Samstag, 28. Februar 2015

Im Denken steht alles, nur die Einbildung fließt.



Die Einbildungskraft und ihre ganze Funktion ist bloß, die Möglichkeiten des Handelns des Ich in seinem Bestimmen anzusehen. Im Denken ist kein Fließen, da ist lauter Stehen, bloß in der Einbildungskraft ist die Basis alles Bewusstseins, soll das / Bewusstsein dieses Fließen sein. Der Anfang des Bewusstseins muss also bloß durch Einbildungkraft geschehen. 

Man kann jetzt sagen, das Setzen des Ich geschieht als Vereinigung  eines Denkens und einer Anschauung. ... Dieses entsteht dadurch, dass Einbildungskraft und Denken vereinigt werden, so dass das Reale und Ideale vereinigt werden; lediglich in dieser Vereinigung wird das Ich erzeugt; Denken und Einbildung kann nicht abgesondert sein, weil sonst kein Ich wäre.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 208f.





Freitag, 27. Februar 2015

Die Sprache kann das Tätigsein selbst nicht fassen.



Was ist dieses Bestimmen selbst? Willkürlich als bloßer Akt angesehen. Hier mangelt die Sprache. Sagt man: es ist ein Beschränken unserer selbst, i. e. unserer Reflexion von dem Mannigfaltigen auf ein einzelnes Bestimm- te[s], so habe ich ja das Produkt der Einbildungskraft mit in der Definition. Welches auch nicht wegzuschaffen ist. 

Wir können unser Bestimmen nur denken als ein Übergehen oder Schweben zwischen mehreren Entgegenge- setzten. Nun sollen wir aber diese Tätigkeit ohne Rücksicht auf [die beiden Entgegengesetzten], zwischen [denen] sie schwebt, beschreiben. Um dies zu tun, müssten wir ganz andere Denkgesetze haben, oder unser Satz müsste falsch sein. Es ist also dieses nicht zu leisten. Wir müssten hier verfahren, wie wir mit jeder Idee verfahren, wir beschreiben nämlich bloß das Gesetz, nach dem dieser Begriff zustande kommen müsste. 

Wir sagen: Sollte die bloße Bestimmung gedacht werden, so müsste das Bestimmte weggedacht werden. Dies ist nicht möglich, denn dann müsste die bloße Ichheit und das sich-selbst-Fassen und -Ergreifen gefasst werden, und schon in den letzteren Ausdrücken ist schon [sic] sinnliche Unterscheidung des Ergreifenden von dem Ergriffenen. So spricht man zum Beispiel oft von einem unendlichen Raume, da dieser doch undenkbar ist und man sich bloß die Regel denkt, nach der er beschrieben werden müsste, nämlich das beständigwährende Fortziehen.

Dieses sich-Bestimmen ist der absolute Anfang alles Lebens und Bewusstseins, eben deshalb ists unbegreiflich, weil unser Bewusstsein immer etwas voraussetzt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 208






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Donnerstag, 26. Februar 2015

Das Ganze ist nichts als die Verhältnisse, oder: Real und ideal.


Jean Tinguely, Heureka

Das Ganze ist nichts als Verhältnisse, und doch soll es etwas werden. Dies liegt in der Natur der idealen Tätigkeit, und dieses ihr produktives Vermögen zu erörtern ist unser vorzüglichstes Geschäfte; z. B. dass Materie im Raume ausgedehnt sei und dass diese nichts sei als das Verhältnis auf unsere Empfindung.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 90 


Nota. - Die Einbildungskraft findet im Nichtich ihren Gegenstand. Sie wird durch ihn eingeschränkt und wird insofern reale Tätigkeit. Doch die Einbildungskraft ist unendlich und geht darüber hinaus; zum einen wendet sie sich auf die Beschränkung der realen Tätigkeit durch den Gegenstand und heißt insofern Reflexion. Zum andern bleibt immer ein Überschuss an Einbildungskraft. Sie schafft Noumene, bloße Gedanken, und Ideen, die ihr immerhin eine Richtung weisen. 

Ein solches Noumenon ist 'das Ganze'. Es ist ein rein idealer Gegenstand. In der Wirklichkeit, dort, wo die Tätigkeit real ist und gegenständlich, findet sie immer nur Verhältnisse. (Das Ganze ist das Paradox einer vollendeten Unendlichkeit.)

Das ästhetische Erleben ist das Paradox der idealen Tätigkeit, sofern es sich selbst für real nimmt. Es nimmt die Erscheinung als ein Ganzes und sieht von ihren Verhältnissen ab. Genauer: Wo es Verhältnisse in den Blick nimmt, fasst es sie selber als eine Erscheinung auf.
JE










Mittwoch, 25. Februar 2015

Nur was sich anschauen lässt, ist etwas.



Etwas ist, das anschaubar ist. Etwas und Anschauung sind Wechselbegriffe.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 55







Dienstag, 24. Februar 2015

Wie Einbildungskraft zur Vernunft kommt.


Elbe/Havel

Zur Vernunft wird die Einbildungskraft in dem Maße, wie ihre Produkte sich mit den Produkten der Einbil- dungskraft der 'Reihe vernünftiger Wesen' zu einer Welt vergesellschaften; nicht kumulativ ansammeln, sondern reduktiv vereinigen.

Aber ob oder ob nicht, weiß man erst nachher; es muss sich erweisen.





Montag, 23. Februar 2015

Die Wissenschaft, die Natur und die Überwindung der Arbeit.



Im Andrange der Not zuerst geweckt, soll späterhin besonnener und ruhig die Wissenschaft eindringen in die unverrückbaren Gesetze der Natur, die ganze Gewalt dieser Natur übersehen und ihre möglichen Entwicklun- gen berechnen lernen, soll eine neue Natur im Begriffe sich bilden und an die lebendige und tätige eng sich anschmiegen und auf dem Fuße ihr folgen. Und jede Erkenntnis, welche die Vernunft der Natur abgerungen, soll aufbehalten werden im Laufe der Zeiten und Grundlage neuer Erkenntnis werden für den gemeinsamen Verstand unseres Geschlechts. 

So soll die Natur immer durchschaubarer werden bis in ihr geheimstes Innere, und die erleuchtete und durch ihre Erfindungen bewaffnete menschliche Kraft soll ohne Mühe dieselbe beherrschen und die einmal gemachte Eroberung friedlich behaupten. Es soll allmählich keines größeren Aufwandes an mechanischer Arbeit / bedür- fen, als ihrer der menschliche Körper bedarf zu seiner Entwicklung, Ausbildung und Gesundheit, und diese Arbeit soll aufhören, Last zu sein - denn das vernünftige Wesen ist nicht zum Lastträger bestimmt.
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System der Sittenlehre..., SW Bd. IV, S. 268f.





Sonntag, 22. Februar 2015

Aber was heißt das: frei sein?


Zeus of Artemision

Aber was heißt das: frei sein? Offenbar, die gefassten Begriffe seiner Handlung ausführen können. /...

Die Person ist frei, heißt nach obigem: Sie wird lediglich durch das Entwerfen eines Begriffes vom Zwecke, ohne weiteres, Ursache eines genau diesem Zwecke entsprechenden Objektes;* sie wird lediglich durch ihre Willen als solchen Ursache; denn einen Begriff vom Zwecke entwerfen heißt: wollen.
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System der Sittenlehre..., SW Bd. IV, S. 51;  59

*) hier noch: Objekt der Vorstellung, JE.


Nota. - Freiheit ist nicht die Bedingung des Willens; wollen ist die Voraussetzung der Freiheit. 
JE




Freitag, 20. Februar 2015

Sein wunder Punkt.


nach stylen

So ist die Vernunft selbst bestimmend ihre Tätigkeit; aber eine Tätigkeit bestimmen, oder praktisch sein, ist ganz das- selbe. - In einem gewissen Sinne ist es von jeher der Vernunft zugestanden worden, dass sie praktisch sei; in dem Sinne, dass sie die Mittel für irgend einen außer ihr, etwa durch unser Naturbedürfnis oder unsere freie Willkür, gegebenen Zweck finden müsse. In dieser Bedeutung heißt sie technisch-praktisch. Von uns wird behaup- tet, dass die Vernunft schlechthin aus sich selbst und durch sich selbst einen Zweck aufstelle; und insofern ist sie schlechthin praktisch. Die praktische Dignität der Vernunft ist ihre Absolutheit selbst; / ihre Unbestimmtheit durch irgend etwas außer ihr und vollkommene Bestimmung durch sich selbst. 

Wer diese Absolutheit nicht anerkennt - man kann sie nur in sich selbst durch Anschauung finden -, sondern die Vernunft für ein bloßes Räsonnier-Verfahren hält, welchem erst Objekte von außen gegeben werden müss- ten, ehe es sich in Tätigkeit versetzen könne, dem wird es immer unbegreiflich bleiben, wie sie schlechthin praktisch sein könnte, und er wird nie ablassen zu glauben, dass die Bedingungen der Ausführbarkeit des Ge- setzes vorher erkannt sein müssten, ehe das Gesetz angenommen werden könne.
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System der Sittenlehre..., SW Bd. IV, S. 57f.


Nota. - Fichtes dogmatische Wendung beruhte nicht auf einem (theoretischen) Grund, sondern auf einem (praktischen) Motiv. Daran hatte Jacobi appelliert, nachdem er ihm seine philosophischen Gründe konzediert hatte. Den fruchtbaren Boden fand er in Fichtes ambivalenter Vorstellung von der Vernunft - in der ihrerseits zwei widerstreitende praktische Motive wirksam waren: hier das ewig nur sich selbst verantwortliche Ich, da die Unbedingtheit der sittlichen Pflicht.  

Und es war anzunehmen, dass sich die Schwierigkeit, diese beiden miteinander zu vereinen, in der Sittenlehre spezifizieren müsste. Das Sittengesetz selber gebietet immer nur konkret: hic et nunc und unmittelbar. Allge- meinplätze alias Gesetze sind ihm völlig fremd, woher hätten sie ihm kommen sollen? - Aber ein Maß soll es ja wohl haben. Hinter ihm kann es keines geben. Also muss es vor ihm liegen. Ein Begriff kann es nicht sein, denn das wäre ein Abstraktum. Es soll aber anschaulich sein, anders wäre es nicht unmittelbar. 

Die Lösung liegt "anschaulich"auf der Hand: Das Maß ist nicht logisch, sondern ästhetisch. Wenn das, was ich hier und jetzt tun soll, schlechterdings geschehen soll, dann unterliegt es keinem Anderen, Höheren. Es hat keinen Zweck, es ist sich selber Zweck genug; und so ist nur das Ästhetische.

Das aber war Fichte (noch) nicht genug, als er eine Sittenlehre schrieb (denn dann hätte er sie abgebrochen). Ich meine, früher oder später wäre ihm nichts anderes übriggeblieben - wäre nicht der Atheismusstreit dazwischen- gekommen. Da er einen Schöpfergott verworfen hatte, konnte er sich der Versuchung des Atheismus nur er- wehren, wenn er wenigstens eine göttliche Weltregierung oder doch immerhein den vernünftigen Glauben daran postulierte.

Und da zeitigte nun die Sittenlehre einen bizarrer Einfall. Das Gewissen allein hat ihm als Garant eines sittlichen Lebens dann doch nicht gereicht, er muss ein schwereres Kaliber auffahren. Erst werden die gedachten - nicht die realisierten - Folgen der unendlichen Reihe aller je einzeln gebotenen pflichtgemäßen Taten hochgerechnet zu einem idealen Zustand vollendeter Sittlichkeit. Dann wird die kontingente Summe gesetzt als einiger realer Zweck aller wirklichen sittlichen Handlungen, und schließlich wieder heruntergerechnet auf die einzelnen Handlungen als deren keinem Ich je bekannte Einzelzwecke. Aus einer idealen Reihe wird ein reale, und die Vernunft, die real nur bestand als die vereinigte Vernünftigkeit einer Reihe vernünftiger Wesen, wird plötzlich, indem sie einen identischen Zweck erhält, zu einem eigenen Subjekt, die ihren Zweck so verfolgt, als habe sie ihn immer verfolgt - bevor es die Reihe vernünftiger Wesen überhaupt gab. 'Aus unbewusst wird bewusst', könnte ein Spötter sagen; Hokuspokus, sagt der gesunde Menschenverstand.

Es ist nicht anzunehmen, dass ein scharfer Denker wie F. sich einen solchen Taschenspielertrick hätte durch- gehen lassen, wenn die Motive nicht so unvergleichlich stärker gewesen wären als die Gründe. Die Sittenlehre war schon im Handel, als Friedrich Carl Forberg ihm seinen berüchtigten Aufsatz für das Philosophische Journal zukommen ließ, in dem er, von Hans Vaihinger später hochgelobt, die Religion als eine nützliche Veranstaltung zwecks Moralisierung der ungebildeten Masse darstellte. Als eine Art Disclaimer stellte ihm Fichte seinen Auf- satz Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung zur Seite, wo er die Notwendigkeit nicht eines Glaubens an einen persönlichen Gott, sondern eben: des Glaubens an eine göttliche Weltregierung darlegt; aber wohlbemerkt nicht: deren Realität. 

War das atheistisch? Ein frommer Mann würde sagen, ja. Ein Atheist würde sagen, nicht wirklich. Auf jeden Fall zwang der Atheismusstreit Fichte, sich endlich für eine seiner beiden Lesarten der Vernunft zu entscheiden. Er wählte, um nicht als Atheist dazustehen, die dogmatische. 
JE

Donnerstag, 19. Februar 2015

Vernunft, hochgerechnet.




Das ganze System der Vernunft sonach, sowohl in Ansehung dessen, das da sein soll, und dessen, was infolge dieses Sollens als seiend schlechthin postuliert wird, nach der ersteren Gesetzgebung [die das Wollen und Wirken betrifft], als in Ansehung dessen, das als seyend unmittelbar gefunden wird, nach der letzteren Gesetzgebung [die das Vorstellen betrifft], ist durch die Vernunft selbst als notwendig im voraus bestimmt.
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System der Sittenlehre..., SW Bd. IV, S. 58






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Vernunft ist Ich ist Geist ist produktive Einbildungskraft.



Die Vernunft (das Ich) ist in der Anschauung keineswegs leidend, sondern absolut tätig; sie ist in ihr produktive Einbildungskraft.
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Grundlage des Naturrechts..., SV Bd. III, S. 58

Nota. - Vernunft = das Ich; das heißt aber nur: Zu einem Ich wird X erst, wenn es sich als vernünftig bestimmt. - Ihre Energie in der Wirklichkeit ist produktive Einbildungskraft; ist Geist.






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Mittwoch, 18. Februar 2015

Das Absolute gibt es nur als Horizont der idealen Tätigkeit.



Fichtes dogmatische Wendung bestand darin, dass er in der Bestimmung des Menschen ein Real-Absolutes postu- liert und in allen späteren Darstellungen zum Ausgangspunkt der Wissenschaftslehre gemacht hat - die damit in mancher Hinsicht in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Das einzig Absolute, das die ursprüngliche kritische und transzendentalphilosophische Wissenschaftslehre kennt, wäre, um in Fichtes Diktion zu bleiben, die Grenzlinie der idealen Tätigkeit, die sie aber, da sie frei und unendlich sein soll, niemals erreichen kann, weil sie dann erschöpft wäre. Sie kann auch darauf nicht reflektie- ren, weil es dazu Gegenstand der realen Tätigkeit werden müsste, womit es aufhörte, absolut zu sein

Das Absolute ist wie der Horizont, der sich im selben Maß entfernt, wie man ihm näher kommt. Es ist kein Fluchtpunkt, sondern eine Linie, die den ganzen Gesichtskreis durchzieht.

Es ist das Überschießen der Einbildungskraft.







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Dienstag, 17. Februar 2015

Fichtes zwiespältiges Verhältnis zur Vernunft.

Стариков

Fichtes philosophische Laufbahn zerfällt - das ist das treffende Wort - in die ursprüngliche Wissenschaftslehre, die als echter durchgeführter Kritizismus die Kant'sche Transzendentalphilosphie vollenden sollte, und eine transzendentaldogmatische Hybride, die er nach dem Atheismusstreit gelehrt hat. Das Kuriosum: Er hat bis ans Lebensende darauf bestanden, allezeit Dasselbe vertreten zu haben. Und tatsächlich findet man in seinem Werk keine Stelle, wo er an dem entscheidenden Punkt - dem realen Absoluten - einfach kehrtgemacht hätte. So dass zu vermuten ist, der Ansatz zur späteren dogmatischen Wende sei in der ursprünglichen, transzendentalen Wissenschaftslehre irgendwo bereits angelegt gewesen.

Dem Antiaufklärer und Glaubensphilosophen Friedrich Heinrich Jacobi kommt das Verdienst zu, den Finger haargenau auf den wunden Punkt gelegt zu haben: Es war seine Auffassung von der Vernunft, die Fichte gegen die Einrede des Dogmatikers wehrlos gemacht hat. Richtiger gesagt, es war der Mangel an einer Auffassung der Vernunft, denn er hatte deren zwei zur selben Zeit. Und da er es - unbegreiflicher Weise - nicht bemerkte, musste er sich nicht "aus Freiheit" zwischen ihnen entscheiden. So konnte ihm die Entscheidung von Jacobi... eingeredet werden. 

Auf dieser Seite finden sie Fichtes Schwanken durch eine Reihe von 'Stellen' dokumentiert. Es wird Ihnen auffallen, dass eine 'Stelle' des Inhalts: Was ist die Vernunft und wo kommt sie her? fehlt. So eine Stelle gibt es bei Fichte nicht. Die Vernunft ist der einzige thematisch und in systematischer Absicht gebrauchte Begriff, den Fichte nicht aus dem (dreifachen) Grundsatz der Wissenschaftslehre herleitet. Er macht zwar jede Menge Angaben über die Vernunft, aber sie selbst macht er nicht zum Gegenstand. Nun würde es schwerfallen, von der Vernunft zu reden, ohne sich ihrer bereits zu bedienen; aber was taugte die Transzendentalphilosophie, wenn sie damit nicht zurechtkäme?

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Montag, 16. Februar 2015

Der Begriff der Individualität ist Bedingung der Vernünftigkeit.


Lothar Sauer

Der Begriff der Individualität ist aufgezeigtermaßen ein Wechselbegriff, d. i. ein solcher, der nur in Beziehung auf ein anderes Denken gedacht werden kann, und durch dasselbe, und zwar durch das gleiche Denken, der Form nach bedingt ist. Er ist in jedem Vernunftwesen nur insofern möglich, inwiefern er als durch ein anderes voll- endet gesetzt wird. Er ist demnach nie mein; sondern meinem eigenen Geständnis und dem Geständnis des Anderen nach mein und sein; sein und mein; ein gemeinschaftlicher Begriff, in welchem zwei Bewusstsein [sic] vereinigt werden in Eines.

Durch jeden meiner Begriffe wird der folgende in meinem Bewusstsein bestimmt. Durch den gegebenen Begriff ist eine Gemeinschaft bestimmt, und die weiteren Folgerungen hängen nicht bloß von mir, sondern auch von dem ab, der mit mir dadurch in Gemeinschaft getreten ist.

Nun ist der Begriff notwendig, und diese Notwendigkeit nötigt uns beide, über ihn und seine notwendigen Folgen zu halten [sic]: Wir sind beide durch unsere Existenz aneinander gebunden und einander verbunden. Es muss ein uns gemeinschaftliches und von uns gemeinschaftlich notwendig anzuerkennendes Gesetz geben, nach welchem wir gegenseitig über die Folgerungen halten, und dieses Gesetz muss in demselben Charakter liegen, nach welchem wir eben jene Gemeinschaft eingegangen: dies aber ist der Charakter der Vernünftigkeit, und ihr Gesetz über die Folgerung heißt Einstimmigkeit mit sich selbst oder Konsequenz und wird wissenschaftlich aufgestellt in der gemeinen Logik.
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Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 48 


Nota. - Hier sehen wir zu, wie aus der Individuation, die eines Anderen bedarf, die Folgerichtigkeit, die Logik und, als Übereinstimmung mit sich selbst, die Vernünftigkeit hervorgeht. Wie also könnte man sich denken, dass die Vernunft selbst schon vorher 'da' war - und wo?
JE






Sonntag, 15. Februar 2015

Allgemeingültiges gegenseitiges Anerkennen nur im Handeln.



Erst demzufolge, dass ich ihn gesetzt als ein mich als vernünftiges Wesen Behandelndes, setze ich ihn überhaupt als ein vernünftiges Wesen. Von mir und meiner Behandlung geht mein ganzes Urteil über ihn aus, wie es in einem Systeme, das das Ich zur Grundlage hat, nicht anders sein konnte. Aus dieser bestimmten Äußerung seiner Vernunft, und aus dieser allein schließe ich erst auf seine Vernünftigkeit überhaupt. 

Aber das Individuum C kann nicht auf die beschriebene Weise auf mich gehandelt haben, ohne wenigstens problematisch mich anerkannt zu haben; und ich kann es nicht als so handelnd setzen, ohne dies (dass es mich wenigstens problematisch anerkenne) zu setzen. 

Alles Problematische wird kategorisch, wenn die Bedingung hinzukömmt. Es ist teils überhaupt kategorisch, als / Satz; eine Bemerkung, die wichtig, aber dennoch oft übersehen wird; die Verbindung zwischen zwei Sätzen wird kategorisch behauptet; ist die Bedingung gegeben, so ist notwendig, das Bedingte anzunehmen. Die Bedingung war, dass ich den Anderen (für ihn und mich gültig) anerkennte, d. i. dass ich ihn als solches behandelte - denn nur Handeln ist ein solches allgemeingültiges Anerkennen.
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Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 46f.



Nota. - Ich setze voraus, dass er voraussetzt, dass ich voraussetze... Es ist offenbar nicht an eine lineare Folge in der Zeit gedacht, die vor lauter Problematizität nie zu einem Anfang findet; sondern um ein prozessierendes Ge- schehen; nämlich an den Markt, auf den jeder unter der Voraussetzung tritt, dass alle anderen ihn, so wie er sie, usw. ...
JE

Samstag, 14. Februar 2015

Echter durchgeführter Kritizismus.

Günter Havlena  / pixelio.de  

Was mein System eigentlich sey, und unter welche Klasse man es bringen könne, ob ächter durchge- führter Kriticismus, wie ich glaube, oder wie man es sonst nennen wolle...
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Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre,
 SW Bd. I, S. 89


…das Prinzip der reflektierenden Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für unsmöglich zu machen. ...

Nun aber wird durch dieses Prinzip der Urteilskraft ein solcher Verstand so wenig vorausgesetzt, dass es vielmehr vor’s erste sehr denkbar ist, ein solches Verhältnis unter den Mannigfaltigen der empirischen Wahrnehmung sei gar nicht anzutreffen, und dass wenn etwas dergleichen angetroffen wird, es uns sehr zufällig scheint: die Urteilskraft setzt dadurch gar nichts über ein Objekt außer sich fest, sondern sie gibt durch dieses Prinzip nur sich selbst ein subjektives Gesetz von hypothetischer Gültigkeit; wie sie verfahren müsse, wenn sie dieses Mannigfaltige in eine systematische Erfahrung ordnen wolle, und wie dieses Mannigfaltige sich müsse betrachten lassen, wenn uns eine Erkenntnis desselben möglich sein solle. Sie setzt also keinen Zweck der Natur voraus, sondern sie macht es sich nur zur Bedingung der Möglichkeit einer zu erwerbenden Erfahrung, dass die Objekte der in der Natur sich als übereinstimmend mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge müssen betrachten lassen, welche nur nach Zwecken möglich ist. 
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Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333; Rechtschreibung angepasst


Nota.

Das ist das ursprüngliche Programm der Wissenschaftslehre: echter durchgeführter Kritizismus, der auch das Allerheiligste nicht auslässt - die Vernunft und ihre Herkunft. Und es ist ihm vor’s erste sehr denk- bar, dass sich da manches gar nicht 'antreffen' ließe, sondern nur gedacht werden müsse als ob.

- Ich höre schon den Einwand: In dem Erklärenden Auszug ist von der theoretischen Annahme eines Vernunftzwecks der Natur die Rede, die allerdings nur fiktional und 'regulativ' sein kann; bei der von mir beanstandeten dogmatischen Wendung gehe es aber um den Zweck der Vernunft selbst, und der liege im praktischen Feld, aus dem er auch herkommt. Aber das ist Haarspalterei. Denn jedesmal geht es um die Fiktion von einer Prämisse, "die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe"...; und dieser andere Verstand wäre hier die Vernunft selbst als handelndes Subjekt, intellectus agensdas sein Urteil 'an sich' schon immer gefällt hat und dessen Spruch die endlich-Vernünftigen nur noch verneh- men können. - Wie sehr diese Auslegung in Fichtes 'gewendetem' Sinne ist, erhellt aus den höchst zweideutigen Ausführungen zur Freiheit des Willens in den ersten beiden Vorlesungen An die deutsche Nation.
JE 

Freitag, 13. Februar 2015

Je nachdem.



Dass die Welt ist, sei aus transzendentaler Sicht mein Werk; nicht aber, wie sie ist.

Der Witz ist, dass man es ebenso anders herum sehen kann. Der springende Punkt ist also schon die Unterscheidung selbst.



Ob ich tätig werden will oder nicht, liegt nicht in meiner Freiheit, ich bin es schlechthin, oder ich bin nicht; dann wäre ich freilich auch nicht wollend. Indem ich aber tätig bin, finde ich mich beschränkt durch den Gegenstand, und das habe ich nicht gemacht. 

Ich kann die Schranke aber endlos weiten, indem ich meine Tätigkeit dem Gegenstand anmesse: den Gegen- stand weiter bestimme, wie er ist; das liegt in meiner Freiheit. 

Doch die Beschränktheit selbst - die Gegenständlichkeit des Gegenstands - kann ich nicht aufheben; es sei denn im Verzehr.


*

Im als vollendet gedachten System der Vorstellung ist alles zugleich und auf einmal, es gibt kein Zuvor und kein Danach. Im wirklichen Vorstellen und zumal in seiner Darstellung muss ich einen Schritt nach dem andern gehen. Einen ersten Schritt kann ich nur tun, indem auf das Eine achte und von dem Andern absehe. So geschieht es, dass, je von wo aus ich darauf sehe, mal das eine richtig sein mag, und mal sein Gegenteil; wobei das eine womöglich nur in dieser Hinsicht des andern Gegenteil ist.



Donnerstag, 12. Februar 2015

Freiheit des Ob, Gebundenheit des Wie.



Wie kann nun Freiheit und Beschränktheit der idealen Tätigkeit beisammen sein? So: Wird auf die Bestimmt- heit des praktischen (realen) Ich [=X] reflektiert, so muss auch Y notwendig so gesetzt werden, also nur die Synthesis ist notwendig; oder soll die Vorstellung wahr sein, so muss ich den Gegenstand so vorstellen, ob aber diese Synthesis vorgenommen werde, dies hängt von der Freiheit des Vorstellenden ab, welches [sic] insofern keinem Zwange unterworfen ist.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 98









Mittwoch, 11. Februar 2015

Das Losreißen ist nicht möglich ohne etwas, wovon gerissen wird.



Das Ich soll gesetzt sein als das Anschauende, aber das Ich ist nur das Tätige und nichts anderes; sonach muss die Anschauung als Produkt der freien Tätigkeit gesetzt werden, und nur dadurch wird sie es. 

Aber Tätigkeit lässt sich nach den allgemeinen Gesetzen der Anschauung nur Setzen als ein Übergehen von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Ich soll mich tätig setzen heißt, ich soll meiner Tätigkeit zusehen; dies ist aber ein Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmten. Soll die Anschauung daher als frei gedacht werden, so muss sie auch in demselben Moment als gebunden gesetzt werden, et vice versa

Das Losreißen ist nicht möglich ohne etwas, wovon gerissen wird. Nur durch Gegensatz entsteht Bestimmtheit des Gesetzten.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 98








Dienstag, 10. Februar 2015

Realität ist das unmittelbar Bestimmte, wovon sich weiter kein Grund angeben lässt.



Aber bin ich gezwungen, die Dinge so zu denken?

Ich kann von ihnen abstrahieren oder ich kann sie auch anders denken, also findet kein Denkzwang statt. Aber dann stelle ich das Ding nicht der Wahrheit gemäß dar, aber soll meine Vorstellung dem Dinge gemäß sein, so findet Denkzwang statt. 

Aber was ist das für eine Wahrheit, an die meine Vorstellung gehalten werden soll? Es ist die Frage der Realität, die wir der Vorstellung zu Grunde legen; unser eigenes Sein in praktischer Hinsicht ist diese Wahrheit, es ist das unmittelbar Bestimmte, wovon sich weiter kein Grund angeben lässt. Dieses unser eigenes Sin deuten wir durch ein Ding außer uns; dieses Ding außer uns ist seiner Wahrheit gemäß dargestellt, wenn es auf ein inneres Sein deutet. Aus einem Quantum Beschränktheit in mir folgt dieses oder jenes Quantum Beschränktheit außer mir.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 97






Montag, 9. Februar 2015

Die Wahrheit des Sensualismus.



Über die Veränderung im Gefühle. Die erste Beschränkung A ... ist eine ursprüngliche Beschränkung meiner Natur. Aus ihr allein folgt gar nichts, denn es folgt nicht einmal eine Anschauung des Ich. Ich kann aber meine Natur durch freies Handeln ausdehnen, und dann möchte etwas folgen. 

Aber ich kann nicht frei handeln, ehe ich für mich Ich bin, wenigstens die Möglichkeit da ist, Ich sein zu können. Zu dieser Möglichkeit gehört, dass in meiner Natur eine Veränderung vorgehe, dass auf mich gewirkt, dass meine Natur affiziert werde; die Anlage kann im Ich liegen, man braucht nicht aus ihm herauszugehen. Im gemeinen Bewusstsein muss sichs erklären durch das Vorhandensein von etwas außer mir.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 96


Nota. - Die Bildung des Selbstbewusstseins als Bedingung allen Bewusstseins beginnt reell damit, dass ich von etwas außer mir affiziert werde. Das kann allerdings nur geschehen, weil ich schlechterdings tätig bin: Das ist die Bedingung der Möglichkeit, und unter dieser Voraussetzung hat der Sensualismus Recht.
JE



Sonntag, 8. Februar 2015

Wechsel des Gefühls ist die Bedingung des Selbstbewusstseins.


Frère, L'Amour piqué par une abeille

Zuförderst ist nur von der Beschränkung des praktischen Vermögens als Grund der Beschränkung gesprochen, denn es scheint sonderbar, dass die als unbeschränkt aufgestellte [ideale] Tätigkeitbeschränkt werde und aus ihr ein Gefühl entstehen sollte. 

Auf die Erfahrung kann man sich nicht berufen. In der Erfahrung findet Denkzwang statt, die Objekte so aufzufassen. Es müsste etwa so sein, dass die ideale Tätigkeit praktisch würde und mit Freiheit hervorbrächte und insofern beschränkt würde - dies wird sich weiter unten zeigen, sonst fiele alles System zusammen. Aus der Beschränktheit der idealen Tätigkeit wird entstehen ein neues Gefühl, aber aus dem Gefühl entsteht notwendig eine Anschauung.

Zuförderst als ein Objekt der Anschauung hat das Ich ein Sein, es ist etwas. Die Begrenztheit des Ich ist im Zustande A. Das Ich ist in ihr sich selbst gegeben, es wird gefunden als Objekt. Das Anschauende in X ist die ideale Tätigkeit, welche auf dieses Sein geht. ... Zufolge des bestimmten Gefüls entsteht eine bestimmte Anschauung, und mit der Anschauung entsteht das Objekt derselben und ist nicht mehr von ihm zu trennen, dies ist das Band.

Ich fühle und schaue an. Ich bin in beidem dasselbe Ich; aber was ich anschaue, soll ich auch sein. Mit dieser bestimmten Anschauung X ist die Objekt Ich verbunden, ich fühle mich beschränkt durch mein eigenes Sein. Nun das Y Anschauende allerdings nicht Objekt der Anschauung X, sondern das Sein des Ich ist Objekt dieser Anschauung. Aber das An-/schauen ist damit notwendig und unzertrennlich verknüpft, und dies ist das Band, woran das Ich notwendig weiter fortgeleitet wird.

Da das angeschaute Objekt Ich sein soll, so folgt daraus, dass sein Sein notwendig bestimmt ist im Setzen, durch ideale Tätigkeit eines Dinges Y, nur unter dieser Bedingung wird es angeschaut.

Das Resultat wäre dies: Aus der Veränderung erfolgt ein Gefühl derselben als eine Beschränkung der idealen Tätigkeit des Ich, aus diesem Gefühle erfolgt eine Anschauung des beschränkten Ich als eines solchen, in welcher das Ich als Objekt überhaupt, und die Anschauung Y als ein notwendiges Akzidens des Ich vorkommt.

Ist kein Ich für das Ich, so ist kein NichtIch und kein Bewusstsein. Aber die Anschauung und der Begriff des Ich sind nicht möglich ohne Veränderung eines Gefühls: Wechsel des Gefühls ist sonach die Bedingung des Selbstbewusstseins und talis qualis schlechthin zu postulieren. Ein solcher Wechsel des Gefühls , den wir oben problematisch annahmen, muss also als notwendig angenommen werden.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 95f.




Samstag, 7. Februar 2015

Ein allgemeines Ich, ein allgemeines Nichtich?



Wie die Welt zum allgemeinen Nichtich wird, wird die Reihe vernünftiger Wesen zum allgemeinen Ich. Allerdings nur ideal. Wie die wirklichen vernünftigen Wesen 'die ganze Welt' nicht zum allgemeinen Gegenstand ihrer rea- len Tätigkeiten machen können, so auch nicht reell zum Gegenstand ihrer idealen. Nur ideal in der Spekulation der Philosophen.*

Im reellen Vorstellen wird die Welt nur summativ, nur kollektiv zu einem Etwas: Alles, was die Leute sich tat- sächlich darunter immer vorstellen; und was nicht, das nicht. In der Spekulation ist die Welt abstraktiv der In- begriff von allem, was begründet vorstellbar wäre. Dazwischen mögen Welten liegen. - Und so ist auch das all- gemeine Ich nie real, sondern immer nur problematisch: Es ist auf dem Wege, sich herzustellen - oder auch nicht.

*) Und darum kann 'die Philosophie' zur Kosmologie gar nichts beitragen; und vice versa.







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Freitag, 6. Februar 2015

So und nicht anders.



Ein bestimmtes Quantum jener Beschränktheit gibt ein bestimmtes Quantum Anschauung. Wird der Grund be-/schränkt, so wird es auch das Begründete. (Ich bin in der Anschauung beschränkt heißt: Ich bin in der Vor- stellung Y gebunden, das Mannigfaltige darin so zu ordnen und nicht anders; jede Beschränktheit erregt ein Gefühl, sonach auch die Beschränktheit der idealen Tätigkeit in Y).
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 94f.


Nota. - An diesem Punkt wird die sinnliche, gegenständliche, "reale" Welt objektiv, und nur weil sie es ist, näm- lich ideal, kann sie zu einem gemeinsamen Gegenstand für mich und die 'vernünftigen Wesen außer mir' wer- den. Es ist die materielle Welt, die die ideelle Mitteilung über sie möglich macht, nicht umgekehrt. Das ist der Standpunkt des transzendentalen Idealismus.
JE



Donnerstag, 5. Februar 2015

Ich und Nichtich sind vereint im Selbstgefühl.




Die oben geschilderte Anschauung Y ist hier das Begrenzende selbst, es ist eine Handlung des Ich, die An- schauung des Dinges. Aus dieser Begrenzung, bezogen auf das wirkliche Ich, entsteht ein Gefühl, da aber kein Gefühl ohne Anschauung ist, so entsteht sogleich die Anschauung dieser begrenzten Anschauung. Die erste Anschauung ist die des Ich, die letztere die des NichtIch. 

Hieraus entstehen folgende synthetische Sätze: Keine Anschauung des NichtIch (äußere) ohne Anschauung des Ich (innere) und vice versa. Keines aber von beiden ist möglich ohne das Selbstgefühl, in welchem beide vereinigt sind und in welchem sich der notwendige Zusammenhang von beiden zeigt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 93


Nachtrag. - Dieser Absatz steht im Text vor dem gestrigen Eintrag zum fortwährenden Denkzwang, der seinerseits erst verständlich macht, wie die unentwegte Wechselbestimmung nicht nur dieses Ich und dieses Nichtich immer enger aneinander führt; sondern auch: weshalb sich zwei Iche an demselben Nichtich ganz nahe kommen. Beide führen ihr Wollen immer bestimmter auf den Gegenstand zu, der Widerstand, die "Begrenzung", die er ihnen entgegensetzt, wird immer spezifischer. 'Identisch' muss da gar nichts werden, an Begriffen ist nichts gelegen, die Wissenschaftslehre ist empirisch, pragmatisch, sinnlich und was immer man will. Dass zwei Iche bei der Bestimmung dieses einen Nichtichs einander ganz nahe kommen, reicht in der Wirklichkeit völlig aus, damit sie einander als Glieder in einer 'Reihe vernünftiger Wesen' vorkommen. (Und schon gar, wenn dies, wie in  der bürgerlichen Gesellschaft, zur alltäglichen Norm wird.)

Im 'Naturrecht' hat F. die 'Reihe vernünftiger Wesen' postuliert, um die Vernünftigkeit selber möglich zu machen. Wie aber die Reihe vernünftiger Wesen selber möglich ist, zeigt dieser Abschnitt: Stein des Anstoßes ist die Wirklichkeit.
JE







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Mittwoch, 4. Februar 2015

Fortwährender Denkzwang.


Die Begrenztheit, von der hier die Rede ist, ist der Denkzwang, etwas gerade so und nicht anders vorzustellen. Ich kann kein Ding außer mir bemerken, ohne mich selbst zu bemerken als bemerkend. Aber dass ich mich bemerke, hängt davon ab, dass ich ein Ding außer mir bemerke, weil ich dadurch beschränkt werde. Kein Ich ohne NichtIch und umgekehrt. -

Die Anschauung beider steht sonach in Wechselwirkung, eine ist nicht möglich ohne die andre; die eben aufgestellte Wechselwirkung dauert immer fort, wird nur weiter bestimmt. Hier ist die oben unbeantwortet gebliebene Frage: Wie kann das Ich in der Anschauung sich selbst fühlen? Antwort: inwiefern es gezwungen, beschränkt ist. ...

Wird die reale Tätigkeit des Ich beschränkt, so entsteht notwendig, da die ideale Tätigkeit immer bleibt, eine / Anschauung, vor der Hand nur die des Beschränkenden. Dieses ist sonach ein ganz bestimmter Zustand des Ich. Von ihm aus kann eine genetische Einsicht in das jetzt Gesagte gegeben werden. An diesem Zustande soll eine Veränderung erfolgen, wie und woher wissen wir nicht, wir haben es wirklich postuliert. Das Ich wird durch diese Veränderung in seiner Beschränktheit beschränkt. Oben war das Ich das Beschränkte, hier wird dieses Beschränkte beschränkt. Im ersten Zustand ... ist das Ich und es ist irgendetwas, es ist fixiert, gehalten. Ein bestimmtes Streben in ihm, weil es beschränkt ist, oder Tätigkeit ist in ihm negiert, welches der Charakter des Seins ist.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 93


Nota. - Der Denkzwang ist: sich fortwährend weiterbestimmen zu müssen. So wird es immer enger für das Ich wie für das Nichtich.
JE





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