Sonntag, 18. Mai 2014

...entwickelt sich unser ästhetischer Sinn.


Chardin

Aber gerade der Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser Leben anfangen müssen, eröffnet uns, wie oben gesagt worden ist, den einzig möglichen Übergang zum geistigen Leben. 

Sowie jene dringende Not gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb gierig zusammenzuraffen, um ihn gleich wieder für den notwendigen Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntnis um der Erkenntnis willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm, dabei zu verweilen; wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. 

Es bemächtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschätze zu sammeln, bloß um sie zu haben, und uns an ihrem Anblick zu ergötzen, gesetzt auch, wir bedürften ihrer nicht zum Leben, oder sie wären nicht mit dem Stempel ausgeprägt, der allein Kurs hat; wir wagen es, bei unserem Reichtume gleichgültiger gegen den möglichen Verlust, etwas anzulegen an Versuche, die uns misslingen können. Wir haben den ersten Schritt getan, uns von der Tierheit in uns zu trennen. Es entsteht Liberalität der Gesinnungen, - die erste Stufe der Humanität.

Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände, indes unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich ohne alles unser Zutun unser ästhetischer Sinn an dem Leitfaden der Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere los, und geht seinen Gang unabhängig und ungeleitet von der Wirklichkeit.

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Über Geist und Buchstab in der Philosophie [1794], SW VIII
S. 288f.


Nota.

Es ist, als nähme er eine Naturgeschichte der Vernunft an: Mit der Überwindung der ärgsten Notdurft wird der aus dem Kampg mit den Notwendigkeiten entstandene Geist freigesetzt für gelassenes Schweifen in absichts- loser Betrachtung. Und schließlich reisst sich der ästhetische Sinn von der Wirklichkeit ganz los und... Und erfindet, sollte man fortfahren, was nicht ist, aber sein könnte, und entdeckt, was sein sollte. - So fährt er freilich nicht fort, später heißt es vielmehr, "aus nichts wird nichts", und eine Selbsterzeugung der Vernunft aus vernunftlosen Voraussetzungen lehnt er ausdrücklich ab. Aber in seinen frühen Jahren hat er der Vorstellung von einem Übergang, wie man sieht, nahegestanden. Und ist später doch vom Wege abgekommen.
JE   



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