Sonntag, 31. März 2019

Das Verhältnis der Mannigfaltigen zueinander nennt man die Form.

Miró, Deux personnes et une libellule 1938
 
V. Wie und auf welche Weise sollen nun in einem materiellen Körper durch Veränderungen desselben Begriffe ausge-/drückt werden? Die Materie ist ihrem Wesen nach unvergänglich: Sie kann weder vernichtet noch kann neue hervorgebracht werden. Hierauf könnte der Begriff von der Veränderung des gesetzten Körpers sonach nicht gehen. Ferner, der gesetzte Körper soll ununterbrochen fortdauern; es sollen demnach dieselben Teile der Materie bei einander bleiben und den Körper fortdauernd ausmachen. Und dennoch soll er durch jeden gefass- ten Willen der Person noch verändert werden. Wie kann er nun ununterbrochen fortdauern und dennoch unauf- hörlich, wie zu erwarten ist, verändert werden? 

Er ist Materie. Die Materie ist unteilbar bis ins Unendliche. Er, d. i. die materiellen Teile in ihm bleiben, und er würde dennoch verändert werden, wenn die Teile ihr Verhältnis untereinandeer selbst, ihreLage zu einander veränderten. Das Verhältnis der Mannigfaltigen zueinander nennt man die Form. Die Teile demnach, inwiefern sie die Form konstituieren, sollen bleiben; aber die Form soll verändert werden - (Inwiefern sie die Form konstituieren, sage ich: Es könnten also unaufhörlich welche sich abtrennen, wenn sie nur in demselben ungeteilten Momente durch andere ersetzt würden, ohne dass die geforderte Dauer des beschriebenen Körpers dadurch beschädigt würde.) - Demnach - unmittelbar durch den Begriff entsteht Bewegung der Teile, und dadurch Veränderung der Form.
______________________________________________________________
Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre,
SW Bd. III, S. 59f.  



Nota. - Schon unter der Zeitgenossen hat die Pedanterie von Fichtes Darstellungen einigen Spott hervorge- rufen. Zu bedenken ist aber, dass es sich um den heikelsten Punkt der abendländischen Metaphysik handelt, das pp. Leib-Seele-Problem. Hätte er betörend duftende Wortblumen verwerdet, hätte er sich vielleicht kürzer, auf jeden Fall graziöser ausdrücken können, aber seine prosaische Auffassung gestattete nur eine prosaische Wort- wahl. - Bemerken Sie immerhin, dass er sich's nicht leicht macht und sich jeder Mühsal unterzieht, wo immer die Sache sie mit sich bringt. Von jedem Philosophen kann man das nicht sagen.
JE

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen