Samstag, 31. Mai 2014

Glauben durch Abstraktion.


Pirtek

Das gewöhnlichste und in den menschlichen Denkgesetzen seinen guten Grund habende Aufsteigen durch Abstraktion zu der einzigen Formel, in deren Besitz man nur durch Vollendung der Abstraktion kommt, ist dieses.

Die Willensbestimmung ist stets das Gegenwärtige, und sie ist unsre Sache. Es wird für die Möglichkeit ihrer selbst etwas vorausgesetzt, es wird in ihr etwas postuliert: Es wird mit ihr zugleich notwendig gedacht etwas schon geschehnes Vergangnes, und etwas erfolgen werdendes Zukünftiges.

Es wird in ihr vorausgesetzt: Nicht, daß ich überhaupt Pflicht habe und nach ihr meinen Willen bestimmen soll, denn dies ist das Resultat der Vernunft an sich, der reinen Vernunft, sondern daß auch nun gerade dieses Bestimmte meine Pflicht ist, ist Resultat meiner Lage in der gesamten Vernunftwelt. Wäre ich überhaupt nicht da oder wäre ich – welches der Strenge nach freilich nichts gesagt ist – ein anderer, oder wäre eine andere Gemein[d]e vernünftiger Wesen, so träte eine solche Pflicht gar nicht ein; ebenso wie eine gewisse Bestimmung der Natur nicht ein-/träte, wenn nicht dieses Individuum auch so da wäre. Ich soll schlechthin nach Maßgabe meines Gewissens in dieser Lage handeln. Ich kann es nicht, ohne anzunehmen, daß gerade diese Lage auf den Vernunftzweck berechnet [und] Resultat ist jenes Prinzips. Die dem freien Handeln <jedes Individuums> vorauszusetzende Vernunftwelt ist geordnet, hervorgebracht durch jenes Prinzip: populär, sie ist erschaffen, erhalten, regiert durch dasselbe.

Es wird in derselben etwas Zukünftiges postuliert. – Kausalität unsrer Willensbestimmung für Beförderung des Vernunftzwecks; Erhaltung und gleichmäßig fortgesetzte Entwicklung aller vernünftigen Individuen, stete Fortschreitung aller zum Endzwecke der Vernunft. – Erhaltung, ewige Fortdauer, Regierung der Schicksale endlicher Wesen zu ihrer Beseeligung, d. h. zu ihrer Befreiung durch reine Moralität. 

/ Man sieht, daß hier nur Akte, nur Begebenheiten, nur etwas Fortfließendes, kein Sein und Bestehen gedacht wird, ein Schaffen, Erhalten, Regieren, keineswegs ein Schöpfer, Erhalter, Regierer. Kurz, es ist so: es läßt sich darauf mit der vollsten Sicherheit rechnen; auf diesem Punkte steht die Überzeugung, und aus ihm herauszugehen ist, um der Sicherheit und Gewißheit willen, nicht der mindeste Grund.

Das Glaubensbekenntnis heißt nun: Ich und alle vernünftigen Wesen und unsre Verhältnisse zu einander, in wiefern wir uns unterscheiden, und so weit nur erhebt sich der gemeine Verstand, sind durch ein freies, intelligentes Prinzip erschaffen, werden durch dasselbe erhalten, [und] wenn wir tun, was uns zukommt, um zu unsrem Endzwecke zu gelangen, geschieht durch jenes Prinzip alles übrige, was von uns nicht abhängt. Ohne allen Zweifel. Ohne unser weiteres Zutun. 

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Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S.167ff.]


 

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