Samstag, 17. Mai 2014

Der ästhetische Weg zur Vernunft.


Millet, Frühling

Selbst die Erkenntnis wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck außer ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl, als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner niederen, auf die Erhaltung und das äußere Wohlsein des animalischen Lebens gehenden Äußerung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch der Erkenntnistrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienst sich zu einer selbständigen Subsistenz auszubilden. 

Mit der Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechts gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter unaufhörlicher Besorgnis der Nachteile in der Ausübung, die uns die unrichtige Ansicht derselben zuziehen möchte; mit Hastigkeit eilen wir fort von dieser erstürmten Erkenntnis zur Bearbeitung der Dinge, und hüten uns sehr, einen Augenblick bei de Erwerbung des Mittels zu verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zwecks anwenden könnten. 

Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äußeren Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen, und er Krieg von außen muss erst beschwichtigt und beigelegt sein, ehe dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfnis und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser mäßigen und liberalen Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. ... 

Daher sind die Zeitalter und Länderstriche der Knechtschaft zugleich die der Geschmacklosigkeit; und wenn es von der einen Seite nicht ratsam ist, die Menschen frei zu lassen, ehe / ihr ästhetischer Sinn entwickelt ist, so ist es von der anderen Seite unmöglich, diesen zu entwickeln, ehe sie frei sind, und die Idee, durch die ästhetische Erziehung die Menschen zur Würdigkeit der Freiheit, und mit ihr zur Freiheit selbst zu erheben, führt uns im Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein Mittel finden, in Einzelnen von der großen Masse den Mut zu erwecken, Niemandes Herren und Niemandes Knecht zu sein. 


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Über Geist und Buchstab in der Philosophie [1794], SW VIII S. 286f.






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