Dienstag, 19. November 2013

Der ästhetische Sinn.

Gabi Schoenemann, pixelio.de

Der Wille scheint dem ästhetischen Sinn frei; dem gemeinen als Produkt des Zwangs, z. B. jede Begrenzung im Raum ist Resultat der Begrenztheit des Dings durch andere, denn sie werden dabei gepresst; jede Ausbreitung ist auch Resultat des inneren Aufstrebens in dem Körper, allenthalben Fülle, Freiheit, ersterer ist unästhetisch, letzterer ist der ästhetische. 

Das ist ästhetischer Sinn, aber die Wissenschaft ist etwas anderes. Die Wissenschaft ist der Form nach transzendental, sie ist Philosophie, sie beschreibt die ästhetische Ansicht, in solcher Ästhetik muss dann nicht ein schöner Geist sein; die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. 

Der Einteilungsgrund ist der Gesichtspunkt, welcher verschieden ist. In materialer Absicht liegt sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unsrer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit. Dieser Gesichtspunkt ist der, durch den man sich auf den transzendentalen erhebt, so folgt, dass der Philosoph ästhetischen Sinn, d. h. Geist haben müsse; er ist deshalb nicht notwendig ein Dichter, Schönschreiber, Schönredner; aber derselbe Geist, durch dessen Ausbildung man ästhetisch wird, derselbe Geist muss den Philosophen beleben, und ohne diesen Geist wird man es in der Philosophie nie zu etwas bringen; sonst plagt man sich mit Buchstaben und dringt nicht in das Innere. - Finitum d. 14. März 1799 

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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 244.



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