbindlich.




Montag, 29. Juni 2015

Die Grundform allen Bestimmens ist das sich-selbst-Bestimmen.

M. Ernst

Im ganzen Bewusstsein komme ich nur immer vor als Vermögen. Wir wollten das Bewusstsein der Agilität des Ich ableiten nicht als etwas, das geschehen ist, sondern als etwas unmittelbar Geschehendes. Oben argumen- tierten wir so: Ich finde meine eigene physische Kraft als bewegt; durch sie hindurch erblicke ich ein Objekt als Resultat meiner Kausalität; aber wie wird die physische Kraft die meinige? 

Ich beziehe diese Bestimmtheit derselben auf mein Selbstbestimmen, welches ich voraussetze als Erklärungs- grund. Demnach entsteht die höhere Frage: Wie werde ich mir meines Selbstbestimmens bewusst? Dies haben wir zuletzt erörtert.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 205






Sonntag, 28. Juni 2015

Ich dauert.


Bernd Kasper, pixelio.de

Ich kann – dies liegt in meinem Denken – von dem einen Prädikate zu dem andern nicht fortgehn, sie nicht zueinander zählen und sammeln, ohne etwas Daurendes, welchem diese Prädikate insgesamt zukommen, voraus zu setzen; es eben gerade durch dieses Denken zu erzeugen: ob ich [es] gleich, eben weil ich es dem Zusammenhange und den Gesetzen des Denkens nach mit Notwendigkeit erzeuge, nicht für mein Produkt ansehe.   
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 170]



Samstag, 27. Juni 2015

... wie der Begriff der Bestimmtheit überhaupt erst entsteht.


Auf diesem Suchbild ist ein Frosch zu erkennen.

... es ist wie mit dem Denken des unendlichen Raumes. Hierbei ist die Schwierigkeit: Wie soll ich zur Erkennt-nis der Form kommen, wenn ich sie nicht in etwas Bestimmten schon realisiert gefunden habe? (Gewöhnlich hebt man von bloßer Abstraktion an in der gewöhnlichen Formularphilosophie.) Wie ist Abstraktion möglich ohne vorausgegengenes Konkrete[s]? - 

Dies wird angewandt aufs Selbstbestimmen - gerade dadurch ists möglich, dass die Selbstbestimmung durch die das unendliche Mannigfaltige auffassende Einbildungskraft hindurch erblickt wird, welche hier die Vermitteln-de ist; so werfe ich beim Linienziehen die Linie durch die unendlichen Punkte hindurch. 

Wie uns zumute ist, wenn wir zweifeln oder wählen, ist jedem bekannt; also der Begriff vom Vermögen, zu wollen, liegt drin, es wird aber nicht gewollt; aber wie wird denn nun ein Begriff der Art möglich? Dadurch, dass man / sich in der Deliberation nicht auf eins beschränkt; dies muss man nur transzendental verstehen, die Vorstellung soll nicht als vorausgesetzt angenommen werden. Es ist allenthalben in der ganzen Sphäre, in der die Einbildungskraft läuft, ein quasi Bestimmen, das immer von einem zum anderen übergehet; es ist eine Bestimmtheit und Unbestimmtheit vereinigt. Hier sehen wir, wie der Begriff der Bestimmtheit überhaupt erst entsteht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 204f.


Nota. - [Obiges ist die unmittelbare Fortsetzung des gestrigen Eintrags.]

Nota II. - Im sich-selbst-Bestimmen kreist die Einbildungskraft gewissermaßen um sich selbst: Sie schwebt. Nichts anderes als dieses Schweben ist das 'Ich'.
JE




Freitag, 26. Juni 2015

Das Ich ist ein Noumen.


wikipedia


Mit diesem Bestimmbaren wird das Ich vereinigt und angesehen als sein Vermittelndes, das bestimmende Ich. Das bestimmende Ich ist etwas einfaches Absolutes, durch bloße Denken produziertes, ein Noumen; darin wird ja nicht gedacht ein sich wirklich bestimmendes ich, da bloß die Form gedacht wird, das bloße Vermögen. 

Dies ist ein sonderbarer Begriff, da sich nicht verstehen lässt, was ein bloßes Vermögen sein könnte, und doch ists im Bewusstsein gedacht; wenn ein Vermögen gedacht wird, wird die bloße Form gedacht, nicht aber ein bestimmtes Handeln dieser Art…
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 204





Donnerstag, 25. Juni 2015

Das Bewusstsein ist gleichsam ein Zirkel.



…das ist das Gesetz unseres Denkens, dass wir dem Mittelpunkt manches anknüpfen, das jetzt angeknüpfte ist ja nicht der Mittelpunkt, sondern etwas durch die Kategorien der Substanzialität und Kausalität angeknüpftes. Man beschreibe erst den Mittelpunkt; dieser ist das sich selbst bestimmende Unmittelbare, nicht durch etwas Anderes hindurch Gesehene. Das Bewusstsein ist gleichsam ein Zirkel, das Intelligible der Mittelpunkt; die Peripherie ist nach notwendigen Gesetzen des Denkens an diesen Mittelpunkt angeknüpft, sie enthält alles Empirische, Sinnliche. 

Wir haben uns jetzt in die Peripherie verloren; nun kehren wir wieder in das Zentrum zurück und zeigen, wie eben solche und keine andere Radien beschreiben werden müssen. In diesem Mittelpunkte ist das Bestimmen durch bloßes Denken mit dem Auffassen des Unendlichen durch die Einbildungskraft unzertrennlich vereinigt, es fällt in einen Akt des Bewusstsein.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 207 





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Mittwoch, 24. Juni 2015

Denkgesetze sind keine Naturgesetze.


f.punkt

Wir können nur nach unseren Denkgesetzen erklären, und nach diesen muss die Antwort auf unsere Frage ausfallen. Unsere / Erklärung ist demnach auch nicht an sich gültig; ...
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 166 


Nota. - Das ist bei Kant nicht in dieser Bestimmtheit ausgesprochen: dass die Gesetze unseres Denkens nicht zugleich die Gesetze sind, nach denen die Welt sich dreht. Es wäre ja nur möglich, wenn ein gemeinsamer Schöpfer es so eingerichtet hätte. Das ist allerdings der Grund-Satz des Rationalismus. Da man aber nichts darüber wissen kann, müsste man es glauben. 

Descartes hat aus dieser dogmatischen Prämisse seiner Philosophie kein Hehl gemacht. Kant hat daraus ein Hehl gemacht, und eben darum können wir darüber nichts wissen; ich glaube es aber.
JE



Dienstag, 23. Juni 2015

Das sich-selbst-Bestimmen ist unbegreiflich.


Polyklet

Was ist dieses Bestimmte* selbst? Willkürlich als bloßer Akt gesehen. Hier mangelt die Sprache. Sagt man: Es ist ein Beschränken unserer selbst, i. e. unserer Reflexion von dem Mannigfaltigen auf ein einzelnes Bestimmte[s], so habe ich ja das Produkt der Einbildungskraft mit in der Definition. Welches auch nicht wegzuschaffen ist. 

Wir können unser Bestimmen nur denken als ein Übergehen oder Schweben zwischen mehreren Entgegen- gesetzten. Nun sollen wir aber diese Tätigkeit ohne Rücksicht auf das beide Entgegengesetzte [sic], zwischen dem sie schwebt, beschreiben. Um dies zu tun, müssten wir ganz andere Denkgesetze haben, oder unser Satz müsste falsch sein. 

Es ist also dieses nicht zu leisten, und wir müssen verfahren, wie wir mit jeder Idee verfahren, wir beschreiben nämlich nur das Gesetz, nach dem dieser Begriff zustande kommen müsste. Wir sagen: Sollte die bloße Bestimmung gedacht werden, so müsste das Bestimmbare weggedacht werden. Dies ist nicht möglich, denn dann müsste die bloße Ichheit oder das sich selbst Fassen und Ergreifen gedacht werden, und schon in den letzteren Ausdrücken ist schon [sic] sinnliche Unterscheidung des Ergreifenden vom Ergriffenen. So spricht man z. B. oft von einem unendlichen Raume, da dieser doch undenkbar ist und man sich bloß die Regel denkt, nach der er beschreiben werden müsste, nämlich das beständig währende Fortziehen.

Dieses sich Bestimmen ist der absolute Anfang alles Lebens und Bewusstseins, eben deshalb ists unbegreiflich, weil unser Bewusstsein immer etwas voraussetzt.

*) [= das durch Selbstbestimmung bestimmte]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 208












Montag, 22. Juni 2015

Das Intelligible ist lediglich Erklärungsgrund.

Blechen, Bau der Teufelsbrücke, Ausschnitt, 1833

Das Reale bedeutet mir das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein. Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt uns das bloß Intelligible. Das Intelligible ist sonach nichts an sich, sondern etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung Vorauszusetzendes. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 167





Sonntag, 21. Juni 2015

Der Begriff bestimmt mein Begreifen.


Das Bestimmte, zu dem übergegangen wird, ist der Begriff eines bestimmten Dinges, aber ich selbst bin auch bestimmt in diesem Begriffe, weil das Quantum dieses Begreifens meinen Zustand ausmacht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 103


Nota. - Nicht nur ich bestimme den Begriff. Der Begriff bestimmt auch mich, indem er das Maß meines Begreifens bestimmt.
JE

Samstag, 20. Juni 2015

Überschießende Einbildung.


Die Möglichkeit des Begriffs wurde nur gezeigt unter ge/wissen Voraussetzungen, die wir stillschweigend machen mussten und konnten.

Wir sind so verfahren: Ich bin ursprünglich praktisch beschränkt; daraus entsteht ein Gefühl; ich bin aber nicht bloß praktisch, sondern auch ideal. Die ideale Tätigkeit ist nicht beschränkt, folglich bleibt Anschauung übrig. Gefühl und Anschauung sind miteinander verknüpft. Im Gefühl muss eine Veränderung stattfinden, das ist die Bedingung des Bewusstseins. Ich bin in der Beschränktheit beschränkt,* werde also auch in der Anschauung Y beschränkt; aus jeder Beschränktheit entsteht ein Gefühl, also müsste auch hier ein Gefühl entstehen, das Gefühl eines Denkzwangs, und mit diesem Anschauung meiner selbst. Eine Anschauung, in der das Anschauende selbst gesetzt wird, die auf das Anschauende bezogen wird, heißt ein Begriff vom Ding, hier von Y.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 101f.

*) [indem die an sich unbeschränkte ideale Tätigkeit auf die Beschränktheit der realen Tätigkeit notwendig reflektiert. JE]


Nota. - Im Gefühl, nämlich wenn sie auf Sinnliches stößt, ist die Einbildungskraft beschränkt; sie muss sich an das halten, was sie vorfindet. In der Reflexion - Anschauung ist die allererste Reflexionsstufe - ist die Einbil- dungskraft nicht beschränkt, sie kann über das Angetroffene hinausgehen. Es entsteht ein Überschuss.

Was nun hat es mit dem 'Denkzwang' auf sich? Wo die Anschauung an die Stelle stößt, die der realen Tätigkeit ein Gefühl mitteilt - also an den Gegenstand Y -, da entsteht auch ihr ein Gefühl ("Selbstaffektion"), nämlich ein Denkzwang, sie muss sich den Gegenstand so vorstellen und nicht anders; aber sie muss dort nicht stehenbleiben und schießt darüber hinaus.

Die so sehr abstrakte Diktion Fichtes ist, wenn man es ernstlich ausprobiert, bildhafter und 'anschaulicher', als ihr nachgesagt wird
JE







Begreifen ist Übergehen von einer gewissen Unbestimmtheit zu einer gewissen Bestimmheit.



...wie komme ich dazu zu sagen: alles ist mein Begriff?

Das Ich war bisher das Fühlende, es müsste auch das Begreifende sein; der Begriff müsste mit dem Gefühle notwendig vereinigt sein, so dass eins ohne das andre kein Ganzes ausmachte. Im Selbstgefühl ist Gefühl und Begriff vereinigt. Ich bin gezwungen, die Dinge so anzusehen, wie ich sie ansehe, wie ich mich selbst fühle, so fühle ich diesen Zwang in mir.

So ist bisher das Ich als das Begreifende selbst begriffen oder angeschaut worden, wir wollen jetzt weiter gehen: Ich kann mich als Ich nur setzen, in wiefern ich mich [als] tätig setze. - Da das Gefühl nur Beschränkung sein soll, so kann ich mich als Ich nicht fühlen, wenn nicht noch eine andre Tätigkeit hinzukommt. Mithin lässt sich aus dem Gefühle allein das Bewusstsein  nicht erklären, also müsste ich mich in dem Begriff Y setzen als tätig: Das Ideale gibt sich dem Gefühle hin; wie / dies zugehe, ist besonders der Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung.

Ich setze mich als Ich heißt: ich setze mich als tätig. Das Materiale der Tätigkeit (was dabei angeschaut wird) ist ein Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. (Das Formale ist die Selbstaffektion, das gehört nicht hie[r]her.) Das Ich soll hier im Begriffe tätig gesetzt werden, als von einer gewissen Unbestimmtheit zu einer gewissen Bestimmheit übergehend.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 102f. 







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Freitag, 19. Juni 2015

Was heißt verstehen oder begreifen?


Zuvörderst - was heißt verstehen oder begreifen? Es heißt festsetzen, bestimmen, begrenzen. Ich habe eine Erscheinung begriffen, wenn ich ein vollständiges Ganzes der Erkenntnis dadurch erhalten habe, das allen seinen Teilen nach in sich begründet ist; wen jedes durch alles und alles durch jedes einzelne begründet oder erklärt wird. Dadurch erst ist es vollendet und begrenzt. 
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Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 77


Nota. - Das ist sein analytisch-synthetisches Verfahren: das Uhrwerk erst auseinandernehmen und dann nach dem eingesehenen Plan wieder zusammensetzen.
JE






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Donnerstag, 18. Juni 2015

Zwischen anschauen und denken steht der Begriff.

ebay
Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32


Die Scheidelinie zwischen den beiden markiert der Begriff. Und zwar nicht, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle anderen in derselben Situation; sondern sobald ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung gefasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar ;geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die vertrüge nämlich keine (Re-) Konstruktionsvorschrift.

PS. Empirisch handelt es sich wohl um den Akt der Digitalisierung. Jedoch: Die Transzendental- philosophie beschreibt nicht einfach, was geschieht, sondern will seinen Sinn deuten. Das ist kein bloßes Übersetzen aus der einen Sprache in die andere. Es ist - übrigens in beiden Richtungen - mehr als das.





Mittwoch, 17. Juni 2015

Von vorn betrachtet und von hinten.

 
Stefan Zerfaß  / pixelio.de

Inwiefern man jene letzten Resultate des Idealismus ansieht, als solche, als Folgen des Raisonnements, sind sie das a priori, im menschlichen Geiste; und inwiefern man ebendasselbe, falls Raisonnement und Erfahrung wirklich übereinstimmen, ansieht, als in der Erfahrung gegeben, heisst es a posteriori. Das a priori und das a posteriori ist für einen vollständigen Idealismus gar nicht zweierlei, sondern ganz einerlei; es wird nur von zwei Seiten betrachtet, und ist lediglich durch die Art unterschieden, wie man dazu kommt. Die Philosophie anticipirt die gesammte Erfahrung, denkt sie sich nur als nothwendig, und insofern ist sie, in Vergleich mit der wirklichen Erfahrung, a priori. A posteriori ist die Zahl, inwiefern sie als gegebene betrachtet wird; a priori dieselbe Zahl, inwiefern sie als Product aus den Factoren gezogen wird. Wer hierüber anders meint, der weiss selbst nicht, was er redet. .../.../

Der Chemiker setzt einen Körper, etwa ein bestimmtes Metall, aus seinen Elementen zusammen. Der gemeine Mann sieht das ihm wohl bekannte Metall; der Chemiker die Verknüpfung des Körpers und der bestimmten Elemente. Sehen denn nun beide etwas anderes? Ich dächte nicht; sie sehen dasselbe, nur auf eine andere Art. Das des Chemikers ist das a priori, er sieht das Einzelne: das des gemeinen Mannes ist das a posteriori, er sieht das Ganze. – Nur ist dabei dieser Unterschied: der Chemiker muss das Ganze erst analysiren, ehe er es componiren kann, weil er es mit einem Gegenstande zu thun hat, dessen Regel der Zusammensetzung er vor der Analyse nicht kennen kann; der Philosoph aber kann ohne vorhergegangene Analyse componiren, weil er die Regel seines Gegenstandes, die Vernunft, schon kennt.
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Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, S. 447; 449


 

Dienstag, 16. Juni 2015

Das Ich ist frei, indem es sich befreit.

Univers-cité 

Die Freiheit, oder was das gleiche heisst, das unmittelbare Handeln des Ich, als solches, ist der Vereinigungspunct der Idealität und Realität. Das Ich ist frei, indem und dadurch, dass es sich freisetzt, sich befreit: und es setzt sich frei, oder befreit sich, indem es frei ist. Bestimmung und Seyn sind Eins; Handelndes und Behandeltes sind Eins; eben indem das Ich sich zum Handeln bestimmt, handelt es in diesem Bestimmen; und indem es handelt, bestimmt es sich.

Das Ich kann sich nicht durch Reflexion als frei setzen, dies ist ein Widerspruch, und auf diesem Wege könnten wir nie zu der Annahme kommen, dass wir frei seyen; aber es eignet sich etwas zu, als Product seiner eigenen freien Thätigkeit, und insofern setzt es sich wenigstens mittelbar als frei.
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Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische VermögenSW Bd. I, S. 371 


Montag, 15. Juni 2015

Sich setzen und sich voraus-setzen.

nach Magritte
  
Dein Ich kommt lediglich durch das Zurückgehen deines Denkens auf dich selbst zu Stande, wurde behauptet. In einem kleinen Winkel deiner Seele liegt dagegen die Einwendung, – entweder: ich soll denken, aber ehe ich denken kann, muss ich seyn; oder die: ich soll mich denken, in mich zurückgehen; aber was gedacht werden soll, auf welches zurückgegangen werden soll, muss seyn, ehe es gedacht oder darauf zurückgegangen wird. 

In beiden Fällen postulirst du ein von dem Denken und Gedachtseyn deiner selbst unabhängiges, und demselben vorauszusetzendes Daseyn deiner selbst; im ersten Falle als des Denkenden, im zweiten als des Zu-Denkenden. Hierbei sage mir vorläufig nur dies: wer ist es denn, der da behauptet, dass du vor deinem Denken vorher gewesen seyn müssest? Das bist ohne Zweifel du selbst, und dieses dein Behaupten ist ohne Zweifel ein Denken; / und, wie du noch weiter behauptest, und wir dir mit beiden Händen zugeben, ein nothwendiges, in diesem Zusammenhange dir sich aufdringendes Denken. Du weisst doch hoffentlich von diesem vorauszusetzenden Daseyn nur insofern, inwiefern du es denkst; und dieses Daseyn des Ich ist sonach auch nichts mehr, als ein Gesetztseyn deiner selbst durch dich selbst. 

In dem Factum, das du uns aufgezeigt hast, liegt sonach, wenn wir es scharf genug ansehen, nichts mehr, als dies: du musst deinem gegenwärtigen, zum deutlichen Bewusstseyn erhobenen Selbst-Setzen ein anderes solches Setzen, als ohne deutliches Bewusstseyn geschehen, voraus denken, worauf das gegenwärtige sich beziehe und dadurch bedingt sey.
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Versuch einere neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 524f.





Sonntag, 14. Juni 2015

Das Ich "konstituiert" sich nicht.

lichtkunst.73, pixelio.de 

Anlässlich des zweihundertsten Todestages von Fichte wurde an der Berliner Humboldt-Universität von einer "Aktualität der Wissenschaftslehre" geredet. In den Eingangsbeiträgen ging es darum, wie weit sich gegen- wärtige Diskussionen zwischen amerikanischen 'Analytikern' und 'Pragmatisten' der Fichte'schen Lehre von der Konstituierung des Ich annäherten. Ganz einig waren sich die beiden Referenten nicht, aber es wurde auch nicht recht klar, wo genau die verbleibenden Differenzen zu Fichte liegen.

Auf dem Weg, den sie eingeschlagen hatten, konnten sie sich freilich weder einigen noch Klarheit schaffen. Denn in der Wissenschaftslehre "konstituiert" sich das Ich überhaupt nicht. Nämlich nicht so, dass es nach dem Konstitutionsakt "ist" und bleibt (dann würde es Substanz). Das transzendentale Ich ist nicht, sondern wird lediglich gedacht als Subjekt-Objekt der grundlegenden 'Tathandlung'. Real ist allein die Tätigkeit, nur sie gibt Anschaung und Empfindung, ein Ich wird nicht sichtbar noch fühlbar, es wird nicht erfahren, sondern "erscheint" lediglich der von Fichte so genannten 'intellektuellen Anschuung' im Vollzug der Handlung selbst - und dies nicht 'von allein', sondern als Akt freier Willkür - und wird ausdrücklich nur "dem Philosophen" zugemutet.* Das transzendentale Ich ist kein Realgrund, sondern lediglich Erklärungsgrund für ein tatsäch- liches Handeln.

Doch auch "als Idee" wird sich das Ich nie und nimmer konstituieren. Denn als Idee ist es lediglich das Vernunftwesen, das nie etwas anderes ist als vernünftig, und insofern ein Ideal, das nie erreicht werden wird und an das man sich lediglich "unendlich" annähern kann (ob oder inwiefern man das aber soll, ist wiederum ein Problem).

Und ob sich die Formulierung, wonach ein Ich sich "konstituiert", für die Beschreibung der empirischen, historischen Person eignet, hätten Psychologen und Neurowissenschaftler ohne Beteiligung der Philsophie unter sich auszumachen.

*) Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, 5. Abschnitt, S. 463 



Nota. - Das Ich ist ein Noumenon und kann sich schlechterdings nicht konstituieren. Was allenfalls 'konstituiert', nämlich konstruiert werden könnte, ist das gesamtes System der Wissenschaftslehre - aber nicht 'durch sich selbst', sondern durch den Philosophen, der ein allgemeines Modell dessen entwirft, was unter Vernunft versanden werden soll.

19. 2. 2017




Samstag, 13. Juni 2015

Sittlichkeit ist ohne Begriffe.


Franz Xaver Messerschmidt 

Er sagt: Ist das sittliche Gefühl von der Bildung der Vernunft nicht abhängig? /... Ich antworte ohne weiteres: So wie er die Begriffe nimmt, keineswegs. Die Vernunft, von der er hier redet, ist die theoretische, [die] des Erkenntnisvermögens. Dies sagt aus nur, daß und wie etwas sei: Von einem Handeln, einem Handelnsollen, einem Postulate liegt in ihr schlechterdings nichts, und ich möchte den Künstler sehen, der mir so etwas herausanalysierte, wenn er es nicht erst hineinlegt.
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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 140]


Nota. - Das ist denkbar unmissverständlich. Es sei aber nicht verschwiegen, dass er sich eine Hintertür offenlässt: wenn man nämlich die Begriffe anders "nimmt". Würde man etwa den 'Endzweck der Vernunft' als den Oberbegriff nehmen, der allen anderen ihre Gültigkeit zuteilt, dann möchte es möglich sein, auch die Sittlichkeit der 'Vernunft' unterzuordnen - und sie in Begriffe zu fassen. In dem Maße, wie F. stets zwischen einer kritischen und einer dogmatischen Auffassung der Vernunft schwankt, ist er immer wieder mal versucht, die Sittlichkeit - das Rechttun hier und jetzt - der Vernunft einzuverleiben und zu unterwerfen. 
JE



Freitag, 12. Juni 2015

Begriff ist Tätigkeit - als Ruhe aufgefasst; II.



Man nennt die innere Thätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den Begriff...

Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst; und so verhält es sich auch mit dem Begriffe des Ich. Die in sich zurückgehende Thätigkeit als feststehend und beharrlich aufgefasst, wodurch sonach beides, Ich, als Thätiges, und Ich, als Object meiner Thätigkeit, zusammenfallen, ist der Begriff des Ich. 


Im gemeinen Bewusstseyn kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser Bewusstseyn, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusstseyn der Anschauung erhebt man sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und jede Anschauung mit Bewusstseyn bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit die Richtung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem besonderen Falle, das Object der Anschauung /vor der Anschauung vorher daseyn soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung sieht man, dass dieser nichts anderes sey, als die Anschauung selbst, nur nicht als solche, als Thätigkeit, sondern als Ruhe aufgefasst. 
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Versuch einere neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 533f. 



Nota. - Die Anschauung nicht als Tätigkeit, sondern 'in ihrer Ruhe aufgefasst', sollte man eher Vorstellung nennen; denn zum eigentlichen Begriff werden sie erst, wenn sie mit allen denkbaren anderen Vorstellungen in einen gemeinsamen Verweisungzusammenhang gefügt werden - was E. Cassirer ein Symbolnetz nennt.
JE, im März 2014 





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Donnerstag, 11. Juni 2015

Tätigkeit, als Ruhe angeschaut, heißt Begriff.



Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, / in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes, es bleibt keine Tätigkeit mehr, sondern ein Produkt, aber nicht etwa ein anderes Produkt als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor dem Vorstellen des Ich vorherging; sondern bloß das Handeln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert; so etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32f. 


Nota: - 'Als ruhend' heißt: außerhalb des Zeitverlaufs; bloß im Raum heißt: als reine Form der Tätigkeit. - Es ist überhaupt nur dieses Vermögen, ein Tun 'als ruhend', als bloße Form aufzufassen und zum Begriff zu bilden, das die Vorstellung von einem An sich denkbar werden ließ.
JE




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Mittwoch, 10. Juni 2015

Vorstellung kommt vor dem Begriff.


myheimat.de

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich in demselben Moment und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine Anschauung [rück]beziehen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 33
[Rechtschreibung angepasst]



Nota. - Die Wissenschaftslehre hat zum Gegenstand das uns heute gegebene System des Wissens. Dieses will sie verstehen: zurückführen auf seine immanenten Prämissen. Sie beschreibt nicht, wie dieses System in der historischen Wirklichkeit entstanden ist. Entstehen konnte es nur, indem aus den wirklich vorkommenden Vorstellungen progressiv alles für die Systembildung Unbrauchbare ausgeschieden wurde. Es ist Material einer historischen Darstellung. In einer Darstellung des fertigen Systems hat es nicht zu suchen.

Der gegenwärtige Teilhaber dieses Systems - einer 'Reihe vernünftiger Wesen' - kann nicht anders, als seine Vorstellungen mit dem ihm als Apriori gegebenen System ins Verhältnis zu setzen: Seine Vorstellungen drängen zum Begriff. Dass sie von ihm "unzertrennlich" wären, trifft aber nur in der einen Richtung zu: Die Begriffe sind von den in ihnen gefassten Vorstellungen unzertrennlich. Doch nicht gilt die Umkehrung. Nicht jede Vorstellung bedarf ihrer Bestimmung; sondern nur diejenige, die mit den Andern (='vernünftigen Wesen') geteilt werden soll. Was ich ganz für mich behalten darf, mag unbestimmt und begriffslos bleiben.

In einer historischen Darstellung müsste gezeigt werden, dass und wie die Vorstellungen zu Begriffen erst wurden - durch progressives Ausscheiden des Unbrauchbaren im Verkehr.
JE 


Dienstag, 9. Juni 2015

Noch einmal: logisch, historisch, genetisch.



Dem heute, in geschichtlicher Zeit Denkenden erscheint das Reich des Logischen als gegeben: vollständig und auf einmal. Was darin allenfalls als Zeit vorkommt, ist das, was er selber braucht, um alle die möglichen Schlüs- se 'nach-zu-vollziehen'; aber an sich waren sie vor ihm da, immer und ewig.

Tatsächlich ist es jedoch über die Jahrhunderttausende von vielen Generationen durch viele Versuche und Irr- tümer und durch Auslese des Tauglichsten zusammengetragen worden; und wird immer noch zusammenge- tragen. 

Angefangen haben sie mit animistischen Vorstellungen, nach denen sie alles, was ihnen begegnete, so auffass- ten, als wäre es irgendwie ihresgleichen. Der Mythos brachte Ordnung und Hierarchie in das Gewimmel; bis die Philosophen den Grundstein zur Wissenschaft legten. - Die Geschichte der Philosophie verhält sich dazu wie ein entferntes Wetterleuchten. 

Ganz etwas anderes ist es, heute dieses Reich von seinen ersten Anfängen neu errichten zu wollen. So, wie es bis heute geworden ist, hat es Animismus und Mythos nicht zu seinen Voraussetzungen, sondern deren Überreste sind Fremdkörper geworden, die es wo immer möglich auszuscheiden gilt. Die Sätze der Logik dagegen gelten alle zugleich und auf einmal. Man kann keinen auf dem anderen aufbauen. Sie gelten schlechterdings und erklä- ren gar nichts. 

Wer den Grund ihrer Geltung verstehen will, muss ihn nicht im System selber suchen, sondern bei dem, der es errichtet hat - und der Absicht, die er dabei im Sinn gehabt haben mag. Er muss nach einem absoluten Subjekt suchen, das außer sich selber Nichts zu seiner Voraussetzung hat. Namentlich keinen Begriff und keine Logik, die müsste es allererst aus sich hervorbringen. Was also müsste es tun, um zu Begriffen und den Regeln ihrer Ver- knüpfung zu gelangen? 

Dieses Verfahren ist nicht logisch und nicht historisch, sondern genetisch. In der historischen Realität war das absolute Subjekt ein Collectivum, und welche Voraussetzungen ihm alle vorgeschwebt haben mögen, können wir allenfalls ahnen. Davon müssen und dürfen wir aber abstrahieren.

Wozu man eine solche genetische Rekonstruktion des Systems unseres wirklichen Wissens brauchen kann, müsste man freilich klären, bevor man sich an die Arbeit macht. (Eigentlich ist es die Frage, wozu man über- haupt etwas wissen will.)