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Freitag, 9. November 2018

Paradoxale Suche.



Was tu ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophieren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zu Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne, sondern innere Beschaffenheit – Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muss also bei einem absoluten Grunde endigen.

Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu phi- losophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, was doch nur relativ gestillt werden könnte – und darum nie aufhören würde.

Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche freie Tätigkeit in uns – das einzig mögliche Ab- solute, was uns gegeben werden kann und das wir durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebene Absolute lässt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, dass durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.

Das ließe sich ein absolutes Postulat nennen.
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Novalis, "Fichte-Studien", in Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172




Mittwoch, 31. Oktober 2018

Das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes.


Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätig- keit fielen zusammen, so etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 67  


Nota I. – Zunächst ist zu bedenken, dass für einen Christen – als solchen verstand sich Fichte – Gott nicht ge- dacht, sondern nur geglaubt werden kann. Und, zweitens, dass nicht zu verstehen wäre, wie einem solchen ungebundenen Selbstbewusstsein je ein Gegenständliches, ein Objektives erwachsen sollte und wie es folglich überhaupt zu einem Bewusstsein käme. – Kurz, dieser Satz besagt nur: Gott kann nicht Gegenstand der Philo-sophie werden.


25. 12. 15


Nota II. - Das Eine bei Plotin, Deus sive natura bei Spinoza sind solche ungebremsten Trieb-Tätigkeiten, und in beiden 'emanatistischen' Systemen bleibt ganz unklar, wie und weshalb sich irgendwann eine gegenständliche Wirklichkeit herauskristallisieren kann. Plotin redet unumwunden in Bildern und sein Urbild ist der Kreis - am Scheitelpunkt ist das Eine ausgefranst in tausend Mannigfaltigkeiten und prallt von dort aus gewissermaßen in den Einen Ursprung zurück. Das ist poetisch gedacht und will durch Schönheit überzeugen. Das kann jeder selbst entscheiden, ob ihm das gefällt.

Spinoza dagegen ist ein Rationalist, der sein System more geometrico demonstrieren will. Die Begriffe reihen sich dort stramm aneinandere wie eine Kompanie Soldaten. Bei ihm gibt es kein Zurück, bei ihm verliert sich Alles im Mannigfaltigen. Nicht nur ist das System deterministisch; es endet überdies in gleich-gültiger Ödnis.

Fichte war, bis er sich von Kant aus seinem dogmatischen Schlummer reißen ließ, ein Anhänger Spinozas gewe- sen, doch das fatalistische Dogma drückte ihn nieder. Die unendliche Agilität in Spinozas System wird ihn wohl eingenommen haben, aber sie ist bei ihm nicht Wille, der zur Gestaltung wird, sondern blinder Trieb in eine un- bestimmte Mannigfaltigkeit. 

Spinoza gibt eine Erklärung, aber die gibt keinen Sinn: Der Mensch kommt nur als passives Objekt vor; das heißt: eigentlich gar nicht. Ohne die Opposition gegen Spinoza bliebe Fichtes Werdegang unverständlich; ein "umgekehrter Spinozismus" sei die Wissenschaftslehre, sollte Jacobi später sagen. Die unendliche Agilität des reinen Wollens kann sich zum wirklichen Wollen lebendiger Individuen nur dann konkretisieren, wenn ihr ein Drang zur Wendung gegen sich selbst von Anbeginn eingepflanzt ist. Die Entzweiung von realer und idealer Tätigkeit muss als Vorstellung dem Gedanken eines Wollens-an-sich vorangegangen sein.
JE


 

Donnerstag, 13. September 2018

Fichte als Mystiker und Romantiker.

 
Die produktive Einbildungskraft erneuert nicht: Sie ist, wenigstens für das empirische Bewusstsein, völlige Schöpferin, und Schöpferin aus dem Nichts. ...

Die produktive Einbildungskraft, sage ich, schafft den Stoff der Vorstellung, sie ist die ein[z]ige Beildnerin des- sen, was in unserm empirischen Bewusstsein vorkommt, die ist Schöpferin dieses Bewusstseins. Aber die Ein- bildungskraft, auch in dieser ihrer / produktiven Macht, ist doch kein Ding an sich, sondern ein Vermögen des einzigen uns unmittelbar gegebnen Dinges an sich, des Ich. Also muss selbst ihre Schöpfermacht einen höhern Grund im Ich haben; d. h. auf eine andere und für unsere Untersuchuung bequemere Art Ausgedrückt, mag doch die produktive Einbildungskraft für das Bewusstsein Schöpferin sein, so kann sie für das Ich überhaupt nur Bildnerin sein, und das, woraus sie bildet, muss im Ich liegen. 


Und so ist es denn auch wirklich.

Im Gefühl liegt, was die Einbildungskraft bildet und dem Bewusstsein vorhält. Das Gefühl, welches ich hier nicht weiter erklärern kann noch soll, ist der Stoff alles Vorgestellten, und der Geist überhaupt oder die pro- duktive Einbildungskraft lässt sich also beschreiben als Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein zu erheben. ...

Aber unter den Gefühlen selbst ist ein großer Unterschied; einige beziehen sich auf doß animalische Leben des Menschen. Diese liegen nicht so tief und werden am leichtesten, gewissesten und notwendigsten - zwar nicht als Gefühle, davon ist hier nicht die Rede - aber als Vorstellungen zum Bewusstswein erhoben. Diesen auf die bloße Vorstellunjg einer sinnlichen, unter Naturgesetzen stehenden Welt der Erscheinungen sich beziehenden Gefühlen liegen wieder andere Gefühle zum Grunde, die sich nicht auf das bloß animalische Lebend des Men- schen, sondern auf ein vernünftiges und geistiges, nicht auf die bloße Ordnung der Erscheinungen unter Natur- gesetzen, sondern die Untedodnung derselben und aller vernünftigen Geister unter die Gesetze des sittlichen Ornung, der geistigen Harmonie, der Vereinigung aller zu einem Reiche der Wahrheit und der Tugend bezie- hen.  

Diese liegen, das ich mich so ausdrücke, um eine Region tiefer in unserm Geiste, sie liegen in einem geheimen Heiligtume; man muss erst durch die Welt der Erscheinungen hindurch, muss der Sinnlickeit erst absterben, um zu diesem höhern geistigen Leben zu gelangen. Bezeichnen und umfassen die Gefühle von der ersteren Art das Gebiet der Begriffe, so begründen die der letztern Art das Feld der Ideen und der Ideale. ...

Folgendes sind die allgemeinsten Formen der Ideen, in deren Vorstellung sich der Geist zeigt. Über die notwen- digen Formen der Körper im Raume erhebt sich der Geist zur freien Begrenzung des Urschönen, dem nichts in dieser Sinnenwelt gleicht, über den Wechsel der Empfindungen in der Zeit zur freien Begrenzung des Ergöt- zenden, wo Empfindungen Empfindungen drängen, ohne dass sie verändert scheinen; über die Begrenzung al- ler Empfindungen in Zeit und Raum sich weg zum Anstaunen es Urerhabenen, über den Wechsel seiner Über- zeugungen zum Gefühl einer ewigen Wahrheit, über allen Einfluss des Sinnlichen hinweg zur erhabenen Idee, der völlig dargestellten sittlichen Vollkommenheit, oder der Gottheit. 
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Von den Pflichten des Gelehrten, Hamburg 1971, S. 58f.; 60; 61


Nota. - So bin ich nun also endlich auf Grund gestoßen! Und zwar gleich in dreierlei Hinsicht. Zuerst einmal, was das intellektuelle Gefühl angeht. Er hat es keineswegs erst später aus dem Hut gezogen, um den 'Denk- zwang' als Gefühl der sinnlichen Erfahrung gleichrangig zur Seite stellen zu können; sondern es lag seiner Philosophie von Anbeginn zu Grunde.

Zweitens, und das ist von Allem das Wesentliche, er erklärt die Vernunft keineswegs, wie es in seinen akademi- schen Vorträgen den Anschein hat, aus dem vorwärtsgerichteten - ad quem - Trieb zum Bestimmen, sondern - a quo - als Strom aus einem Quell. Er mag immer sagen: Der Geist nimmt die Regel von innen aus sich selbst; er bedarf kei- nes Gesetzes, sondern er ist sich selbst ein Gesetz ebd. S. 64 - der Satz ist vorab kassiert durch die Prämisse Alle Vernunft- gesetze sind im Wesen unseres Geistes begründet. ebd. S. 22 

Und drittens schließlich bestimmt er als wahrer Romantiker das Wesen der Vernunft zwar nicht aus ihrem Fluchtpunkt, wohl aber aus ihrer Herkunft als ästhetisch. Da treten das Urschöne auf, das Ergötzende, das An- staunen des Erhabenen, und noch die ewige Wahrheit ist erhaben in ihrer Vollkommenheit.

*

Die Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten hat Fichte teils vor, teils am Anfang seiner akademi- schen Vorträge für die Öffentlichkeit gehalten. Die ersten fünf erschienen noch 1794 als Broschüre; den Schlussteil hat er später unter dem Titel Über Geist und Buchstab in der Philosophie für Schillers Horen umgearbeitet, wo sie allerdings nicht erschienen. Die oben zitierten Passagen sind zu Fichtes Lebzeiten nicht gedruckt worden.

In den Vorträgen werden die Grundideen der Wissenschaftslehre umrissen, aber nicht entwickelt. Es sind po- puläre und keine wissenschaftlichen Texte. Und vor allem trägt F. die Wissenschaftslehre vor, bevor er sie noch für sich selbst ausgearbeitet hat - streckenweise auf bloßen Verdacht und Vorahnung. 

Umso ungezwungener ist er in der Darstellung seines Ausgangspunkts. Und da gibt er sich als mystischer Schwärmer zu erkennen. Nicht, dass er schließlich vor Jacobi eingeknickt ist, bedarf einer Erklärung, sondern wie er es zuvor in der Transzendentalphilosophie so weit hat bringen können. Er war eben wie die andern Jenaer Romantiker auch ein ungestümer Freigeist. Das lässt ihn bis heute überdauern.
JE

Donnerstag, 30. August 2018

Wissen ist ein Zirkel.

lichtkunst.73, pixelio.de
 
Der Faden der Betrachtung wird an dem hier durchgängig als Regulativ herrschenden Grundsatze: nichts kommt dem Ich zu, als das, was es in sich setzt, fortgeführt. Wir legen das oben abgeleitete Factum zum Grunde, und sehen, wie das Ich dasselbe in sich setzen möge. 

Dieses Setzen ist gleichfalls ein Factum, und muss durch das Ich gleichfalls in sich gesetzt werden; und so be- ständig fort, bis wir bei dem höchsten theoretischen Factum ankommen; bei demjenigen, durch welches das Ich (mit Bewusstseyn) sich setzt, als bestimmt durch das Nicht-Ich. 

So endet die theoretische Wissenschaftslehre mit ihrem Grundsatze, geht in sich selbst zurück, und wird demnach durch sich selbst vollkommen beschlossen.
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Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen, SW I, S. 333.



Nota. - Zirkulär verfahren muss die Wissenschaftslehre allenthalben - denn das Wissen ist ein Zirkel. Sein gesam- ter Umkreis ist das Bewusstsein, in dem verfährt es ständig im Kreis und kommt nirgends aus ihm hinaus. "Hat" es einen Anfang? Im Kreis lässt sich keiner finden. 

Der Geometer konstruiert den Umfang des Kreises, indem er irgendeinen Mittelpunkt setzt. Einen ausgezeichne- ten Ort im Kreis, an dem er anfangen dürfte, kann der Philosoph nicht finden. Auch er muss ihn willkürlich setzen - aber doch so, dass sein Fortschreiten immer wieder nur auf ihn hin führt.

Der Ausgangspunkt ist ein schlechthin Unbestimmtes; 'bestimmt' allerdings als ein Ausgangs punkt, sonst 'gäbe es' nicht einmal eine Aufgabe. Bestimmen ist sein 'Trieb', es 'findet sich vor' in einem Unbestimmten - indem es sich ihm entgegensetzt und es 'als Raum bestimmt'. So geht es mit dem Bestimmen immer fort - ins Unendliche nämlich: ins schlechterdings Unbestimmte, das ewig zu bestimmen sein wird. Der hypothetische Ausgangspunkt, den er hinter sich gelassen hat, ist sein Ziel, das virtuell vor ihm liegt.  Er kommt von nichts zu nichts? Wenn ein Endgültiges gemeint ist, ja. Aber zwischen den äußeren Unbestimmten lagen und werden liegen unendlich viele Durchgänge, unendlich viele "vorübergehende" Bestimmungen, und die bilden uns eine Welt.

Es war durchaus kein Missverständnis, dass die Jenaer Romantiker Fichte als einen der Ihren zählten - bis zur Jahrhundertwende. Danach gingen sie unteschiedliche Wege.
JE

Montag, 20. August 2018

Das eine Grundvermögen.

Urs Flükiger, pixelio.de 

Lediglich durch den Trieb ist der Mensch ein vorstellendes Wesen. Könnten wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner Vorstellungen durch die Objekte geben, die Bilder durch die Dinge von allen Seiten her auf ihn zuströmen lassen, so bedürfte es doch immer der Selbsttätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszu- bilden zu einer Vorstellung. ... Es bedarf dieser Selbsttätigkeit, um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichts- punkten zu ordnen: ... um sie wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden. ...  

Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntnis ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der Kürze willen den Erkenntnistrieb nennen können, gleichsam, als ob er ein besonde- rer Grundtrieb wäre - welches er doch nicht ist; sondern er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen dü rfen, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen unteilbaren Grundkraft im Menschen... 
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Über Geist und Buchstab in der Philosophie. in: SW VII, S. 278


Nota. - Der Text wurde zwar erst 1796 gedruckt, ghet aber zurück auf die öffentlichen Vorträge, die Fichte noch vor Beginn seiner akademischen Vorlesungen im Frühjahr 1794 gehalten hatte. Unter Trieb versteht er die Gesamtheit der produktiven Vermögen des Menschen, die er als schlechthin tätig auffasst. Die Differenzierun- gen der menschlichen Tätigkeiten ja nach ihrem Gegenstand machen glauben, es handle sich um ebensoviele verschiedene Vermögen, die erst durch ihre Vereinigung im Gesamtorganismus zusammengführt werden. Dem setzt Fichte die Vorstellung entgegen, das Vermögen des Menschen sei all das, was er kann. Unterscheidungen sind lediglich nachträgliche Reflexionsprodukte. Merke: Die kritische Philosophie ist überall auf Jagd nach den Überresten des Ansich, und wo sie die findet, merzt sie sie aus.
JE


Samstag, 23. Juni 2018

An der Grenze des Bewusstseins.


 
Von diesem Zustand wollen wir übergehen zur Beschränktheit, jetzt kann das Ich nicht handeln, seine praktische Tätigkeit ist angehalten. Nun ist der Charakter des Ich, dass es sich idealiter setze oder anschaue; dies ist erst jetzt möglich, denn jetzt ist etwas Gehaltenes da. Es muss ein Bewusstsein des Triebes oder der Beschränktheit notwendig geben. Aus dem Triebe folgt Bewusstsein.

Wenn das Ich lauter Tätigkeit wäre und keine Beschränkung in ihm vorkäme, so könnte es sich nicht seiner Tätigkeit bewusst werden. Es kann im Ich nichts vorkommen ohne Bewusstsein, nun kommt hier der Trieb vor, folglich muss Bewusstsein desselben dasein.

Anmerkung: A) Hier teilen sich ideale und reale Tätigkeit, und die oben beschriebene Entgegensetzung beider wird möglich. Wir stehen an der Grenze des Bewusstseins, weil wir den Ursprung alles Bewusstseins sehen.

B) Ideale Tätigkeit ist nur eine gebundene; ihr unmittelbares Objekt ist die praktische [Tätigkeit], ihre Gebunden-heit hängt von der praktischen ab, diese muss ursprünglich ein Streben sein, und dies ist der Ursprung des Be-wusstseins.
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Wissenschaftslehre nova methodo, S. 67


Nota. - Stieße die Tätigkeit auf keinen Widerstand, gäbe es kein Gefühl. Gäbe es kein Gefühl, gäbe es kein Anschauen; gäbe es kein Rückwirken eines X auf sich 'selbst'. Dieses aber gibt es - das ist die faktische Aus- gangslage, sie soll erklärt werden. 

Die Tätigkeit gibt es, sie geht auf ein Reales, sie ist reale Tätigkeit. Aber da sie hernach "anschauend" auf das Gefühl des X zurückgeht, ist sie offenbar nicht nur real. Den anschauenden Teil (Quantum) der Tätigkeit nennt er darum ideal. 'Nun ist der Charakter des Ich...': Das ist keine dogmatisch behauptete Voraussetzung, sondern es ist erschlossen aus der Tat sache der Anschauung. Verstanden werden kann das, was wirklich geschehen ist, nur durch die Annahme eines Ich, dessen Tätigkeit als teilbar gedacht wird.

Es ist auch dies nur wieder eine Variation zum Thema Subjektobjekt.








Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE  

Sonntag, 17. Juni 2018

Im Gefühl ist das Ich gebunden; in der Anschauung ist es einerseits gebunden, andererseits frei.



§ 7

Mit dem Gefühle ist eine Anschauung notwendig verbunden, denn das Gefühl ist Begrenztheit; aber eine Be- grenztheit ist nichts ohne Gegensatz der Tätigkeit; aber dasjenige im Ich, was notwendige Tätigkeit bleibt, ist sein ideales Vermögen. Der Vereinigungspunkt des Gefühls und der Anschauung ist der, dass das Ich sich, in- dem es in realer Rücksicht sich begrenzt fühlt, sich in idealer anschauend fühlt. 

In wiefern die Anschauung auf die Begrenztheit geht - welche Begrenztheit dadurch, dass die Anschauung auf sie geht, bloßes Objekt ohne alle Beziehung auf ein Subjekt wird -. wird sie gefühlt als gebunden in der Darstel- lung des Objekts; aber ein solches Gefühl ist nicht möglich ohne ein entgegengesetztes der Freiheit. Die An- schauung wird sonach auch in anderer Rücksicht als frei gefühlt und ist in sofern Anschauung des Ideals.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 87
 



Nota I. - Das 'Wesen' des Ich ist Tätigkeit, Wollen, Streben, Trieb - nämlich Einbildungskraft; aber dies alles ge- dacht als an-sich-seiend. Real wird es im Moment, da es auf einen Widerstand stößt, es 'reißt sich zusammen' zum reellen Einbilden eines Objekts - "Darstellung", sagt F. an dieser Stelle; eine hilfreiche Erläuterung. (Aus dem Kreis des 'bloßen Vorstellens' treten wir nirgends heraus.)

25. 9. 16

Nota II. - Dies als vorweggenommene Erläuterung zum gestrigen Eintrag.
JE 





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Donnerstag, 19. April 2018

Wer sich einmal auf die Kritik eingelassen hat, muss Alles selber aus nichts hervorbringen.


So ist es, ich weiss es unmittelbar. Aber ich habe mit der Speculation mich einmal eingelassen; die Zweifel, welche sie in mir erregt hat, werden insgeheim fortdauern, und mich beunruhigen. Nachdem ich nun in diese Lage mich gesetzt habe, kann ich keine vollkommene Befriedigung erhalten, ehe nicht alles, was ich annehme, selbst vor dem Richterstuhle der Speculation gerechtfertigt ist. Ich habe mich sonach zu fragen: wie wird es so? Woher entsteht jene Stimme in meinem Innern, welche mich aus der Vorstellung herausweist?
 

Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängiger Selbstthätigkeit. Nichts ist mir unausstehlicher, als nur an einem anderen, für ein anderes, und durch ein anderes zu seyn: ich will für und durch mich selbst etwas seyn und werden. Diesen Trieb fühle ich, sowie ich nur mich selbst wahrnehme; er ist unzertrennlich vereinigt mit dem Bewusstseyn meiner selbst.
 

Ich mache mir das Gefühl desselben durch das Denken deutlich, und setze gleichsam dem an sich blinden Triebe Augen ein, durch den Begriff. Ich soll, zufolge dieses Triebes, / als ein schlechthin selbstständiges Wesen handeln; so fasse und übersetze ich jenen Trieb. Ich soll selbstständig seyn. – 

Wer bin Ich? Subject und Object in Einem, das allgegenwärtig Bewusstseyende und Bewusste, Anschauende und Angeschaute, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich durch mich selbst seyn, was ich bin, schlechthin durch mich selbst Begriffe entwerfen, schlechthin durch mich selbst einen ausser dem Begriffe liegenden Zustand hervorbringen. Aber wie ist das letztere möglich? Schlechthin an Nichts kann ich kein Seyn anknüpfen; aus Nichts wird nimmer Etwas; mein objectives Denken ist nothwendig vermittelnd. Ein Seyn aber, das an ein anderes Seyn angeknüpft wird, wird eben dadurch durch dieses andere Seyn begründet, und ist kein erstes ursprüngliches und die Reihe anhebendes, sondern ein abgeleitetes Seyn. Anknüpfen muss ich; an ein Seyn kann ich nicht anknüpfen.
 

Nun aber ist mein Denken und Entwerfen eines Zweckbegriffes seiner Natur nach absolut frei – und etwas aus dem Nichts hervorbringend. An ein solches Denken müsste ich mein Handeln anknüpfen, wenn es als frei und als schlechthin aus mir selbst hervorgehend soll betrachtet werden können.
_________________________________________________________

Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 249f.








 


Nota.
Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es lediglich bearbeitet. Sollten Sie der Eigentümer sein und seine Verwendung an dieser Stelle missbilligen, melden Sie sich bitte über dieses Blog. JE

Dienstag, 17. April 2018

Gewiss wahr.


So ist es, ich weiss es unmittelbar. Aber ich habe mit der Speculation mich einmal eingelassen; die Zweifel, welche sie in mir erregt hat, werden insgeheim fortdauern, und mich beunruhigen. Nachdem ich nun in diese Lage mich gesetzt habe, kann ich keine vollkommene Befriedigung erhalten, ehe nicht alles, was ich annehme, selbst vor dem Richterstuhle der Speculation gerechtfertigt ist. Ich habe mich sonach zu fragen: wie wird es so? Woher entsteht jene Stimme in meinem Innern, welche mich aus der Vorstellung herausweist?
 

Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängiger Selbstthätigkeit. Nichts ist mir unausstehlicher, als nur an einem anderen, für ein anderes, und durch ein anderes zu seyn: ich will für und durch mich selbst etwas seyn und werden. Diesen Trieb fühle ich, sowie ich nur mich selbst wahrnehme; er ist unzertrennlich vereinigt mit dem Bewusstseyn meiner selbst.
 

Ich mache mir das Gefühl desselben durch das Denken deutlich, und setze gleichsam dem an sich blinden Triebe Augen ein, durch den Begriff. Ich soll, zufolge dieses Triebes, / als ein schlechthin selbstständiges Wesen handeln; so fasse und übersetze ich jenen Trieb. Ich soll selbstständig seyn. – 

Wer bin Ich? Subject und Object in Einem, das allgegenwärtig Bewusstseyende und Bewusste, Anschauende und Angeschaute, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich durch mich selbst seyn, was ich bin, schlechthin durch mich selbst Begriffe entwerfen, schlechthin durch mich selbst einen ausser dem Begriffe liegenden Zustand hervorbringen. Aber wie ist das letztere möglich? Schlechthin an Nichts kann ich kein Seyn anknüpfen; aus Nichts wird nimmer Etwas; mein objectives Denken ist nothwendig vermittelnd. Ein Seyn aber, das an ein anderes Seyn angeknüpft wird, wird eben dadurch durch dieses andere Seyn begründet, und ist kein erstes ursprüngliches und die Reihe anhebendes, sondern ein abgeleitetes Seyn. Anknüpfen muss ich; an ein Seyn kann ich nicht anknüpfen.
 

Nun aber ist mein Denken und Entwerfen eines Zweckbegriffes seiner Natur nach absolut frei – und etwas aus dem Nichts hervorbringend. An ein solches Denken müsste ich mein Handeln anknüpfen, wenn es als frei und als schlechthin aus mir selbst hervorgehend soll betrachtet werden können.
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Die Bestimmung des Menschen,  SW II, S. 249f.








 


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Sonntag, 15. April 2018

Der Gegenstand der Wissenschaftslehre und ihre zwei Gänge.

Idrac, Merkur

Der unmittelbare Gegenstand der Wissenschaftslehre ist das gemeine Bewusstsein. Sie hat ihn nicht gewählt, er ist ihr als solcher gegeben.

Er ist gegeben als ein System von Begriffen. Als ein solches ist es Vernunft. Es ist eine Welt von Vorstellungen, die durch ihre Fassung in Begriffe mitteilbar ist, und allen Teilnehmern des Verunftverkehrs ist anzumuten, sie mit allen andern zu teilen. Die Teilnahme am Vernunftverkehr macht die Vernünftigkeit der Individuen aus; was anders als das Teilen von Vorstellungen könnte sinnvoller Weise Vernunft genannt werden? Dass sie es können, wissen wir, weil sie es tun.

Das ist die Gegebenheit.

Um zu verstehen, was sie ist, muss verstanden werden, woher sie kam – wie sie sich woraus entwickelt hat. Es gilt, die Entwicklung der Vorstellungen nach-zu-vollziehen, die von der Gemeinschaft der vernünftigen Wesen zu einem Begriffssystem gefasst wurden.

Nicht werden – etwa durch eidetische Reduktion – am Grunde der Begriffe die 'Wesen' geschaut, die in ihnen gefasst wurden. Vorstellungen sind nicht an-sich da. Sie können nur das Produkt einer Tätigkeit sein – des Vorstellens: Einer stellt vor. Die Rekonstruktion ist eine genetische Konstruktion von einem ersten Akt aus – dem ersten Vorstellen. 

Ich stelle vor.

Darin ist ein Etwas enthalten, das vorgestellt wird, und ein Jemand, der vorstellt. Woher das Etwas, woher der Jemand? Sie können dem ersten Akt nicht vorausgesetzt werden, denn dann wäre er kein erster Akt. Etwas und Jemand müssen aus und in diesem Akt selbst entstehen.

'Das Ich setzt sich, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt.'

Wo findet der Akt statt?

Diesen Ort wollen wir Einbildungskraft nennen; ein ursprünglich produktives Vermögen, das angenommen werden muss, wenn erklärt werden soll, was zu erklären ist – das Bewusstsein.

Woher stammt die? 

Trieb. 

Woher dieser? 

Wollen.

Bis hierher führt der analytische Vor-Gang der Wissenschaftslehre. Weiter muss sie nicht führen. Es ist das wirkliche Bewusstsein wirklicher Menschen, das erklärt werden soll. Wo das alles sich abspielt, gehört zu den Gegebenheiten. Es ist ein animal. Wie aus den organischen Trieben eines Angehörigen der Familie Homo ein freies Wollen werden konnte, muss nicht mehr die Wissenschaftslehre erklären. Es wäre Sache der – so oder so zu bestimmenden – Anthropologie. Der Wissenschaftslehre reicht es zu zeigen, dass es geschehen sein muss, und wo. 

An der Stelle beginnt nun der synthetische Gang der Wissenschaftslehre. 

Wollen und Vorstellen bilden eine Art Doppelhelix. Eins kann nicht ohne das andre. Der Kern der neueren Dialektik ist dies. Das Wollen ist in diesem Wechselspiel das gewissermaßen Reale, das Vorstellen ist sein ideales Gegenstück. Was das eine wirklich tut, 'stellt' das andere 'sich vor': Schaut es an. Im Anschauen erblickt es nicht nur das Getane, Produkt, sondern im Anschauen des Tuns erblickt es zugleich den Tuenden, Tätigen; "Ich".

*

Diese beiden Gänge reproduziert die Wissenschaftslehre auf Schritt und Tritt in ihrem reell-ideellen Fortgang: Das hat das Ich getan. - Was hat es getan, indem es...? - Das konnte es nur, wenn und sofern... 

30. 5. 15



Samstag, 14. April 2018

Die Intelligenz hat kein Sein.

aus dem Internet

Der Idealismus erklärt [...] die Bestimmungen des Bewusstseyns aus dem Handeln der Intelligenz. Diese ist ihm nur thätig und absolut, nicht leidend; das letzte nicht, weil sie seinem Postulate zufolge erstes und höchstes ist, dem nichts vorhergeht, aus welchem ein Leiden desselben sich erklären liesse. 

Es kommt aus dem gleichen Grunde ihr auch kein eigentliches Seyn, kein Bestehen zu, weil dies das Resultat einer Wechselwirkung ist, und nichts da ist, noch angenommen wird, womit die Intelligenz in Wechselwirkung gesetzt werden könnte. Die Intelligenz ist dem Idealismus ein Thun, und absolut nichts weiter; nicht einmal ein Thätiges soll man sie nennen, weil durch diesen Ausdruck auf etwas bestehendes gedeutet wird, welchem die Thätigkeit beiwohne.
_________________________________________
Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre, SW I, S. 440
  



Nota. - Intelligenz ist Tätigkeit, Wollen, Trieb, Einbildungskraft, und teilt mit ihnen diese ihre einzige Bestimmt- heit: Sie 'ist' nur noumenal; man nimmt sie an, um das wirkliche Vorstellen erklären zu können. Sie ist der Sinn, den man vorne hineintut, um ihn hinten herauszufinden. Die Frage ist, ob er das aushält. Man muss es eben versuchen.
JE
 



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Montag, 9. April 2018

Trieb ist schlechthin praktisch.

Rainer Sturm, pixelio.de
 
Dieser Trieb äußert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von dieser schließen wir auf die Ursache im selbtsttätigen Subjekt zurück, und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Dasein jenes Triebes, als zur Erkenntnis seiner Gesetze.

Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf bloße Erkenntnis des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung und Ausbildung desselben, wie es sein sollte, ausgeht, und praktisch heißt; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller Trieb praktisch, da er zur Selbsttätigkeit treibt, und in die- sem Sinne gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in ihm ist, außer durch Selbst- tätigkeit: - oder, inwiefern er ausgeht auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloß um der Vorstellung willen, keineswegs aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch nur um der Erkenntnis dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so bezeich- nen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat, und ihn den ästhetischen Trieb nennen.
___________________________________________________________________ 
Über Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. in: SW VII, S. 279


Nota. - Oder anders: Das praktische Vermögen der Menschen nennt er Trieb. Es ist der Trieb, das Unbestimmte bestimmen zu wollen. Er ist insofern der Grund von allen Bestimmungen, die im vernünftigen Bewusstsein vor- kommen können. - Den Trieb nun, der auf etwas außer ihm geht um des Etwas selber, nicht aber um des Men- schen willen - den nennt er ästhetisch. Man könnte meinen, er sei in einem reineren Sinne praktisch als der, der am Ende doch nur auf sein eignes Interesse zielt.
JE



 

Donnerstag, 5. April 2018

Des Menschen Naturtrieb.

Jacob Jordaens, Der Bohnenkönig

Es findet sich in uns ein Trieb nach Naturdingen, um dieselben mit unserer Natur in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen; ein Trieb, der keinen Zweck außer sich selbst hat, und der darauf ausgeht, sich zu befriedigen, lediglich damit er befriedigt sei. Befriedigung um der Befriedigung willen nennt man bloßen Genuss.
______________________________________________________
Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 128f.


Nota. - Das ist merkwürdig; nicht, dass er kein Darwinist ist und an einen Selbsterhaltungstrieb nicht denkt. Sondern dass er den 'Naturtrieb' des Menschen als 'Genuss' und ästhetisch auffasst. Als Schopenhauer bei ihm in der Vorlesung saß, mag ihn ebendies zu seinem heiligen Eifer gegen den "Willen" inspiriert haben, denn den Genuss hat er vor allen andern Dingen sexuell verstanden; so wie sein verspäteter Epigon Freud.

Leben ist Stoffwechsel und Fortpflanzung. Nicht: Erst war 'das Leben', dann hat ihm 'die Natur' Selbst- und Arterhaltung als Programm eingepflanzt. Sondern es entwickeln sich nur solche Lebensformen, die der Auslese gewachsen sind. Die Natur ist kein positives, sondern ein kritisches, ein Selektionsprinzip. Unter konstanten Bedingungen würde jede Lebensform bleiben, wie sie ist. Die Natur ist lediglich ein Ensemble von Bedingun- gen; Wasser, Licht und Kohlenstoff gehören dazu.

Wir sehen bei F. stattdessen das Bemühen, das Menschliche positiv und stetig aus 'der Natur' herauswachsen zu lassen, so als wolle auch er ihr keine "Sprünge" zumuten. Doch welchen gedanklichen Vorteil brächte das? Die Tathandlung, durch die ein  Ich sich als solches setzt (und das empirische Subjekt aus seinen Naturgrenzen heraustritt), wäre kein wirklicher Anfang mehr, kein spontaner Akt 'aus Freiheit', sondern wäre als 'Trieb' irgendwie in der Naturgeschichte des Menschen materiell vorbereitet und müsste eigentlich nur in seiner Richtung verändert werden. Als begönne im Menschen die unbewusste Vernunft der Natur, zu Bewusstsein zu kommen. 

Auch in seiner kritisch-transzendentalen Zeit hat Fichte einigen dogmatischen Bodensatz mit sich geschleppt...
JE, 28. 11. 14



 

Samstag, 31. März 2018

Seine Sinnlichkeit ist dem Ich vorausgesetzt.


Eine freie Handlung ist nur möglich nach einem frei entworfenen Begriff von ihr, sonach müsste die freie Intelligenz vor aller Handlung vorher eine Kenntnis von den Handlungsmöglichkeiten haben, eine solche Kenntnis lässt sich nur dadurch erklären, dass dem Ich vor aller Handlung ein Trieb beiwohne, in welchem eben darum, weil er nur / Trieb ist, die innere Tätigkeit desselben beschränkt sei. 

Da dem Ich nichts zukommt, als was es sich nicht setze, so muss es diese Beschränkung setzen, und so etwas nennt man ein Gefühl. Da durch die Freiheit gewählt werden soll, muss es ein Mannigfaltiges von Gefühlen geben...
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982,
S. 71f.
















Freitag, 23. März 2018

Zweck-überhaupt.


Wollen-überhaupt ist das Noumenon, das nötig wurde, um das Tätigwerden des Ich zu verstehen (=einen Sinn dar-in 'wahr'-zu-nehmen). Wollen in specie bedarf indessen eines – je besonderen – Zweckbegriffs. Ausgangspunkt ist immer: dass die Menschen tatsächlich tätig werden, nämlich hier, wo von ihren Vorstellungen die Rede ist, im Denken. Begriffe von den Dingen werden möglich durch Absichten mit den Dingen.

Dem steht gegenüber der Begriff des Zwecks-überhaupt. Zunächst eine summative Abstraktion: der Inbegriff aller möglichen Zwecke. Als solcher ist auch er: Noumenon. Real kann ich mir darunter nichts vorstellen. Er ist rein ideal. Brauche ich ihn, um mir unter den je konkreten Zwecken etwas vorzustellen? Nein. Sie sind real, er nicht. 

Wollen-überhaupt gibt dem tatsächlichen Wollen der historischen Individuen einen Sinn: 'Ich' bin a priori um-zu. (Menschsein ist schlechthin intentional, würde der Adept einer andern Schule sagen.) Um das wirkliche Wollen historischer Individuen zu verstehen, ist das jedoch nicht nötig: Dass und was sie wollen, ist zu allererst bedingt und bestimmt durch ihre – durch das Gefühl vermittelte – physische Organisation; "Naturbedürfnis", essen, trin-ken und dies und das. Das bedarf keiner Erklärung und keines Verständnisses.

Einer Erklärung und eines Verständnisses bedürfte das historische Faktum, dass sich die Menschen, wohin man in ihrer Geschichte auch blickt, damit nie beschieden haben; bedürfte einer realwissenschaftlichen Erklärung. Transzendentalphilosophisch ist es durch den Begriff des Reinen Wollens mit-gesetzt. Es begründet ein unend- liches Streben, das Fichte an anderer Stelle Trieb nennt. Bedingt ist es rückwärts: durch die Tatsache der Tätigkeit, sie soll es erklären; es ist Noumen, es kann und muss seinerseits nicht gerechtfertigt werden. 

Namentlich nicht durch einen Zweck-überhaupt. Der ist, anders als das Reine Wollen, kein Begriff, sondern eine bloße Idee, und als solche kann sie nichts begründen, sondern allenfalls praktisch rechtfertigen. Das liegt dann aber schon jenseits der Transzendentalphilosophie.

19. 10. 15




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