Donnerstag, 30. April 2015

Ich soll wollen.



Zuvörderst kommt die intellektuelle Anschauung nicht unmittelbar vor, sondern sie wird in jedem Denkakte nur gedacht, sie ist das Höchste im endlichen Wesen. Auch der Philosoph kann sie nur durch Abstraktion und Reflexion zu Stande bringen.

Negativ gesehen ist sie keine sinnnliche [Anschauung]. Die Form der sinnlichen Anschaunng ist Übergehen von Bestimmbarkeit zu Bestimmtheit. Die muss in jenem [reinen] Wollen, insofern es intellektuell angeschaut wird, ganz und gar wegfallen, und es bleibt nur übrig ein bloßes Anschauen unserer Bestimmtheit, die da ist, aber nicht wird. ... Es wäre sonach ein bloßes Anschauen meiner selbst als eines Bestimmten. 

Wie wird nun diese Bestimmtheit erscheinen? Erscheinung passt nur auf sinnliche Wahrnehmung, wie kommt sie also in der sinnlichen Wahrnehmung vor? Als ein Wollen, aber das Wollen ist nach dem Obigen ein Sollen, ein Fordern. Sonach müsste diese Bestimmtheit erscheinen als bestimmtes absolutes Sollen, als kategorische Forderung. 

Diese bloße Form des Wollens, diese absolute Forderung ist noch nicht das Sittengesetz. Dieses wird es erst, indem es auf einen sinnliche Willkür  bezogen wird, und davon ist hier noch nicht die Rede.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 142


Nota. - Da war ich also beim Kommentar zu meinem gestrigen Eintrag voreilig; ich hatte mal wieder nicht richtig aufgepasst. Meinen Einwänden war Fichte längst zuvorgekommen. (Man darf beim Lesen keine zu langen Pausen machen, sonst verliert man den Faden.) 

Wir sind hier noch (oder wieder) bei der intellektuellen Anschauung: Ich schaue mich an als einen Bestimmten; einen als wollend bestimmten. Ich soll mich als einen Wollenden anschauen.

So weit, so gut. Aber weder das Nichtdürfen noch (folglich) die Begierde wird mir hierdurch begreiflicher. Ganz so voreilig war ich doch nicht.
JE



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