Sonntag, 13. April 2014

Etwas, woran man sich halten kann.


Martin Jäger, pixelio.de

Ich verlange etwas ausser der blossen Vorstellung Liegendes, das da ist, und war, und seyn wird, wenn auch die Vorstellung nicht wäre; und welchem die Vorstellung lediglich zusieht, ohne es hervorzubringen, oder daran das Geringste zu ändern. Eine blosse Vorstellung sehe ich für ein trügendes Bild an; meine Vorstellungen sollen etwas bedeuten, und wenn meinem gesammten Wissen nichts ausser dem Wissen entspricht, so finde ich mich um mein ganzes Leben betrogen. – 

Es ist überall nichts ausser meiner Vorstellung – ist dem natürlichen Sinne ein lächerlicher thörichter Gedanke, den kein Mensch in vollem Ernste äussern könne, und der keine Widerlegung bedürfe. Er ist dem unterrichteten Urtheile, welches die tiefen, durch blosses Raisonnement unwiderlegbaren Gründe desselben kennt, ein niederschlagender und vernichtender Gedanke.

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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 248

Nota.

Bleibt festzuhalten: Was an dem Gedanken 'Alles nur eitel Konstrukt' auszusetzen ist, beruht nicht auf einem (theoretischen) Grund, sondern auf einem (praktischen) Motiv. -

Welchen Wert haben aber die 'populären' Schriften, von denen die Bestimmung des Menschen die erste war, für die Erörterung von Fichtes (wisssenschaftlicher) Philosophie? 

Nein, sie dienen nicht der Verbreitung einer exoterischen Lehre ad usum Delphini, weil dem Verständnis des breiten Publikums das esoterische Original nicht zuzumuten wäre. Im Atheismusstreit war Fichte zu der Überzeugung gelangt, dass die akribische Durchführung seiner dialektischen Spekulation, in der immer wieder Sätze aufgestellt werden, die auf der nächsthöheren Reflexionsebene relativiert, wo nicht gar 'aufgehoben' werden, nicht vor die große Öffentlichkeit gehört. 

Und zwar nicht an und für sich, sondern nur im gegenwärtigen Zeitalter nicht, dem er eine seiner folgende 'populären' Schriften gewidmet hat. Denn ein wirklich philosophisches Interesse würde im Zeitalter 'tiefster Verworfenheit' überwogen von tausenderlei scharfsichtigen Erwägungen des eigenen Vorteils, was dazu führe, dass auch die Philosophie zuerst nach ihrer werktäglichen Nützlichkeit beurteilt werde - und da sei die Wissenschaftslehre, die aufs Ganze geht, von vornherein im Nachteil. Solange sein 'System' noch nicht abgeschlossen war, müssten willkürlich herausgegriffene Einzelteile stets wider ihren Sinn verstanden werden, sodass er sich entschloss, sein System nur noch ausgewählten Hörern mündlich vorzutragen, und schriftlich nur die Auslegung seiner Lehre nach ihrer praktischen Konsequenz darzulegen, um tendenziösen Fehldeutungen zuvor zu kommen.

Die praktische Seite ist aber gerade bei Fichte nicht die mindere Seite, sondern die, auf die es eigentlich ankommt. 

Woraus folgt, dass Fichtes 'populäre' Schriften vielleicht nicht geeignet sind, philologische Meinungsverschiedenheiten über den  Wortlauf verschiedener überlieferter Darstellungen der Wissenschaftslehre zu entscheiden; wohl aber geeignet zu klären, wie sie gemeint ist.
JE 


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