Samstag, 13. Januar 2018

Zu meinem Verfahren.


Robert Campin St. Joseph dans son atelier

Fichte hat bis zum Schluss versichert, er habe allezeit dasselbe gelehrt. Der gewissenhafte Student ist daher ge- halten, die frühen Darstellungen der Wissenschaftslehre im Lichte der späteren, und die späteren Darstellungen im Lichte der früheren zu lesen. Das braucht seine Zeit. Erst wenn er es immer wieder erfolglos versucht hat, darf er daran gehen, die frühen und die späten Darstellungen je für sich und unabhängig voneinander zu verste- hen.

Dann allerdings muss er die Stelle dingfest machen, wo die späteren von den früheren abweichen; die Stelle, wo nicht bloß die Darstellung, sondern das Dargestellte ein anderes wird. Es liegt auf der Hand, diese Stelle irgend- wo im Umkreis des Atheismusstreits zu suchen. So bin ich verfahren.

Dass zwischen dem unvollendeten Manuskript Rückerinnerungen, Antworten, Fragen und der veröffentlichten Bes- timmung des Menschen nicht einfach ein Übergang, sondern ein Bruch stattfand, ein Sprung, ist nicht zu überse- hen, er spricht ihn ja selber aus, indem ihm das bisherige Wissen ungenügend wurde und er den Glauben in die Transzendentalphilosophie einfügte.

In die Transzendentalphilosophie? Das ja wohl eben nicht. Mochte Fichte selber meinen, die Wissenschaftsleh- re sei vorher und hinterher dieselbe gewesen – Transzendentalphilosophie war sie hinterher jedenfalls nicht mehr. Ein reales Absolutes, das – als dogmatische Zusatzbedingung – aber doch in keinem Moment Objekt werden soll, das erfordert in der Tat eine proiectio per hiatum irrationalem, und er wird die Zeit, die ihm verblieb, damit zu- bringen, sie unter dialektischen Winkelzügen zu verbergen. 

Jacobi hatte ihn dazu verleitet, aber das hätte er nicht gekonnt, wenn es nicht bei Fichte schon einen wunden Punkt gab, in den er den Finger bohren konnte. Es war die Doppeldeutigkeit dessen, was Fichte unter Vernunft verstand.

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Um die Wurzel dieser Doppeldeutigkeit aufzufinden, habe ich mich der Wissenschaftslehre nova methodo zuge- wandt, der letzten Gestalt, die Fichtes Lehre vor dem Atheismusstreit angenommen hatte. In dieser gegenüber der Grundlage von 1794/95 in systematischer Hinsicht wesentlich verbesserten Darstellung musste sich der Punkt finden lassen, wo die beiden konkurrierenden und eigentlich unvereinbaren Vorstellungen von der Ver- nunft auseinandertreten: hier als ein vorgegebener Plan, den die endlichen Intelligenzen aufzufinden und zu verfolgen hätten, dort als die Aufgabe unendlicher Bestimmung aus Freiheit.

Ich wurde enttäuscht, ich fand diesen Punkt nicht. Wo immer Fichte die Vernunft transzendental aus der Frei- heit herleitet, kann er sie immer nur als offene Aufgabe ausweisen; aus den Prämissen der Wissenschaftlehre selbst kann die dogmatische Auffassung eines zu erfüllenden Plans nie entwickelt werden. Sie ist ein Fremdkörper, der von außen künstlich in die Transzendentalphilosphie hineingetragen wurde.

Von außen? Von außerhalb der Wissenschaftslehre, ja; aber von Fichte selbst, und es war schon die seine, bevor er die Arbeit an der Wissenschaftslehre überhaupt begonnen hatte. Er hat sie ausgesprochen in den populären öffentlichen Vorträgen Von den Pflichten der Gelehrten, die er unmittelbar vor Beginn seiner akademischen Lehrtä- tigkeit in Jena gehalten hat; das wird Gegenstand einer späteren gesonderten Darstellung sein, hier teile ich es nur 'historisch' vorab mit; es kann ja jeder selbst nachlesen.

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Die logische Forsetzung der WL nova methodo wäre der Übergang zu einem System der Ästhetik gewesen. Dazu ist es aus den bekannten Gründen nicht gekommen. Stattdessen ist sein System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wis- senschaftslehre 1798 erschienen, während er eben begonnen hatte, die Wissenschaftslehre zum ersten Mal "nach neuer Methode" vorzutragen. Man muss sie daher als eine Fortsetzung der Grundlage, der ersten Darstellungen der WL betrachten. 

Tatsächlich knüpft sie thematisch unmittelbar an die Einführungsvorlesungen Von den Pflichten der Gelehrten aus dem Jahr 1794 an und war wohl als Schlussstein - clef de voûte - des ganzen Systems gedacht. Dass er in der Dar- stellung der Wissenschaftslehre nach neuer Methode an die Sittenlehre noch einen philosophischen ästhetischen System fügen fügen müsste, war ihm noch nicht bewusst. Zwar schließt er auch dort seine  Pflichtenlehre mit einem Abschnitt über die "Pflichten des ästhetischen Künstlers" ab, aber eben doch als die Angelegenheit eines besonderen gesellschaftlichen Standes. 

Die Aufgabe der Sittenlehre sei "die: Freie Willen sollen zu einem gewissen mechanischen Zusammenhang und Wechselwirkung gefügt werden. Nun gibt es so einen Naturmechanismus an sich nicht, er hängt zum Teil mit von unserer Freiheit ab", heißt es nun. Es müsse ein Übergang gefunden werden aus dem Standpunkt des natürlichen Bewusstseins der konkreten Menschen (zu denen der Philosoph selber gehört) auf den Stand- punkt der Transzendentalphilosophie. Es entstünde der Philosophie die Aufgabe, "in ihr ihre eigene Möglich- keit zu erklären". 

"Es ist faktisch erwiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und gemeinen Ansicht; dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkte erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen als gemacht ('Alles in mir'); auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst es machen würden (vide Sittenlehre von den Pflichten des ästhetischen Künstlers)." 

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Angenommen nun, dass der Wechsel vom gemeinen zum ästhetischen Standpunkt die Bedingung der Möglich- keit der Wissenschaftslehre ist; ist er dann womöglich auch die Bedingung der Möglichkeit von... mehr? Ist er Bedingung der Möglichkeit nicht nur der theoretischen, sondern unmittelbar auch Bedingung der Möglichkeit der praktischen Vernunft? 

Andere haben es so aufgefasst und haben die Moralität aus der Ästhetik hergeleitet. Ich habe außer philosophi- schen auch lebenspraktische Gründe, diese Lösung zu favorisieren. 

Dann müsste Fichtes Sittenlehre von 1798 auf fehlerhaften Gründen beruhen. Ich habe eine Vermutung: Es ist wieder die Doppeldeutigkeit seiner Vernunft. Ich will mich ihr daher nun im Besondern zuwenden.

Die Einleitung war dazu ein erster Schritt.




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