Dienstag, 31. März 2015
Die 'Reihe vernünftiger Wesen' ist dem Individuum als eine Aufforderung vorgegeben.
Dieser Begriff der Selbstheit als Person ist nicht möglich ohne Begriff von einer Vernunft außer uns; dieser Begriff wird also auch konstruiert durch Herausgreifen aus einer höheren, weiteren Sphäre. Die erste Vorstel-lung, die ich haben kann, ist sie Aufforderung meiner als Individuum zu einem freien Wollen.
Dies ist eine Erkenntnis, wie wir sie suchten, in welcher das Wollen gleich drinnen läge, mit ihrer Erkenntnis ist ein Wille begleitet. Sinnlich betrachtet ist es so: Entweder ich handle nach dem Willen oder nicht; habe ich die Aufforderung verstanden, so entschließe ich mich doch durch Selbstbestimmung, nicht zu handeln, der Auf-forderung zu widerstreben, und handle durch Nicht-Handeln.
Freilich muss die Aufforderung verstanden sein, dann muss man aber handeln, auch wenn man ihr nicht ge-horcht, in jedem Falle äußere ich meine Freiheit. So müssen wir's uns jetzt denken. Aber man kann höher fra-gen: Welches ist der transzendentale Grund dieser Behauptung? Der Zweck wird uns mit der Aufforderung gegeben, also die individuelle Vernunft lässt sich aus sich selbst nicht erklären, [das ist] das wichtigste Resultat, es besteht nur im Ganzen durchs Ganze und als Teil des Ganzen; denn wie soll sonst Kenntnis eines Vernunft-wesens außer ihm zu erklären [sein,] wenn in ihm keine Mangel ist?
Wir haben uns die Mühe gegeben, den Zweckbegriff zu erklären, da kamen wir in einen Zirkel. Nun aber ist sie beantwortet, denn im Fortlaufe der Vernunft ists damit nicht schwer, es ist nur darum zu tun, den ersten Zweckbegriff dar-/zulegen. Den ersten aber bekommen wir, doch wird uns der Zweck nicht als Bestimmtes, sondern überhaupt der Form nach gegeben, etwas, woraus wir wählen können. ... Kein Individuum kann sich aus sich selbst erklären. Wenn man also auf ein erstes Individuum kommt, worauf man kommen muss, so muss man auch ein noch höheres unbegreifliches Wesen annehmen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 177f.
Nota I. - Wieso aber sollte man das Individuum in und aus der Transzendentalphilosophie erklären wollen? Die Transzendentalphilosophie beschäftigt sich mit dem, was an den Individuen Ichheit ist. Außer Ichheit sind sie auch noch Leib, Stoffwechsel, Leidenschaft und vieles mehr. Reicht das nicht aus, um aus abstrakten Vernunft-wesen lebendige Individuen zu machen?
Es ist wahr, in einem großen Quantum - um im Bilde zu bleiben - von Leib, Stoffwechsel und gar Leiden-schaft hat Vernunft nichts zu suchen, es sei denn als ihre Grenze. Und eben darum sind die wirklichen Men-schen in der 'Reihe vernünftiger Wesen' unaustauschbare Individuen. Denn historisch ist es ja andersrum: Leib, Stoffwechsel und Leidenschaften verfolgen vor jeder Vernunft in der sinnlichen Welt ihre Zwecke ohne allen Begriff. Vernunft und die Erfordernis, ihre Zwecke in Begriffe zu fassen, ergeben sich erst daraus, dass sich in der sinnlichen Welt ihre Wege kreuzen und schon immer gekreuzt haben. Die individuelle Vernunft entsteht daraus, dass das sinnliche Individuum von der Reihe der andern freien Wesen zur Vernunft aufgefordert wird; aufgefordert wird, seine Freiheit gegen seine Sinnlichkeit geltend zu machen. Die Individualität ist in der Welt das, was am wenigsten der Erklärung bedarf.
Dass er in der Wissenschaftslehre ein "noch höheres unbegreifliches Wesen" unterbringen will, ist im Übrigen aus dem längst ausgebrochenen Atheismusstreit zu erklären; biographisch, aber nicht logisch.
Nota II.- Das höhere Wesen, das man "annehmen" muss, ist eine bürgerliche Gesellschaft von (zumindest dem Begriff nach) Freien und Gleichen, nämlich Marktsubjekten, und die ist nicht unbegreiflich, sondern, da sie hi-storisch gegeben ist, auch in ihrer tatsächlichen Entstehung beobachtbar. Sie ist die a priori vorausgesetzte Ver-nünftigkeit, die den empirischen Personen als eine Aufforderung begegnet.
JE
Nota III. – Nota I. ist der Kommentar von einem, der in die Wissenschaftslehre noch nicht weit genug eingedrungen war. – Auch das Individuum ist in der Wissenschaftslehre nicht das, was in Biologie oder Psychologie so heißt. Es ist vielmehr das bestimmte einzelne vernünftige Wesen in seinem Verhältnis – und Gegensatz – zu den anderen vernünftigen Wesen. Was nicht zu seiner Vernünftigkeit gehört – Sinnlichkeit, Leidenschaft, Irrtum – , kommt noch nicht in Betracht.
Individuum im Sinne der Wissenschaftslehre ist derjenige, der auf dem Weg der Bestimmung seines Wollens in der Reihe all der andern vernünftigen Individuen schon ein gewisses Stück zurückgelegt hat.
Und genau besehen ist vernünftig überhaupt erst seine Wechselwirkung mit jenen.
JE, im Februar 2016
Montag, 30. März 2015
Problematische Vernünftigkeit oder dogmatische Vernunft?
Es soll ein reiner Wille zu Grunde liegen, nicht ein empirisches Wollen, oder Vernunft überhaupt, oder Abso- lutheit des Vernunftreichs, welches bis jetzt noch unverständlich ist; dieses / ist das Bestimmbare zu einem Bestimmten, letzteres bin ich als Individuum, ich erkenne mich als Individuum, diese Erkenntnis ist oben ein Fortgehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten, ich bin - ein durch sich selbst herausgegriffener Teil aus dem Vernunftwesen; jetzt wird stillegestanden beim Hervorgehen der Individualität aus der Vernunft, welche so hervorgeht, dass ich mich finde als etwas nicht könnend oder dürfend,* was doch eigentlich für mich sein muss.
Der bestimmte Akt ist hierbei ist Aufforderung zur freien Tätigkeit, diese kommt her und wird so beurteilt von einem anderen vernünftigen Wesen meinesgleichen. Das Selbstbewusstsein hebt also an von einem Herausgrei- fen aus einer Masse vernünftiger Wesen überhaupt.
*) [= 'beschränkt']
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 176f.
Nota. - Es ist zweierlei, ob ich die Vernunft - 'real' - als ein sich selber bestimmendes Subjekt zur Voraussetzung mache, oder - 'ideal' - die Vernünftigkeit als ein Bestimmbares an wirklich daseienden Individuen. Letzteres wäre eine problematische Bestimmung, die sich im Weiteren zu bewähren hätte; ersteres wäre ein dogmatischer Glaubenssatz. Ist die Undeutlichkeit an dieser Stelle bloße Fahrlässigkeit (womöglich des Protokollanten Krause), oder gehört sie in das Kapitel "seine schwankende Vernunft"?
Nachtrag. Als menschliche Wesen, die bestimmt sind, sich als Ich zu setzen, sind sie vorausgesetzt als an-sich wollend. Die Vernünftigkeit kommt hinzu, sofern und indem sich alle gegenseitig (im selben Raum) als wollend anerkennen: Es ist die Selbstbegrenzung der Freiheit. Sie muss erst noch geschehen, damit wirkliche Vernünftig- keit=handelnde Vernunft zustande kommt. Vernunft ist Terminus ad quem.
JE
Sonntag, 29. März 2015
Alles Bewusstsein ist sinnlich.
Alles Bewusstsein ist sinnlich, es drückt aus den Akt der Intelligenz, der idealen Tätigkeit, und steht unter Gesetzen, wenigstens unterm Gesetz des Übergehens von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Durch diese Affektion wird alles, was gedacht wird, notwendig sinnlich.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 145
Nota. - Alles wirkliche Bewusstsein ist Bewusstsein von Wirklichem. Es ist die Vermittlung zwischen Ding ("an sich") und Wollen ("an sich").
JE
Samstag, 28. März 2015
Bewusstsein ist Vermittlung.
Allenthalben mussten wir, um das Bewusstsein zu erklären, etwas Erstes, Ursprüngliches annehmen, oben beim Gefühl, hier beim Wollen. Alles Denken, alles Vorstellen liegt zwischen dem ursprünglichen Wollen und der Beschränktheit durchs Gefühl in der Mitte. Der idealen Tätigkeit können wir zusehen, weil wir nur ideale Tätigkeit anschauen und auffassen können.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 143
Nota. - Das Wollen wird als unerklärlicher Anfang, als nicht herleitbarer Erklärungsgrund, als wahres Wesen des Menschlichen vorausgesetzt - als An sich, 'wenn man von etwas An-sich reden könnte'. Faktisch voraus- gesetzt und ergo irgendwelcher Ableitung nicht bedürftig ist die Sinnlichkeit. Faktisch ebenso gegeben ist unser Denken und Vorstellen. Nur diese ist unserer Einsicht zugänglich. Es steht nicht im Gegensatz zur Sinnlich- keit, nicht im Gegensatz zum Wollen-an-sich, sondern vermittelt zwischen den beiden. Nur als Vermittlung ist das Bewusstsein begreiflich; die beiden Pole Ding und Wollen sind es nicht. Bewusstsein ist nicht an sich, Ding und Wollen wären es - denn anders können wir unser Bewusstsein nicht erklären: Sie sind noumena, und die wären, wenn sie wären, 'an sich'; denn da sie bloß gedacht werden, sind sie außerhalb von Raum und Zeit.
JE
Freitag, 27. März 2015
Wille, Beschränkung, Reflexion.
Der reine Wille ist unmittelbares Objekt alles Bewusstseins und aller Reflexion. Aber die Reflexion ist diskursiv: Er, der reine Wille, müsste sonach etwas Mannigfaltiges sein. Dies ist er ursprünglich nicht, sondern wird es erst durch Beziehung auf seine Beschränktheit, wodurch er Wille wird, in der Reflexion selbst, die absolut frei ist, und deren Freiheit und ganzes Wesen eben in dieser Beziehung besteht - teils, dass sie überhaupt geschehe, teils, dass sie so oder anders geschehe. Diese Reflexion erscheint als ein Wollen, sofern sie selbst bloß gedacht, und als ein Tun, inwiefern sie angeschaut wird. Und sie ist der Grund alles empirischen Bewusstseins.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 166
Donnerstag, 26. März 2015
Real und ideal, breve.
Real ist, was Gegenstand der Reflexion wurde, ideal ist das Reflektieren selbst. Reflektiert wird auf eine Tätigkeit der Einbildungskraft, sofern sie auf eine Begrenzung stößt (Handlung wird). Ihre erste Begrenzung findet die Einbildungskraft im Fühlen, in der Reflexion darauf entsteht Anschauung. Da die Einbildungskraft selber unend- lich ist, wird sie immer nur 'zu einem Teil', 'in einer Hinsicht' begrenzt, zum andern Teil, in anderer Hinsicht geht sie über die Begrenzung hinaus.
Zum Reflektieren muss sie sich aus Freiheit selbst bestimmen, und auch darüber geht sie 'zu einem Teil' hinaus. Es kann daher unendlich reflektiert werden, und was auf einer gegebenen Reflexions- und Abstraktionsstufe (Standpunkt oder Gesichtspunkt bei Fichte) ideale Tätigkeit war, wird auf der nächsthöheren Stufe zur realen: nämlich selber Gegenstand der Reflexion.
Mittwoch, 25. März 2015
Das Intelligible ist nichts an sich, sondern nur ein Vorauszusetzendes.
Das Reale bedeutet nur das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein. Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt das bloß Intelligible. Das Intelligible ist sonach nichts an sich, sondern nur etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung nach den Denkgesetzen Vorauszu- setzendes. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent.
Gleich vom Anfange haben wir die ideale und die reale Tätigkeit geschieden. Das ursprüngliche Reale ist der reine Wille, das Bestimmbare in unseren Bestimmungen; das Ideale ist das Reflexionsvermögen, gebunden an verschiedene Gesetze, unter anderem auch an das Gesetz, dass nur Sukzessives aufgefasst und nur diskursiv gedacht werden kann.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 167
Nota. - Real sind nicht die Gegenstände selbst, sondern der Wille, an dem sie sich kundtun; und dass er sich an ihnen bestimmt. (Nie vergessen: Hier wird nicht die Welt erklärt, sondern das Bewusstsein, das wir von ihr haben.)
JE
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