Dienstag, 20. Oktober 2015

"Der große Zweck der Vernunft".


Tinguely

Der gestrige Eintrag bezog sich offenbar auf Fichtes häufige Rede vom "Vernunftzweck", dem "großen Zweck der Vernunft" usw. – dieser sei nämlich "Übereinstimmung", oder, wie es in späteren Fassungen der Wissen-schaftslehre heißt, gar "Einheit". Das ist aber eine rein dogmatische Behauptung, sie kann durch nichts von nichts 'hergeleitet' werden. 

Das war F. klar, und so hat er sie zum mindesten plausibel zu machen versucht; zuerst im Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung. Und das geht so: Kern der Vernunft ist das Sittengesetz: pflichtgemäßes Handeln. Ich kann aber nicht handeln, ohne den Zweck meines Handelns für ausführbar, und folglich für zu einem spä-teren Zeitpunkt ausgeführt zu halten; das gebiete die Logik. Man könne daher – 'durch Abstraktion' – einen Zustand denken, in dem alle möglichen pflichtgemäßen Handlungen getan sind. Dieser Zustand sei der Ver-nunftzweck und sei nichts anderes als unsere Vorstellung von einer göttlichen Weltregierung.

Das ist eine akrobatische Leistung. Werden die pflichtmäßigen Zwecke als ausgeführt gedacht, dann werden sie als bestimmt gedacht. Werden sie jetzt als  irgendwann  ausgeführt gedacht, dann werden sie jetzt als bestimmt gedacht; dann wird "der große Vernunftzweck" als vor bestimmt gedacht. Ein Philosoph, der sich rühmt, dass das erste und letzte Wort seines Systems Freiheit sei, lehrt einen Determinismus à la Spinoza. Von der Freiheit bliebe nur die Einsicht in das Unumgängliche zurück. Zwar  wie der Christ soll er das Rechte selber wählen; aber da er, anders als der Christ, vernünftig wählen soll, kann er nur so und nicht anders wählen.

Aus der Logik folgt, dass sich aus zwei Prämissen nur ein Schluss ergibt. Nicht aus der Logik folgt, dass ich nur das tun kann, was ich für ausführbar halte, noch dass ich es dann für eines fernen Tage ausgeführt halten muss. Handeln aus Freiheit hat mit Logik gar nichts zu tun, und es überrascht, dass man F. daran erinnern muss. Ich kann's nämlich auch drauf ankommen lassen. Mehr noch. Ich kann auch etwas tun, von dessen Vergeblichkeit ich positiv überzeugt bin – weil ich nämlich, wenn ich schon den Gang der Welt nicht ändern kann, doch wenigstens selbst nichts unterlassen haben will, was richtig ist. Und zwar warum? Weil es, wie Kant sagen würde, ohne Interesse gefällt.


aus Ästhetische Philosophie:

...Wenige Tage nach Abschluss der Vorlesung [nova methodo] reichten Fichte und Niethammer ihre jeweiligen "Verantwortungsschriften" gegen den Atheismus-Vorwurf beim weimarischen Ministerium ein. Dass die Angelegenheit bis zur Entfernung Fichtes von seinem Lehrstuhl führen würde, war noch nicht abzusehen. Die aber hat dann alle andern Pläne umgestoßen.

Ob Fichte bei der Ausarbeitung seiner Ästhetik zu dem Schluss gelangt wäre, die Ethik der Ästhetik als einen Spezialfall unterzuordnen, wie Herbart es später tat, steht in den Sternen. Es hätte seine Logik, und Herbart dürfte seine eigenen Ergebnisse aus der Auseinandersetzung mit Fichtes Sittenlehre gewonnen haben.

Der entscheidende Punkt ist: Auch die Ethik gebietet, wie die Ästhetik, immer "einzeln und unmittelbar", und diesen Punkt hat nicht nur Herbart, sondern vor ihm schon Novalis aus Fichtes Vortrag herausgehört. Allge-meine Gesetze sind der Moralität sowohl für Herbart als für Novalis direkt entgegengesetzt. Was anders als diese kann Fichte aber gemeint haben, wenn er oben sagt: "unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden"? Denn dass ich mir im gegebenen Moment dessen, was ich unmittelbar soll, 'bewusst' werde und mir 'einen Be-griff davon' mache, liegt ja auf der Hand, aber das ist beim Ästhetischen auch nicht anders.

Und ob sich Fichte zu dem Entschluss hätte durchringen mögen, das Wahre-Absolute-Unbedingte als eine ästhetische Idee aufzufassen, ist noch weniger gewiss. Logisch gibt es eigentlich keinen andern Weg, aber das Herz kennt manchmal Gründe, von denen der Verstand nichts ahnt.

*) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009








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